Patchwork-Membran

Um die Nachteile großer Membranen zu umgehen und deren Vorteile voll auszureizen, hat sich der japanische Mikrofonspezialist Audio-Technica mit dem AT5040 etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Das neue Flaggschiff der 50er-Serie setzt bei der Kapselkonstruktion auf innovatives Membran-Patchwork und ein rechteckiges sowie vierteiliges Wandlerelement.

Von Michael Nötges 

Wer hätte das gedacht? Das Ende der Fahnenstange in puncto Mikrofonentwicklung und Kapselkonstruktion scheint noch immer nicht erreicht. Vielerorts vernimmt man die Unkenrufe, denen zufolge technisch seit den 1950er Jahren gerade bei der Mikrofonherstellung keine wesentlichen Fortschritte festzustellen sind. Deshalb erfreuen sich bis heute wertvolle Raritäten wie das Neumann U47 oder M50, AKG C12, UM 75 von Microtech-Gefell oder Telefunken ELA M 250 immer noch großer Beliebtheit. Ob Wahrheit oder reaktionäre Fortschrittsphobie, der Vintage-Hype ist auch bei Mikrofonklassikern, für die in gutem Zustand viel Geld bezahlt wird, nicht von der Hand zu weisen. Wer aber wirklich glaubt, die Entwickler hätten längst die Füße hochgelegt und ihre Innovationskraft verloren, der irrt.
Bestes Beispiel ist das neue AT5040 von Audio-Technica, mit dem die Entwickler zwar das Rad auch nicht neu erfunden haben, allerdings mit dem rechteckigen Wandlerelement und der viergeteilten Großmembran ganz neue Wege im Mikrofonbau einschlagen. Das Flaggschiff der neuen 50-er-Serie stellt sich dabei als hochwertiger Gesangs- und Sprachspezialist mit fixer Nierencharakteristik vor, welcher sich im Studiobetrieb mit Sicherheit auch für die Abnahme akustischer Instrumente empfiehlt. Geliefert wird der Edelschallwandler mit der Spinne AT8480, die – soviel sei hier schon verraten – aufgrund ihres intelligenten Arretiermechanismus‘ ihresgleichen sucht. Außerdem ist ein strapazierfähiger Kunststoffkoffer, ausgekleidet mit Schaumstoff, Teil des Lieferumfangs. Kostenpunkt für das Innovationspaket: 3.558 Euro

Der Clou ist wie gesagt die Kapselkonstruktion des AT5040, das von außen wie ein herkömmliches Studiomikrofon wirkt, wobei die Verarbeitung des Gehäuses (Schaft: Messing) und Korbes (doppeltes Aluminiumgeflecht) ohne Fehl und Tadel ist und einen edlen und gleichzeitig robusten Eindruck macht. Die Kapsel im Innern des Korbs ist durch einen zusätzlichen Absorptionsmechanismus gesichert, um zusätzlich zur Spinne Tritt- und Körperschall bestmöglich zu unterbinden. Die Kapselkonstruktion selbst fußt auf einem Aluminiumsockel.
Alles andere als herkömmlich ist das proprietäre Wandlerelement mit der überdimensionierten Rechteckmembran. Letztere besteht aus vier Teilelementen, die zu einer Art Patchwork-Segel zusammengefasst sind. Die Gesamtfläche der messinggerahmten Membranen beträgt satte 1.017,6 mm² (4 x 254,4 mm²). Zum  Vergleich: Um die gleiche Fläche mit einer runden Kapselkonstruktion zu erreichen, müsste deren Membrandurchmesser 36 Millimeter betragen. Eine herkömmliche Großmembran misst 25,4 Millimeter und hat eine Fläche von 506,7 mm² (siehe Spezialkasten). Damit ist die Membranfläche des AT5040 also mehr als doppelt so groß.
Die Informationen der einzelnen Membransegmente werden in einem speziellen Summier-Schaltkreis zum Ausgangssignal zusammengefasst. Dabei sind die rechteckigen Teilmembranen – Mikrofonhersteller wie Milab (Test des DC-196 in Heft 5/2008) oder Pearl (Test des OM16, CC22, ELM-C, DS60 in Heft 9/2012) setzen seit Jahren auf diese Bauform – goldbedampft und gerade einmal zwei Mikrometer stark. Der Clou: Durch die Aufteilung in vier kleinere Teilmembranen wird die unvorteilhafte Massezunahme bei großen Membranen und die daraus resultierende schlechtere Transientenansprache vermieden. Außerdem legt Audio-Technica besonderen Wert auf die Gleichheit der Vierlinge. Es handelt sich laut Hersteller sozusagen um ein akribisch überprüftes matched Quartett. In dem Zusammenhang weist Audio-Technica zusätzlich darauf hin, dass beim AT5040 ausschließlich diskrete Bauteile per Hand verbaut werden und jedes Mikrofon einzeln auf seinen Qualitätsstandard überprüft wird.
Jetzt interessiert mich aber doch noch genauer, warum denn die Membranen rechteckig sind. Christian Kissels, vom technischen Vertrieb bei Audio-Technica, weiß warum: „Es gibt zwei Gründe für die rechteckigen Membranen. Zum einen geht es natürlich um die lückenlose und platzsparende Anordnung der vier Teilmembranen. Zum anderen entsteht durch die rechteckige Form eine gerichtete Nierencharakteristik in der Vertikalachse.“ Rechteckigen Kapseln wird außerdem eine klangliche Mischcharakteristik zwischen Groß- (vertikal) und Kleinmembran (horizontal) nachgesagt.
Passend zum edlen Mikrofongehäuse präsentiert sich auch die mitgelieferte Spinne. Die halbkreisförmige Aufhängung ist nach vorne geöffnet und ohne Zweifel ein kleines mechanisches Meisterwerk. Obligatorische Gummibefestigungen sorgen für Tritt- und Körperschallschutz. Höhepunkt ist sicherlich der Arretiermechanismus: Das Mikrofon lässt sich komfortabel von vorne in die Vorrichtung schieben. Sobald der Mikrofonschaft in der richtigen Position ist, schließen sich mit einem sanften Klicken zwei Haltebügel und umfassen das Mikrofon sicher. Mit einem sanften Druck lässt sich der Klickmechanismus wieder lösen und das Mikrofon ohne Probleme aus seiner Umklammerung befreien. Damit sich die Arretierung nicht versehentlich lösen kann, gibt es einen Verriegelungshebel. Ist dieser geschlossen, lässt sich das Mikrofon nicht entnehmen und kann auch nicht durch unglückliche Umstände aus der Halterung rutschen. Dafür muss dann die Spinne erst wieder entsichert werden. Im Test ist es eine wahre Freude, das rund 580 Gramm schwere Mikrofon in der präzise gearbeiteten Spinne zu arretieren, das sich auf diesem Weg auch sicher kopfüber montieren lässt. Außerdem ist der Austausch eines Mikrofons mit gleichem Schaftdurchmesser (57 Millimeter) kinderleicht möglich, falls beispielsweise ausprobiert werden soll, welcher Schallwandler am besten zur jeweiligen Stimme oder Aufnahmesituation passt.

Im Messlabor zeigt sich das AT5040 in sehr guter Form. Zum einen – das ist bei der großen Membranfläche kein Wunder – ist die Empfindlichkeit mit 37,5 mV/Pa sehr hoch. Damit sind auch Aufnahmen von leisen Schallquellen kein Problem. Außerdem werden angeschlossene Preamps bereits mit reichlich Pegel versorgt und müssen weniger ackern, was die Verstärkerauswahl sehr flexibel macht. Zum anderen liegt der Geräuschpegelabstand bei 78,8 Dezibel. Damit zeigt sich das AT5040 auf Augenhöhe mit Spitzenklasse-Mikrofonen wie dem Brauner Phantera (Test in Heft 6/2007: 79,4 Dezibel) und dem Neumann TLM 49 (Test in Heft 11/2006: 80,0 Dezibel), die allerdings mit 1.590 und 1.560 Euro deutlich günstiger sind oder dem Josephson C716 (Test in Heft 12/2012: 79,9 Dezibel), welches hingegen in der gleichen Preisliga spielt (3.690 Euro).
In der Praxis sammelt zunächst die Spinne reichlich Pluspunkte, weil das Handling des Mikrofons und der Halterung einfach sensationell komfortabel vonstatten geht. Aber auch klanglich kann sich das AT5040 hören lassen. Zunächst nehme ich Gesang und Sprache auf. Die Auflösung ist sehr gut und die Abbildung des Timbres in allen Einzelheiten sehr detailgetreu und natürlich. Auffällig ist zum einen das insgesamt üppige Klangbild, was die Stimme etwas größer erscheinen lässt, als sie in Wahrheit ist. Zum anderen kommen Zischgeräusche sowie die Abbildung von Transienten, gerade bei Plosivlauten und der Aussprache anderer Konsonanten, angenehm abgerundet und sehr unaufdringlich ohne an Präzision einzubüßen. Dabei klingt das AT5040 in den Höhen offen und insgesamt sehr transparent. Der Nahbesprechungseffekt ist durchaus vorhanden und lässt sich besonders bei der Aufnahme von Gesang oder Sprache gezielt und sehr effektvoll einsetzen, womit sich sehr intime und kraftvolle Sprach- und Gesangssounds kreieren lassen. Auffällig ist allerdings auch, dass die Höhen deutlich weniger stark abgebildet werden, wenn das Mikrofon off-axxis besprochen wird (siehe Frequenzgang). Klingt ein Signal zu spitz, wirkt eine leichte Verschiebung der Achse Wunder, um den Sound zu entschärfen.
Aber auch bei der Aufnahme einer Steelstring-Gitarre schöpft der Testkandidat aus dem Vollen. Präzision und Detailreichtum sind geblieben und vor allem macht sich die angenehme Transienten-Abbildung bei Anschlags- und Rutschgeräuschen sehr gut. Dabei klingt das Instrument natürlich aber auf eine subtile Weise kraftvoll und gleichzeitig offen und insgesamt sehr ausgewogen.

Fazit

Das neue Profi-Flaggschiff von Audio-Technica weiß sowohl klanglich als auch konstruktionstechnisch zu überzeugen und spielt die Vorteile seiner innovativen Kapselkonstruktion in puncto Impulsverhalten, detailgetreuer Abbildung und charaktervoller Transientenveredelung voll aus. In Anbetracht des hohen Fertigungsniveaus und der exzellenten Spinne geht auch der stolze Anschaffungspreis von rund 3.560 Euro in Ordnung.

Erschienen in Ausgabe 03/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 3558 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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