Der kalifornische Kandidat: Roswell Delphos

Der kleine Mikrofonspezialist Roswell aus dem sonnigen Kalifornien wusste uns bereits vergangenes Jahr durch sein Mikrofonpaar MiniK47 zu überzeugen. Inzwischen hat die Produktfamilie Zuwachs bekommen und mit dem Delphos liegt nun ein „echtes“ Großmembran-Kondensatormikrofon vor.

Von Christian Stede

 

Großmembran-Mikrofone gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, oder wie Sanddünen in der kalifornischen Wüste, um es für unseren Fall treffender zu formulieren. Da gehört für eine kleine Manufaktur wie der von Roswell Pro audio aus Sebastopol in Nord-Kalifornien schon jede Menge Optimismus dazu, zu meinen, sich gegen die großen Platzhirsche auf dem Markt behaupten zu können. Das Produktportfolio der Amerikaner ist zudem nicht gerade umfangreich: neben dem hier getesteten Delphos gibt es nur noch die kleine Variante K47, sowie das Voice-Over-Mikrofon RA-VO. Allerdings: Wer erst einmal mit den Produkten von Roswell zu tun bekommen hat, wird den Namen so schnell nicht wieder vergessen. Denn dafür sind die klanglichen Meriten der Mikrofone einfach zu gut, wie unser Test gezeigt hat.

Edles Gehäuse

Das Delphos kommt in einem stabilen Hartschalenkoffer daher, der mit ausreichend Schaumstoff ausgeschlagen ist und auch noch Platz für die Mikrofonspinne und ein Etui bietet. Schon optisch hebt sich das Delphos positiv von vielen Mitbewerbern seiner Preisklasse ab. Die dunkelblaue Metalliclackierung wirkt besonders edel, ohne dabei angeberisch zu sein und die Verarbeitung ist exzellent. Die Dimensionen des Mikrofons bewegen sich mit einem Durchmesser von 50 mm und einer Länge von knapp 19 cm genau im Mittelfeld seiner Produktklasse. Der Korb ist in klassischem Silber gehalten, am Übergang zum Gehäuse liegen die beiden präzise schaltenden Kippschalter für die Wahl der Richtcharakteristik (Kugel/Niere) sowie für die Möglichkeit, den Pegel um 10 dB abzusenken. Über den üblichen XLR-Anschluss lässt sich das Delphos mit der obligatorischen 48 V-Phantomspeisung versorgen.

Warmer, druckvoller Sound

Um einen Eindruck von der Klangcharakteristik des Delphos zu gewinnen, setzen wir es zunächst für die Aufnahme von akustischem Klavier ein. Die Diskantsaiten des Instruments werden inklusive der Anschlagsgeräusche beeindruckend natürlich eingefangen. Dem Delphos gelingt es, ein fein differenziertes Klangbild zu zeichnen und dieses mit einer Wärme zu versehen, der an den Sound eines Röhrenmikros erinnert. Diese Weichheit geht aber keineswegs auf Kosten der Brillanz oder des Impulsverhaltens, auch in den höchsten Lagen verfärbt das Mikro den Klangeindruck nicht.

Beim Test wählten wir Klavierstücke ganz unterschiedlicher Stilistik. Der eigenständige Sound des Delphos kam bei langsamen Stücken wie Erik Saties „Gymnopédies“ besonders deutlich zum Tragen, wo es eine wahre Freude war, dem Ausklang der Saiten bis zur absoluten Stille zu folgen. Zur Aufnahme von seriellen Stücken (wie den Etüden von Philipp Glass) positionierten wir das Delphos mit ca. zehn Zentimeter Abstand zum Klangkorpus, mit der Membran direkt auf die Saiten gerichtet. Die Räumlichkeit, die sich bei dieser Position alleine bei gebrochenen Akkorden innerhalb von nur einer Oktave ergab, zieht den Zuhörer sofort in ihren Bann.

Pianisten werden mit dem Delphos auf jeden Fall ihre Freude haben. Um den Gesamtsound im Raum einzufangen und das Stereopanorama komplett abzubilden, sollte man jedoch zusätzlich auf ein Kleinmembran-Kondensatormikrofon einsetzen.

Auch vor dem Gitarrenamp machte der kalifornische Kandidat eine gute Figur. Aufgrund des röhrenähnlichen, warmen Sounds lässt es sich gut für angezerrte Vintage-Klänge à la Lenny Kravitz einsetzen. Probleme mit hohem Schalldruck traten auch dann nicht auf, als wir auf den Spuren von Dave Murray wandelten und den Gain-Regler noch etwas weiter aufdrehten. Aber auch wenn man sich für cleane Sounds auf der Akustikgitarre entscheidet, gibt das Delphos eine sehr gute Figur ab. Es gibt die Zupfgeräusche präzise wieder, ohne dabei auch nur im Ansatz zu spitz zu klingen. Das Klangbild blieb stets warm, harmonisch und ausgewogen, ohne den Zuhörer dabei einzuschläfern, und dabei gleichzeitig detailliert und transparent.

Zu guter Letzt haben wir das Delphos dann auch noch für weibliche Gesangsstimme eingesetzt. Sofern die Sängerin über das entsprechende Organ verfügt, fängt das Delphos, die gesamte Bandbreite und damit die Charakteristik einer Stimme umfassend ein, wobei man über die gewählte Richtcharakteristik sehr gut einstellen kann mit welcher akustischen Räumlichkeit die Gesangsaufnahme im Mix platziert wird. Der Autor selbst singt zwar nicht, spricht aber gelegentlich Texte für Hörbücher ein. Auch zu diesem Zweck musste das Delphos herhalten und lieferte wieder einmal sehr überzeugende Ergebnisse. Modulationen kommen sehr gut heraus, von einer Tendenz zum muffigen Klang bei Nahbesprechung war weit und breit nichts zu spüren.

Fazit

Das Roswell Delphos entpuppt sich als eine echte Bereicherung im nicht gerade kleinen Angebot an Großmembrankondensator-Mikrofone. Es überzeugt durch seinen eigenen, charaktervollen, warmen und druckvollen Sound. Zudem bietet es eine erstklassige, liebevolle Verarbeitung. Wer einen typischen, individuellen Klang abseits des Mikrofon-Mainstreams sucht, für kann das Delphos eine sinnvolle Investition sein.

Erschienen in Professional audio 09/2017

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