Vierte Dimension

Guitar Rig, Native Instruments beliebte Gitarren-Amp-Simulation, liegt in der vierten Version vor und soll dank diverser Neuerungen absolut recording- und mixtaugliche Profi-Gitarrensounds bieten.  

Von Harald Wittig

Als im Herbst 2009 bekannt wurde, dass Native Instruments eine neue Version von Guitar Rig präsentieren wird, waren die ersten Reaktionen überzeugter Anwender zwiespältig: Während die eine Fraktion schnellstmöglich die ersten Demoversionen ausprobierte und von Guitar Rig 3 auf Version 4, sinnigerweise mit dem Zusatz „Pro“ versehen, upgradeten, fragten sich die Fans der bereits sehr überzeugende Guitar Rig 3-Software (siehe Test in Ausgabe 12/2007), ob sich das Upgrade wirklich lohnt. Anders ausgedrückt: Können die Berliner ihr Guitar Rig 3 vor allem in klanglicher Hinsicht übertreffen? Diese Frage haben sich die Professional audio-Redakteure, die Guitar Rig 3 oft und gerne für eigene Projekte einsetzen, selbstverständlich auch gestellt. Für den Test haben wir ganz bewusst auf das Public Beta Updates gewartet, denn die aktuelle Version bietet noch mehr Komponenten als die Erstveröffentlichung zu einem äußerst attraktiven Preis.
Guitar Rig 4 ist nämlich deutlich günstiger zu haben ist als die dritte Auflage: die Vollversion des reinen Softwarepakets, Guitar Rig 4 Pro genannt, gibt es bereits für 179 Euro und damit 120 Euro günstiger als Guitar Rig 3. Zusammen mit der maßgeschneiderten Controller-Audio-Interface-Kombination Rig Kontrol nennt sich das Paket Guitar Rig Kontrol und schlägt mit 399 Euro zu Buche, was den Gitarristen-Geldbeutel im Vergleich zur Vorversion um immerhin 100 Euro entlastet. Wer jetzt allerdings meint, dass die Berliner allenfalls kosmetische Verbesserungen und mehr Bedienkomfort zu bieten haben, darf – soviel sei schon verraten – sich positiv überraschen lassen. Tatsächlich punktet Guitar Rig 4 dank neuer Komponenten  nämlich vor allem klanglich.

Guitar Rig 4 Pro läuft sowohl auf dem Mac ab Mac OS X 10.5 als auch auf dem PC mit den Betriebssystemen Windows XP Service Pack 2, Vista und Windows 7 (siehe hierzu im Detail die Tabelle auf Seite 36). Die Software lässt sich wie gehabt sowohl Stand-alone als auch als Plug-in betreiben, unterstützt werden die Schnittstellen VST, Audio Units, RTAS. Erstmals in der Guitar Rig-Geschichte findet sich die Software auf einer DVD. Der Grund: Native Instruments hat sich nicht lumpen lassen und  gleich noch den aktuellen Kore Player und das Kore Soundpack Pop Drums beigepackt. Somit ist nach der im Vergleich zu früher zwangsläufig langwierigeren Installation alles für eigene Arrangements/Projekte in der klassischen Rock-Band-Besetzung, bestehend aus Gitarre(n), Bass und Schlagzeug, dabei. Alle Software-Komponenten bedürfen zur vollständigen Nutzung der Registrierung, was über das Registrierungs-Programm, das sogenannte Service Center, zumindest bei aktiver Internet-Verbindung ein Kinderspiel ist. Sonstige Kopierschutzmaßnahmen wie iLock-Keys oder USB-Dongels sind nicht verlangt, Guitar Rig 4 Pro lässt sich zudem ohne Weiteres auf mehreren Rechnern installieren und betreiben. Insoweit kann die Software sowohl auf dem stationären Studio-Rechner oder – beispielsweise für den Live-Einsatz – einem Notebook betrieben werden.
Die Treiber für die verschiedenen Audio-Interfaces wie das handtellergroße Session I/O, das winzige Mobile I/O und selbstverständlich die Controller-/Audio-Interface-Kombination Rig Kontrol finden sich ebenfalls auf der DVD. Die Rig  Kontrol wurde nicht überarbeitet und entspricht der Ausführung, die bereits von Guitar Rig 3 bekannt ist. Wie das auf Seite 34 abgedruckte FFT-Spektrum und die weiteren Messwerte (siehe Tabelle) beweisen, überzeugt die Rig Kontrol mit sehr sauberer Signalverarbeitung, für den Klang ist allein die Guitar Rig-Software zuständig.
Die grundsolide Rig Kontrol bedarf keines Netzteils und erhält die Stromversorgung über die USB 2.0-Schnittstelle, Dank guter, also schneller ASIO-Treiber lässt sich auch auf eher schwachbrüstigen, älteren  Rechnern mit Pentium IV-Prozessor und 512 MB-Arbeitsspeicher arbeiten. Allerdings muss dann im Stand-alone-Betrieb die Einstellung der niedrigsten Abtastrate von 44,1 Kilohertz eingestellt sein, außerdem sollte die Software nicht im hochauflösenden „HiQ“-Modus betrieben werden: Die Latenzen sind sonst definitiv zu hoch und nicht live-tauglich. Auf zeitgemäßen Rechner-Boliden mit Dual-Core-Prozessor und mindestens einem, besser zwei Gigabyte Arbeitsspeicher gibt es keine Probleme  – auch bei hohen Abtastraten und im hochauflösenden Software-Modus. Gleichwohl stellt Guitar Rig 4 Pro höhere Ansprüche an die Rechnerleistung als noch die Vorversion, erweist sich jedoch deutlich genügsamer als beispielsweise Amplitube Fender (Test in Ausgabe 5/2009). Mit der überaus ressourcenschonenden Gitarren-Software Overloud TH1 kann Guitar Rig 4 indes nicht konkurrieren.

Gehen wir nun in Medias Res und sehen uns die Software, genauer die brandneuen Komponenten an:
Seit November 2009 gibt es, wie bereits erwähnt, ein offizielles Beat-Update für Guitar Rig 4 Pro, das den Amp-Fuhrpark um ein neues Modell erweitert: Es nennt sich Cool Plex und stellt eine spezielle Ausführung des seit der allerersten Guitar Rig-Version bekannten Plex dar, für den der legendäre Marshall-Amp JTM 45, auch als „Plexi“ bekannt, Modell stand. Der Cool Plex stellt eine cleanere Ausführung des Plex dar und ist in erster Linie für Vintage-orientierte Klarklänge, wo es schon leicht zerren darf, gedacht. Wer es heißer möchte, greift stattdessen zum ebenfalls neuen Hot Plex, der über eine zusätzliche virtuelle Vorstufenröhre verfügt und somit eine aufgemotzte JTM 45-Version mit deutlich mehr Gain darstellt. Für klassische Zerrsounds von Clapton bis Randy Rhoads eine gute Wahl, allerdings empfiehlt sich für Hard Rock-/Metal-Sounds das Vorschalten eines Verzerrers, beispielsweise die Modelle „Distortion“, „Demon Distortion“ oder „Trans Amp“. Ansonsten lassen sich Cool Plex und Hot Plex erfreulich dynamisch spielen, denn der Verzerrungsgrad lässt sich sowohl über den Anschlag als auch über den Lautstärkeregler der Gitarre gut steuern. Auf unserer Website, www.professional-audio.de, finden Sie mit den Soundfiles 1 und 2 zwei Klangbeispiele mit den Clean-Sounds der neuen Plex-Amps. 
Der dritte Amp-Neuzugang ist der Jump: Dabei handelt es sich um eine neue Variante eines weiteren Marshall-Klassikers, des JCM 800, den Guitar Rig-Fans bisher in Gestalt des  Lead 800 kennen. Der Jump – wer denkt hier nicht an Van Halen? – hat weniger Gain als der zudem bissigere Lead 800 und liefert runde, angezerrte Cleansounds und ein gutes Hard Rock-Brett. Mit Soundfile 3 hören Sie den Cleansound des Jump, der definitiv kein Amp für zeitgenössische High Gain-Metaller ist. Die sollten entweder zum Mesa Rectifier-Klon Instant Gratifier oder noch besser zum genial emulierten Bogner Uberschall, der den Namen Ultrasonic trägt, greifen. Der Ultrasonic feierte seinen triumphalen Einzug in Guitar Rig mit der Version 3 und ist nach wie vor ein Hauptargument für die Vollversion. Native Instruments hat außerdem, im Gegensatz zu anderen Herstellern wie Line 6, auch den Clean-Kanal des Uberschall emuliert, der ausgesprochen runde, vollmundige Clean-Sounds liefert, die sogar aufgeschlossenen Jazzern gefallen dürften.
Einen großen Einfluss auf den Klang hat das grundlegend überarbeitet Matched Cabinet-Modul. Seine Premiere feierte dieses Modul in Guitar Rig 3 und sämtlichen abgespeckten Versionen einschließlich der Basisausführung LE. Klickt der Benutzer doppelt auf einen Verstärker oder zieht ihn ins Rig-Fenster, ist dem Verstärker automatisch die passende Box mit zwei emulierten Abnahme-Mikrofonen zugeordnet. In der Version 4 basieren Box- und Mikrofon-Emulationen erstmals auf Faltung, was einen hörbaren klanglichen Zugewinn bedeutet. Insgesamt sind die Sounds jetzt sehr viel direkter und setzen sich damit im Mix deutlich besser durch. Gleichzeitig haben es die Entwickler geschafft, die Latenzen Musiker-freundlich gering zu halten. Damit Sie selbst den Unterschied hören können, haben wir mit den  Soundfiles 4 und 5 zwei Vergleichfiles, einmal mit Guitar Rig 3, einmal mit der neuen Version, erstellt. Wir haben jeweils dasselbe Guitar Rig 3-Preset ausgewählt und trotz gleicher Komponenten und Einstellungen klingen beide  Klangbeispiele höchst unterschiedlich. Während der Guitar Rig 3-Sound distanzierter und reichlich basslastig tönt, ist das Guitar Rig 4-Klangbeispiel direkter, hat mehr Schlagkraft und ist durchsetzungsfähiger.

Apropos Durchsetzungsfähigkeit: Das – auch nach Meinung der Entwickler – wichtigste neue Modul nennt sich Control Room und hat es in sich. Es handelt sich hierbei um einen virtuellen Regieraum mit Mischpult, an dem die Signale von insgesamt acht Mikrofonen, die ihrerseits den Klang von sechs verschiedenen Boxen einfangen, anliegen. Dabei haben die Berliner mit Deutschlands Studio-Gitarristen schlechthin, Peter Weihe, zusammen gearbeitet. Florian Grote von Native Instruments erklärt: „Für den Control Room stand das Setup im Studio von Peter Weihe Pate. Der große Vorteil seines Recording-Setups ist, dass er alle Mikrofone in unglaublich akribischer Kleinarbeit so positioniert hat, dass sie vor ein und derselben Box gleichzeitig nutzbar sind. Ohne diesen Aufwand gäbe es enorme Probleme mit Phasenauslöschungen, außer man positioniert eben jedes Mikrofon in Relation zu allen anderen Mikrofonen  millimetergenau.“ Dieses Setup haben die Entwickler vor Ort in Weihes Studio benutzt, um durch die Amps von Guitar Rig und dann Weihes Recording-Setup Impulsantworten aufzunehmen. Danach wurden diese Impulsantworten in eine komplett neue, latenzfreie Faltungs-Engine eingebaut, als Endresultat kam das Control Room-Modul heraus. Die Presets des neuen Moduls hat Peter Weihe selbst geschrieben und jedem Guitar Rig 4-Interessierten sei nachhaltig empfohlen, diese in Ruhe auszutesten. Tatsächlich sind diese Custom-Einstellungen sehr gut in der Praxis verwendbar, denn sie setzen sich in einem Mix sehr viel besser durch. Das sei, so Florian Grote, „ein deutlicher Unterschied zu Version 3“ und bringe Guitar Rig einen wirklichen Sprung nach vorne.
Die jeweiligen Klangeigenschaften der nachgebildeten Mikrofone sind sehr gut und wirklichkeitsnah getroffen. Neben unvermeidbaren Klassikern wie dem omnipräsenten Shure SM57 gehören auch die Bändchen-Mikrofone R-121 von Royer Labs und M160 von Beyerdynamic sowie verschiedene Neumänner, unter anderem die Modelle U47 und U67 zum erlauchten Kreis. Für zusätzliche Farben sorgen auch die Klänge von Weihes Edel-Preamps, die gleich mitgesampelt wurden. Eigene Experimente an der virtuellen Konsole lohnen sich, denn die Klangunterschiede sind teilweise sehr groß. Was der Control Room zu leisten vermag, haben wir anhand der Soundfiles 6 und 7 eingefangen. Sie hören mit Soundfile 6 zunächst das Original-Arrangement, wobei die beiden solierenden E-Gitarren mit einem real existierenden Röhren-Amp, einem Engl Fireball in Kombination mit dem SPL Transducer eingespielt sind. Der üppige Sendhall kommt beides Mal vom Sonar-Faltungshall-Plug-in Perfect Space. Bei Soundfile 7 ist jeweils Guitar Rig 4 in die beiden E-Gitarren-Spuren geladen, wobei jeweils nur das Control-Room-Modul ausgewählt  und gleich eingestellt ist. Um auch einen Eindruck von den Werks-Voreinstellungen zu bekommen, haben wir das Preset „Mod 4x 12 Aggressiv“ ausgewählt, sonstige Effekte bleiben außen vor. Während die Solo-Gitarren im Original recht ätzend-mittig tönen, wirkt die mit dem Control Room-Modul aufgepeppte Variante sehr viel lebendiger und frischer, außerdem ist das intensive Kolibri-Vibrato des Solisten besser zu hören. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Guitar Rig 4 erstmals „True Stereo“ bietet, was ein mehr an Räumlichkeit und Plastizität bringt.
Insgesamt stellt das Control Room-Modul eine echte Innovation – jedenfalls für Guitar Rig – dar, so dass auch zufriedene Guitar Rig 3-Nutzer ein Update auf Version 4 ernsthaft erwägen sollten. Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass auch andere Software-Tüftler schöne Kinder haben. So bietet beispielsweise TH1 von Overload mit 18 sehr gut emulierten Mikrofonen ebenfalls viele Klangmöglichkeiten, zumal sich die Mikrofone vor der virtuellen Box frei positionieren lassen. Allerdings muss sich der TH1-Anwender mit nur zwei Mikrofonen begnügen und kann zudem nicht auf vergleichbar gute Presets zurückgreifen. Da ein Klangbeispiel mehr aussagt als tausend blumige Umschreibungen, haben wir daher mit Soundfile 8 auf Grundlage desselben Arrangements, das auch für Soundfile 6 und 7 herhalten muss, eine Vergleichsbeispiel mit TH1 erstellt.

Erschienen in Ausgabe 02/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 399 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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