Britische Inspiration

Mit der Devise „mehr Sein als Schein“ haben die Entwickler von Great River Electronics ein völlig eigenständiges Prachtstück gebaut, das sich an der Equalizer-Sektion des legendären 1081-Moduls von Neve orientiert.

Von Michael Nötges

Klang und Fertigungsqualität werden beim Equipment-Hersteller Great River Electronics groß geschrieben. Das bewies bereits der Mikrofon-Vorverstärker ME-1NV (Test 9/2007) sehr eindrucksvoll. Wie unschwer an der Produktbezeichnung zu erkennen ist, stammt der Equalizer EQ-2NV aus der gleichen Serie. Bei der Entwicklung hat sich Dan Kennedy, seines Zeichens Chefentwickler und Mitbegründer der Edelmanufaktur, an der Equalizer-Sektion des legendären Vorverstärker-Moduls 1081 von Neve orientiert. Dieses erblickte Anfang der 1970er-Jahre in Paris das gedimmte Studiolicht. Der Auftraggeber war damals Decca Frankreich, für deren Studio Neve die A599-Costum-Konsole als Vorläufer der 8038 und 8048 anfertigte. Bis heute verleiht das 1081-Modul unzähligen Aufnahmen seinen einzigartigen Klang und ist auch nach über 20 Jahren als Stereo-Rack-Variante Bestandteil der Classic-Serie von AMS-Neve. Sicher ein guter Grund, sich die Equalizer-Sektion als Vorbild eigener Entwicklungen zu nehmen. Unter der Leitung von Dan Kennedy ist mit dem EQ-2NV allerdings nicht nur eine einfache Kopie der 1081 Equalizer-Sektion entstanden, sondern eine durchdachte Weiterentwicklung, die sich zwar an den Vorzügen der britischen Legende orientiert, gleichzeitig aber zeitgemäße technische Entwicklungen und deren Vorzüge mit einbezieht.

So verarbeitet der EQ-2NV Audiosignale ausschließlich analog, kontrolliert aber alle Parameter digital. Trotz intensiver Recherche inklusive Kontaktaufnahme zum Entwickler, ließ sich das digitale Geheimnis des EQ-2NV nicht lüften. „Die Signalverarbeitung ist ausschließlich analog“, versichert uns Uwe Kirchfeld vom deutschen Vertrieb S.E.A., der um die Verschwiegenheit des amerikanischen Herstellers weiß. Es handelt sich beim EQ-2NV um einen klassischen, zweikanaligen parametrischen Equalizer mit insgesamt fünf Bändern: Hochpassfilter, Bässe, untere Mitten, obere Mitten und Höhen. Er ist mit sehr aufwändig diskret aufgebauten unsymmetrischen Verstärkerstufen ausgestattet, die durch ihr besonderes Schaltungskonzept einen angenehm klingenden Klirrfaktor hervorrufen sollen – ähnlich einer Trioden-Schaltung. Die anschließende Symmetrierung erledigen Ausgangsübertrager, zur Filterung dienen aufwändige L/C-Schwingkreise [[g]]. Dieser Aufbau aus Kondensatoren und Spulen birgt gegenüber Schaltungen mit Widerständen den Vorteil, sehr einfach selbst große Dynamik-Umfänge verarbeiten zu können und dabei kaum Rauschen zu verursachen. Diese Konstruktionsweise ist aufgrund der meist handgefertigten Spulen allerdings aufwändig und teuer, zeigt aber, dass die Entwickler bei Great River keinen Aufwand scheuen, um ihre hochgesteckten klanglichen Zielen zu erreichen. Die Investitionssumme für den Edel-Equalizer beträgt stattliche 3.400 Euro. Das symmetrische Frontplatten-Design des EQ-2NV ist im kontrastreichen Schwarz-Weiß gehalten und garantiert auch unter schlechten Lichtbedingungen gute Lesbarkeit der Beschriftungen. Um eine möglichst gute Ergonomie auf lediglich einer Höheneinheit zu erreichen, sind die griffigen Metall-Drehregler versetzt – sozusagen auf Lücke – untergebracht. Es gibt allerdings weder farbliche Abgrenzungen noch Größenunterschiede, um unterschiedliche Funktionalitäten intuitiv begreifbar zu machen – alle Drehregler sind absolut identisch. Damit sind anfängliche Verwechslungen vorprogrammiert, bis man sich an das Design gewöhnt hat. Die Frequenzwahl-Regler rasten auf fixen Positionen sauber ein, die gefühlvolle Amplitudenänderung gelingt über leicht gängige Potentiometer, deren weiße Positionsmarkierung genaue Einstellungen ermöglicht. Bei den etwas fummeligen Tast-Schaltern vermissen wir eine klare haptische Rückmeldung über die Aktivierung der jeweiligen Funktion. Die optische Rückkopplung über die LEDs ist zwar grundsätzlich sehr hilfreich, benötigt aber die volle Aufmerksamkeit, beziehungsweise einen Kontrollblick, um im Ernstfall auf Nummer sicher zu gehen. Die Anschlüsse befinden sich auf der Rückseite: Stabil verschraubte und Vertrauen erweckende XLR-Buchsen von Neutrik für die trafosymmetrierten Ein- und Ausgänge teilen sich den Platz mit einem unsymmetrischen Zusatzausgang pro Kanal, der per Klinkenbuchse den Consumer-Pegel (-10 dBv) zur Verfügung stellt.

Zwei zusätzliche Patch-Anschlüsse ermöglichen es, Ein- und Ausgangsübertrager des Equalizers zu umgehen und den EQ-2NV in den Signalweg eines Mikrofon-Vorverstärkers der Great River NV-Serie einzuschleifen. Das Signal durchläuft dann die erste Verstärker-Stufe des Pre-Amps, gelangt über die Patch-Verbindung an den Equalizer und wird schließlich wieder vor der Ausgangsstufe des Mikrofonvorverstärkers zurückgeführt. Die beiden Pegelanzeigen für Ein- und Ausgang, sowie die dazugehörigen Regler bleiben voll funktionstüchtig, der Equalizer damit perfekt integriert. Jeder Kanal verfügt über einen Eingangsauswahlschalter. Diese regelt in fünf Stufen die Eingangsempfindlichkeit (+8 bis -20 dBu) und aktiviert mit der MPI-Position den Patch-Weg. In diesem Fall ist der Line-Eingang inaktiv. Sechs feste Positionen bestimmen die Einsatzfrequenz des Trittschallfilters (18 Dezibel pro Oktave) zwischen 17 und 270 Hertz. Wie bei allen anderen Frequenzwahl-Reglern auch ist der jeweilige Filter abgeschaltet, wenn der Regler auf Off steht (Linksanschlag). Die Filtercharakteristik für das Bass- und Höhen-Band lässt sich über je einen Button von peak auf shelf ändern. Eine grüne LED informiert über die getroffene Wahl. Die positive wie negative Amplitudenänderung beträgt wie auch bei den beiden Mittenbändern 15 Dezibel. Stehen für die Bässe sechs fixe Frequenzen zwischen 22 und 470 Hertz zur Auswahl, deckt das Höhenfilter in sieben Schritten den Bereich zwischen 2,2 und 18 Kilohertz ab. Anders als bei den Randbändern entscheidet ein Tast-Schalter bei den beiden Mittenbänder, welcher Q-Faktor (wide, medium und narrow) verwendet wird. Es handelt sich aber immer um einen Glockenfilter. Der Tast-Schalter zappt dabei durch die unterschiedlichen fixen Güte-Einstellungen, die jeweilige Auswahl bestätigt eine der drei grünen Kontroll-LEDs. Gleichzeitig dienen diese Anzeigen aber auch der Kontrolle, ob ein Filter aktiv ist oder nicht, da sie erlöschen, sobald ein Frequenzwahl-Regler die Off-Position einnimmt. Die einzelnen Bänder überlappen sich weit. Dadurch ist auch sehr extremen Einstellungen für extravagentes Sound-Design, der Weg geebnet. Addition und Subtraktion der Amplitudenänderung benachbarter Bänder machen mitunter wilde Manipulationen möglich (siehe Kurve). Außerdem decken die Filter alle Frequenzen zwischen 17 Hertz und 18 Kilohertz ab und reichen damit sogar bis über die Grenzen des hörbaren Bereichs hinaus. Das lässt sehr nuancierte und filigrane Klangänderungen zu. Beide Kanäle verfügen zum A/B-Vergleich über einen Hardwire-Bypass, der das Eingangssignal direkt an den Ausgang weiterreicht und damit die Schaltkreise aus dem Signalweg entfernt. Einen allgemeinen Bypass für den Stereobetrieb gibt es nicht. Gespannt schauen wir auf die Ergebnisse aus dem Messlabor und finden sehr gute Werte vor. Geräusch- und Fremdspannungsabstand betragen ausgezeichnete 93,9 und 90,8 Dezibel und sind damit noch besser als die des Passeq von SPL (Test 8/2006). Das äußerst geringe Übersprechen von Kanal eins auf Kanal zwei bestätigt einmal mehr eine saubere Konstruktion und die besondere Expertise der Entwickler, da die Werte über den gesamten Frequenzbereich unter -100 Dezibel bleiben. Gleiches gilt für den neutralen Frequenzgang, der auch bei aktivierten Filtern, natürlich auf Nullstellung, kein Dezibel von seinem Kurs abweicht. Der Klirr liegt oberhalb von 60 Hertz weit unter 0,003 Prozent und steigt darunter bis auf immer noch sehr gute 0,018 Prozent bei 20 Hertz an (siehe Kurve). Zum Vergleich: der Klirr des Passeq liegt in diesem Bereich zwischen 0,006 und 0,1 Prozent. Das zeigt: die Entwickler bei Great River haben ganze Arbeit geleistet und einen Equalizer nach allen Regeln der Ingenieurskunst konstruiert.

Nach den überaus erfreulichen Nachrichten aus dem Messlabor, steigt die Spannung bei den Vorbereitungen zur ausführlichen Abhörsession noch einmal an: Schnell ist der EQ-2NV als externer Effekt in Cubase 4 eingeschleift und bald ertönen unterschiedliche Audiosignale aus den ADAM S3A-Monitoren – gewandelt durch keinen Geringeren als den Aurora 8 von Lynx. Zunächst deaktivieren wir alle Filter und schalten auf der Suche nach dem Grundsound des EQ-2NV zwischen Hardwire-Bypass, aktiven Zustand und original Signal hin und her. Der EQ-2NV bewirkt zunächst keinerlei hörbare Veränderungen. Erst als wir die Eingangsempfindlichkeit erhöhen, ändert sich nicht nur der Pegel, sondern das Klangbild gewinnt etwas an Größe und erscheint edler und erhabener. Der Unterschied ist allerdings sehr gering und es bedarf langwieriger Vergleiche mit unterschiedlichem Programmmaterial, um ihm auf die Schliche zu kommen. Doch schließlich steht fest: der EQ-2NV ist ein zurückhaltender Klangveredler, der es versteht, sich sehr dezent im Hintergrund zu halten und trotzdem seinen Job zu machen. Den erledigt er mit Bravour. Für die Bearbeitung einer Akustikgitarrenaufnahme in stereo entpuppt er sich als wirkungsvolle Waffe gegenüber tieffrequenten Störgeräuschen und trotzt gelassen der Tatsache, dass viele Musiker immer mit dem Fuß aufstampfen müssen. Des Weiteren zeigt sich am anderen Ende des Frequenzbereichs – genauer gesagt bei 18 Kilohertz – dass die leichte Anhebung der Höhen dem Signal wesentlich mehr Durchsetzungskraft im Mix verleiht. Nach kurzen sweepen durch die Mittenfrequenzen mit schmalem Q-Faktor und Pegelanhebung gelingt es, die charakteristische Klangfarbe des Instruments ausfindig zu machen. Ein Doppelklick auf den Güte-Button genügt, um einen kleinen Q-Faktor auszuwählen. Jetzt muss nur noch der Amplitudenänderungs-Regler langsam entgegen des Uhrzeigesinns gedreht werden, bis das gewünschte Klangergebnis steht. Die mangelnde Übersichtlichkeit der unterschiedlichen Bedienelemente gebietet Konzentration, um auch wirklich immer den richtigen Drehregler zu verstellen. Noch schwieriger wird es, wenn beide Kanäle exakt gleich eingestellt sein sollen, da es für einen solchen Fall keine Link-Funktion gibt. Für die Filterung einer Gesangsaufnahme beschränken wir uns auf den ersten Kanal. Wir arbeiten die Bedienelemente von links nach rechts durch, beginnend mit dem Eingangspegel-Regler. Den Bassbereich lassen wir unberührt und kitzeln mit Hilfe der Mittenband-Filter das Timbre des Sängers heraus. Auch hier zeigt sich, dass eine leichte Anhebung der Höhen – diesmal bei 15 Kilohertz – die Präsenz angenehm erhöht. Auf einen Schlagzeug-Track angewendet reizen wir die geballte Filterkraft des EQ-2NV aus und bringen den Equalizer bewusst in Grenzsituationen. Gelassen verbiegt er den Frequenzgang nach allen Regeln der Kunst. Bestimmte Frequenzbereiche lassen sich komfortabel eingrenzen und mal geschmackvoll, mal extrem verstärken oder dämpfen. Wir stürzen uns auf die etwas zurückhaltende Hi-Hat und geben ihr im Zusammenklang einen ganz neuen Stellenwert. Gleichzeitig kann die Bassdrum etwas mehr Bauch vertragen. Last, not least kreieren wir eine bissige Snare, indem wir die charakteristische Mittenfrequenz mit schmaler Güte exakt anfahren und dann bis kurz vor die Schmerzgrenze anheben. Durch ständige A/B-Vergleiche kontrollieren wir unsere Arbeit und freuen uns letztendlich über den ganz neuen Drumsound.

Fazit

Ob Live oder im Studio, der EQ-2NV ist mit allen Wassern gewaschen. Sein etwas unübersichtliches und bescheidenes Äußeres ändert nichts an der Tatsache, dass er mit einem neutralen, großen Klang, exakt wirkenden Filtern und edelsten Bauteilen bestückt ist. Die Entwickler haben ganze Arbeit geleistet und einen zweikanaligen Equalizer an den Start gebracht, der messtechnisch seinesgleichen sucht. Da wundert es auch nicht, dass dieses digital kontrollierte, aber ansonsten analoge Prachtstück rund 3.400 Euro kostet.

Erschienen in Ausgabe 11/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 3426 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: gut

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