„These go to eleven!“

„Alle Regler auf 11“ – so lautet in der gitarristischen Geheimwissenschaft die goldene Regel für einen amtlichen Rocksound. In Avids digitalem Eleven Rack ist die Elfer-Regel fest installiert.

Von Harald Wittig 

Als Rob Reiner 1984 seine grandiose Pseudo-Dokumentation „This is Spinal Tap“ über die USA-Tour der fiktiven britischen Heavy Metal-Band Spinal Tap schuf, dachte noch niemand ernsthaft an digitale Nachbildungen von Gitarrenverstärkern und Effekten. Damals benötigte ein Gitarrenheld noch eine Lastwagenladung Gitarren und mehrere Container mit Verstärkertürmen und schubladenweise Effektgeräte. Vor allem Verstärkerköpfe, auch als Topteile bekannt, bei denen alle Regler bis „11“ gehen, waren für den „zusätzlichen Schupser über die Klippe“ unverzichtbar, denn logischerweise ist ein solcher Verstärker „eins lauter“ als die konventionellen Modelle. Zumindest nach Auffassung von Spinal Tap-Leadgitarrist Nigel Tufnel, der mit dem berühmten Zitat “These go to eleven!“ tatsächlich ein geflügeltes Wort geschaffen hat, dass immer wieder andeutungsweise in Musiker-Interviews auftaucht. Auch im Hause Digidesign, szenebekannt in erster Linie für die professionelle DAW Pro Tools, kannten die Entwickler selbstverständlich den Film, aber auch die Bedeutung der Gitarre in der Rock- und Popmusik: Folgerichtig schufen die Amerikaner das Plug-in Eleven, eine erstklassige Amp-Emulation ohne Schnickschnack für Pro Tools, die mit ihrem sehr guten, tatsächlich erstaunlich realistischen Klang- und Klangverhalten allenthalben begeistern konnte. Auch die Redaktion von Professional audio, denn beim großen Vergleichstest „Virtuelle Gitarrenverstärker“ in Ausgabe 10/2008 belegte das Pro Tools-Plug-in mit dem Klangurteil „sehr gut bis überragend“ einen sicheren Platz in der Spitzengruppe.

 

Gleichwohl bedauerten nicht nur wir, dass dieses tolle Plug-in nur für Pro Tools erhältlich ist, weswegen Eleven vermutlich auch nicht den Bekanntheitsgrad plattformübergreifender Gitarren Plug-ins wie die Bestseller Guitar Rig von Native Instruments oder die verschiedenen Amplitube-Ausführungen von IK Multimedia. Womöglich berücksichtigten dies auch die Macher von Digidesign/Avid und brachten im Jahr 2009 die erste Inkarnation des Hardware-Prozessors Eleven Rack heraus: Ein 19-Zoll-Gerät, das die Komponenten und den Klang des Eleven-Plug-ins mit einer fortschrittlichen DSP-gestützten Hardware verbindet und sich zunächst völlig autark live und im Studio einsetzen ließ, ohne dass es Pro Tools bedurft hätte. Damit nicht genug, war das Eleven Rack auch ein USB-Audiointerface, das als solches mit jeder ASIO- oder Core Audio-Treiber kompatiblen DAW-Anwendung zusammenarbeitete und somit beste Voraussetzungen für E-Gitarrenaufnahmen mit professionellem Anspruch bot.Seit 2012, also rund drei Jahre nach der Vorstellung des ersten Eleven Racks, hat Avid seine Gitarrenwunderkiste aktualisiert und ein noch dickeres Ausstattungspaket geschnürt: Mit der Firmwareversion 2.0.1 ist inzwischen das sogenannte Eleven Rack Expansion Pack, das den Gerätefuhrpark um einige hochinteressante Komponenten erweitert, vorinstalliert. Außerdem findet sich bei einem Kaufpreis von 919 Euro im Lieferumfang ein iLok-Key mit einer Lizenz für die aktuelle Pro Tools-Vollversion 10.3.3, die alleine immerhin mit rund 680 Euro zu Buche schlägt. Na, wenn das mal kein Angebot ist – dachten wir uns auch und haben uns beim Avid-Vertrieb Musik & Technik ein neues Eleven Rack bestellt und aus der Anwenderperspektive getestet.Das Eleven Rack ist als allein glücklich machende Komplettlösung für Bühne und Studio, also für Live-Einsatz und Aufnahme gedacht, und Avid hat die empfindliche Elektronik folgerichtig in ein sehr robust wirkendes schwarzes Stahlblech-Gehäuse gepackt. Die massive Frontplatte aus Aluminium mit ihrer rotbronzenen Lackierung vermittelt nicht nur Robustheit und Bühnentauglichkeit, sondern schmückt das Gerät auch. Das Eleven Rack sieht einfach gut aus – alleine oder zusammen mit einer in Lemondrop lackierten Gitarre wie auf unserem Aufmacherbild zu sehen. Das Layout der Frontplatte ist klar und übersichtlich, dabei verrät es dem Erstbetrachter schon ein wenig von dem, was alles im Eleven Rack steckt: Die großen, mit Status-LEDs ausgestatteten Drehregler unter dem gut lesbaren LC-Display dienen selbstverständlich der Anwahl von Einzelkomponenten und der Feineinstellung der jeweiligen virtuellen Gerätschaften innerhalb eines Rigs. Zusammen mit dem Edit/Back-Taster, dem Scroll Wheel und den Tastern SW1 und SW2 schaltet sich der Anwender durch die Signalkette eines der zahlreichen Werkspresets, um auf dieser Basis seine eigene Signalkette zu schmieden. Das ist kinderleicht und fast ohne Handbuch zu machen, weswegen wir uns eine ausführliche Bedienungsanleitung sparen. Auf der rechten Front-Seite erkennt der Betrachter die wichtigsten Eingänge, nämlich den „True-Z“-Eingang für die E-Gitarre mit seiner Klinkenbuchse sowie die XLR-Buchse des integrierten Mikrofon-Vorverstärkers. Genau, sie haben richtig gelesen: Das Eleven Rack darf auch als einkanaliger Mikrofon-Vorverstärker, der dank zuschaltbarer Phantomspannung und Vordämpfung sowohl dynamische als auch Kondensator-Mikrofone akzeptiert, Verwendung finden. Dabei hat der Anwender die Wahl, ob er das Mikrofonsignal mittels virtueller Amps und Effekten bearbeitet oder einfach das nackte Mikrofonsignal ausgibt. Wer meint, dass dieser Preamp lediglich eine Behelfslösung ist, die kein Tonschaffender jemals ernsthaft für Aufnahmen auch nur in Erwägung ziehen könnte, darf sich angenehm überraschen lassen. Wie das auf Seite 44 abgedruckte FFT-Spektrum des Mikrofon-Vorverstärkers belegt, ist der Preamp auf saubere Signalverarbeitung hin optimiert und tritt in der Tat nicht klangfärbend in Erscheinung. Das heißt, dass sich im Studio ohne Weiteres auch hochwertige Mono-Akustikgitarrenaufnahmen oder auch Gesangsspuren anfertigen lassen. Der alleinschaffende Gitarrist, der beispielsweise im Heimstudio seine Demos aufnimmt, hat also mit dem Eleven Rack ein DAW-Frontend, das keineswegs auf die E-Gitarrenaufnahme beschränkt ist.Gleichwohl ist die Domäne des Geräts selbstverständlich die E-Gitarrenaufnahme, weswegen das Eleven Rack dank seiner Ein- und Ausgänge für die wichtigsten Setups vorbereitet ist. Am Anfang steht aber der Anschluss der Gitarre oder auch eines E-Basses mit passiven Tonabnehmern. Dafür ist der True-Z-Eingang da, der mit einer Besonderheit aufwartet, die in dieser Gerätegattung alles andere als gängig ist. Jeder analoge Gitarrenverstärker hat seine eigene Eingangsimpedanz und reagiert folglich hörbar eigen auf ein und dieselbe Gitarre. Im Falle des Eleven Racks wird die Eingangsimpedanz in Abhängigkeit des angewählten emulierten Amps automatisch und – wohlgemerkt – rein analog angepasst. Die Folge ist ein recht naturnahes Spielgefühl und eine durchaus realistische Wechselwirkung zwischen dem Anschlag der Gitarrensaiten und der Verstärkerantwort. Anscheinend ist die Avid-eigene Beschreibung von der „ultrarealistische Emulation“ nicht nur den Köpfen von Marketingstrategen entsprungen, sondern zumindest ein Stück weit auch Glaubensbekenntnis. Wie dem auch sei: Gitarristen freut das und mit dieser automatischen Impedanzanpassung hat der Hersteller sicherlich schon mal viel getan, um konservative Saitenartisten vom Eleven Rack zu überzeugen.

Neben dem True-Z-Eingang ist einer von zwei „Output to Amp“-Buchsen – die zweite findet sich auf der Rückseite – positioniert. Klar, über diesen Ausgang lässt sich der eigene Gitarren-Verstärker ansteuern, um beispielsweise nur die digitalen Effekte zu Formung des eigenen Sounds zu verwenden. Möglich ist aber auch die Verbindung mit einer Röhrenendstufe, um die Vorteile beider Welten, der digitalen und der analogen, zu genießen. Selbstredend, dass Eleven Rack auch über einen FX-Loop verfügt, um externe Effektgeräte einzuschleifen. Der ist sogar in Stereo, was die Klangmöglichkeiten zusätzlich erweitert.Bedarf es aber zusätzlicher Geräte? Lassen wir mal die individuellen Gewohnheiten und Klangvorstellungen des Musikers außen vor, kann die Antwort nur lauten: Nein. Denn die Software-Ausstattung des Eleven Racks ist so umfangreich, dass sich ohne allzu großen Aufwand eine Unmenge von Gitarrensounds von Vintage bis Modern realisieren lassen. Ob es insoweit darum geht, klanglich in die Fußstapfen der eigenen Helden zu treten oder den eigenen Ton zu finden – der virtuelle Gerätefuhrpark hat dafür dank der vollständigen Integration des Eleven Rack Expansion Packs jetzt noch mehr als zuvor zu bieten.Bei den Amps liegt der Schwerpunkt auf den Vintage Amps, angefangen beim „Tweed Lux“, als solcher eine digitale Nachbildung des Fender Tweed Deluxe von 1959, über die Legenden der 1960er-Jahre wie AC Hi Boost (Vox AC 30 Top Boost), Black Panel Lux Vibrato/Normal und Black Duo (Fender Deluxe und Twin Reverb) bis hin zum Plexiglas-100W (Marshall 1959 100 Watt Super Lead Plexi Head). Ergänzt wird diese vornehme Klassiker-Riege mit dem Expansion Pack um weitere Legenden: Beispielsweise um das Modell Black Mini, der dem 1965er Fender Champ nachempfunden ist, einem vom Hersteller eigentlich als Übungsverstärker konzipierten Amp, der sich aber bei Studiogitarristen und Toningenieuren als gehörschonender Zerrspezialist etablieren konnte. Oder auch drei neue Marshall-Varianten, namentlich J45 (JTM45 Topteil), Plexiglas Vari (Marshall Super Lead mit Variac-Modifikationen) und Plexiglas 50W (Marshall Super Lead 50 Watt Head), die das Thema britischer Blues-Rock-Sound klangstark ergänzen. Aber auch neueres Edelgerät wie der MS-30, ein Digital-Nachbau des amerikanischen Boutique-Röhrencombos Matchless D/C-30 oder der dreikanalige RB-01b, der Reinhold Bogners im Hardwareoriginal sündhaft teuren Ecstasy-Verstärkerkopf emuliert und mit den Kanälen „Red“ (High Gain), „Blue“ (Crunch) und „Green“ (Clean) alleine schon ein mehrere Jahrzehnte umfassendes Klangspektrum abdeckt.Seit Neustem werden auch die Tieftöner besser bedient, denn bisher gab es nur den „Tweed Lux“, also den Fender Bassman, den sich längst die Gitarristen einverleibt haben – obschon der Fender-Amp mit einem Kontrabass sehr ansprechend klingen kann. Das neue Eleven Rack hat jetzt zwei waschechte Bass-Verstärker zu bieten: einmal den Blue Line Bass, der Tarnname des Bassboliden Ampeg SVT und den DC Bass. Dieser ist eine Eigenschöpfung der Avid-Tüftler auf Basis des Ampeg, hat allerdings ausgedünnte, „gescoopte“ Mitten für zeitgemäße Tieftönerei. Überhaupt sind die DC Custom-Modelle, die alte Pro Tools-Hasen von der Basis-Ausführung des Eleven Plug-ins kennen, eine sehr interessante Ergänzung zu den Original-Verstärkeremulationen. Die CD Custom Amps sind gewissermaßen „customized“ Amp-klassiker, die zwar auf im Eleven Rack enthaltenen Vorbildern basieren, allerdings spezialisierter sind. Beispielhaft sei nur der DC Modern SOD genannt. Dabei handelt es sich um eine Variante des SL100, seines Zeichens der Softwareklon des Sustainwunders Soldano SLO-100. Die Avid Custom-Ausführung ist optimiert für das Zusammenspiel mit Gitarren, die einen erweiterten Tonumfang haben, also Sieben- bis Zehnsaiter. Aber auch Sechssaiter mögen den DC Modern SOD, liefert er doch eine angenehm crèmige Verzerrung für Leadsounds à la Gary Moore oder Steve Vai in deren 1990er-Schaffensperioden.Passgenau auf die Amps zugeschnitten gibt es selbstverständlich auch die jeweiligen Lautsprecher beziehungsweise Boxenmodelle, wobei – Digitaltechnik sei gepriesen – der Anwender frei kombinieren darf. Das erweitert das umfangreiche Klangarsenal nochmals beträchtlich. Es würde bei weitem den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Lautsprecher- und Boxentypen zu nennen. Ausführliche Informationen finden sich auf der deutschen Avid-Seite unter www.avid.com/DE/products/eleven-rack_2/features. Wir wollen aber nicht vergessen, ein besonderes und wie wir finden geniales Ausstattungsdetail zu erwähnen, das sogenannte Speaker Breakup. Damit ist es nämlich möglich, den Verzerrungsgrad eines überlasteten Lautsprechers zu bestimmen, um sich dieses auch salopp als „Pappzerre“ geläufigen Verhaltens klanggestalterisch zu Nutze zu machen.

om Speaker Breakup sind wir seit unserem Eleven-Test begeistert, denn die Entwickler haben diesen auf Faltung basierenden Effekt ganz hervorragend hinbekommen. Versuchen Sie es mal selbst: Wählen Sie den Plexiglas-100W, bringen alle Regler auf Rechtsanschlag, wählen gleich mal die monströse 4×12 64W-Box und drehen Sie an dem Regler fürs Speaker Breakup bis es brachial und „wylde“ à la Black Label Society in Ihrem Kopfhörer oder aus Ihren Aktiv-Lautsprechern, die via XLR-Kabeln mit den analogen Main Outs des Eleven Racks verbunden sind, tönt. Sehr gut kommt dieser Effekt auch mit einem aufgerissenen Tweed Lux für dreckige Rockabilly- odder Blues-Klänge. Der Effekt lässt sich übrigens bei ausgeschalteter Lautsprecher-Simulation auch nutzen, wenn das Eleven Rack zusammen mit einer externen Gitarrenbox zum Einsatz kommt, deren Lautsprecher aber wegen gehör- und nachbarfreundlicher Lautstärke gerade nicht übersteuern sollen und können.In puncto Effekte findet sich ebenfalls so ziemlich alles, was Rang und Namen hat, ohne dass der Hersteller ein Überangebot bereithalten würde. Da sind viele Mitbewerber weitaus verschwenderischer, was nicht immer von Vorteil ist. Mancher Anwender war noch am Editieren und Rumschrauben, als andere Gitarristen längst ein komplettes Album eingespielt hatten. Die Effekt-Auswahl lässt aber nur bei dem Wünsche offen, der beispielsweise unbedingt ein Dallas Arbiter Fuzz Face, Hendrix´ Verzerrer, haben will. Zur Not kauft der Hendrix-Epigone eben das Hardware-Pedal und nimmt den Marshall Super Lead-Klon des Eleven Racks als standesgemäßen Amp. Wir sind der Meinung, dass Avid sehr viel zu bieten hat, zumal, was das Wichtigste ist, die Emulationen eben auch gut klingen.So ein Hardware-Rig kommt in der Realität via Mikrofonierung auf die Festplatte und live sind die Zeiten, wo der Verstärkerturm auch die Publikumsbeschallung übernehmen musste, lange vorbei. Auch auf der Bühne erfolgt die Abnahme mittels Mikrofon und folgerichtig ist auch das Eleven Rack mit virtuellen Schallwandlern, inzwischen sind es neun statt der früheren sieben Typen, ausgestattet. Der Klassiker schlechthin, das Shure SM57 fehlt ebenso wenig wie die Kondensatormikrofone Neumann U67 und U87 sowie das Bändchen-Mikrofon Royer R121 – übrigens einer unserer Lieblinge für die Mikrofonierung von Gitarrenamps. Neu dabei sind das Bass-Drum-Mikrofon AKG D112 und der Dynamik-Klassiker Electro-Voice RE20, die das Schallwandler-Angebot ergänzen. Wichtig: Das Eleven Rack und das Eleven Plug-in gestatten keine Multimikrofonierung wie beispielsweise NI Guitar Rig mit dem Control Room-Modul. Auch das freie Positionieren der Mikrofone vor der Gitarrenbox oder das Verschieben im virtuellen Raum wie es TH2 von Overloud (siehe Test in Ausgabe 7/2011) bietet oder in Softubes Vintage und Metal Amp Rooms möglich ist, erlauben die Avid-Produkte nicht. Vermisst haben wir gleichwohl nichts, denn es hat sich im Rahmen des zweiwöchigen Tests einmal mehr gezeigt, dass allein die Auswahl des Mikrofons und die Wahl der Position – es gibt die Optionen „On Axis„ und „Off Axis“ –schon eine Fülle von Klangvarianten bieten. Oder besser ausgedrückt: Damit können wir unseren Wunschklang einstellen. Dazu aber noch mehr im Rahmen des finalen Praxistests.Im Eleven Rack gibt es einiges zu rechnen, immerhin basieren beispielsweise die Gitarrenboxen auf rechenintensiver Faltung, hinzu kommen Hall-Effekte wie die klanglich überzeugende Emulation des Fender Federhalls, die schon  einen gewissen Heißhunger auf Rechenpower haben. Dass Gitarristen Latenzen anscheinend mehr zu fürchten scheinen als Transistorverstärker, muss der Entwickler eines Amp-Modelers immer einkalkulieren. Folgerichtig werkeln im Eleven Rack gleich zwei DSPs, damit ein unrealistisches Spielgefühl gar nicht erst aufkommen kann. Nach unserer Erfahrung spielt sich das Eleven Rack, angeschlossen an ein Pärchen Geithain RL-906 vergleichbar geschmeidig und wirklichkeitsnah wie die Analog-Kombination Engl Fireball und SPL Transducer. Uns fallen also keine Latenzen auf, dem Stand Alone- und Live-Einsatz steht insoweit nichts im Wege.Ins Studio-Setup lässt sich das Eleven-Rack auf verschiedene Weise einbinden. Dank digitaler Ein- und Ausgänge im professionellen AES3- und im Consumer-S/PDIF-Format ist die Verbindung mit dem zentralen Wandler, Digitalpult oder Audio-Interface kein Problem. Die Maximalauflösung beträgt jeweils 24Bit/96kHz. Das gilt auch für die Alternativ-Betriebsart als USB Audio-Interface. Grundsätzlich arbeitet das Eleven Rack mit jeder ASIO- oder Core Audio-kompatiblen Audio-Software zusammen, allerdings ist im Falle Logic Pro zu beachten, dass der Eleven Rig-Sound nur auf den Kanälen 5+6 ausgegeben wird, auf den anderen Kanälen kommt nur das cleane Gitarrensignal an.

 

Test: Gitarren-Multieffektprozessor und Audio-Interface Avid Eleven Rack

„These go to eleven!“

„Alle Regler auf 11“ – so lautet in der gitarristischen Geheimwissenschaft die goldene Regel für einen amtlichen Rocksound. In Avids digitalem Eleven Rack ist die Elfer-Regel fest installiert.

Von Harald Wittig

Als Rob Reiner 1984 seine grandiose Pseudo-Dokumentation „This is Spinal Tap“ über die USA-Tour der fiktiven britischen Heavy Metal-Band Spinal Tap schuf, dachte noch niemand ernsthaft an digitale Nachbildungen von Gitarrenverstärkern und Effekten. Damals benötigte ein Gitarrenheld noch eine Lastwagenladung Gitarren und mehrere Container mit Verstärkertürmen und schubladenweise Effektgeräte. Vor allem Verstärkerköpfe, auch als Topteile bekannt, bei denen alle Regler bis „11“ gehen, waren für den „zusätzlichen Schupser über die Klippe“ unverzichtbar, denn logischerweise ist ein solcher Verstärker „eins lauter“ als die konventionellen Modelle. Zumindest nach Auffassung von Spinal Tap-Leadgitarrist Nigel Tufnel, der mit dem berühmten Zitat “These go to eleven!“ tatsächlich ein geflügeltes Wort geschaffen hat, dass immer wieder andeutungsweise in Musiker-Interviews auftaucht. Auch im Hause Digidesign, szenebekannt in erster Linie für die professionelle DAW Pro Tools, kannten die Entwickler selbstverständlich den Film, aber auch die Bedeutung der Gitarre in der Rock- und Popmusik: Folgerichtig schufen die Amerikaner das Plug-in Eleven, eine erstklassige Amp-Emulation ohne Schnickschnack für Pro Tools, die mit ihrem sehr guten, tatsächlich erstaunlich realistischen Klang- und Klangverhalten allenthalben begeistern konnte. Auch die Redaktion von Professional audio, denn beim großen Vergleichstest „Virtuelle Gitarrenverstärker“ in Ausgabe 10/2008 belegte das Pro Tools-Plug-in mit dem Klangurteil „sehr gut bis überragend“ einen sicheren Platz in der Spitzengruppe.

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Gleichwohl bedauerten nicht nur wir, dass dieses tolle Plug-in nur für Pro Tools erhältlich ist, weswegen Eleven vermutlich auch nicht den Bekanntheitsgrad plattformübergreifender Gitarren Plug-ins wie die Bestseller Guitar Rig von Native Instruments oder die verschiedenen Amplitube-Ausführungen von IK Multimedia. Womöglich berücksichtigten dies auch die Macher von Digidesign/Avid und brachten im Jahr 2009 die erste Inkarnation des Hardware-Prozessors Eleven Rack heraus: Ein 19-Zoll-Gerät, das die Komponenten und den Klang des Eleven-Plug-ins mit einer fortschrittlichen DSP-gestützten Hardware verbindet und sich zunächst völlig autark live und im Studio einsetzen ließ, ohne dass es Pro Tools bedurft hätte. Damit nicht genug, war das Eleven Rack auch ein USB-Audiointerface, das als solches mit jeder ASIO- oder Core Audio-Treiber kompatiblen DAW-Anwendung zusammenarbeitete und somit beste Voraussetzungen für E-Gitarrenaufnahmen mit professionellem Anspruch bot.Seit 2012, also rund drei Jahre nach der Vorstellung des ersten Eleven Racks, hat Avid seine Gitarrenwunderkiste aktualisiert und ein noch dickeres Ausstattungspaket geschnürt: Mit der Firmwareversion 2.0.1 ist inzwischen das sogenannte Eleven Rack Expansion Pack, das den Gerätefuhrpark um einige hochinteressante Komponenten erweitert, vorinstalliert. Außerdem findet sich bei einem Kaufpreis von 919 Euro im Lieferumfang ein iLok-Key mit einer Lizenz für die aktuelle Pro Tools-Vollversion 10.3.3, die alleine immerhin mit rund 680 Euro zu Buche schlägt. Na, wenn das mal kein Angebot ist – dachten wir uns auch und haben uns beim Avid-Vertrieb Musik & Technik ein neues Eleven Rack bestellt und aus der Anwenderperspektive getestet.Das Eleven Rack ist als allein glücklich machende Komplettlösung für Bühne und Studio, also für Live-Einsatz und Aufnahme gedacht, und Avid hat die empfindliche Elektronik folgerichtig in ein sehr robust wirkendes schwarzes Stahlblech-Gehäuse gepackt. Die massive Frontplatte aus Aluminium mit ihrer rotbronzenen Lackierung vermittelt nicht nur Robustheit und Bühnentauglichkeit, sondern schmückt das Gerät auch. Das Eleven Rack sieht einfach gut aus – alleine oder zusammen mit einer in Lemondrop lackierten Gitarre wie auf unserem Aufmacherbild zu sehen. Das Layout der Frontplatte ist klar und übersichtlich, dabei verrät es dem Erstbetrachter schon ein wenig von dem, was alles im Eleven Rack steckt: Die großen, mit Status-LEDs ausgestatteten Drehregler unter dem gut lesbaren LC-Display dienen selbstverständlich der Anwahl von Einzelkomponenten und der Feineinstellung der jeweiligen virtuellen Gerätschaften innerhalb eines Rigs. Zusammen mit dem Edit/Back-Taster, dem Scroll Wheel und den Tastern SW1 und SW2 schaltet sich der Anwender durch die Signalkette eines der zahlreichen Werkspresets, um auf dieser Basis seine eigene Signalkette zu schmieden. Das ist kinderleicht und fast ohne Handbuch zu machen, weswegen wir uns eine ausführliche Bedienungsanleitung sparen. Auf der rechten Front-Seite erkennt der Betrachter die wichtigsten Eingänge, nämlich den „True-Z“-Eingang für die E-Gitarre mit seiner Klinkenbuchse sowie die XLR-Buchse des integrierten Mikrofon-Vorverstärkers. Genau, sie haben richtig gelesen: Das Eleven Rack darf auch als einkanaliger Mikrofon-Vorverstärker, der dank zuschaltbarer Phantomspannung und Vordämpfung sowohl dynamische als auch Kondensator-Mikrofone akzeptiert, Verwendung finden. Dabei hat der Anwender die Wahl, ob er das Mikrofonsignal mittels virtueller Amps und Effekten bearbeitet oder einfach das nackte Mikrofonsignal ausgibt. Wer meint, dass dieser Preamp lediglich eine Behelfslösung ist, die kein Tonschaffender jemals ernsthaft für Aufnahmen auch nur in Erwägung ziehen könnte, darf sich angenehm überraschen lassen. Wie das auf Seite 44 abgedruckte FFT-Spektrum des Mikrofon-Vorverstärkers belegt, ist der Preamp auf saubere Signalverarbeitung hin optimiert und tritt in der Tat nicht klangfärbend in Erscheinung. Das heißt, dass sich im Studio ohne Weiteres auch hochwertige Mono-Akustikgitarrenaufnahmen oder auch Gesangsspuren anfertigen lassen. Der alleinschaffende Gitarrist, der beispielsweise im Heimstudio seine Demos aufnimmt, hat also mit dem Eleven Rack ein DAW-Frontend, das keineswegs auf die E-Gitarrenaufnahme beschränkt ist.Gleichwohl ist die Domäne des Geräts selbstverständlich die E-Gitarrenaufnahme, weswegen das Eleven Rack dank seiner Ein- und Ausgänge für die wichtigsten Setups vorbereitet ist. Am Anfang steht aber der Anschluss der Gitarre oder auch eines E-Basses mit passiven Tonabnehmern. Dafür ist der True-Z-Eingang da, der mit einer Besonderheit aufwartet, die in dieser Gerätegattung alles andere als gängig ist. Jeder analoge Gitarrenverstärker hat seine eigene Eingangsimpedanz und reagiert folglich hörbar eigen auf ein und dieselbe Gitarre. Im Falle des Eleven Racks wird die Eingangsimpedanz in Abhängigkeit des angewählten emulierten Amps automatisch und – wohlgemerkt – rein analog angepasst. Die Folge ist ein recht naturnahes Spielgefühl und eine durchaus realistische Wechselwirkung zwischen dem Anschlag der Gitarrensaiten und der Verstärkerantwort. Anscheinend ist die Avid-eigene Beschreibung von der „ultrarealistische Emulation“ nicht nur den Köpfen von Marketingstrategen entsprungen, sondern zumindest ein Stück weit auch Glaubensbekenntnis. Wie dem auch sei: Gitarristen freut das und mit dieser automatischen Impedanzanpassung hat der Hersteller sicherlich schon mal viel getan, um konservative Saitenartisten vom Eleven Rack zu überzeugen.

Neben dem True-Z-Eingang ist einer von zwei „Output to Amp“-Buchsen – die zweite findet sich auf der Rückseite – positioniert. Klar, über diesen Ausgang lässt sich der eigene Gitarren-Verstärker ansteuern, um beispielsweise nur die digitalen Effekte zu Formung des eigenen Sounds zu verwenden. Möglich ist aber auch die Verbindung mit einer Röhrenendstufe, um die Vorteile beider Welten, der digitalen und der analogen, zu genießen. Selbstredend, dass Eleven Rack auch über einen FX-Loop verfügt, um externe Effektgeräte einzuschleifen. Der ist sogar in Stereo, was die Klangmöglichkeiten zusätzlich erweitert.Bedarf es aber zusätzlicher Geräte? Lassen wir mal die individuellen Gewohnheiten und Klangvorstellungen des Musikers außen vor, kann die Antwort nur lauten: Nein. Denn die Software-Ausstattung des Eleven Racks ist so umfangreich, dass sich ohne allzu großen Aufwand eine Unmenge von Gitarrensounds von Vintage bis Modern realisieren lassen. Ob es insoweit darum geht, klanglich in die Fußstapfen der eigenen Helden zu treten oder den eigenen Ton zu finden – der virtuelle Gerätefuhrpark hat dafür dank der vollständigen Integration des Eleven Rack Expansion Packs jetzt noch mehr als zuvor zu bieten.Bei den Amps liegt der Schwerpunkt auf den Vintage Amps, angefangen beim „Tweed Lux“, als solcher eine digitale Nachbildung des Fender Tweed Deluxe von 1959, über die Legenden der 1960er-Jahre wie AC Hi Boost (Vox AC 30 Top Boost), Black Panel Lux Vibrato/Normal und Black Duo (Fender Deluxe und Twin Reverb) bis hin zum Plexiglas-100W (Marshall 1959 100 Watt Super Lead Plexi Head). Ergänzt wird diese vornehme Klassiker-Riege mit dem Expansion Pack um weitere Legenden: Beispielsweise um das Modell Black Mini, der dem 1965er Fender Champ nachempfunden ist, einem vom Hersteller eigentlich als Übungsverstärker konzipierten Amp, der sich aber bei Studiogitarristen und Toningenieuren als gehörschonender Zerrspezialist etablieren konnte. Oder auch drei neue Marshall-Varianten, namentlich J45 (JTM45 Topteil), Plexiglas Vari (Marshall Super Lead mit Variac-Modifikationen) und Plexiglas 50W (Marshall Super Lead 50 Watt Head), die das Thema britischer Blues-Rock-Sound klangstark ergänzen. Aber auch neueres Edelgerät wie der MS-30, ein Digital-Nachbau des amerikanischen Boutique-Röhrencombos Matchless D/C-30 oder der dreikanalige RB-01b, der Reinhold Bogners im Hardwareoriginal sündhaft teuren Ecstasy-Verstärkerkopf emuliert und mit den Kanälen „Red“ (High Gain), „Blue“ (Crunch) und „Green“ (Clean) alleine schon ein mehrere Jahrzehnte umfassendes Klangspektrum abdeckt.Seit Neustem werden auch die Tieftöner besser bedient, denn bisher gab es nur den „Tweed Lux“, also den Fender Bassman, den sich längst die Gitarristen einverleibt haben – obschon der Fender-Amp mit einem Kontrabass sehr ansprechend klingen kann. Das neue Eleven Rack hat jetzt zwei waschechte Bass-Verstärker zu bieten: einmal den Blue Line Bass, der Tarnname des Bassboliden Ampeg SVT und den DC Bass. Dieser ist eine Eigenschöpfung der Avid-Tüftler auf Basis des Ampeg, hat allerdings ausgedünnte, „gescoopte“ Mitten für zeitgemäße Tieftönerei. Überhaupt sind die DC Custom-Modelle, die alte Pro Tools-Hasen von der Basis-Ausführung des Eleven Plug-ins kennen, eine sehr interessante Ergänzung zu den Original-Verstärkeremulationen. Die CD Custom Amps sind gewissermaßen „customized“ Amp-klassiker, die zwar auf im Eleven Rack enthaltenen Vorbildern basieren, allerdings spezialisierter sind. Beispielhaft sei nur der DC Modern SOD genannt. Dabei handelt es sich um eine Variante des SL100, seines Zeichens der Softwareklon des Sustainwunders Soldano SLO-100. Die Avid Custom-Ausführung ist optimiert für das Zusammenspiel mit Gitarren, die einen erweiterten Tonumfang haben, also Sieben- bis Zehnsaiter. Aber auch Sechssaiter mögen den DC Modern SOD, liefert er doch eine angenehm crèmige Verzerrung für Leadsounds à la Gary Moore oder Steve Vai in deren 1990er-Schaffensperioden.Passgenau auf die Amps zugeschnitten gibt es selbstverständlich auch die jeweiligen Lautsprecher beziehungsweise Boxenmodelle, wobei – Digitaltechnik sei gepriesen – der Anwender frei kombinieren darf. Das erweitert das umfangreiche Klangarsenal nochmals beträchtlich. Es würde bei weitem den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Lautsprecher- und Boxentypen zu nennen. Ausführliche Informationen finden sich auf der deutschen Avid-Seite unter www.avid.com/DE/products/eleven-rack_2/features. Wir wollen aber nicht vergessen, ein besonderes und wie wir finden geniales Ausstattungsdetail zu erwähnen, das sogenannte Speaker Breakup. Damit ist es nämlich möglich, den Verzerrungsgrad eines überlasteten Lautsprechers zu bestimmen, um sich dieses auch salopp als „Pappzerre“ geläufigen Verhaltens klanggestalterisch zu Nutze zu machen.

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Vom Speaker Breakup sind wir seit unserem Eleven-Test begeistert, denn die Entwickler haben diesen auf Faltung basierenden Effekt ganz hervorragend hinbekommen. Versuchen Sie es mal selbst: Wählen Sie den Plexiglas-100W, bringen alle Regler auf Rechtsanschlag, wählen gleich mal die monströse 4×12 64W-Box und drehen Sie an dem Regler fürs Speaker Breakup bis es brachial und „wylde“ à la Black Label Society in Ihrem Kopfhörer oder aus Ihren Aktiv-Lautsprechern, die via XLR-Kabeln mit den analogen Main Outs des Eleven Racks verbunden sind, tönt. Sehr gut kommt dieser Effekt auch mit einem aufgerissenen Tweed Lux für dreckige Rockabilly- odder Blues-Klänge. Der Effekt lässt sich übrigens bei ausgeschalteter Lautsprecher-Simulation auch nutzen, wenn das Eleven Rack zusammen mit einer externen Gitarrenbox zum Einsatz kommt, deren Lautsprecher aber wegen gehör- und nachbarfreundlicher Lautstärke gerade nicht übersteuern sollen und können.In puncto Effekte findet sich ebenfalls so ziemlich alles, was Rang und Namen hat, ohne dass der Hersteller ein Überangebot bereithalten würde. Da sind viele Mitbewerber weitaus verschwenderischer, was nicht immer von Vorteil ist. Mancher Anwender war noch am Editieren und Rumschrauben, als andere Gitarristen längst ein komplettes Album eingespielt hatten. Die Effekt-Auswahl lässt aber nur bei dem Wünsche offen, der beispielsweise unbedingt ein Dallas Arbiter Fuzz Face, Hendrix´ Verzerrer, haben will. Zur Not kauft der Hendrix-Epigone eben das Hardware-Pedal und nimmt den Marshall Super Lead-Klon des Eleven Racks als standesgemäßen Amp. Wir sind der Meinung, dass Avid sehr viel zu bieten hat, zumal, was das Wichtigste ist, die Emulationen eben auch gut klingen.So ein Hardware-Rig kommt in der Realität via Mikrofonierung auf die Festplatte und live sind die Zeiten, wo der Verstärkerturm auch die Publikumsbeschallung übernehmen musste, lange vorbei. Auch auf der Bühne erfolgt die Abnahme mittels Mikrofon und folgerichtig ist auch das Eleven Rack mit virtuellen Schallwandlern, inzwischen sind es neun statt der früheren sieben Typen, ausgestattet. Der Klassiker schlechthin, das Shure SM57 fehlt ebenso wenig wie die Kondensatormikrofone Neumann U67 und U87 sowie das Bändchen-Mikrofon Royer R121 – übrigens einer unserer Lieblinge für die Mikrofonierung von Gitarrenamps. Neu dabei sind das Bass-Drum-Mikrofon AKG D112 und der Dynamik-Klassiker Electro-Voice RE20, die das Schallwandler-Angebot ergänzen. Wichtig: Das Eleven Rack und das Eleven Plug-in gestatten keine Multimikrofonierung wie beispielsweise NI Guitar Rig mit dem Control Room-Modul. Auch das freie Positionieren der Mikrofone vor der Gitarrenbox oder das Verschieben im virtuellen Raum wie es TH2 von Overloud (siehe Test in Ausgabe 7/2011) bietet oder in Softubes Vintage und Metal Amp Rooms möglich ist, erlauben die Avid-Produkte nicht. Vermisst haben wir gleichwohl nichts, denn es hat sich im Rahmen des zweiwöchigen Tests einmal mehr gezeigt, dass allein die Auswahl des Mikrofons und die Wahl der Position – es gibt die Optionen „On Axis„ und „Off Axis“ –schon eine Fülle von Klangvarianten bieten. Oder besser ausgedrückt: Damit können wir unseren Wunschklang einstellen. Dazu aber noch mehr im Rahmen des finalen Praxistests.Im Eleven Rack gibt es einiges zu rechnen, immerhin basieren beispielsweise die Gitarrenboxen auf rechenintensiver Faltung, hinzu kommen Hall-Effekte wie die klanglich überzeugende Emulation des Fender Federhalls, die schon  einen gewissen Heißhunger auf Rechenpower haben. Dass Gitarristen Latenzen anscheinend mehr zu fürchten scheinen als Transistorverstärker, muss der Entwickler eines Amp-Modelers immer einkalkulieren. Folgerichtig werkeln im Eleven Rack gleich zwei DSPs, damit ein unrealistisches Spielgefühl gar nicht erst aufkommen kann. Nach unserer Erfahrung spielt sich das Eleven Rack, angeschlossen an ein Pärchen Geithain RL-906 vergleichbar geschmeidig und wirklichkeitsnah wie die Analog-Kombination Engl Fireball und SPL Transducer. Uns fallen also keine Latenzen auf, dem Stand Alone- und Live-Einsatz steht insoweit nichts im Wege.Ins Studio-Setup lässt sich das Eleven-Rack auf verschiedene Weise einbinden. Dank digitaler Ein- und Ausgänge im professionellen AES3- und im Consumer-S/PDIF-Format ist die Verbindung mit dem zentralen Wandler, Digitalpult oder Audio-Interface kein Problem. Die Maximalauflösung beträgt jeweils 24Bit/96kHz. Das gilt auch für die Alternativ-Betriebsart als USB Audio-Interface. Grundsätzlich arbeitet das Eleven Rack mit jeder ASIO- oder Core Audio-kompatiblen Audio-Software zusammen, allerdings ist im Falle Logic Pro zu beachten, dass der Eleven Rig-Sound nur auf den Kanälen 5+6 ausgegeben wird, auf den anderen Kanälen kommt nur das cleane Gitarrensignal an. 

 

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Logic erkennt zwar die acht Spuren des Eleven Rack, kann aber das Routing nicht auslesen. Wenn Sie mit Logic arbeiten, müssen Sie deswegen entsprechende Voreinstellungen vornehmen. Mit Sonar X2 ist es indes kein Problem, da die Cakewalk-DAW die Informationen des Eleven Rack Treibers korrekt ausliest, sodass das Ein- und Ausgangs-Routing ein Kinderspiel ist. Der Workflow erinnert sehr an die Arbeit mit Pro Tools, die Software mit der Eleven Rack-Aufnahmen – wen wundert´s? – am Komfortabelsten von der Hand gehen. Wie bereits einleitend hervorgehoben, gehört die aktuelle Pro Tools 10.3.3-Vollversion zum Lieferumfang des Geräts. Strenggenommen ist nur der iLok-Key mit unbegrenzter Pro Tools-Lizenz im Paket, die Software ist erst von der Avid-Seite runterzuladen. Daran könnten sich einige Käufer stören, und sicherlich wäre eine Programm-DVD etwas bequemer in der Handhabung. Aber das lässt sich nicht ändern. Jedenfalls bekommt der Eleven Rack-Käufer eine professionelle, bestens ausgestattete DAW-Anwendung, sodass für Gitarren-Aufnahmen mit professionellem Anspruch alles bereit ist. Praktischerweise hat Pro Tools bereits eine spezielle Projekt-Vorlage für eine Eleven Rack-Session, die bestens für nachträgliches Re-Amping eingerichtet ist und bereits – anderes als die  „leere Session“ – auch einen vorkonfigurierten Mixer bereithält. Ganz großes Kino ist das in Pro Tools integrierte, einfenstrige Eleven Rack-Benutzerinterface. Darin lassen sich Modifikationen am aktuell geladen Rig vornehmen, die sich ohne Verzögerung klanglich auswirken. Umgekehrt geht es auch: Jede neue Stellung der Hardware-Regler erscheint direkt im GUI – eine feine Sache. Avid ist derzeit übrigens besonders spendabel: Wer sich bis März 2013 das Eleven Rack gönnt, bekommt die drei nagelneuen Plug-ins Pro-Compressor, Pro-Exapander und Pro-Limiter noch obendrauf. Boris Prell von Avid hat uns diese Plug-ins für den Eleven Rack-Test zur Verfügung gestellt und wir haben die Dynamik-Prozessoren auch direkt bei den Klangbeispielen, die wir begleitend und ergänzend zum kostenlosen Download auf unserer Website www.prfoessional-audio-mgazin.de für Sie bereitgestellt haben, eingesetzt.Womit wir am finalen Abschnitt „Aufnahmepraxis mit dem Eleven Rack“ angelangt wären: Wir haben sowohl auf dem Windows 7-PC als auch auf dem Mac Aufnahmen mit dem Eleven Rack mit den DAW-Anwendungen Sonar X2,  Logic Pro 9 und Pro Tools 10.3.3 gemacht, wobei sich die Kombination Eleven Rack/Pro Tool am Besten anfühlt. Bei einer Projekt-Auflösung von 24Bit/48kHz und einer Audio-Puffergröße von 256 Samples behindern uns auch auf dem schon etwas älteren MacBook Pro mit 2,53 GHz Dual Core-Prozessor und 4 GB RAM keine störenden Latenzen. Das Eleven Rack ist jedenfalls ein schnelles USB 2.0-Interface, das – nachdem wir uns mit dem Gerät angefreundet hatten – in der gesamten Testphase stets zuverlässig und ohne Aussetzer funktioniert hat.Klanglich gehört das Eleven Rack bestimmt zu den besten Amp-Modelern – was für das Eleven Plug-in gilt, gilt selbstverständlich auch für das Hardware-Gerät. Es ist müßig und ziellos, die emulierten Verstärker und Effekte mit Hardware-Originalen, die sich trotz klanglicher Grundtendenzen ihrerseits oft beträchtlich unterscheiden, zu vergleichen. Wir gehen deswegen einen anderen Weg und haben für unsere beiden Soundfiles charakteristische Klänge mit dem Eleven Rack nachgebaut:Soundfile 1 ist eine kleine Ballade im Scorpions/Michael Schenker-Stil, wobei wir uns bei der verzerrten Leadgitarre am Ton des deutschen Rock-Virtuosen nach 1980 orientiert haben. Ganz klar, dass es dafür eines Marshall JCM800 bedarf, der unter dem Namen ´82 Lead 800-100W selbstverständlich Teil des Eleven-Fuhrparks ist. Der Schenker-Ton der Nach-UFO-Ära lebt von einer guten Schippe Preamp-Gain, deswegen haben wir den virtuellen Regler auch auf 9 bestellt, Master hingegen auf 5, Präsenzen und Höhen sind leicht zurückgenommen. Der Eleven Rack JCM800 hat den typischen Biss des raubeinigen Briten, der den wenigsten Sofa-Virtuosen zusagt, sich aber im Bandkontext und auf Aufnahmen immer durchsetzt. Uns gefällt diese Emulation ausgezeichnet. Schenker verwendet häufig ein festgestelltes Cry Baby Wah-Wah als Mittenbooster, was wir uns dann auch nicht nehmen lassen und das spezielle Röhren im Ton mit Hilfe des Software-Klons Black Wah erzeugen. Noch das Shure SM57 vor die virtuelle 4x12er-Box, eine winzige Brise Studio-Ambience, bereitgestellt vom Stereo-Hall Eleven SR – fertig ist der Schenker-Ton. Bei der cleanen Sologitarre am Anfang haben wir den Matchless D/C30 Combo wegen seines fenderfeinen Anzerrens gewählt, Delay und Hall sorgen für eine gewisse sphärische Entrücktheit. Unser alternativer Take ist hingegen mit dem Tweed Deluxe, der nach unserer Kenntnis zu den Besten Emulationen des Fender-Klassikers gehört, und einer Brise Altiverb 7 eingespielt. Für die Begleitgitarren vertrauen wir auf unser Preset „Pam Clean“: Dabei ist Basis dieses Klarklangs der Black Duo/Fender Twin Reverb und das Royer R121 in Off-Axis-Position.Dasselbe Besteck verstärkt auch die Fender Strat die Soundfile 2 eröffnet, ein nicht ganz ernst gemeintes Vintage-Fusion-Stückchen. Die hyperagile Leadgitarre soll – bei aller Bescheidenheit – an John McLaughlin in der ganz frühen Mahavishnu Orchestra-Phase erinnern. Folgerichtig sorgt ein Plexiglas-100W/Marshall 1959 100Watt Super Lead für den Punch. Die Einstellung folgt der Spinal Tap/Nigel Tufnel-Einstellung: Alle Regler auf Rechtsanschlag. Da das Eleven Rack Marshall-Amps mit 11er-Reglern nicht kennt, haben wir für den extra Schups über die Klippe noch den Green JRC Overdrive/Ibanez TS-808 Tube Screamer vorgeschaltet. Das ist zwar nicht historisch korrekt, aber die eingesetzte Fender Stratocaster mit ihren leistungsschwächeren Tonabnehmern braucht noch ein wenig Hilfe beim Anheizen des Amps, dessen 4x12er-Box mit den klassischen Celestion Vintage 30 Speakern ein Neumann U67 vorgesetzt bekam. Beim „Alternate-Take“ haben wir lediglich die Strat gegen die Fujigen Les Paul (siehe Kasten) ersetzt.Die Klangbeispiele vermitteln selbstverständlich nur eine Anmutung der Möglichkeiten, die sich dem Saitenartisten mit dem Eleven Rack bieten. Wir meinen, dass praktisch jeder Sound von Vintage bis Modern erzeugbar ist, wobei der Schwerpunkt schon die klassisch ausgerichteten Sounds sein dürften. Beide Soundfiles haben wir nur sehr zurückhaltend nachbearbeitet: Der neue Pro-Kompressor sorgt beides Mal für den finalen Kick, erweist sich dabei aber als musikalischer und keineswegs zerstörerisch agierender Kompressor. Die Pro Plug-ins sind nach unserem ersten Eindruck auf jeden Fall ein gutes Zusatzargument für die Anschaffung des Eleven Racks. Dass dieses rundum überzeugt und uns schon mal mächtig viel Spaß gemacht hat, wissen Sie, wenn Sie bis hier gelesen haben.

Fazit

Das Eleven Rack ist ein Klasse-Gerät und hat jede Menge Potential auch erzkonservative Gitarristen zur Digitaltechnik zu bekehren. Die emulierten Amps und Effekte klingen hervorragend, beim live Spielen stören keinerlei Latenzen, als USB Audio-Interface überzeugt das Eleven Rack mit den meisten DAW-Anwendungen, vor allem aber mit Pro Tools, das es in der aktuellen Vollversion dazu gibt: Hammer-Paket zum Hammer-Preis also.

Schönheit in Lemondrop


Normalerweise erwähnen wir die bei unseren Tests verwendeten Instrumente eher beiläufig, diesmal machen wir eine Ausnahme: Eine tragende Rolle beim Test des Eleven Rack spielte nämlich diese schöne Gitarre, eine FGN FGLS10LD Neo Classic LS Lemondrop des japanischen Herstellers Fujigen. Fujigen gehört zu den ältesten Gitarren-Herstellern in Japan, blickt auf eine über 50-jährige Unternehmens-geschichte zurück und versteht daher jede Menge vom Gitarrenbau. Um die Kompetenz der Japaner wissen auch andere: Immerhin fertigte Fujigen für Gibson die edle Orville-Serie für den innerjapanischen Markt und nach wie vor gehört die OEM-Fertigung zum Kerngeschäft des Unternehmens. Seit drei Jahren gibt es aber unter dem Label FGN eine eigene Gitarrenlinie, wobei die Instrumente der Neo Classic Reihe den günstigsten Einstieg in die FGN-Welt darstel-len. Es handelt sich bei den Neo Classic-Gitarren gewissermaßen um Edelkopien von Gibson- und Fender-Modellen mit Fujigen-eigenen Innovationen. Die uns vom deutschen FGN-Vertrieb Musik & Technik, die auch die Avid-Produkte vertreiben, zur Verfü-gung gestellte, hier zu sehende und auf Soundfile 1 und 2 zum Eleven Rack-Test zu hörende Gitarre, ist eine ausgezeichnete Ver-sion der berühmten Gibson Les Paul Standard. Dank der herausragend guten Verarbeitung und des patentierten Fujigen C(ircle) F(retting) S(ystem)s – ein spezielles Verfahren der Bundierung – sind Intonation und Bespielbarkeit der Gitarre ausgezeichnet. Klanglich übertrifft diese mit rund 1.500 Euro für eine Les Paul dieser Verarbeitungsgüte vergleichsweise günstige Gitarre meine eigene Gibson Les Paul Studio deutlich und dürfte auch so manche erheblich teurere Gitarre in Verlegenheit bringen. Sie liefert genau den singenden, fetten Ton, der ge-meinhin mit diesem Gitarrentyp verbunden wird und sieht auch noch richtig klasse aus, ein hochwertiges Gigbag gehört zum Lieferumfang. Daher: Wer nicht zwanghaft das amerikanische Original spielen muss, findet mit dieser FGN FGLS10LD eine sehr gute Alternative.

Erschienen in Ausgabe 03/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 919 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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