Spielspaß mit Fingerspitzengefühl

Das Seaboard Rise 49 des britischen Start-Up-Unternehmens Roli hat dank einer genialen Neuinterpretation der Klaviertastatur das Zeug dazu, das Konzept des Tasteninstruments komplett zu revolutionieren.

Von Freda Ressel

Der Produktdesigner Roland Lamb hat als Kind eines Jazz-Pianisten früh eine Bindung zum Instrument Klavier entwickelt. Dennoch beschäftigte er sich später mit den mechanischen und musikalischen Limitierungen, die dieses Instrument dem Musiker setzt. Aus diesem Gedankengang heraus schuf er ein neues Instrument: das Seaboard. Das Besondere daran ist die neuartige Interpretation der Klaviertastatur: Statt beweglicher, gewichteter Tasten haben wir es hier mit einer wellenförmigen, nachgiebigen Silikonoberfläche zu tun, welche die Spielmöglichkeiten dank mehrdimensionaler Anschlagarten und stufenlosen Übergängen zwischen den Tönen völlig verändert. So ist es mit dem Seaboard zum Beispiel möglich, die Klangeigenarten einer Gitarre oder eines Saxophons beeindruckend natürlich nachzuempfinden – eine Revolution!

Bereits mit dem Seaboard Grand, einem Keyboard mit eingebauter Klangerzeugung, hatte Lambs Londoner Unternehmen Roli auf dem Keyboardmarkt für ordentlich Wirbel gesorgt. Das Seaboard Rise kommt nun ohne Klangerzeugung als MIDI-Controller daher, dafür mit erweitertem Funktionsumfang und vor allem deutlich günstigerem Preis. Es ist in zwei Ausführungen zu haben: in der uns vorliegenden mit 49 Tasten (1.545 Euro UVP)  sowie der kleineren Version mit 25 Tasten (951 Euro UVP).

Das Seaboard Rise 49 funktioniert grundsätzlich in zwei verschiedenen Modi. Im Expression-Modus sind die Auswirkungen der mehrdimensionalen Anschlagarten sowie der Bedienelemente festgelegt, im MIDI-Modus können diese mit verschiedenen MIDI-Controller-Nummern versehen werden.

Das Instrument ist in Kooperation mit der mitgelieferten Software Equator sowohl Stand-alone-fähig als auch als virtuelles Instrument über VST/AU im Sequenzer einsetzbar.

Zu den prominenten Nutzern der Roli Seaboards gehören unter anderem Filmkomponist Hans Zimmer und Dream Theater-Keyboardvirtuose Jordan Rudess, was allein schon dafür spricht, dass es sich hier um ein sehr künstlerisch, professionell und vielfältig einsetzbares Instrument handelt. Entsprechend hoch waren unsere Erwartungen.

Aufbau

Das Seaboard Rise 49 misst  83 mal 21 Zentimeter und ist gerade mal 2,5 Zentimeter hoch. Mit 4,2 Kilogramm Gewicht ist es problemlos zu transportieren. Eine praktische, robuste Tasche mit langem und kurzem Trageriemen ist im Lieferumfang enthalten. Der Gehäuserahmen besteht aus robustem, schwarz eloxiertem Aluminium mit abgerundeten Ecken. Die Unterseite ist wellenförmig und im Inneren zur Verstärkung mit Querstreben durchzogen. Der Boden ist mit rutschfesten, gummierten Streifen versehen und ermöglicht so einen sicheren Stand auf Tischplatte oder Keyboardständer.

Anschlussmöglichkeiten

Auf der linken Seite des Seaboard Rise 49 liegen die Anschlüsse. Hier sind je ein USB B- und ein USB A-Anschluss verbaut, über die einerseits der Computer (ab Windows 7 oder Mac OS X 10.8), andererseits andere Klangerzeuger angeschlossen werden können. Außerdem verfügt das Seaboard Rise 49 wie die meisten Keyboards über einen Klinkenanschluss für ein Sustain- oder Expression-Pedal.   

Für die Stromversorgung bietet das Rise 49 gleich drei Optionen. Bei direkter Verbindung mit dem USB-Kabel zum Computer lässt es sich unkompliziert über USB-Bus-Power versorgen. Da das Instrument aber auch MIDI-Daten via Bluetooth übertragen kann, besitzt es einen integrierten Akku für den kabellosen Betrieb, der bis zu 12 Stunden durchhält. MIDI über Bluetooth funktioniert allerdings bislang nur auf Geräten mit Mac OS X 10.10 oder höher beziehungsweise iOS 8 oder höher. Außerdem gibt es am Rise 49 einen DC-Anschluss für ein optionales 9 bis 12 Volt-Netzteil. Die Ladezeit des Akkus beträgt über Netzteil etwa drei Stunden, über USB etwa doppelt so lange.

Die Keywaves

Das Herzstück des Seaboards sind die 49 Keywaves, die aus einer zusammenhängenden schwarzen Silikonfläche  bestehen. Diejenigen Keywaves, welche die auf einer normalen Klaviatur „schwarzen Tasten“ repräsentieren, sind durch einen weißen Strich in der Mitte  gekennzeichnet. Um die Tasten herum findet sich eine glatte Fläche, die als Ribbon-Controller ebenfalls spielbar ist. Unter der Silikonfläche liegt eine empfindliche Sensorplatine, die auch die zartesten Berührungen der Tasten registriert. Haptisch sind die Keywaves absolut einzigartig: sie fühlen sich seidig und warm an, geben auf Druck nach, sodass der Finger leicht einsinkt, sind dabei aber noch fest genug, dass sich der Druck, der ausgeübt wird, absolut präzise regulieren lässt.

Der Clou der Keywaves: Sie reagieren nicht auf eine, sondern fünf verschiedene Bewegungsarten, von Roli die „five Dimensions of Touch“ genannt. Neben „Strike“, dem normalen anschlagdynamischen Spiel, das mit dem MIDI-Parameter „Velocity“ arbeitet, gibt es zunächst „Glide“,  die Bewegung auf horizontaler Ebene, die von den Klangeigenschaften dem Bending von Gitarrensaiten ähnelt. Sie arbeitet mit dem MIDI-Parameter „Pitch bend“. „Slide“ (entspricht dem MIDI-CC 74) ist die Bewegung über die Keywaves auf vertikaler Ebene. Hier treten Klangveränderungen auf, wenn man nach oben oder unten streicht, so lassen sich bestimmte Instrumentenfilter beeinflussen (dazu an späterer Stelle mehr). Mit „Press“ („Aftertouch“) wird nach dem Anschlag durch Veränderungen des Drucks auf die Tasten der Klang moduliert, während die Art und Weise des loslassens („Lift“) der Tasten ebenfalls unterschiedliche Klänge  hervorruft. Dies entspricht dem MIDI-Parameter der „Release Velocity“.     

Bedienelemente

Links neben den Keywaves befindet sich das Bedienfeld des Seaboard Rise 49. Die Powertaste hat eine Zweitfunktion zum Wechsel zwischen dem Expression-Modus und dem MIDI-Modus. Durch kurzes Drücken aktiviert man den jeweiligen Modus, der durch die mehrfarbige Kontroll-LED gekennzeichnet wird. Zudem zeigt diese den Batteriestand und das Bluetoothpairing an. Die  drei Touch-Fader mit einer durchgängigen LED-Leiste steuern im Expression-Modus die Empfindlichkeit der Bewegungen „Glide“, „Slide“ und „Press“. Stehen alle Fader auf Nullwert, klingt das Seaboard  Rise 49 unabhängig von der gewählten Anschlagposition auf der Taste immer gleich, die „herkömmliche“ Tastatureigenschaft eines MIDI-Keyboards, bei der nur die Anschlagdynamik variabel ist, ist wieder hergestellt. Dreht man die Fader auf, ist es mehr und mehr möglich, den Ton zu modulieren und so zum Beispiel Vibratoeffekte zu erreichen. Im MIDI-Modus lassen sich den Fadern verschiedene MIDI-Befehle zuweisen. Per Default sind hier die MIDI-CCs 107, 109 und 111 vorgesehen.

Die beiden Pfeiltasten oberhalb der Fader lassen zwischen den Presets in der mitgelieferten Equator-Software umschalten, zudem wird durch gleichzeitiges Drücken der Tasten das Bluetoothpairing aktiviert. Dieses schaltet sich übrigens automatisch ein, wenn kein USB-Kabel mit dem Seaboard Rise 49 verbunden ist.

Unterhalb der Fader liegt das XY-Touchpad, das im MIDI-Modus ebenfalls als MIDI-Controller dient. Dabei können mit einem Fingerwisch zwei Parameter gleichzeitig verändert werden. Per Default sind die MIDI-CCs 113 und 114 für das Pad ausgewählt.   

Die +/- Tasten dienen erwartungsgemäß der Oktavauswahl – Plus verschiebt den Spielbereich nach oben, Minus nach unten. Drückt man beide Tasten gleichzeitig, schaltet das Seaboard Rise 49 alle MIDI-Signale sofort stumm.

Endlose Modulationsmöglichkeiten dank Softwarebundle

Um mit dem Seaboard Rise 49 in medias res zu gehen, ist zunächst der Download des Seaboard Rise Software Bundles auf der Roli-Homepage nötig. Nach Registrierung des Gerätes stehen die beiden Softwares Dashboard und Equator  zur Verfügung.

Dashboard ist ein Konfigurations-Tool, mit dem sich unter anderen alle fünf Berührungsmöglichkeiten und MIDI-Controller-Nummern zum Ansteuern von Drittanbieter-Instrumenten auswählen lassen.

Eine Gittermatrix zeigt die gespielten Töne in Echtzeit, sodass man die Modulationsmöglichkeiten der verschiedenen Spieltechniken leicht nachvollziehen kann. Bei stärkerem Anschlag erscheinen die einzelne Kreise größer, bei stärkerem Druck werden sie mehr ausgefüllt. Die Position des Slide-Parameters zeigt sich auf der y-Achse der Matrix, während die Glide-Eigenschaften durch ein Zusammenziehen der Matrix visualisiert werden.

Bei Equator handelt es sich um die speziell für das Seaboard entwickelte Synthesizersoftware. Diese ist sowohl Stand-alone-fähig als auch über VST/AU in den gängigsten DAWs anwählbar. Hier stehen für den direkten Spielspaß einige Presets unterschiedlichster Natur, von klassischen Synthesizern über Saiten-, Percussion- und Blasinstrumente, zur Verfügung. Das Erstellen von eigenen Presets in Equator ist komplex, wird aber auf der ohnehin sehr ausführlich gestalteten Roli-Homepage mit Schritt-für-Schritt-Tutorials erklärt. Dabei können alle „5 Dimensions of Touch“ unterschiedlich mit MIDI-Controller-Nummern belegt werden, sodass sich die Klänge unterschiedlich modulieren lassen. Zusätzlich stehen Oszillatoren, Filter, Sample-Wiedergabe, Frequenzmodulation und ein Rauschgenerator zur Verfügung, um den Sound weiter anzupassen.    

Playlists für Presets lassen sich leicht erstellen und für komplexere Songs oder ganzen Livesets schnell aneinanderreihen.

Kurz vor Redaktionsschluss gab Roli außerdem bekannt, dass es ab sofort zu jedem Seaboard Rise 49 Gratislizenzen für den Software-Synthesizer fxpansion Strobe2 und die DAW Bitwig 8-Track gibt.

Das Seaboard als MIDI-Controller

Um für jede Keywave individuelle Spielmöglichkeiten zu bieten, greift das Seaboard für jede Taste auf einen anderen MIDI-Kanal zurück. So lassen sich nicht nur wie bei anderen Controllern über das Pitch-Bend-Rädchen alle gespielten Töne, sondern auch Einzeltöne unabhängig voneinander modulieren. Der erste Kanal ist dabei immer für globale Befehle wie das Pedal oder die Bedienelemente zuständig, danach wird für jeden neuen Ton der nächste freie Kanal angewählt. Daher ist es wichtig, dass die DAW, die mit dem Seaboard verbunden werden soll, mehrere Kanäle empfangen und aufnehmen kann. Das Seaboard arbeitet mit dem MPE-Protokoll (Multidimensional Polyphonic Expression), das sich laut Hersteller als Standard für multidimensionale Controller durchsetzen wird. Softwares, die dieses Protokoll unterstützen, sind unter anderem Steinberg Cubase, Native Instruments Reaktor, Logic Pro X, UVI Falcon und viele andere, die Roli auf ihrer Homepage auflisten. Wichtig ist hierbei, die Kanalreichweite des Seaboard Rise 49 in Dashboard an die der DAW anzupassen, da sonst gespielte Noten unter Umständen nicht erklingen können.

Im MIDI-Modus lassen sich sowohl die „5 Dimensions of Touch“ als auch die Fader und das XY-Pad via Dashboard-Software individuell mit MIDI-CCs belegen, sodass zehn verschiedene Controller-Möglichkeiten zugleich bestehen. Dies eröffnet eine Bandbreite an Klangveränderungsmöglichkeiten, die das Seaboard Rise 49 (im Zusammenspiel mit geeigneter Software) zu einem extrem mächtigen Controller machen. Unterstützt eine Software nicht das MPE-Protokoll, lässt sich das Seaboard allerdings mit ausgeschaltetem MPE als klassischer MIDI-Controller mit anschlagdynamischen Tasten verwenden.

Ein völlig neuartiges Spielgefühl

Das Seaboard lädt mit seiner außergewöhnlichen Haptik zum experimentiellen Spielen ein und so verbrachten wir die eine oder andere verzückte Stunde damit, den Keywaves unterschiedlichste Klänge zu entlocken. Geübten Pianisten sei gesagt: Es ist gleichzeitig ein völlig anderes und vertrautes Spielgefühl. Hilfreich ist, dass die Abstände der einzelnen Keywaves in etwa dem Standard für Klaviertastaturen entsprechen. Da es keine separaten, herunterdrückbaren Tasten gibt, ist eine Umgewöhnung nötig, doch die „5 Dimensions of Touch“ reagieren so intuitiv, dass das Erkunden der Klangmöglichkeiten extrem leicht fällt. Tatsächlich ist die einzige der fünf „Dimensionen“, die uns vor eine größere Herausforderung stellt, „Lift“. Gerade bei Gitarrensounds sorgt dennoch gerade diese Dimension für den letzten Funken Realismus, wie man leicht anhand der Präsentationsvideos von Roli-Endorser Marco Parisi erkennen kann. Dessen traumwandlerische Sicherheit mit dem Seaboard Rise 49 konnten wir im Testzeitraum natürlich nicht erreichen. Die Möglichkeiten, die das Seaboard aber schon nach kürzester Zeit offenbart, sind dennoch vielfältig und sehr inspirierend. Mit unterschiedlichen MIDI-CCs für die “5 Dimensions of Touch“ lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen. So lassen sich Effekte via Slide-Bewegung je nach Position der Finger auslösen, sodass eine Stimme losgelöst von anderen „trocken“ gespielt und stufenlos mit dem Effekt belegt werden kann. Auch Oszillatoren wie LFOs über die vertikale Bewegung zu steuern, funktioniert unheimlich intuitiv. Die Kombination mit dem Ribbon-Controller funktioniert einwandfrei. Normal gespielte Töne werden dabei nicht überblendet, fährt man mit dem Finger unter oder über ihnen vorbei. Beide Ereignisse werden getrennt voneinander wiedergegeben und haben jeweils nur die vom jeweiligen Finger gesteuerte Eigenschaft. Einzig das Spielen direkt nebeneinander liegender Halbtöne bedarf einer extremen Genauigkeit – bei  nicht hundertprozentiger Zielsicherheit wird nur der tiefere der beiden Töne wiedergegeben.     

Fazit

Das Seaboard hat uns im Test von seiner Vielseitigkeit und seinem neuartigen, intuitiven Spielgefühl absolut überzeugt. Ob beim Spielen mit Elektro-Sounds mit klassischen Synthesizern oder Emulation von Saiten- oder Blasinstrumenten: Die Möglichkeiten sind nicht nur extrem vielfältig, sondern auch sehr schnell und mit Spaß zu lernen. Durch die umfangreichen Möglichkeiten, das Seaboard mit MIDI-CCs zu belegen und somit zehn unterschiedliche Befehle gleichzeitig ausführen zu können, ist das Seaboard ein mächtiges Instrument, nicht nur für Keyboarder.

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