Gern etwas lauter…

Grenzflächenmikrofone werden traditionell mit Rednerpulten, Orchesteraufnahmen und Raummikrofonierung assoziiert. In den letzten Jahren hat sich aber auch eine Anwendung in lauten, bassgewaltigen Instrumenten wie Kickdrums oder Cajons durchgesetzt. Das neue TG D71c des deutschen Herstellers Beyerdynamic ist speziell für diese Anwendung optimiert.

Von Igl Schönwitz

Grenzflächenmikrofone sind ursprünglich entwickelt worden, um die Schalldruckverdopplung an schallharten Oberflächen, die einige akustische Vorteile bietet, optimal ausnutzen zu können (Details siehe Kasten zur Grenzflächentechnik). Das Ideal besteht dabei aus einer unendlich kleinen Kondensatormikrofonkapsel mit Kugelcharakteristik, die in einer unendlich großen schallharten Fläche integriert ist.

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Grenzflächenmikrofone für die Instrumentenabnahme

Abseits der traditionellen Anwendung einer Grenzfläche wird die Mikrofongattung in den letzten Jahren auch häufig zur direkten Instrumentenabnahme eingesetzt. Dabei gelten klar anderen Gesetzmäßigkeiten: Die Interferenz-freie Abbildung eines Raumes durch Platzierung des Mikrofons an einer möglichst großen Begrenzungsfläche spielt eine untergeordnete Rolle, stattdessen treten andere Vorteile in den Vordergrund:

Grenzflächenmikrofone liefern in Kickdrums und Cajons, aber auch im Deckel von Konzertflügeln und Upright-Pianos einen ungemein direkten Sound mit hervorragender Transientenwiedergabe, klaren Höhen und sehr tiefen Bässen. Darüber hinaus sind sie einfach und unkompliziert ohne Mikrofonständer zu positionieren. Für diese Anwendungsfälle wurden von einigen Herstellern spezielle Grenzflächenmikrofone entwickelt, die meist – in Abweichung zur traditionellen Grenzflächentheorie – Nierencharakteristik aufweisen. In der Kickdrum sind vor allem die Modelle Shure Beta 91A und Sennheiser e901 beliebt, die beide einen extrem druckvollen und durchsetzungsfähigen, allerdings auch etwas unnatürlichen Sound liefern. Nicht nur meiner Meinung nach geht der Eigenklang der Trommel dabei etwas verloren, weshalb diese Mikrofone für den natürlichen Ton im Livebereich gerne mit einem zweiten dynamischen Mikrofon kombiniert werden.

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Das TG D71c

Auch das Beyerdynamic-Mikrofon ist speziell für den Einsatz in der Bassdrum und in anderen bassstarken Instrumenten konzipiert. Dies äußert sich einerseits in der (Halb-)Nierencharakteristik und andererseits im extrem hohen Grenzschalldruckpegel von 148 dB. Laut Hersteller kann ein Mikrofon entweder auf höchstmögliche Rauschfreiheit oder auf maximalen Schalldruck optimiert werden – beim TG D71c wurde letzteres in den Fokus gerückt, was dem angestrebten Einsatzzweck gerecht wird.

Das TG D71c wurde in enger Zusammenarbeit mit namhaften Toningenieuren im praktischen Live-Einsatz mit unterschiedlich großen Beschallungsanlagen entwickelt und dabei immer weiter optimiert. Ziel war es, ein Mikrofon zu schaffen, das möglichst bereits ohne den Einsatz eines Equalizers einen überzeugenden Bassdrumsound liefert. Der im Datenblatt des Herstellers abgedruckte Frequenzgang spiegelt dies deutlich wieder: Von 30 Hz bis 1 kHz verläuft die Kurve praktisch linear, um dann auf ein Maximum von +11 dB bei 6 kHz anzusteigen, das sodann bei einigen kleinen Welligkeiten bis 20 kHz auf dem Niveau von +10 dB bleibt. Dieser Frequenzgang soll für einen Abstand von einem Meter zur Schallquelle gelten. Für einen Abstand von 5 cm ergibt sich laut dem Datenblatt zusätzlich ein massiver Anstieg der tiefen Frequenzen, der bei 50 Hz breites Maximum von +16 dB aufweist. Wie sich all dies in der Praxis auswirkt, wird der Hörtest klären.

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Technik, Gehäuse und Handling

Das TG D71c basiert auf einer Elektret-Kondensatorkapsel in Halbnierencharakteristik, die in einem genretypisch viereckigen flachen Gehäuse untergebracht ist. Auch wenn Elektretmikrofone lange Zeit als „Billigwandler“ verschrien waren, darf die Technologie heutzutage als klanglich solide und langzeitstabil angesehen werden.

Das Beyerdynamic-Mikrofon wird in einer gepolsterten Stofftasche geliefert, die es beim Transport sicher schützt. Allerdings macht die hervorragend verarbeitete Grenzfläche ohnehin einen praktisch unzerstörbaren Eindruck. Das schwarze Gehäuse wölbt sich zur Mitte hin in Form einer eleganten Sinushalbwelle nach oben und ist dadurch gerade hoch genug, um einer Standard XLR-Buchse Platz zu bieten. Neben dieser Buchse zeigt eine rote LED das Anliegen der notwendigen +48 Volt-Phantomspannung und damit Betriebsbereitschaft an.

Die Unterseite des Mikrofons bietet eine rutschfeste, gedämpfte Auflage und zwei Langlöcher, um die Grenzfläche an Schrauben aufhängen zu können. Schaltmöglichkeiten jedweder Art sucht man hingegen vergeblich.

Mit einer Grundfläche von 90 x 86 mm ist das TG D71c etwas kleiner als seine direkten Konkurrenten Shure Beta 91A und Sennheiser e 901, bringt dabei allerdings ein mit 413 g vergleichsweise stattliches Gewicht mit. Beides kommt einer flexiblen und dennoch stabilen Platzierung im Instrument entgegen, daher können wir hier bereits einen ersten Pluspunkt vergeben.

Messwerte

Die Empfindlichkeit des TG D71 c liegt mit 1,2 mV/Pa vergleichsweise niedrig – das kann sich allerdings auch als Vorteil erweisen, denn schließlich sollen hier laute Schallquellen abgenommen werden, die so weniger dazu neigen, den Vorverstärker zu übersteuern. Möchte man das TG D71c dagegen für leisere Instrumente wie einen Flügel verwenden, so sollte man einen entsprechend hochwertigen Vorverstärker einplanen. Der gemessene Geräuschpegelabstand von 58 dB gibt noch keinerlei Anlass zu Kritik.

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Praxis- und Hörtest

Den Hörtest begannen wir, indem wir das TG D71c zunächst im Deckel unseres Yamaha-Flügels installierten. Auch wenn das nicht der Einsatzzweck ist, für den das Mikrofon vordringlich entwickelt wurde, ist es doch eine häufige Anwendung einer Grenzfläche im Liveeinsatz. Es war uns einen Versuch wert. Unser Flügel wurde recht ausgewogen abgebildet, wobei er noch direkter und auch etwas unnatürlicher wirkte als mit den gewohnten Grenzflächen mit Kugelcharakteristik. Für Klassik- und Jazz- Studioaufnahmen wäre uns die Höhenanhebung des TG D71c zu viel gewesen, zumal die Höhen der Elektretkapsel für diese Anwendung ein wenig Eleganz vermissen ließen. Aber für High-End Studioanwendungen ist dieses Mikrofon auch nicht gemacht und im Liveeinsatz kann die Präsenzanhebung genau das letzte Bisschen Durchsetzungsfähigkeit liefern, die notwendig ist, um einen Flügel auf einer lauten Bühne hörbar zu machen. Hier kann die Beyerdynamic-Grenzfläche gute Dienste leisten.

Für den Einsatz am Schlagzeug konnten wir das Mikrofon im Rahmen einer Pop-Produktion im Studio testen. Wir hatten unsere Kickdrum bereits fertig mikrofoniert. Dabei benutzten wir in der Trommel ein dynamisches AKG D-112, das relativ weit am Schlagfell positioniert war. Von außen stellten wir ca. 35 cm vor dem Resonanzfell zusätzlich ein Brauner Phanthera Großmembranmikrofon auf. Für Pop-Produktionen ergibt diese Kombination – eine sorgfältige Ausrichtung der Phasenlage vorausgesetzt – sehr viele Möglichkeiten, die Kickdrum in den Mix einzubetten. Das D 112 bringt einen transientenreichen, aber nicht künstlich überbetonten Kick und das Brauner den Ton der Trommel. Übrigens arbeiten die Producer-Legende George Massenburg (Linda Ronstadt, Earth Wind and Fire und viele andere) und andere amerikanische Engineers häufig ganz ähnlich, allerdings verwendet George meist ein Neumann U 47 fet vor dem Resonanzfell.

Zusätzlich zu diesem Setup legten wir das TG D71c und eine Sennheiser e901 Grenzfläche zum direkten Vergleich in die Basstrommel. Wie auch das Shure Beta 91 hat das e901 einen brachialen Kick und Subbass. Es kommt damit vielleicht am ehesten dem Ideal einer Heavy-Metal-Kickdrum nahe, wofür diese Art der Mikrofonierung auch sehr gerne verwendet wird. Für Stilistiken, bei denen auf natürlicheren Sound Wert gelegt wird, kombiniert man diese Grenzflächenmikrofone daher – wie oben bereits beschrieben – gerne mit einem weiteren dynamischen Mikrofon.

Das TG D71c verhält sich hier interessanterweise etwas anders – meinem Eindruck nach hat es zwar durchaus Grenzflächen-Charakter, erhält aber dennoch mehr vom natürlichen Klang der Basstrommel als seine Konkurrenten. Gerade im Vergleich mit unserer auf natürlichen Klang ausgerichteten Studiomikrofonierung fiel das auf. Ich könnte mir daher durchaus vorstellen, mit dem TG D71c live auch als einzigem Bassdrummikrofon glücklich zu werden – und zwar nicht nur bei einer Heavy-Metal-Produktion.

Möchte man die Grenzfläche lediglich zusätzlich zu anderen Mikrofonen für eine Extraportion Transparenz und Druck verwenden, so ist man mit den Konkurrenzmodellen von Sennheiser und Shure besser bedient, da sie diese Disziplin einfach noch „gnadenloser“ liefern. In unserem Studiosetup brachte das e901 selbst dann den gewünschten zusätzlichen „Kick“, wenn es nur leise zugemischt wurde. Das Beyerdynamic war zu diesem Zweck etwas zu brav, da es der der konventionellen Mikrofonierung zu ähnlich tönte.

Dies ist keinesfalls als Kritik zu verstehen, ganz im Gegenteil: Wer eine Grenzfläche sucht, die als einziges verwendetes Mikrofon deutlich mehr vom Eigenklang seiner Trommel darstellt als die bekannte Konkurrenz, der wird mit dem TG D71c glücklich werden.

Fazit

Beyerdynamic`s Beitrag zum Thema „Grenzfläche für laute Instrumente“ ist ein hervorragend verarbeitetes Mikrofon, das sich technisch keine Schwächen leistet. Klanglich hat es eine durchaus eigene Koloratur, die sich durch ein vergleichsweise naturgetreues Klangbild wohltuend von der Konkurrenz abhebt, ohne seine Grenzflächen-Gene zu verleugnen.

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