FM SYNTHESE NEU AUFGELEGT

KORG verspricht mit dem opsix einen Synthesizer mit leicht bedienbarer FM-Synthese. Es soll beim opsix „anders“ und „leichter“ als bei der als komplex verschrienen FM-Klangerzeugung anderer Synths zugehen. Durch ein neues Bedienkonzept sind wichtige Parameter sofort erreichbar, mit neuen Syntheseoptionen wird das klassische Konzept erweitert. Unser Autor und Synthesizer-Enthusiast Heiner Kruse hat den kleinen und klein geschriebenen KORG opsix unter die Lupe genommen.

VON HEINER KRUSE

Ich habe lange keinen KORG Synth getestet, obwohl von den Japanern zuletzt sehr viel und hoch gelobtes Neues kam. Dazu gehören, neben opsix und den digitalen Geschwistern wie Wavestate und Modwave, die großen Keyboards der Nautilus-Serie sowie analoge Synths wie miniKORG700FS, Prologue und ARP2600.

Ohne den Namen von Yamahas DX7 FM-Synth zu nennen, erklärt die KORG Webseite, dass mit opsix nach dem Wavestate mit seinem Wavesequencing „ein weiteres Klassiker-Konzept überzeugend neu umgesetzt wurde“. Der DX7 ist gemeint, denn opsix kann aufgrund einer ähnlichen Struktur tatsächlich unter bestimmten Voraussetzungen Sounds dieser Synth-Legende laden. Opsix, Wavestate und der neue Modwave ähneln sich dabei von der Hardware her und diese Geräte werden auf der KORG Webseite als „Digitale Synthesizer“ eingeordnet. Das opsix-Gehäuse ist leicht und aus Plastik, rechts mit geriffelten Verzierungen, die man auch bei den anderen Synths dieser Serie erkennen kann. Verbaut ist ein 37-Tasten-Keyboard ohne Aftertouch.

FM-Synthese bedeutet, dass Klangerzeuger, die dann oft „Operatoren“ und nicht „Oszillatoren“ heißen, nicht nur Klang erzeugen, sondern (sich auch gegenseitig) modulieren können. Dabei kommen oft unvorhergesehene Ergebnisse heraus, insbesondere wenn man die Frequenzverhältnisse und Modulations-Intensitätsverläufe gekonnt editiert oder komplexe Matrixverschaltungen baut, die „Algorithmen“ genannt werden. So etwas können DX7 und opsix, wobei „einfachere“ FM-Synthese mit zwei „Operatoren“ auch in vielen anderen Synths zu finden ist und auch richtig nach „FM“ (Abkürzung für Frequency Modulation) klingen kann. Aus 40 Algorithmen kann man im opsix wählen, die vom User definiert werden können.

Im Gegensatz zum DX7 gibt es im opsix für die Operatoren verschiedene Wellenformen und Betriebsmodi, Effekte, Step Sequencer und Arpeggiator. Wenn man bei KORG davon spricht, dass es beim opsix „anders“ als bei bisheriger FM-Synthese sei, muss man das dennoch ein wenig relativieren, denn nach dem DX7 erschienen noch einige, wenngleich nicht viele FM-Synth-Konzepte. So erweitert NIs FM8 Software-Synth das DX7-Konzept um Wellenformen, Filter, Morph Mode, Macros im Easy Mode für leichtere Bedienung und einen Arp. Allerdings nur als Software. Zudem schuf Yamaha den SY77 (ebenfalls mit mehr Wellenformen und Filter) und später den FS1R, einen hochkomplexen FM-Synth, der zusätzlich Formant-Synthese und vier layerbare Parts mit eigenen Effekten bot. Auch Software Synths wie LinPlugs Octopus oder Ableton Lives Operator sind als Glanzleistungen zu nennen, die FM-Synthese als Klangerzeugung neu und hell erstrahlen ließen.

Je nach Algorithmus können Operatoren Carrier- oder Modulator-Funktionen übernehmen, im opsix wird dies auch farblich dargestellt.

Beginn und erstes Editing rechts

Die Bedienung beginnt großartig: Sound Presets (hier: Programs genannt) können beim Durchscrollen direkt vorgehört werden. Zudem gibt es einen „Shift + Initialize“-Button, um Sounddesign schnell mit einem resetteten Synth zu beginnen. Rechts ist ein Display mit sechs Endlos-Encodern zu finden, die mit den im Display angezeigten Parametern korrespondieren. Durch Drücken auf den Algo-Button gelangt man in die Page zum Auswählen eines Algorithmus, die Page zeigt außerdem Attack/Decay und drei Effekteinstellungen an. Das Display erinnert ein wenig an Elektron-Geräte: Zusätzlich zu den Parametern werden die Encoder und deren Stellung als runder Knopf visualisiert. Darunter liegen die Hauptmenüs/Buttons namens Operators: Mode, Pitch und Level, und Processors: Mod, Filter und Effect. Eine zweite Reihe von Menüs ist via Shift erreichbar (Arp, Seq, Voice, V.Patch, Misc und Global).

Was grade editiert wird, zeigt das Display an. Mit dem Page-Schalter bewegt man sich durch verschiedene Menüs, wo man noch zwischen Pages blättern kann. Da ist doch mehr zu editieren, als man auf den ersten Blick sieht.

Im Display werden Einstellungen und Knopfstellungen angezeigt, man kann und muss zudem durch verschiedene Pages navigieren.

Gewöhnungsbedürftig war, dass der Program-Endlosencoder stets ein neues Program aufruft und nicht, je nach Menü, andere Editierfunktionen annimmt. Während beim Auslösen der Initialize- und Randomize-Optionen stets Nachfragen kommen, sorgt eine Bewegung des Program-Reglers für das sofortige Aufrufen eines neuen Sounds in den Zwischenspeicher. Das löscht aber den bisherigen Sound und auch ungespeicherte Edits nicht. Bricht man den Ladevorgang ab, gelangt man zum zuletzt editierten Sound zurück.

Im Handbuch und der Librarian Software sind die Programme kategorisiert, am opsix ist davon erst mal nichts zu sehen. Dafür gibt es unten sogenannte „Favorites“ (Programs), die in vier Bänken mit 16 Slots über die 16 Buttons unten gespeichert und aufgerufen werden können. Diese 16 Buttons werden auch zum Step Programming des Sequencers genutzt. Je nach gewählter Bank leuchten sie in matt blau, rosa, gelb oder grün. Eine kleine Lightshow gibt es damit bereits beim Einschalten. Bis der opsix betriebsbereit ist, dauert es immerhin 13 Sekunden.

Gerifelte Seitenelemente sind charakteristisch für die Serie der „Digitalen Synthesizer“ bei KORG.

Durch die 250 Programs lässt sich schnell scrollen. Klanglich hauen mich die ersten Sounds allerdings nicht so vom Hocker, es sind typische, aber nicht unbedingt überzeugend neuartige FM-Sounds. Bei den ersten Program Slots sind durchaus einige überzeugende FM E-Pianos dabei, aber das war zu erwarten und gehört gewissermaßen zum Pflichtprogramm. Beeindruckender fand ich es gegen Ende der Patch-Liste, wo Drumsounds und -kits zu finden sind. Da man leicht mit den Bedienelementen am Sound herumschrauben kann, kommt man hier schnell zu individuell modifizierten und ausdrucksstark spielbaren perkussiven Sounds.

Links: Fader und Drehknöpfe
Auf der linken Seite ist der Operatoren-Mixer mit Fadern und Drehreglern. Hier stellt man Operator-Lautstärken (mit Fadern) und -Tuning (mit Drehreglern) ein. Tuning bedeutet zunächst: grade Relationen der Frequenzen (z.B ½, 2x, 4x) zur gespielten Note, wobei man mit Encoder E noch Finetuning vornehmen kann. Alternativ, wie bei FM üblich, kann man auf fixes Frequenztuning (ohne Einfluss der gespielten Tonhöhe) umstellen. Auch schön: Der Tuning-Bereich ist farbig umleuchtet, wobei Lila für Carrier und Rosa für Modulator steht. So kann man auch ohne lästiges Nachschauen in Menüs sehen, welcher Operator grade welche Funktion hat.

Das Display beherrscht auch die Modi „Spectrum Analyzer“ und „Oscilloscope“.

Mehr Editing-Details
Via Shift kann man mit den Drehknöpfen (oder im Operators: Mode-Menü) für jeden Operator einzeln den Modus ändern. Modi heißen: FM, Ring Mod, Filter, Filter FM und Wave Folder. Über die „OP Select“-Buttons schaltet man um welchen Operator man gerade editiert, eine kleine LED zeigt es an. Das ist einerseits cool, andererseits wäre hier und da auch mal ein Macro-Regler praktisch, um mehrere Slots gleichzeitig zu editieren, denn so muss man sich beim Sound Editing mitunter durch viele Menüs arbeiten. Hantiert man dagegen am Filter, betrifft dies alle Operatoren.

Im V.Patch-Menü können zwölf virtuelle Modulationen programmiert werden. Dort stehen übrigens auch Parameter wie Aftertouch und Poly Aftertouch als optionale Quellen zur Verfügung. Schließlich kann opsix ja auch extern angesteuert werden.

Filter und FX
Im opsix sind Filtertypen mit unterschiedlichem Klangcharakter zu finden, etwa MS20- oder Polysix-Filter, in diversen Ausführungen (HP, LP etc.). Das MS20-Filter verzerrt schön. Es kommt sicher nicht an das Original heran, doch es klingt wirklich deutlich anders als die Polysix-Variante. HP, BP und LP Filter sind auch mit verschiedenen Flankensteilheiten dabei, auch Band Reject fehlt nicht.

An Effekten gibt es drei simultan verfügbare Slots, wo aus 30 Effekten ausgewählt werden kann. Die Palette ist breit und reicht vom Guitar Amp über einen Master Limiter bis zu Tape Echo, Shimmer- und Spring-Reverb.

Anschlüsse hinten: Gute Standardausstattung mit MIDI I/O, USB, Stereo Out und Damper.

Sequencer, Arp und Sonstiges
Der opsix verfügt über einen 16 Step Sequencer mit 16 Buttons und einen Arpeggiator. Der Sequencer hat dedizierte Buttons wie Play und Rec. Jeder Step kann sechs Noten gleichzeitig spielen. Auch Strumming- und Versatz-Effekte sind möglich. Wie bei anderen KORG Synths kann man via „Motion Sequencer“ sechs Werteverläufe aufzeichnen. Das funktioniert, indem man bei laufendem Sequencer auf die Rec-Taste drückt und Parameterbewegungen aufzeichnet. In einem Unterbereich des Sequencer-Menüs (erreichbar via Shift) namens SEQ UTIL (Sequencer Utility) Menü können diese spurweise gelöscht werden. Dort stehen weitere Utilities etwa zum Kopieren von Steps zur Verfügung, die über die Ausstattung typischer integrierter Sequencer hinausgehen, für deren korrekte Nutzung ein Griff zum Handbuch aber zumindest anfangs unumgänglich erscheint.

Ist „Play“ aktiv, spielt beim Durchhören der Programs eine zugehörige Sequenz automatisch. Hält man diese an, klang im Test mit dem internen Keyboard gespieltes oft langweiliger als in der Sequenz, weil diese bereits programmierte Modulation innehatte. Dass dem Keyboard Aftertouch fehlt, macht sich schmerzlich bemerkbar. Stattdessen sind in einigen Sounds, wie etwa den ansonsten schönen „Sun Baked Strings“ oder „Hold for Glitches“, später im Soundverlauf einsetzende Phänomene programmiert (z.B. Vibrato oder Glitches), die ich gern wieder losgeworden wäre. Das ist nicht unbedingt eine Verbesserung. Das Gute beim Aftertouch ist ja, dass man im richtigen Moment zusätzliche Bewegung im Sound mit liegenden Händen durch Drücken erzeugen kann. Mit opsix kann man zwar mit Hilfe der vielen Knöpfe und Slider Bewegung ins Spiel bringen, aber dafür bräuchte man „live“ eine oft nicht verfügbare freie Hand. Im Studio kann dabei die DAW oder der interne Sequencer helfen.

Opsix ist zudem mit einem kleinen Spectrum Analyzer und Oscilloscope ausgestattet. Hier können alternativ verschiedene Frequenzbereiche oder die sich verändernde Obertonstrukturen angezeigt werden.

Mit dem Randomize Button kann auch schnell ein zufälliger Sound erstellt werden. In einem Dialog erscheint dabei ein Menü mit Optionen, was genau randomisiert werden soll.

Algorithmusanzeige im opsix.

Das Update 1.03 fügt die Unterstützung eines USB Network Control Models hinzu, das laut KORG benötigt wird, um mit MacOS Big Sur arbeiten zu können. Ganz einfach war es auf einem Mac mit neuerem System (Catalina) nicht, die Verbindung mit dem opsix herzustellen, bei der Nutzung von noch neueren Systemen wird empfohlen den Synth erst zu updaten, bevor man versucht, eine Verbindung herzustellen.

Sounds können zudem mit einer Librarian Software verwaltet werden. Diese ist einfach und übersichtlich gestaltet und erlaubt neben dem Transfer von Sounds mit dem opsix auch deren Speicherung als Library auf dem Rechner. Zudem erscheinen hier die „Favorites“ grafisch prominent und man versteht als Anfänger besser, dass es sie in vier Bänken gibt.

Die „Favorites“ verweisen übrigens auf eine Preset-Nummer, was bedeutet, dass sich auch der Inhalt des Favorites-Bereichs bei Preset Edits verändert. Auch das ist im Librarian besonders gut zu erkennen.

Die Importoption für DX7-Dateien via SysEx ist aufgrund der Vielzahl existierender DX7-Sounds attraktiv. Das Manual weist allerdings darauf hin, dass „die Paramater des opsix und DX7 unterschiedlich konfiguriert sind, sodass die Konvertierung nicht perfekt ist und manche Sounds ziemlich anders klingen als auf dem DX7.“ Zudem müssen die an opsix gesendeten SysEX-Nachrichten eine komplette Bank mit 32 Sounds enthalten. Das habe ich nicht ausprobiert, verweise aber darauf, dass auch NIs FM8 und die Freeware „Dexed“ von „Suburban Digital“ DX7-Sounds importieren können. Über die Authentizität derart importierter Klänge hatte ich schon öfter Diskussionen mit DX7-Fans, auch bei Youtube sind Videos dazu zu finden. Der opsix klingt grundsätzlich, ähnlich FM8, eher sauber und digital, „Dexed“ kann hingegen etwas schmutziger um die Ecke kommen, was oft näher am DX7 ist. Doch wie positiv oder negativ sich das auf einzelne Soundpresets auswirkt, ist nochmal eine andere Frage.

Im Lieferumfang des opsix sind zudem mehrere Software-Titel wie die Mastering Software „Ozone Elements“ von iZotope, die Piano-Lernsoftware „Skoove“, die DAW „Reason Lite“ sowie unterschiedliche Software-Instrumente von KORG.

Effektauswahl im opsix, es gibt drei FX Slots.

Praxis
FM als Soundsynthesekonzept hat mich meist mehr vom Klang als von der Bedienung her fasziniert. In opsix hat man bislang ungekannt unmittelbaren Zugriff auf die Klangparameter. Gepaart mit der Randomize-Option, den Algorithmen und mitgelieferten Templates bietet der opsix dem Sounddesigner ein mächtiges Werkzeug, um schnell eigene Klänge zu erschaffen. Durch das „Hands On“-Konzept kann man auch schnell gut klingende Zufälle erzwingen. Von der Übersichtlichkeit her, zum Beispiel um kontrolliert zu editieren, finde ich den opsix einer Software wie FM8 hingegen unterlegen. Auch bezüglich der Presets, die zwar eine breite Palette bieten, aber keine neue Dimension von Komplexität, wie mitunter beim Yamaha FS1R oder dem FM8 beim Morphen zwischen vier Sounds. Allerdings muss gesagt werden, dass eine Bank mit Presets nicht unbedingt genug über das tatsächliche Klangpotenzial aussagt. Aber so richtig umgehauen haben mich auch Ergebnisse nach Edits noch nicht. Der Klang ist digital (was nicht schlecht sein muss) aber manchmal etwas dünn. Wobei ich noch nicht für mich reklamieren kann, in so einem Test alles herausgeholt zu haben, was opsix kann. FM-Synthese ist nicht zuletzt für variantenreiche Drumsounds interessant, hier bringt opsix einiges mit. Am meisten Spaß machte mir die Arbeit, wenn ich nicht versucht habe alles zu verstehen, sondern nach „Sweet Spots“ suchte, bestimmte Reglerstellungen und kleine Änderungen nach denen es besonders gut klang.

Fazit

Der opsix macht komplexe FM-Synthese sehr greifbar, verpasst es aber auch ein wenig größere Schritte zu gehen. In den Operatoren die Modi ändern zu können erweitert das Klangpotenzial, gleichwohl hätten Macro-Konzepte, komplexere Layering- / Morphing-Optionen oder Effekte auf Operator-Ebene vielleicht mehr bieten können, wenn es um das Erreichen neuer Dimensionen geht. Man bekommt mit dem opsix und den Presets recht vertraute Soundvarianten von FM-Synthese in sehr gut editierbarer Form. Wer spontan schrauben will, kommt dabei leicht zu neuen Ergebnissen. Aftertouch für die interne Tastatur wegzulassen war keine so gute Idee. Wettmachen kann dies am ehesten der Step Sequencer mit seinem Motion Sequencer, der erlaubt bis zu sechs Parameterbewegungen aufzuzeichnen. Dennoch ist der opsix ein sehr attraktives Paket in dieser Preisklasse. Mit einer etwas „nerdigen“ Bedienerführung im traditionellen KORG-Stil bleiben sich die Japaner – KORG-Fans wird es begeistern – auf jeden Fall treu, was im Übrigen auch für Farben und Design gilt. Abgerundet wird das Gesamtpaket durch ein solides Software Library Tool.

 

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