Extraverganza

Der Mpressor von Elysia hält selbst heftigste Signale im Zaum. aber wer Zügelt das Extrovertierte Sound-Monster, wenn es einmal wieder über sich hinuaswächst? 

Von Michael Nötges 

Dominik Klaßen und Ruben Tilgner sind viel unterwegs. Grund: Ihre Pro-Audio-Manufaktur mit dem epischen Namen Elysia fordert den ganzen Mann. 2005 hatten Tilgner, unter anderem für die Entwicklung des fast schon legendären Transient Designers oder der Gain Station (Test 6/2006) von SPL verantwortlich, und Klaßen, dessen Expertise sich vor allem auf die Bereiche Marketing, Kommunikation und Design fixiert, den Mut ihren eigenen Weg zu gehen. Dieser beginnt im nordrheinwestfälischen Nettetal, nahe der niederländischen Grenze mit der Konzeption und Fertigung des Alpha Compressors, eines sehr clean klingenden Gerätes, das vor allem für den Masteringprozess gedacht ist. Seit dem Produkt-Launch im Jahre 2006 tingelten die beiden Jungunternehmer nun unermüdlichen um die halbe Welt und präsentierten ihr Erstlingswerk unter eigener Regie interessierten Fachleuten. Kaum ebbte der Rummel um den Alpha Compressor ein wenig ab, stand auf der diesjährigen Prolight & Sound der nächste, viel versprechende Elysia-Prototyp Gewehr bei Fuß – der Mpressor. Der eher auf profundes Sounddesign getrimmte zweikanalige Kompressor ist mit diskret aufgebauten, Strom-gegengekoppelten Verstärker-Stufen in Class-A-Design bestückt, verfügt zusätzlich über ein klassisch aufgebautes Netzteil mit Trafo, aufwändiger thermischer Kontrolle kritischer Bauteile und temperaturkompensierte Transconductance Amplifier (siehe Kasten). Er richtet sich an kreative Dynamik-Profis, die mit Hilfe der zahlreichen innovativen Sonderfeatures auf der Suche nach druckvollen und abgedrehten Sounds, charaktervollen Klangfärbungen und lebendigen Kompressionen sind. Das erklärte Ziel von Elysia ist dabei, ein zeitgemäßes Instrument mit höchstem klanglichem Anspruch für die inspirierende und praxistaugliche Dynamikbearbeitung anzubieten. Der Mpressor von Elysia kostet gute 4.100 Euro und lässt dem kreativen Soundtüftler bereits beim Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der Lack ist noch nicht ganz trocken, als uns Klaßen, ein halbes Jahr nach der Prototypen-Schau auf der Frankfurter Musikmesse, eines der ersten Seriengeräte persönlich zum Test überreicht.

„Die eigentliche Entwicklung hat zirka ein Jahr gedauert“, erklärt der Elysianer, „wobei die Entwicklung des Prototyps sechs Monate und das anschließende Feintuning ein weiteres halbes Jahr gedauert hat“. Um die Schaltung klanglich zu perfektionieren musste er immer wieder einzelne Bauteile austauschen, erklärt Tilgner. „Dabei war es immer wieder erstaunlich, welchen Einfluss einzelne Widerstände oder Kondensatoren auf den Klang nehmen“, so der Tüftler weiter und Klaßen fügt hinzu: „Bei uns geht alles übers Gehör. Letztendlich sitzen wir nicht mit Messgeräten bei der Endkontrolle, sondern mit unseren Ohren.“ Die Elysianer scheinen aber auch Augen im Kopf zu haben, denn das moderne Design des acht Kilo wiegenden Sound-Brocken kann sich sehen lassen. Der Look ist edel, hat einen ganz eigenen Stil und ist nicht wie viele neue Analoggeräte an längst vergangenen Trends orientiert, um ein nostalgische Vintage-Gefühl herauf zu beschwören – koste es, was es wolle. „Wir haben 2007“, sagt Klaßen „und nicht 1960, also sollen unsere Produkte auch dementsprechend aussehen.“ Ins Auge fällt sofort die schicke Pulverbeschichtung, die ganz nebenbei auch noch unempfindlicher als Eloxierungen oder Lackierungen ist. Die genaue Bezeichnung der Kratzer-resistenten Beschichtung ist Sparkling Iron, zu Deutsch: grau glitzernd. Streng spiegelsymmetrisch gibt sich die Frontplatte, dessen blau abgesetzte Kanalbereiche an das Kühlergrill-Design klassischer Sportwagen erinnern. In der Mitte prangt das durch eine milchige Glasscheibe hinterleuchtete, runde Firmen-Logo, flankiert von zwei LED-Ketten. Die überlegte Anordnung der acht Aluminium-Dreh-Regler pro Kanal ermöglicht komfortables Bedienen. Die gekapselten Leitplastik-Potentiometer sollen, laut Tilgner, langlebiger sein als herkömmliche Potis, also auch nach Jahren kein Kratzen oder andere Geräuschartefakte erzeugen und außerdem grundsätzlich besser klingen. Die schwarzen Tast-Schalter mit sauberem Druckpunkt sind im aktiven Zustand so hinterleuchtet, dass, wie bei einer ringförmigen Sonnenfinsternis, nur ein schmaler Lichtkranz zu sehen ist. Das gewährleistet auch in dunklen Umgebungen, sichere Kontrolle aller Funktionen. Der Hersteller hat auch hier kompromisslose Arbeit geleistet: Für die Schaltfunktionen des Mpressors: sind ausschließlich gekapselte Relais verantwortlich. Diese sind auf der Platine außerdem so platziert, dass die Signalwege möglichst kurz gehalten werden können. „Es gibt keine Audio-Kabel“, verspricht Klaßen.

Das wollen wir mit eigenen Augen sehen und rücken dem Designerstück mit dem Schraubendreher zu Leibe. Selten hat sich das Öffnen eines Pro-Audio-Boliden so gelohnt, wie in diesem Fall. Auffällig ist die Stringenz der Symmetrie. Selbst das Flachbandkabel für die LED-Anzeige verläuft exakt in der Mitte des Gerätes. Audio- und Sidechain-Platine sind im vorderen Teil übereinander angebracht und vom diskret aufgebauten Netzteil, das fast die Hälfte des Gerätes einnimmt, durch eine Querverstrebung abgeschirmt. Der überdimensionale Ringkerntrafo, die WIMA-Kondensatoren und der kupferne T12-Heater (siehe Kasten) zeugen von einer hochwertigen und durchdachten Konstruktion. Steckverbindungen fixieren die Platinen an ihrem Platz. „Das macht es auch beim Service leicht“, erklärt Tilgner „die Module sind mit einem Handgriff ausgetauscht.“ Und Tatsächlich: Die einzigen Kabel, die zu sehen sind, dienen der Stromversorgung. Rückseitig finden sich sechs XLR-Anschlüsse: je zwei symmetrische Ein- und Ausgänge, sowie einen externe Sidechain pro Kanal. Gut lesbar und in der Praxis hilfreich sind die Pin-Pelegungen für den symmetrischen und unsymmetrischen Betrieb über den jeweiligen Buchsen skizziert. Ist der externe Sidechain aktiviert, steuert ein externes Signal die Kompression des Mpressors und nicht mehr das eigentliche Eingangssignal. Auf diesem Weg ist sowohl frequenzabhängiges Komprimieren (De-Essing) oder auch das Triggern durch externe Signale möglich, so dass die Kompression beispielsweise der eingeschleiften Bass-Drum folgt. Die Sidechain-Eingänge sind mit einem Hochpassfilter (80 Hertz, sechs Dezibel pro Oktave) versehen, damit die tiefen Frequenzen keinen zu großen Einfluss auf die Kompressionssteuerung haben. Der Link-Button koppelt die beiden Kanäle für den Stereobetrieb. Der linke Kanal führt dann den rechten und überträgt an ihn seine eigenen Kompressor- und Limitereinstellungen. Equalizer- und Gain-Regler dagegen bleiben immer eigenständig. Deshalb sollte bei der Bearbeitung von Stereosignalen in beiden Kanäle auf identische Reglerpositionen der kontinuierlich verstellbaren Potis geachtet werden. Der Mpressor verfügt über einen Hardwire Bypass für beide Kanäle – das Eingangssignal wird direkt auf den Ausgang geschaltet – und ermöglicht damit direkte A/B-Vergleiche, um die vorgenommenen Einstellungen und deren Auswirkungen zu kontrollieren. Das ist im hektischen Profi-Alltag ein überaus praktisches und fast schon obligatorisches Feature. Ebenso praxisgerecht sind die beiden LED-Ketten zur komfortablen Gain-Reduction-Kontrolle. Durch eine spezielle Beschaltung sind die einzelnen LEDs in der Lage stufenlose Zwischenwerte durch fließende Helligkeitsveränderungen darzustellen. Damit vereint Elysia die Vorteile analoger VU-Meter (stufenloser Anzeigeweg) mit denen schneller, präziser LED-Anzeigen. Das Ergebnis ist: Man sieht was man hört. Wünschenswert wäre eine Umschaltfunktion, um auch Eingangs- beziehungsweise Ausgangspegel zu überwachen und unliebsame Übersteuerungen vermeiden zu können. Das Kompressormodul arbeitet durchweg mit einer Hard-Knee-Charakteristik (siehe Kurve) und außerdem im so genannten Feed Forward Modus. Diese vorwärtsgekoppelte Schaltung misst sehr genau die Eingangsspannung, um aus dem gewonnen Wert die optimale Steuerspannung für die Kompression zu generieren. Mit dieser aufwändigen Schaltung wird sozusagen vorausberechnet, was demnächst pegeltechnisch passieren wird, so dass sich auch negative Ratio-Werte und externes Sidechaining optimal realisieren lassen. Die Aufholverstärkung des Kompressors findet bereits in der Eingangsstufe statt. Deswegen gibt es auch keinen separaten Ausgangsregler. Der mögliche Threshold liegt zwischen +16 und -18 Dezibel. Die Attack-Zeit variiert zwischen 0,01 und 150 Millisekunden und bietet damit sehr effektive Kompressionen auch schneller Transienten an. Die Release-Zeit kann zwischen fünf und 1200 Millisekunden eingestellt werden und deckt damit einen großen Bereich ab, der mitunter zu extremen Effekt-Kompressionen einlädt. Der Ratio-Regler ermöglicht zunächst das Einstellen herkömmlicher Kompressionsverhältnisse (1:1,2 bis 1:10). Doch das weit reichende Angebot des Mpressors geht über die Standardfunktionen hinaus und bietet zusätzlich negative Ratios (1:-0,3 bis 1:-4). Diese bewirken, dass sehr laute Eingangssignale, extrem leise wiedergegeben werden.

Snare-Schläge oder andere sehr dynamische Signale werden beispielsweise durch diesen Kompressionseffekt heruntergezogen, während schwächere Impulse unberührt bleiben. Neben dem Gain-Regler, der den Pegel anhebt aber gleichzeitig dem Signal auch Obertöne hinzufügt, beeinflussen die Niveaufilter den Grundsound des Mpressors. Ist das Equalizer-Modul aktiviert, wirken sich die Spezialfilter wie eine Waage auf den Frequenzgang aus: Ein Dreh-Regler bestimmt dabei die Centerfrequenz zwischen 26 Hertz und 2,2 Kilohertz, ein anderer die Amplitudenänderung. Ein Tastschalter verschiebt zusätzlich den Frequenzbereich um den Faktor zehn (260 Hertz bis 22 Kilohertz). Frequenzen zur Linken der Mittenfrequenz werden durch Drehen des EQ-Gain-Reglers gegen den Uhrzeigersinn um bis zu sechs Dezibel angehoben und der Bereich zur Rechten dementsprechend abgesenkt. Im Uhrzeigersinn gedreht, kehren sich die Amplitudenänderungen um. In Stellung zwölf Uhr ist die Waage ausgeglichen, der Frequenzgang bleibt also unberührt. Ein Anheben tiefer Frequenzen bedeutet damit immer gleichzeitig auch das Dämpfen höherer. Das ist bei weitem noch nicht alles. Der Mpressor hat mit der Auto-Fast- und Anti-Log-Funktion, sowie dem GRL noch weitere interessante Spezialfeatures auf dem Kasten. Die Halb-Automation Auto-Fast verkürzt automatisch die Attack-Zeit bei schnellen und lauten Signalimpulsen. Damit ist der Neuling gegen überraschende Dynamikveränderungen gewappnet, ohne generell eine extrem kurze Attack-Zeit zu benötigen, die eventuell sogar hörbare Verzerrungen erzeugt. Damit ist gewährleistet, dass sich auch plötzliche Pegelspitzen der Kompression nicht entziehen können, da in solchen Fälle die Auto-Fast-Funktion blitzschnell zugreift. Danach arbeitet der Kompressor sofort wieder mit eingestellter Attack-Zeit und liegt quasi auf der Lauer, um den nächsten Peak souverän abzufangen. Die Anti-Log-Funktion ändert die Release-Charakteristik des Mpressors. Für unauffällige Kompressionen eignen sich lineare oder logarithmische Verläufe der Release-Zeit. Folglich bedarf es antialgorithmischer Pendants, um auffällige und kreative Kompressionen zu erzeugen. Der Rücklauf geschieht in diesem Fall genau entgegengesetzt zur logarithmischen Kurve: die Release-Zeit ist erst einmal länger und steigert ihre Geschwindigkeit mit Abnehmen des Signalpegels. Die spezielle Schaltung gewährleistet, dass diese Funktion unabhängig von der jeweiligen Gain-Reduction geschieht. Die Anti-Log-Funktion führt per Knopfdruck zu ganz neuen Sounds, ungewöhnlichen Reverse-Effekten oder lebendigem Pumpen des Kompressors. Eine weitere Spezialität des Mpressors ist der Gain Reduction Limiter. Dieser begrenzt die Steuerspannung des Kompressormoduls. Er ist im Regelweg und nicht im Audiopfad angesiedelt und limitiert die Steuerspannung auf den eingestellten Wert. Unabhängig von Eingangspegel, Ratio und Threshold findet ab diesem Schwellwert keine weitere Kompression statt. Das Ergebnis: Laute Stellen behalten ihre Dynamik, da sie oberhalb des fixierten Wertes nicht weiter komprimiert werden. Der GRL ermöglicht Ducking- und Upward Compressions-Effekte, indem nur die leisen Signale angehoben werden, ohne insgesamt die eigentliche Dynamik zu verändern. Wie immer müssen die Messwerte, ermittelt im Testlabor von Professional audio Magazin, zur objektiven Qualitätskontrolle herhalten. Geräusch- und Fremdspannungsabstand betragen gute 82,6 beziehungsweise 76,7 Dezibel. Der Klirr bleibt ohne Eingangsverstärkung über den gesamten Frequenzbereich unterhalb von 0,25 Prozent. Die FFT-Analyse zeigt k2 und k3, die bei einer Verstärkung von +4 Dezibel deutlich bis an die -50-Dezibel-Marke reichen. Sie sollen zum besonderen Charakter beitragen. „Der Mpressor klang erst viel zu neutral und sauber“, erklärt uns Tilgner „dann haben wir viel ausprobiert, um über hinzugefügte Obertöne den nötigen Dreck in das Signal zu bekommen.“ Außerdem sei der Frequenzgang aus klanglichen Gründen oberhalb von zehn Kilohertz bedämpft worden. Das entsprechende Diagramm bestätigt diese Besonderheit (siehe Kurve). Das Übersprechen ist erwartungsgemäß mit Werten besser als -60 Dezibel gut. Die Gleichtaktunterdrückung könnte allerdings besser sein: bei 10 Kilohertz beträgt sie lediglich -45 Dezibel. Der ausführliche Praxis- und Hörtest von Professional audio Magazin will diesmal einfach kein Ende nehmen. Das liegt vor allem an der Vielzahl unterschiedlicher Einstellungs- und Kombinationsmöglichkeiten. Schon der Grundsound des Mpressors – der Threshold-Regler steht auf Linksanschlag damit das Kompressionsmodul pausiert – hat seinen eigenen Charakter. Das Klangbild wirkt deutlich größer und direkter als im Original. Je mehr die Eingangsverstärkung bemüht wird, desto satter und lebendiger erscheint das Signal – k2 und k3 lassen grüßen (siehe FFT-Analyse). Trotzdem bleibt der Mpressor immer klar und transparent und scheint dabei das Klangbild noch einmal zusätzlich zu erweitern. Um den Grundsound anzupassen oder zu verbiegen, eignen sich die zuschaltbaren Niveaufilter ganz hervorragend. Sachte eingesetzt, erscheint das Signal durch die Höhenanhebung und Bass-Dämpfung entweder ein wenig frischer und etwas schlanker, oder umgekehrt durch die Anhebung der Bässe bei gleichzeitiger Höhen-Dämpfung satter und dumpfer. Extreme Hoch- und Tiefpass-Einstellungen sind neben den nuancierten Veredelungen aber genauso möglich, wie effektive Veränderungen der Mitten-Frequenzen. Im nächsten Testdurchlauf muss sich der Mpressor bei der Kompression einer Schlagzeug-Subgruppe beweisen. Schnell ist klar, der Mpressor ist kein gemächlicher Vertreter seiner Zunft, sondern ein spritziger Kreativer, der sein Wirken keinesfalls verbergen möchte, sondern gerne zeigt, was er drauf hat – und das ist eine ganze Menge. Leichte Kompressionen mit geringem Threshold und kleiner Ratio sind zwar prinzipiell möglich doch die Hard-Knee-Charakteristik lässt den Mpressor trotzdem effektiv und kompromisslos wirken. Das unterscheidet ihn deutlich von unauffälligen Klangveredlern und Mastering-Spezialisten wie dem 1176LN von Universal Audio (Test, 4/2007) oder dem Drawmer S3 (Test 8/2007), die wesentlich bedächtiger und behutsamer mit dem vorliegenden Audiomaterial umgehen. Der Mpressor ist wie eine Raubkatze auf der Lauer: Im richtigen Moment greift er geschmeidig aber unerbittlich zu. Die sehr kurzen Attack-Zeiten lassen dabei auch schnellste Transienten bei heftigen Snare-Schlägen nicht entwischen und regeln diese gnadenlos zurück. Dadurch erscheint das Schlagzeugsignal sehr direkt, kontrolliert und klingt mit zunehmender Ratio (1:10) und langer Release-Zeit, wie ein Brick-Wall-Limiter, der so gut wie keine Dynamik mehr übrig lässt. Durch Aktivieren der Auto-Fast-Funktion arbeitet der Mpressor im richtigen Moment besonders schnell und vor allem verzerrungsarm. Ergebnis: Das Schlagzeug klingt weit entfernt, die Transienten sind eliminiert und der leise Raumanteil sowie das Ausklingen der einzelnen Instrumente rücken deutlich in den Vordergrund. Ohne Auto-Fast-Funktion und mit humaner Attack-Zeit und Ratio (10 bis 20 Millisekunden und 1:5) springt das Schlagzeug einen förmlich an, der Raum wird aber außerdem deutlicher hörbar und präsenter. Durch das Verkürzen der Release-Zeit erscheint der Groove zunehmend druckvoller und aggressiver. Ab einem bestimmten Punkt beginnt der Mpressor dann rhythmisch zu pumpen. Equipment und Signal spielen sich bei richtiger Einstellung perfekt aufeinander ein. Der Groove wirkt deutlich lebendiger. Wir aktivieren die Anti-Log-Funktion: Das Schlagzeug klingt durch die antilogarithmische Charakteristik mit kurzer Release-Zeit plötzlich extrem dicht, ausdrucksstark und beginnt heftig hach Luft zu snchnappen. Ein langer Rücklauf dagegen führ zu heftigen Effekt-Kompressionen und ganz neuen Ideen für interessante Drum-Loops.

Auf der Suche nach weiteren abgefahrenen Effekten testen wir die negativen Ratios mit einem fertigen House-Track. Das Ergebnis ist ein Reverse-Effekt, bei dem die lauten Signale plötzlich extrem heruntergezogen werden und dann, je nach eingestellter Release-Zeit, schneller oder langsamer zur Ausgangslautstärke zurück gelangen. Auch hier wirkt sich die Anti-Log-Funktion sehr interessant auf den Rücklauf aus, ähnlich einer rückwärts abgespielten Hallfahne. Um den Regelvorgang möglichst schnell und trotzdem verzerrungsfrei zu bekommen, lohnt sich auch hier das experimentieren mit der Auto-Fast-Funktion. Als nächstes schleifen wir den Mpressor als externen Effekt in Cubase 4 ein und wenden ihn auf unterschiedliche Einzelinstrumente an. Beim geslappten E-Bass steigen die Werte der Gain-Reduction schnell ein Mal auf Werte von 15 oder 20 Dezibel an. Der GR-Limiter hilft, diese auf einen fixen Wert zu begrenzen unabhängig von Threshold und Ratio. Selbst bei sehr stark eingestellter Kompression kann die Reduction beispielsweise auf vier Dezibel beschränkt werden. Die Transienten rücken stark in den Vordergrund. Der E-Bass klingt frischer, knackiger und selbst extreme Dynamikschwankungen sind dem Mpressor jetzt völlig egal, da der eingestellte Limiter-Wert nie überschritten wird. Die Lautstärke am Ausgang bleibt auf einem gleichmäßigen Level. Nun kommen die Sidechains zum Zuge: Wir triggern einen Achtel-Groove des E-Basses mit dem passenden Bass-Drum-Signal. Der Kompressor arbeitet mit einer Ratio von 1:3 und einem Threshold von zirka einem Dezibel. Der Attack-Regler steht auf 21, die Release-Zeit beträgt 150 Millisekunden. Sofort verschmelzen beide Signale zu einer kompakten Einheit und wirken kraftvoller. Durch eine eingestellte negativen Ratio von 1:-1 beginnt der E-Bass zu pulsieren und erhält einen lebendigen Groove. Jetzt ist unser Pioniergeist endgültig geweckt. Wir kopieren die Snare-Spur im Sequenzer legen ein einfaches Achtel-Delay darüber und verwenden den Klon als Trigger-Signal. Der Effektanteil steht auf 100 Prozent, so dass nur die Echos über den Sidechain an den Mpressor weitergegeben werden. Auf eine Synth-Fläche angewendet entsteht ein rhythmisch wabernder Sound-Teppich, der immer neue Charakteristiken erhält, je nach dem wie das Delay und der Mpressor eingestellt sind. Von extrem zerschneidend, bis kaum merklich wellig ist alles möglich. Interessant ist auch das Resultat, wenn das reine Effektsignal an den Eingängen des Mpressors und das trockene am Sidechain anliegt. Jetzt wird der Effekt, sei es Chorus, Flanger, Phaser oder Hall in Abhängigkeit des originalen Signals komprimiert. Ein auf das Snare-Signal gelegter Phaser verschwindet beim eigentlichen Impuls, wird dann aber zunehmend lauter, um beim nächsten Schlag wieder unterdrückt zu werden. Das Experimentieren mit den unterschiedlichen Parametern und Zusatz-Feature eröffnet neue klangliche Welten und liefert grenzenlosen Kreativ-Spaß.

Fazit

Analog heißt nicht unweigerlich auch vintage, das beweist Elysia mit ihrem neuen Kreativ-Kompressor. Der Mpressor ist aufgrund seiner innovativen Features zeitgemäß, wie auch state of the art, was Konzeption und Konstruktion angeht. Dabei klingt er ausgezeichnet und lässt zur vielseitigen Dynamikbearbeitung, sowie zum ausgefallenen Sound-Design keine Wünsche offen. Das Designer-Stück kostet gute 4.100 Euro, ist dem modernen Soundtüftler aber unter Garantie jeden Cent wert.

Ein Blick hinter die Kulissen des Mpressors 

Konstruktionstechnisch hat Ruben Tilgner bei der Konzeption und Konstruktion nichts dem Zufall überlassen und so ist der Mpressor eine Fundgrube an technischen Innovationen und Finessen. Es beginnt bereits beim diskret aufgebauten Netzteil, das laut Tilgner wesentlich dazu beiträgt, ob sich ein Gerät dynamisch und offen verhält oder eher ruhige und zurückhaltende klangliche Eigenschaften aufweist. Schließlich würden alle aktiven Stufen, so der Entwickler, vom Netzteil gespeist, was dessen Einfluss in allen Schaltungsteilen spürbar mache. Hintergrund: Laute und dynamische Signal-Impulse benötigen bei der Verarbeitung gleichzeitig und sehr kurzfristig Strom. Folglich muss das Netzteil immer genügend Speicherkapazität bereitstellen. Durch eine besondere Beschaltung der Elkos werden die hohen Ladeströme von der Signalmasse ferngehalten, um eine optimale Spannungsbereitstellung zu gewährleisten. Dazu dienen zusätzlich auch mehrere MKP Kondensatoren, die an vielen Stellen der Schaltung installiert sind. Durch eine verbesserte Unterdrückung der Rausch- und Brummgeräusche im Netzteil, werden bereits hier die Voraussetzungen für ein klares sauberes Klangbild geschaffen. „Selbst die Gleichrichterdioden haben Einfluss auf den Klang“, erklärt uns Tilgner und fährt dann fort: „Sie laden für einen kurzen Zeitraum die Elkos im Netzteil und versorgen die gesamte Schaltung mit Strom. Für die Gleichrichtung werden daher sehr schnelle Dioden verwendet, die wir nach Gehör aussuchen.“ Die Class-A-Ausgangsstufen ist als Gegentakt-Endtsufen konzipiert, so dass ein Transistor für die positive und ein weiterer für die negative Halbwelle des Signals zuständig ist. Da durch beide ein Ruhestrom fließt, sind diese auch dann noch leitend, wenn kein Signal anliegt. Bei Class-B-Schaltungen ist dies nicht der Fall und es treten beim Wechsel von einem Transistor auf den anderen – in der Nähe des Nulldurchgangs – Übernahmeverzerrungen auf. Damit immer ein Class-A-Betrieb herrscht, darf der Ruhestrom nicht zu klein sein. Beim Mpressor liegt dieser, laut Hersteller, mit 14 Milliampere für Audioschaltungen ungewöhnlich hoch. Dadurch befinden sich die Transistoren auch bei kleinen Belastungswiderständen, bei denen ein hoher Strom fließt, immer im leitenden Bereich. Übernahmeverzerrungen seien damit von vornherein ausgeschlossen. Die Verstärkerstufen des Mpressors sind ebenfalls diskret aufgebaut, setzen sich also aus einzelnen Transistoren, Widerständen, Dioden und Kondensatoren zusammen. Dadurch lassen sich die Klangvorstellungen durch den gezielten Austausch einzelner Bauteile bis ins Detail umsetzten – vorausgesetzt man verfügt über die nötige Erfahrung. Elysia beschaltet sämtliche Verstärker aber zusätzlich in Stromgegenkopplung. Grund: herkömmlich aufgebaute Verstärker für Audioanwendungen arbeiten mit Spannungs-Gegenkopplung. Diese Operationsverstärker haben Differenzverstärker zur Grundlage, die aus zwei Transistoren aufgebaut sind. Durch permanentes Vergleichen von Eingangs- und Ausgangssignal und Korrigieren des Outputs besitzen diese Schaltungen immer eine kleine Verzögerung. Deswegen oszillieren sie meistens wegen der veränderten Phasenlage bei einer sehr hohen Frequenz, so dass aus der Gegenkopplung eine Mitkopplung wird. Um diese zu verhindern, werden intern kleine Kapazitäten integriert, die den Verstärker künstlich verlangsamen und die Verstärkung bei hohen Frequenzen verringern. „Diese Kondensatoren haben einen negativen Einfluss auf die Klangqualität des Signals“, so Tilgner. Die logische Konsequenz sei daher die Umsetzung einer Schaltung, die komplett ohne die frequenzbeeinflussenden Kondensatoren auskäme. Bei der Verstärkerschaltung des Mpressors moduliert die Gegenkopplung direkt den Strom und umgeht damit die Verzögerung im Differenzverstärker. Somit wird die Signalverzögerung deutlich verkleinert und die Phasenlage bleibt auch bei hohen Frequenzen gleich. Dabei könne der Verstärker, so der Hersteller, Frequenzen bis in den Megahertz-Bereich verarbeiten und besitze eine hohe Anstiegsgeschwindigkeit und Impulstreue. Damit auch wärmeempfindliche Schaltungsteile konstant arbeiten, setzt Elysia einen so genanten T12 Heater ein. Temperaturschwankungen werden für die integrierten Bauteile auf ein Minimum reduziert. Bis zu zwölf diskrete Transistoren werden dafür in einem massiven Kupferring auf eine definierte Temperatur gebracht. Nach einer kurzen Aufheizphase ist nur noch wenig Strom nötig, um die optimale Arbeitstemperatur konstant zu halten. Eine elektronische Regelung sorgt dafür, dass die mögliche Abweichung nur wenige Grad beträgt. Auch das Regelelement des Kompressor-Moduls ist keine Stangenware. Beim Mpressor kommt ein diskret aufgebauter, temperaturkompensierter Transconductance Amplifier (TCA) [[g]] zum Einsatz. Den Kern dieser Schaltung bildet ein Differenz-Transistorpaar, bei dem eine modulierte Stromquelle die Verstärkung bestimmt und weitere Transistoren das Rauschen und die Einflüsse der Steuerspannung reduzieren. TCAs haben unter anderem den Vorteil eines schnellen Ansprechverhaltens auf die Steuerspannung, womit kurze Attack- und Release-Zeiten möglich werden. Die Aufholverstärkung ist in diesem Fall als Eingangsverstärkung ausgelegt und verläuft parallel zum Sidechain. Damit hat sie keinerlei Auswirkungen auf das Regelverhalten des Kompressors und das Grundrauschen des Geräts bleibt auch bei starker Kompression unverändert.

Erschienen in Ausgabe 11/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 4153 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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