Siegertypen

So selbstsicher wie die Vier dastehen, so standhaft bleiben sie im gesamten Testdurchlauf. Denn jedes der vier Mikrofone verfügt über Eigenschaften, die es zum Siegertypen machen.

Von Harald Wittig


Der letzte große Großmembran-Vergleichstest von Professional audio Magazin in Ausgabe 11/2006 liegt inzwischen auch schon knapp ein halbes Jahr zurück. Seitdem hat sich wieder einiges getan, denn kaum eine Mikrofon-Hersteller – ganz gleich ob es sich um ein Traditionsunternehmen oder eine kleinere Manufaktur handelt – ruht sich auf seinem Lorbeer aus. Die Leser von Professional audio Magazin wissen das, denn in den vergangen Ausgaben gab es immer wieder interessante Einzel – Mikrofontests wie beispielsweise den Test des Mojave Audio MA-200 aus den USA (Ausgabe 3/2007) oder Oktava/United Minorities MK-102 (Ausgabe 4/2007). Wer außerdem regelmäßig unseren News-Teil liest, weiß, dass es ständig Neuheiten auf dem Mikrofon-Sektor gibt. Leider ist es für eine Testredaktion unmöglich, jede Neuheit sofort und quasi brandaktuell zu berücksichtigen. Aber aufgeschoben heißt nie aufgehoben und selbstverständlich werden wir auch künftig Augen und Ohren nach interessanten Mikrofonen offen halten, denn eines ist sicher: Mikrofone sind unverzichtbarer Bestandteil der Aufnahmeausrüstung und geben immer Stoff für Tests.

Die diesmaligen Testkandidaten gehören zur Gattung der Großmembran-Kondensator-Mikrofone und damit zu jenem Mikrofontyp, der einfach ins Inventar eines Klangateliers gehört. Ob hier nicht auch ein Stück Prestigedenken hineinspielt – immerhin machen diese Mikrofone allein schon äußerlich mehr her als Kleinmembranmikrofone in Stäbchenbauweise – sei mal dahingestellt. Zumindest sind die Großkaliber nach wie vor gefragt als
(Gesangs-)Solistenmikrofon, die hier wegen ihres konstruktionsbedingt eigenen Klangcharakters besonders gefragt sind. Außerdem waren und sind die berühmtesten Studio-Mikrofone überhaupt Großmembran-Mikrofone, seit Georg Neumann, in den 30ger Jahren des vorherigen Jahrhunderts seine Erfindung mit der Entwicklung der legendären M 7-Kapsel auf eine neue Qualitätsstufe brachte, an der sich jahrzehntelang alle anderen Mikrofone messen lassen mussten. Der Name Neumann ist sogar für Laien, die selbst mit Aufnahmetechnik wenig bis nichts am Hut haben Synonym für ein Qualitätsmikrofon. Deswegen haben wir diesmal auch eine Neumann-Legende in den Test einbezogen: Das U 87 Ai, eines der berühmtesten Studio-Mikrofone überhaupt. Eines vergleichbaren guten Rufes darf sich das AKG C414 erfreuen, das innerhalb der AKG-Produktpalette eine herausragende Stellung einnimmt. Allerdings haben die Österreicher ihr Spitzenmikrofon nicht gründlich überarbeitet und wir sind gespannt, was hinter der markanten Fassade des neuen C414B XLS steckt. Der dritte Kandidat kommt von Down-Under aus dem Hause Røde: Das Classic II ist das derzeit teuerste Mikrofon im Angebot der australischen Mikrofon-Spezialisten. Obwohl es eine Neukonstruktion darstellt, passt es gut zum Neumann und dem AKG, denn Røde bewirbt das Classic II als „Röhrenmikrofon in bester Vintage-Tradition“. Beim Stichwort Röhre denken nicht wenige an Deutschlands Röhren-Mikrofon-Papst Dirk Brauner. Die beiden exzellenten Röhren-Mikrofone VM1 und VMX stehen in unserer Bestenliste noch immer unangefochten an der Spitze und sind die bisher einzigen Mikrofone, die sich mit dem Prädikat „Referenzklasse sehr gut“ schmücken dürfen. Daher sind die Erwartungen entsprechend hoch, wenn Brauner ein neues Mikrofon vorstellt. Das brandneue Panthera ist wie schon das Phantom ein Mikrofon in Transistortechnikabe, wurde auf der diesjährigen Musikmesse dem Licht der Weltöffentlichkeit präsentiert und ist unser vierter, nun tatsächlich superaktueller Prüfling.
Sie lesen auf den folgenden Seiten vier in sich abgeschlossene, kompakte Einzeltests, die mit ausführlicher Dokumentation unserer Messungen und detaillierter Klangbeschreibung jedem Mikrofon gerecht werden. Damit haben Sie schon mal eine Menge an Informationen an der Hand, die bei der Wahl des persönlichen Traummikrofons eine wertvolle Hilfestellung geben.

Der Hightech-Klassiker

Das AKG C414 gehört neben dem berühmten Röhrenmikrofon C 12 von 1953 zu den Meilensteinen in der 60-jährigen Firmengeschichte des Mikrofon- und Kopfhörerspezialisten aus Österreich. 1971 erstmals vorgestellt, war es das erste AKG-Mikrofon in Transistortechnik und gehört in seiner Erstausführung zu den heiß begehrten Sammlerstücken. Anlässlich des Firmenjubiläums hat AKG auch in einer limitierten Sonderserie eine Replik des Klassikers, der weltweit bei unzähligen Produktionen für den guten Ton sorgte, im Programm. Das zum Test vorliegende C 414B XLS stellt mit dem XLII die zeitgemäße Ausführung des großen Vorbilds dar. Auch wenn das äußere Erkennungszeichen, das markante Kastendesign des Mikrofons geblieben ist, so hat AKG das alterwürdige Vorbild im Laufe der Jahrzehnte gründlich überarbeitet, dabei aber – nach eigener Aussage – den Klang des alten C 414 ins 21. Jahrhundert hinüber portiert.
Das C 414 XLS hat wie sein Zwilling, das XLII, eine an der Vorderseite mit Gold bedampfte Doppel-Membrankapsel. Das Mikrofon hat im Gegensatz zum ersten C 414 alle Richtcharakteristiken im Angebot – also Kugel, breite Niere, Niere, Hyperniere und Acht. Die Wahl erfolgt direkt am anthrazitfarbenen Gehäuse über einen Wipp-Schalter mit dem Aufdruck „XLS“ unterhalb des Schutzgitters. Die ausgewählte Charakteristik wird jeweils mit einer kleinen, gelb-grünen Status-LED angezeigt. Dieses Ausstattungsmerkmal gehört übrigens zu den letzten Neuerungen beim C 414 und hat verströmt schon so etwas von High-Tech-Flair. Hinter dem Schalter und den grünen Glühwürmchen steckt ein recht pfiffiges Schaltungskonzept, dass durchaus einen gewissen praktischen Nutzwert hat: Zum einen bleiben die Einstellungen auch nach Deaktivierung der Phantomspannung erhalten, zum anderen ist es möglich eine bestimmte Einstellung für die aktuelle Aufnahmesitzung abzuspeichern. Dafür genügt es, für etwa drei Sekunden auf einen der beiden Richtungspfeile des Wahlschalters zu drücken und die eingestellte Charakteristik kann bis zur Trennung des Mikrofons von der Versorgungs-/Phantomspannung nicht mehr verstellt werden. Allerdings lassen sich die Einstellungen nur bei aktivierter Phantomspannung vornehmen – ohne Strom geht also nichts. Das ist nicht weiter tragisch, sollte nur bekannt sein, wobei das sehr ausführliche Handbuch insoweit alle Informationen liefert. Auf der Rückseite des Mikrofons finden sich zwei weitere Wahlschalter gleicher Machart: Der linke ist für die dreistufige Pegeldämpfung, der rechte für die Tiefenabsenkung oder Hochpassfilterung zuständig. Hier bietet das C-414 B-XLS die umfangreichste Ausstattung im direkten Vergleich zu den drei anderen Testkandidaten. Ganz exklusiv hat AKG dem Mikrofon sogar noch eine Übersteuerungsanzeige spendiert: Die aktive Richtcharakteristik-LED wechselt für etwa 0,3 Sekunden auf rot, wenn der Ausgangspegel des Mikrofons einen Wert von etwa zwei Dezibel unter der zulässigen Aussteuerungsgrenze erreicht oder überschreitet. In diesem Fall empfiehlt es sich, den Ausgangspegel über den Dämpfungsschalter um eine oder zwei Stufen, also um sechs oder 12 Dezibel zu reduzieren. Das hat für den klassischen Homerecordler, der in der Regel als Eizelkämpfer tätig ist und sich selbst aufnimmt gewisse Vorteile, in der Studiosituation darf der Nutzen angezweifelt werden – immerhin sieht der Mensch am Pult diese Übersteuerungsanzeige in der Regel nicht. Überhaupt sollte die kleine LED-Show des C-414 B-XLS nicht überschätzt werden, denn besser als die traditionellen mechanischen Lösungen der Mitbewerber ist sie sicher nicht. Ein nettes Feature aber allemal.

An der Verarbeitung des Mikrofons selbst gibt es nichts auszusetzen, insoweit ist das C-414 B-XLS ein Spitzenmikrofon von der Kapsel bis zum Schaft. Dabei ist es mit nur 300 Gramm angenehm leicht und sehr handlich. Beim Zubehör hat sich AKG nicht lumpen lassen und ein pralles Ausstattungspaket geschnürt woran sich einige Mitbewerber ein gutes Scheibchen abschneiden können: Im hochwertigen Alukoffer finden sich neben dem Mikrofon noch ein samtenes Schutzsäckchen, ein Windschutz, ein Pop-Schutz und vor allem die bewährte AKG-Kunststoff-Spinne (siehe Test des C 4000 B in Ausgabe 11/2006), die das C-414 B-XLS mittels eines Drehverschlusses sicher hält und sich im Test als effektiver Schockabsorber erweist.

Wir haben selbstverständlich für alle Charakteristika des Mikrofons die Frequenzgänge ermittelt, exemplarisch sind hier die Kurven für Nierencharakteristik und Kugel aufgeführt. Alle anderen Messkurven sind wie immer unter www.professional-audio.de herunterladbar. Messtechnisch erweist sich das C-414 B-XLS als mustergültiger Vertreter der Gattung Großmembran-Mikrofon: Der Frequenzgang für die Nierencharakteristik ist unter Berücksichtigung von leichten Reflektionen von Kabel und Stativ erstaunlich gleichmäßig. Die typische Höhenanhebung ab knapp unterhalb drei Kilohertz bleibt auch im Maximum bei etwa sechs Kilohertz unter fünf Dezibel und dürfte sich, wenn überhaupt, nur wenig auf den Klang auswirken. Bei der Kugelcharakteristik ist die Höhenspitze im selben Bereich geringfügig stärker und näher an fünf Dezibel, außerdem gibt es hier noch einen zweiten, kräftigeren Pegelanstieg zwischen zehn und 20 Kilohertz, der gleichwohl nur sechs Dezibel beträgt. Dafür weist der Frequenzgang erkennbar eine Anhebung im Bereich der unteren Mitten zwischen 200 und 500 Hertz, sowie eine noch stärkere Anhebung im Bassbereich, die maximal drei Dezibel beträgt, auf. Dies kann sich im Ergebnis klanglich stärker auswirken, sollte aber nicht zu verfrühten und voreiligen Schlüssen auf das Klangverhalten verführen: Denn nach wie vor sind Frequenzgänge nicht einmal die halbe Klangmiete, ebenso wichtig sind Auflösungsvermögen, Impulsverhalten und so weiter. Zum Test lagen uns übrigens zwei C-414 B-XLS vor und wir haben beide durch gemessen: Obwohl es sich nicht um ein gematchtes Stereopaar handelt, lassen die Messwerte auf das genaue Gegenteil schließen. Das spricht nicht nur für eine hohe Serienkonstanz, sondern bringt für den Anwender einen kaum zu unterschätzenden Vorteil: Wer sich zunächst nur ein C-414 B-XLS leisten kann und will, kann zur Ergänzung für Stereoanwendungen ein zweites immer noch später dazu kaufen.

Die Messwerte für die Empfindlichkeit (Vordämpfung nicht aktiv) liegen im Mittel bei 14 mV/Pa. Das C-414 B-XLS ist also ein eher leises Mikrofon, das vergleichsweise kräftig verstärkt werden will. Hier sind alle Anwender auf der sicheren Seite, die einen rauscharmen Vorverstärker (Geräuschpegel- und Fremdspannungsabstand bei -80 dB oder besser) ihr eigen nennen. Zumal dann sichergestellt ist, dass auf der Aufnahme kein Rauschen hörbar ist, denn mit sehr guten durchschnittlichen 80 Dezibel für den Geräuschpegelabstand, ist dem Mikrofon hohe Rauscharmut zu bescheinigen.

Der Klang des Mikrofons ist geprägt von einem starken Mittenband und guten Bässen, wobei die Höhen etwas zurückgenommen erscheinen. Daraus ergibt sich ein insgesamt schön ausgewogenes Klangbild mit einer warmen Grundtendenz. Es erinnert an das C 4000 B aus demselben Hause, das allerdings zusätzlich einen hörbaren Höhenschub hat. Wer Leadstimmen nach vorne bringen möchte und deswegen vom Mikrofon mehr Präsenz erwartet, wird beim C 414 B-XLS nicht fündig. Das heißt allerdings nicht, dass es sich nicht für Gesangsaufnahmen eignet: Aufgrund des unauffälligeren, runderen Höhen, leistet es sehr gute Dienste bei leicht aufdringlichen hohen Stimmen und klingt richtig klasse bei Querflöte – die Flötenaufnahmen machen mit diesem Mikrofon richtig Spaß. Auch sehr brillant klingende Stahlsaiten-Gitarren – nicht zu verwechseln mit billig-nasal – profitieren vom C 414 B-XLS: Hier klingt alles sehr viel feiner als mit schlichteren Mikrofonen, zumal das C-414 B-XLS ein deutlich besseres Impulsverhalten als das C 4000 B aufweist, was gerade der Transientenwiedergabe sehr zugute kommt. Bei sensiblen Instrumenten wie der Konzertgitarre kann das Mikrofon seine hohe Auflösung ausspielen, allerdings ist ein wenig Vorsicht bei bassstarken Meistergitarren wie unserem Testinstrument, der Kohno 30 J Professional, geboten: Hier können die Bässe bei schlechter Positionierung (Ausrichtung zu nahe am Schalloch) die oberen Frequenzbereiche allzu sehr zurückdrängen. Nach unserer Erfahrung zahlt sich ein sorgfältiger Soundcheck hier besonders aus, denn grundsätzlich passt das C-414 B-XLS sehr gut zu guten Konzertgitarren und ist auch für gute Klaviere eine sehr gute Wahl.

Fazit

Das C-414 B-XLS wird seiner Spitzenstellung im AKG-Programm gerecht: Mit gutem Impulsverhalten und hoher Auflösung bei einem ausgewogen, tendenziell warmen Klang macht es vor allem als Stützmikrofon bei der Instrumentenabnahme eine sehr gute Figur. Angesichts der klanglichen Qualitäten, der hochwertigen Verarbeitung, der Komplettausstattung inklusive ausgezeichneten Zubehörs ist das Preis-/Leistungsverhältnis überragend.

Der Auflösungsmeister

Dirk Brauners neueste Kreation, das Panthera, erweitert die eigene Produktpalette nach dem Phantom um ein weiteres phantomgespeistes Mikrofon mit FET-Schaltung. Wie das Phantom AE (Test in Ausgabe 11/2007) ist auch das Panthera sehr spartanisch ausgestattet: Der Hersteller verzichtet auf eine umschaltbare Richtcharakteristik, es gibt keinen Dämpfungsschalter und Filter glänzen ebenfalls durch Abwesenheit. Dafür ist auch das neue Brauner exzellent verarbeitet, die bewährte Spinne eigener Entwicklung gehört ebenso zum Lieferumfang wie ein hochwertiges Anschlusskabel von Vovox. Alles findet Platz im hochwertigen Alukoffer, der das wertvolle Mikrofon sicher vor Beschädigungen behütet. Mit einem Preis von rund 1.600 Euro ist das Panthera deutlich teurer als das Phantom AE, das zurzeit abverkauft wird und bei einigen Händlern für unter 1.000 Euro angeboten wird. Dafür soll – so jedenfalls die Auskunft der Brauner-Crew auf der diesjährigen Musik-Messe – das Panthera eine völlig neu entwickelte Kapsel haben, die einen Klangbild ermöglicht, das in die Nähe des fast dreimal so teueren Referenzmikrofons VM-1 komme. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass alle Brauner-Mikrofone nach wie vor von Hand in Deutschland gefertigt werden, was den Preis wieder relativiert.
Der Frequenzgang des Panthera ist bis kann unterhalb fünf Kilohertz recht ausgewogen, der Abfall im Bassbereich bis etwa 400 Hertz fällt mit nur zwei Dezibel gering aus und tritt hörbar kaum bis gar nicht in Erscheinung. Auffällig ist indes die deutliche Senke bei etwa sechs Kilohertz, die immerhin acht Dezibel beträgt. Auch wenn Frequenzgänge nur ein Indiz auf den tatsächlichen Klang eines Mikrofons geben, dürfte das Panthera damit eher rund und wenig präsent-hell klingen. Die Empfindlichkeit des Mikrofons ist mit 36,7 mV/Pa sehr hoch. Der gemessen Wert entspricht fast genau dem des Phantom AE (37 mV/Pa), das neue Brauner ist also auch ein sehr lautes Mikrofon bei dem der Mikrofonverstärker kaum ins Schwitzen kommen wird. Die Rauschgefahr ist also weniger evident als bei leisen Mikrofonen, zumal das Eigenrauschen des Panthera mit einem Geräuschpegelabstand von sehr guten 79,4 Dezibel gering ausfällt.

Das Panthera verblüfft uns beim Abhören der erstellten Testaufnahmen mit einer hochfeinen Auflösung, die auch bei einem Mikrofon der gehobenen Preisklasse nicht selbstverständlich ist. Auch feinste Details erfasst dieses puristisch ausgestattete Mikrofon, dass wir sowohl Sprach-, Gesangs- wie auch Instrumentalaufnahmen quasi wie unter einer perfekt korrigierten Hörlupe erleben. Dadurch erhalten auch Monoaufnahmen eine verblüffende Dreidimensionalität und Körperlichkeit, die schlichtweg beeindruckt. Damit spielt auch dieses Brauner-Mikrofon in allerbester Familientradition auf, die nur von Spitzenmikrofonen erreicht wird. Tatsächlich klingt das Panthera angenehm warm und samtig, allerdings erweist sich, dass sich die messtechnisch ermittelte Höhensenke im Klang wenn überhaupt, so doch nur sehr subtil auswirkt. Stattdessen sind die Höhen fein gezeichnet und besitzen eine eigentümliche Weichheit, die vor allem Stimmen hervorragend zu Gesicht steht. Das Panthera ist dabei weder Weichzeichner noch bildet es fotorealistisch wie zum Beispiel ein Microtech-Gefell M-950 (siehe Test auf Seite 52) ab. Es sorgt vielmehr für ein klares, scharfes Abbild mit weichem Verlauf und schöner Sättigung in warmen Farben.

Fazit

Das Brauner Panthera ist ein Mikrofon der Spitzenklasse, das mit hochfeiner Auflösung, eleganten weichen Höhen und einem fast dreidimensionalen Klang vor allem als Solistenmikrofon für Sänger und Instrumentalisten eine nachhaltige Empfehlung ist.

Die Legende

Das Neumann U 87 gehört zu den berühmtesten Großmembran-Kondensatormikrofonen überhaupt und nimmt innerhalb der Produktpalette des Berliner Mikrofonspezialisten eine herausragende Stellung ein. Seit 1967 ist das U 87 Mitglied des Neumann-Sortiments, darf also in diesem Jahr seinen Vierzigsten feiern. Der Rahmen dieses Tests würde beim Versuch, die Berühmtheiten aufzählen, denen das U 87 zu guter Stimme und zum guten Ton verholfen hat. Eines steht jedoch fest: Das U 87 ist das meistbenutzte Großmembran-Studiomikrofon der Welt. Dabei waren die Berliner im Laufe der Jahrzehnte erstaunlich zurückhaltend bei der Modellpflege: Vor gut zwanzig Jahren, 1986 um genau zu sein, wurde lediglich das elektrische Schaltkonzept überarbeitet, die Modellbezeichnung wurde um das Kürzel „Ai“ ergänzt. Anstelle der bis dahin im U 87 enthaltenen Batterien führten die Entwickler einen Gleichspannungswandler für die Polarisationsspannung der Kapsel ein, was die Betriebssicherheit des Mikrofons erhöhte, das Übertragungsmaß bei gleichem Schalldruck abhängig von der Richtcharakteristik um etwa acht bis zehn Dezibel anhob und gleichzeitig den Geräuschspannungsabstand um drei bis sechs Dezibel verbesserte. Am Herzstück des U 87, seiner Kapsel nahm Neumann, getreu dem Motto „Was gut und bewährt ist, darf bleiben, wie es ist.“ keine Modifikationen vor. Die Doppelmembrankapsel hinter dem markanten großen Drahtkorb ist elastisch gelagert, mit einem Schalter unterhalb des Korbes lassen sich die drei Richtcharakteristiken Kugel, Niere und Acht einstellen. Zwei Schalter auf der Rückseite sind zuständig für Vordämpfung und Hochpassfilterung zum Ausgleich des Nahbesprechungseffekts. Damit ist die Ausstattung vielleicht nicht üppig, aber praxisgerecht komplett.

Der Verarbeitungsgüte des U 87 Ai ist sehr hoch, wenngleich sich das Mikrofon äußerlich in vornehmer Zurückhaltung übt und nicht mit optischen Kinkerlitzchen protzt. Das es sich um ein Qualitätsprodukt handelt, merkt jeder spätens beim Verstellen der präzise rastenden Schalter, frühestens beim Berühren der ebenmäßig-glatten satinierten Gehäuseoberfläche. Schade allerdings, dass das U 87 Ai zwar im Edelholzetui, jedoch ohne jegliches Zubehör, geliefert wird. Die empfehlenswerte, weil sehr effektive Spinne EA 87 gibt es nur als optionales Zubehör. Damit erhöht sich der mit rund 2.700 Euro nicht eben günstige Grundpreis um weitere 360 Euro. Die Legende U 87 Ai gibt es eben nur zum Legendenpreis. Der kann zwar absolut angemessen sein, viel Geld – für die Meisten zu viel – ist es trotzdem.

Nach Aussage von Neumann, zeichne sich das U 87 Ai durch einen praktisch linearen Frequnezgang für die Charakteristika Niere und Acht aus. Nach unseren Messungen trifft das auf die Nierencharakteristik voll zu: Der Kurvenverlauf ist ausgesprochen gleichmäßig, die Höhenanhebung bei sechs Kilohertz beträgt nur etwa zwei Dezibel und ist damit vollkommen vernachlässigbar. Das gilt auch für den winzigen Bassabfall zwischen 30 und 50 Hertz, der zwei Dezibel nicht überschreitet. Der Frequenzgang der Achtercharakteristik ist im direkten Vergleich weniger linear: Auffällig ist der stete, dabei aber sehr gleichmäßige Abfall unterhalb 100 Hertz. Auch wenn der Abfall dramatischer aussieht, muss er sich nicht nennenswert negativ auswirken, da er bei 30 Hertz einen Maximalwert von kaum fünf Dezibel erreicht. Deutlicher kann sich da schon die kontinuierliche Anhebung im Präsenzbereich oberhalb einem Kilohertz bis knapp unterhalb sechs Kilohertz auswirken, allerdings muss das nicht ein präsenter oder gar scharfer Klang sein – immerhin liefern Frequenzgänge nur Hinweise, die klangliche Wahrheit lässt sich damit (zum Glück) noch nicht abbilden.
Mit den Messwerten für die Empfindlichkeit und den Geräuschpegelabstand wird das U 87 Ai seinem professionellen Anspruch gerecht: Im Mittel liegt der Geräuschpegelabstand bei etwa 80 Dezibeln, was einen sehr guten Wert darstellt. Den besten Wert mit beachtlichen 82,8 Dezibeln ermittelt das Messlabor hier für die Nierencharakteristik, wobei das U 87 Ai auch bei Kugel und Acht beharrlich über 79 Dezibeln bleibt. Zusammen mit der überdurchschnittlichen Empfindlichkeit von im Mittel 25 mV/Pa sind im Team mit einem standesgemäßen Preamp Rauschprobleme von vorneherein gebannt.

Bei Abhören der Testaufnahmen, die wir mit Stimme und verschiedenen akustischen Gitarren gemacht haben, wird deutlich, was den Erfolg des U 87 Ai ausmacht: Dieses Mikrofon ist der Klangtreue verpflichtet, ohne dabei in letzter Konsequenz allzu nüchtern und trocken zu klingen. Stimmen erhalten Plastizität und Kantenschärfe, dank der sauberen Transientenwiedergabe und der auch bei Achter-Charakteristik nie aufdringlichen Höhen, passt das U 87 Ai zu allen Stimmlagen. Allerdings beschönigt es auch nicht: Unangenehme Stimmen werden nicht verbessert, eine Stimmretusche über das Mikrofon ist im Falle der Legende ausgeschlossen. Wer es hier weniger naturalistisch mag, sollte nicht zum U 87 Ai greifen.
Obwohl das U 87 Ai bevorzugt als Gesangsmikrofon eingesetzt wird, leistet es auch bei der Instrumentenabnahme sehr gute Dienste, da es dem Primärton hart auf der Spur bleibt: Unsere Gitarrenaufnahmen klingen, abgesehen von der jeweiligen Leistung des Interpreten, vor allem nach dem, was die Instrumente hergeben und da hat eine edle, gut eingespielte Meistergitarre klanglich vor einer ordentlichen, recht neuen Schülergitarre eben die Nase deutlich vorne. Feine Klangvarianten erreicht der Anwender über die Positionierung, was bei weniger präzisen Mikrofonen weitaus schwieriger, mitunter überhaupt nicht möglich ist. Für uns wird damit auch nachvollziehbar, weshalb das U 87 Ai gerne für Klavieraufnahmen oder als Hauptmikrofon für Orchesteraufnahmen eingesetzt wird: Im ersten Fall beherrscht es auch einen gläsern intonierten Flügel, im zweiten Fall kann es – hier natürlich als Stereo-Set – den Klang des Ensembles im Raum bestens abbilden.

Fazit

Der Test des U 87 Ai beweist: Die Legende ist quicklebendig und nach wie vor auf der Höhe der Zeit. Für Puristen gehört das U 87 Ai sicherlich zu den Traummikrofonen. Leider wird es bei vielen beim Träumen bleiben, denn der durchaus angemessene Anschaffungspreis ist dem berechtigten Legenden-Status entsprechend hoch.

Das Röhrige

Wer den Namen Røde bisher vor allem mit Studio-Mikrofonen von nahezu unschlagbarem Preis-/Leistungsverhältnis verbunden hat, wird im Falle des neuen Classic II zunächst erst Mal die Augen reiben: Rund 1.900 Euro beträgt der Listenpreis des jüngsten Röhren-Großmembran-Mikrofons des australischen Herstellers. Damit ist das Classic II das bisher teuerste Røde-Mikrofon. Der vergleichsweise hohe Preis ergibt sich aus dem schlichten Umstand, dass für dieses Mikrofon den Entwicklern das Beste gerade gut genug war: Das Classic II wird komplett in Australien gefertigt, angeblich würden nur handverlesene Bauteile verwendet und auch beim umfangreichen Zubehör haben sich die Mikrofon-Spezialisten vom anderen Ende der Erde nicht lumpen lassen. Aber der Reihe nach. Das neue Röhrenmikrofon bekam eine völlig neu entwickelte Doppelmembran-Kapsel auf Basis der Kapsel des älteren Classic. Dabei sollte grundsätzlich der von Toningenieuren und Musikern geschätzte Vintage-Klangcharakter des Vorgängers erhalten bleiben, das Classic II soll diesen dank der Signalabnahme am Membranrand, verfeinerter Schaltung und höherwertiger Bauteile bis ins Letzte ausreizen. Ganz klassisch arbeitet das Mikrofon mit einer Doppeltrioden-Röhre. Anstatt neue Röhren aus russischer oder chinesischer Fertigung zu verwenden, dürfen im Inneren des Classic II nur originalverpackte Vintage-Röhren des Typs 6072 (entspricht den Typen 12AT7/ECC81) von General Electric die Vorverstärkung besorgen. Zu diesen so genannten New-Old-Stock-Röhren gesellt sich an der Ausgangsstufe ein speziell für das Classic II entwickelter Übertrager aus dem renommierten Hause Jensen hinzu. Auch nicht schlecht, denkt da spontan der Kenner, immerhin lässt auch der amerikanische Mikrofondesigner David Royer nichts anderes an seine Edel-Röhren- und Bändchenmikrofone. Für die optimale Verbindung ist ein doppelt geschirmtes, sauerstofffreies Kabel zuständig. Das Classic II bietet die Charakteristika Kugel, Niere und Acht, die über das Netzteil in neun Raststufen einstellbar sind.
Die Verarbeitung des Classic II ist dem Preis absolut angemessen und durchweg hochwertig: Der Mikrofonkorpus ist aus massivem Messing, das Nickelfinish ist erstklassig und wurde von Hand poliert. Als klanglich zwar unbedeutendes, aber dennoch optisch ansprechendes Leckerli markiert eine kleine goldfarbene Palette unter dem Schutzkorb die Einsprechrichtung. Einen weniger guten Eindruck hinterlässt indes die mitgelieferte Spinne. Bei ihr handelt es sich um Rødes-Standardaufhängung aus Kunststoff für Großmembranmikrofone, die auch günstigeren Mikrofonen wie dem nicht einmal halb so teureren Röhren-Mikrofon K 2 beigepackt wird. Eine massivere Ausführung wäre wünschenswert, denn das Classic II ist ein richtiger Bolide: Mit seinem Kampfgewicht von fast anderthalb Kilogramm zerrt es nämlich heftig am Stativ, so dass das Röhrentrumm einige Ansprüche an die Stabiltät des Stativs und die elastische Aufhängung stellt. Im Verlauf des Tests haben wir zwar keine Probleme, aber letztlich nur, weil wir uns um stoische Ruhe vor dem dicken Australier bemüht haben. Eine Zusatzinvestition in eine grundsolides Stativ und gegebenenfalls eine bessere Spinne sollte also einkalkuliert werden.

Im Messlabor erweist sich das Classic II als souveräner Vertreter der Gattung Großmembran-Mikrofon in Röhrentechnik. Die Frequenzgänge scheinen wie aus dem Bilderbuch für Großmembran-Mikrofone: Bei Nierencharakteristik ist der Frequenzgang weitgehend unauffällig, die typische Höhenanhebung bleibt mit etwas mehr als vier Dezibeln recht dezent. Deutlicher angehoben sind die Höhen allerdings bei Achtercharakteristik, hier ermitteln wir eine Maximalanhebung von acht Dezibeln. Allerdings erfolgt diese Anhebung nicht steil und abrupt, sondern recht gleichmäßig im Bereich von zwei bis zum Gipfel, um hernach ebenso gleichmäßig wieder abzufallen. Daher kann das Classic II womöglich in Achterstellung etwas crisper klingen, muss aber nicht. Zumal es sich um ein Röhrenmikrofon handelt und die hinzugefügten harmonischen Oberwellen könnten hier ein weichere Höhenwiedergabe begünstigen.
Das Classic II ist ein vergleichsweise leises Mikrofon, denn seine Empfindlichkeit beträgt nur durchschnittliche 12 mV/Pa. Daher stellt es gewisse Ansprüche an das Rauschverhalten des Mikrofonverstärkers, der seinerseits gute Werte für Fremd- und Geräuschspannungsabstand aufweisen sollte. Mit jeweils ungefähr -80 Dezibeln dürfte es insoweit keine Probleme geben, zumal das Classic II beim Geräuschpegelabstand mit ausgezeichneten Werte überzeugt: Diese bleiben im Mittel über 80 Dezibeln, würden auch einem Transistormikrofon gut zu Gesicht stehen und sind für ein Röhrenmikrofon hervorragend. Auch Dirk Brauners Flaggschiff, das VM-1 kann diese Werte kaum übertreffen.

Das Classic II besitzt einen eigen recht kernigen, direkten Klang, der aber nicht aufdringlich oder gar präsent ist. Wärme wird gerne mit der Röhre in Verbindung gebracht und genau das ist es nicht, was dieses Mikrofon auszeichnet. Vielmehr ist es eine gewisse Griffigkeit, mit der Stimmen aber auch Instrumente für den Hörer fassbar werden. Ein wenig erinnert das Mikrofon und die Pulte von TL Audio oder deren Vorverstärker PA-1 (siehe Test Ausgabe 6/2007). Soll heißen: Es ist ein Klang, der trotz des bei allen Charakteristika strahlenderen Höhenspektrums nicht aufdringlich oder scharf wirkt. Damit kommt das Mikrofon auch gut klar mit hohen Stimmen, denn hier scheinen die gradzahligen Klirranteile manche Spitze zu glätten. Bei tiefen Stimmen und Instrumenten wie einem gezupften Kontrabass dickt das Mikrofon dezent an und sorgt für ein wenig Speck um die schon breiten Hüften. Dieser vergleichsweise subtile Effekt geht gut ins Ohr, den klangliche Indifferenz sind für das australische Schwergewicht kein Thema. Sicher, dieses Mikrofon hält nicht viel von puristischer Klangtreue, Neutralität und dergleichen. Soll es schließlich auch nicht. Es bietet Eigenklang und den in durchaus eleganter Form.

Fazit

Das Røde Classic II ist ein sehr gut verarbeitetes Röhren-Mikrofon, das vor allem mit einem eigenständigen Charakter überzeugt und auf Neutralität pfeift – und genau das ist es, was Röhrenfans haben wollen.

Erschienen in Ausgabe 06/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1127 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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