Der Hall-Kaiser

Der Hall an sich gilt als Königsdisziplin bei der Musikproduktion. Beim Software-Hall stehen Faltungshall Plug-ins in der Anwender-Gunst ganz oben, wenn Natürlichkeit oberstes Kriterium ist. Der Altiverb gilt nach wie vor als Faltungshall-Referenz und Audio Ease sind sehr darauf bedacht, dass auch die neuste Version 6 die Kaiserwürde behält.

Von Harald Wittig  

Die im niederländischen Utrecht beheimatete Softwareschmiede Audio Ease gelten als Vorreiter in Sachen Faltungshall. Auch wenn die Niederländer nicht die ersten waren, deren Softwarehall auf dem mathematischen Prinzip der Faltung basierte, so war Altiverb doch das erste native, in Echtzeit arbeitende Faltungshall Plug-in überhaupt. Anfangs nur für Mac OS X erhältlich und bis zur Version 4 ohne nennenswerte Eingriffsmöglichkeiten ausgestattet, fand der Altiverb vom Start weg seine Anhänger: „Bester Hall aller Zeiten“, „Altiverb ist die Offenbarung“, „Beeindruckend realistische Räume“ lauten Aussagen von Fachleuten, mit der Audio Ease´ Referenz-Hall geehrt wurde. Dabei betont Audio Ease-Chef Arjen van der Schoot voller Selbstvertrauen: „Unser Erfolg gründet sich in erster Linie auf die umfangreiche Library mit Impulsantworten. Um erstklassige Impulsantworten der weltbesten Räume und Säle zu bekommen, haben wir spezielle Software und Aufnahmeverfahren entwickelt, die Fehler ausschließen. Wir sind überzeugt, dass wir beim aktiven Samplen der Räume die Besten sind. Die Library wird ständig erweitert und ich meine, dass sie mehr als jeder Parametersatz den eigentlichen Wert unseres Altiverbs ausmacht.“

Trotz dieses klaren Bekenntnisses zum Wesentlichen, also den Impulsantworten (IRs), erfuhr die Benutzeroberfläche des Altiverb mit der Version 5 eine grundlegende Überarbeitung. Version 5, im Jahr 2005 für den Mac und letztes Jahr erstmals für Windows-Rechner erhältlich, bot mit einem umfangreichen Parametersatz völlig neue und bisher ungekannte Eingriffsmöglichkeiten in den Altiverb beziehungsweise in die IRs. Altiverb 5
verdiente sich bei unserem Test im Rahmen des Hallsonderteils in Ausgabe 8/2007 das Prädikat „Spitzenklasse sehr gut“. Inzwischen ist ein gutes halbes Jahr vergangen und Audio Ease haben schon wieder eine neue Version vorgestellt, den Altiverb 6. Grund genug für uns, des Kaisers neue Kleider einem ausführlichen Praxistest zu unterziehen, der sowohl dem Neueinsteiger als auch dem erfahrenen Altiverb-Anwender Antwort auf die Gretchenfrage gibt: „Lohnt die Anschaffung beziehungsweise der Aufstieg?“

Der Altiverb 6 wird von Audio Ease in zwei Ausführungen angeboten, wobei die Benutzeroberfläche und die IR-Library jeweils gleich sind. Als Grundausführung, „Regular“ genannt, kostet Altiverb 6 beim Erstkauf rund 500 Euro, für erweiterte XL-Ausführung sind knapp 850 Euro anzulegen. Günstiger kommen Eigentümer des Altiverb 5 davon: Der Aufstieg auf Altiverb 6 Regular ist kostenlos, unabhängig davon, ob der Benutzer die native oder die HDTM-Ausführung der Vorversion hat. Für Benutzer des Altiverb 5 HDTM schlägt die XL-Ausführung mit 85 Euro zu Buche, wer die native Version hat, muss etwa 350 Euro zahlen. Wie so oft  liegt der Preisunterschied im Ausstattungsdetail, daher im Folgenden ein Überblick über den Funktions- und Leistungsumfang beider Ausführungen.

Altiverb 6 Regular wird mit der kompletten Library geliefert, neue Impulsantworten können wie gehabt von registrierten Benutzern kostenlos unter www.audioease.com herunter geladen werden. Das klangentscheidende
Herzstück von Altiverb, die IR-Library ist mithin in beiden Versionen gleich. Das gilt im Wesentlichen auch für die Benutzeroberfläche. Wie gehabt bietet Altiverb 6 Regular Stereohall, also echte Stereo-Impulsantworten, ist hierauf aber auch beschränkt. Die höchstmögliche, unterstützte Samplingrate beträgt 96 Kilohertz. Unterstützte Schnittstellen sind VST, UA und RTAS, eine HDTM-Ausführung, wie noch für Altiverb 5, gibt es für Altiverb 6 Regular allerdings nicht. Grundsätzlich arbeitet Altiverb 6 Regular auch mit Intel Macs zusammen, allerdings müssen sich Cubase 4-Anwender noch gedulden, denn derzeit läuft Altiverb 6 nur unter Nuendo und Cubase SX 3 auf Intel-Macs, für das Frühjahr hat Audio Ease aber ein Update angekündigt. Dagegen gibt es mit Cubase 4 keine Probleme auf Power PCs.

Altiverb 6 XL bietet erstmals in der Altiverb-Geschichte Quadräume (Monoeingang-Vier-Ausgang/ und Stereoeingang-Vier-Ausgang), auf deren Grundlage die erweiterte Ausführung auch ein Center- und ein LFE-Signal [G] generiert. Dieses wird zusätzlich zu den Front- und Rear-L/R-Signalen ausgegeben. Damit ist jetzt auch Surround-Hall bis 5.1 möglich. Die XL-Ausführung unterstützt Samplingraten bis maximal 384 Kilohertz für
DSD-Produktionen, vorzugsweise auf Pyramix-Systemen. Der Normal-User, der über derartiges Edel-Equipment nicht verfügt, darf sich gleichwohl über die Unterstützung von Abtastraten bis maximal 192 Kilohertz freuen.

Nach Bekunden der Entwickler sei die eigentliche Hauptneuerung die TDM-Unterstützung: Altiverb 6 XL ist lauffähig als echtes TDM-Plug-in, wird also nicht, wie noch Altiverb 5 HDTM von der CPU des Hostrechners, sondern von den DSPs der Pro Tools-Hardware berechnet. Allerdings funktioniert dies bislang nur reibungslos mit einem Pro Tools System, das unter Mac OS X läuft und in eine in den Mac eingebaute HD Accel PCI- oder PCIe-Karte hat. Nach wie vor kommt es bei Verwendung eines externen Expansion Chassis zu Abstürzen, wer Pro Tools mit Windows-Rechnern verwendet, bleibt ganz außen vor. Die Entwickler haben aber bereits versprochen, insoweit bis zur Jahresmitte nachzubessern.   
Es habe Audio Ease ein ganzes Jahr gekostet, um mit Altiverb 6 XL die bisherige Beschränkungen der Pro Tools eigenen HD Accel-Karten zu überwinden. Im Gegensatz zum Faltungshall-Konkurrenten TL Space von Trillium Lane
Labs, der für die Ausgabe von Stereohall zwei Chips beschäftigt, gebe sich Altiverb 6 XL mit nur einem DSP-Chip zufrieden. Während TL Space auf höchstens 3 Sekunden Hall beschränkt ist, schaffe Altiverb 6 XL bis zu 25 Sekunden. Allerdings steige die Belastung der DSP-Chips dann gewaltig – mit einer HD Accel Karte kommt der Anwender folglich nicht mehr hin. Wer jetzt die Nase rümpft, dem sei das Altiverb User Forum wärmstens empfohlen: Es gibt einen neuen Eintrag von Arjen von der Schoot, wo er höchst selbst praxisgerechte Tipps zum effizienten und gleichzeitig effektiven Einsatz des Altiverb 6 XL als TDM-Plug-in gibt („Getting the most out of Altiverb & Pro Tools, www.audioease.com/cgi-bin/forum/YaBB.cgi.

Inzwischen ist die IR-Library über ein Gigabyte groß. Bei unserem Test des Altiverb 5 in Ausgabe 9/2006 waren es noch rund 800 Megabyte. Die Bibliothek wächst und gedeiht also, wobei es einige neue Leckerlis gibt, bei deren bloßer Nennung Kenner mit der Zunge schnalzen. Die Sammlung an Konzertsälen beispielsweise wurde um das Filmorchester Studio 1 Berlin, die Vredenburg Concert Hall Utrecht, das Concertgebouw Brügge und zuletzt um die LA Philharmonic Disney Hall ergänzt. Die so genannten Scoring Stages erhielten Zuwachs um die Trackdown Scoring Stage Sydney und das legendäre Teldex Studio Berlin. Für fast alle Räume gibt es nun wenigstens eine Quad-Impulsantwort für Surround-Anwendungen, ausgewiesene und umfangreichere Quad-IR-Sets hält Audio Ease allerdings nur für ausgewählte Räume bereit, darunter unter anderem die Mechanical Hall (Worchester, USA), die Vredenburg Concert Hall und das Westlake Studio D.
Es empfiehlt sich für alle Altiverb-Anwender, ein wenig auf der Webseite des Herstellers zu stöbern und gegebenenfalls die vorhandene Bibliothek zu ergänzen. So gibt es seit Neusten auch abgefahrene IR-Sets wie „Planes and Helicopters“ und „European Cars“, die vorzugsweise klanggestaltend oder für die Postproduktion eingesetzt werden sollten. Dagegen hat sich nichts getan bei den gesampelten Hardware-Hallgeräten. Zwar gibt es auch hier Feines wie Lexicon 480L, EMT 250 oder auch einen Federhall wie den Fender Super Reverb, aber Hardware-Hallgeräte sind nicht wirklich die Domäne von Audio Ease. Nicht umsonst steht auf jeder zweiten Seite des knappen Handbuchs unmissverständlich: „Betrachten Sie den Altiverb als einen klassischen Hallraum“. Folgerichtig setzen van der Schoot und sein Team auf das möglichst perfekte Sampeln real existierender Räume, in denen, wie dereinst, die trockene Aufnahme ausgespielt und hernach gemischt wird. Deswegen wurden die Hardware-Samples auch nicht vom Audio Ease-Team, sondern von Anwendern erstellt.

Die Arbeit mit dem Altiverb ist mit der neuen Version noch einfacher und bequemer geworden. Der neue IR-Browser (siehe Screenshot, Seite XX) erhöht den Arbeitsfluss spürbar, da die Popup-Menüs des Altiverb 5 mit den beiden
6er-Versionen passé sind. Eine versteckte Neuerung, die auch das Handbuch verschweigt, ist der Doppel-Klick-Trick: Wenn der Benutzer sich ein IR-Set im linken Browser-Fenster ausgesucht hat und zweimal auf den Eintrag klickt, wird automatisch die nach Auffassung von Audio Ease beste Impulsantwort geladen. Gerade der Einsteiger kann sich damit ohne Mühe einen ersten Eindruck vom Klangpotenzial des Altiverb verschaffen.

Die Anzahl der Einstellparameter hat sich gegenüber Altiverb 5 – mal abgesehen von dem Surroundmixer der XL-Version – nicht erhöht. Muss auch nicht sein, denn die Vorversion bot hier bereits ein für ein Faltungshall-Plug-in fettes Ausstattungspaket (siehe hierzu den Ativerb 5-Test, Ausgabe 9/2006). Neu sind allerdings die insgesamt 40 Speicherplätze, wo der Anwender verschiedene eigene Einstellungen für bevorzugte Impulsantworten ablegen kann. Erweitert unter anderem um den Parameter Stage Position (siehe Spezialkasten „So klingt ´s konzertant mit Altiverb“, Seite XX) können so beispielsweise Filmkomponisten ihre bevorzugten Einstellungen für Ensembles oder Orchester für den persönlichen Lieblingsraum Raum abspeichern und bequem abrufen.
Wie schon mit Altiverb 5 macht die Arbeit auch mit der 6er-Ausführung Spaß: Das liegt zu einen an der übersichtlichen GUI, der für einen auf Faltungshall sehr effektiven Eingriffsmöglichkeiten und den guten Presets, die Audio Ease beigepackt haben. Gerade Einsteiger haben damit schnell Erfolgserlebnisse,
Fortgeschrittene können sich ihre persönlichen Favoriten zurechtschneiden und als „Automation Presets“ abspeichern.

In klanglicher Hinsicht bietet Altiverb 6 alle Vorzüge der Vorversion, soll heißen: Alle Räume, also auch die kleinen, klingen toll und mit ihrer ganz eigenen Charakteristik. Kein Raum ist – ganz wie in Wirklichkeit – wie der andere und es lohnt sich für den Altiverb-Neuling, eine gewisse Zeit für das Kennen lernen der vielen IR-Sets zu investieren. Hier spielt ganz klar das persönliche Klangempfinden und der eigene Geschmack die Hauptrolle. Deswegen geben wir im Folgenden keine Empfehlungen im strengen Sinne, sondern nennen Ihnen unsere persönlichen Favoriten, die sich in mehrmonatiger Arbeit mit dem Altiverb herauskristallisiert haben: Ein ganz heißer Tipp, besonders für akustische Musik, die sich an der Klassik orientiert, sind die IR-Sets
Filmorchester Studio 1 Berlin und Teldex Studio. Wir sind jedenfalls der Meinung, dass sowohl Ensemble-Aufnahmen als auch Soloinstrumente wie Konzertgitarre oder Klavier sich ausgezeichnet in diese Räume einfügen. Bei den Recording-Studios gehören die Impulsantworten des Jet Studio Brüssel (ehemals Decca) und des Westlake Audio Studio D zu den Favoriten der Redaktion. Gerne genutztes Preset, wenn Altiverb als Insert-Effekt zum Einsatz
kommt und es nur um einen dezenten Ambience-Anteil geht, ist „Just a litte bit of air, very short“, denn hiermit wird die trockene Aufnahme nicht unnötig verwässert, sondern bekommt nur ein feines Atmosphäre-Sahnehäubchen. In
dieselbe Kerbe schlagen auch die Presets „Jazz Live Reverb“. Wem die von Audio Ease vorgeschlagenen IRs nicht zusagen, kann ohne Weiteres einen anderen Raum wählen, die Preset-Einstellungen bleiben bestehen. Sehr erfreulich ist der vergleichsweise geringe Leistungshunger des Altiverb: Auch auf einem einfachen Notebook können ohne Drop-Outs zwei Instanzen geladen werden, auf unserem extrem leistungsfähigen Studio-Rechner, dem Digital Audionetworx Pro-Audioworksation Core 2 (siehe Test Ausgabe 4/2007) können wir bei einer Samplingrate von 96 Kilohertz mit sechs Stereo-Spurinstanzen fast in Echtzeit arbeiten – und das ist gerade für Faltungshall-Plug-ins durchaus nicht alltäglich.

Fazit

Wem es allein um den zu Recht hoch gelobten Klang des Altiverb geht und wer auf Surround-Hall und auf Samplingraten bis 384 beziehungsweise 192 Kilohertz verzichten kann, ist mit Altiverb 6 Regular bestens bedient. Die XL-Ausführung ist für Pro-Tools-Anwender grundsätzlich ein Muss, allerdings sollte die noch zuwarten, da verschiedene Einschränkungen frühestens zur Jahresmitte bereinigt sein werden. Das gilt auch für alle, die mit Cubase 4 auf den neuen Intel-Macs arbeiten. Das Upgrade von Altiverb 5 auf 6 Regular ist zwar kostenlos, lohnt sich aber nur, wenn der Benutzer Wert auf den nochmals erhöhten Bedienkomfort legt – klanglich bringt Altiverb 6 Regular keine Verbesserungen, zumal HDTM als Schnittstelle im Gegensatz zur 5er-Version nicht mehr unterstützt wird. Unterm Strich bleibt Altiverb Spitzenklasse und behält die Kaiserwürde unter den Faltungshall-Plug-ins. Einzig und allein, weil dieses Hall-Plug-in klanglich vom Feinsten ist.

Erschienen in Ausgabe 05/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 499 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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