Rock ’n’ Roll Compression

Der Really Nice Levelling Amplifier von FMR Audio zeigt worauf es am  Ende wirklich ankommt: es muss klingen. 

Von Michael Nötges

Es gibt glücklicherweise immer wieder Firmen, die aus ihrem Underdog-Dasein eine Tugend machen und bei der Entwicklung ihrer Geräte konsequent bleiben. So wendet sich das texanische Unternehmen FMR Audio mit dem Really Nice Levelling Amplifier (RNLA7239) bewusst gegen Klangpuristen und Saubermänner, die jeden Dreck aus ihrem Signal heraushalten wollen. Der RNLA7239 ist auf Deutsch gesagt ein Schweineteil, das sich nicht um die Konventionen möglichst linearer Klangverarbeitung kümmert, sondern diese eigensinnig und konsequent unterläuft: mit verblüffenden Ergebnissen.

Der RNLA7239 ist auf den ersten Blick ein eher langweilig aussehender, zweikanaliger Kompressor, dessen Optik auch durch die knallroten Drehregler nicht wirklich gewinnt. Die Bauweise erinnert an einen Selbstbau-Kompressor: zwar sorgfältig und ordentlich gearbeitet aber an Pragmatismus kaum zu übertreffen. Auch bei genauerem Hinsehen, fällt nichts Spektakuläres auf. Hält man den kleinen Texaner aber etwas länger in der Hand, spürt man förmlich den Schalk in seinem Nacken sitzen.

Die fünf Drehregler auf der Frontseite decken die Standardfeatures für Kompressoren ab. Regler eins ist für den Threshold von -40dBu bis +20dBu zuständig. Nummer zwei regelt das Kompressionsverhältnis, beginnend bei 1:1 und endend bei 25:1. Der dritte im Bunde verändert die Reaktionszeit bis die Kompression einsetzt. Hier lassen sich Werte zwischen einer Millisekunde und sechs Millisekunden einstellen. Entgegengesetzt lässt sich mit dem vierten Regler die Zeit bestimmen, bis die Kompression wieder aufhört – die so genannte Release-Zeit. Hier sind Werte zwischen 100 Millisekunden und 1,1 Sekunden möglich. Der Lautstärkeregler schließlich passt das komprimierte Signal zwischen -15dB und + 15dB an. 

Die Achtsegment-LED-Kette zeigt die Reduzierung der Lautstärke an und reicht bis 16 dB. Zwei Taster mit dazugehörigen roten LED-Anzeigen komplettieren die Steuerungsmöglichkeiten des RNLA. Der eine versetzt das Gerät in den Bypass-Modus, der andere bestimmt, ob der RNLA im normalen oder im Log Rel-Modus arbeitet. Dieses nette kleine Feature lässt die Release-Zeit, bei gleichzeitig höherer Lautstärkereduktion ansteigen, so dass sehr dynamische Signale nicht überkomprimiert werden. 

Auf der Rückseite befinden sich fünf Anschlussbuchsen, inklusive Sidechain-Einschleifweg, mit dessen Hilfe man die Kompression über externe Geräte steuern kann. So lassen sich Ducking-Effekte, oder durch das Einschleifen eines Equalizers, eine frequenzabhängige Kompression wie bei einem De-esser erzeugen. Die unsymmetrischen Inputs können auch als TRS-Inserts verwendet werden, so dass sich der RNLA gut in die Studioperipherie einfügt. Die symmetrischen Outputs führen außerdem zu besserer Klangübertragung. Die Stromversorgung erfolgt über einen 9 Volt Netzadapter.

Öffnen wir die Büchse der Pandora, kommt kein Unheil über die Welt sondern wir sehen an der Diskrepanz des äußeren Eindrucks und den Bausteinen im Gehäuse, die Philosophie der Firma FMR Audio: kostengünstig produzieren durch Sparen am Unwesentlichen. Die unscheinbaren Regler der Frontseite sind lediglich die Steuerelemente für das digitale Innenleben. Ein kleiner Prozessor mit der mysteriösen Aufschrift RNLA zeigt uns das Herz des kleinen Kompressors. Hier wird die wundersame Kompression des RNLA vollzogen. Wir befinden uns damit im Epizentrum der Rock ’n’ Roll-Kompression. Hier angekommen sollten wir endlich das tun, was uns der Quickstart Guide, in Form von konsequent zusammengetackerten DIN-A-4 Blättern, längst empfohlen hat: „Connect the audio source and destinations to the RNLA. Apply power to the RNLA. Make groovy Music.“

Als externen Effekt eingebunden in Cubase SX ist der RNLA schnell einsatzbereit. Als Audiointerface dient das in der letzten Ausgabe besprochene Motu Ultralite. Schleift man den RNLA in einen Signalweg  ein, ohne dabei zu komprimieren und die Lautstärke zu verändern – der Lautstärkeregler rastet praktischer Weise bei null dB ein –, ist keine Klangveränderung festzustellen. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Leicht aufgedreht wird eine sehr angenehm klingende Veränderung hörbar; das Signal wird nicht nur komprimiert, sondern klanglich manipuliert. Im Höhen- und Mittenbereich erscheint der Klang samtiger und durchsichtiger, was besonders deutlich bei Konzertgitarren oder weiblichen Gesangsaufnahmen zu hören ist. Bei stärkerer Kompression verhärtet sich das samtige Höhenspektrum, was bei engagiert gespielten Singlenote-Figuren auf einer Fender Stratocaster zu einem sehr knackigen Funk-Sound avanciert. Der Bassbereich zeigt die wahre Stärke des RNLA. Der Test mit einem eingespielten E-Bass als Achtel-Groove ist sensationell. Der RNLA fängt sofort an zu rocken. Die tiefen Frequenzen werden sehr präsent dargestellt und klingen augenscheinlich etwas dünner, dafür aber trotzdem druckvoll und transparent. Durch die Verlängerung der Attackzeit kann man außerdem ein sehr effektives Pumpen des Kompressors herbeiführen, so dass der Klang noch satter erscheint. 

Die Slap-Technik erhöht wesentlich den Dynamikumfang, durch das Schlagen mit der rechten Hand auf die Saiten des Instrumentes. Auch hier lässt sich der RNLA sehr gut einstellen. Bei kurzer Attackzeit und mittlerer Kompression klingt der Bass, wie er klingen soll: präsent aber trotzdem rund und warm in den Tiefen. Durch das Umschalten in den Log Rel-Modus lässt sich das Ergebnis noch verfeinern. Bei starkem Anschlag der Spielhand kontrolliert der RNLA ohne Probleme das Signal und zeigt was Rock ’n’ Roll heißt. Indem, bei gleichzeitiger Lautstärkereduzierung, die Release-Zeit verlängert wird, entsteht ein zusätzlicher Headroom bis +3dB. Zwischen -40 und -45 dB wird zudem der Pegel leicht angehoben. Heraus kommt ein wirklich exzellenter Bass-Sound auch bei hoher Dynamik. 

Zum Summenkompressor umfunktioniert hört man sehr deutlich die Wirkungsbereiche der unorthodoxen Kompression. Insgesamt wirkt das bearbeitete Signal fast so, als restauriere ein psycho-akustischer Filter bestimmte Bereiche der Aufnahme und ergänze ein weiterer Effekt eine simulierte Bandsättigung. 

Die guten Werte des Klirrfaktors bei neutraler Einstellung, sie liegen bis zu einer Frequenz von drei Kilohertz unter 0,02 Prozent, unterstützen die Erkenntnis der rauscharmen Signalübertragung des RNLA. Die gemessenen Werte des Klirrfaktors bei aktiver Kompression hingegen zeigen deutlich die Verzerrung, die der RNLA bewusst erzeugt. Deutlich zu erkennen ist auch der durchschnittliche Anstieg des Klirrfaktors bei tieferen Frequenzen.

Aber auch bei ein bis zwei Kilohertz liegt der Klirrfaktor schon zwischen 0,1 und 0,3 Prozent. Bemerkenswert ist auch das Regelverhalten der Kompression. Im neutralen Zustand erhält man eine gerade Kurve also ein unverändertes Ausgangssignal. Ist der Kompressor aktiv, werden ganz bestimmte Bereiche im Frequenzgang sichtbar in denen der Kompressor nach bestimmten Regeln agiert. Im Bassbereich sind drei Plateaus zu erkennen. Sie liegen bei 35, bei 55 und bei 75 Hertz und sind mit für die gelungenen Veränderungen im Bassbereich verantwortlich. Weitere heftige Ausschläge sind bei 3,5, 7 und 15 Kilohertz sichtbar. Die Kurve zeigt, im Vergleich mit der Messung in neutraler Einstellung, deutlich die sehr aktive Funktionsweise der RNLA-Kompression. Die Regelung scheint ähnlich wie ein Multiband-Kompressor zu arbeiten, bloß übernimmt hier der interne RNLA-Prozessor die Steuerung.

Das vermeintliche Manko, des externen Netzadapters, wie es FMR Audio unter der Rubrik „What sucks“ im Quickstart Guide selbst erwähnt, muss kein solcher sein. Mit Rücksicht auf wichtigere Bausteine und den Preis treten leicht erhöhte Messwerte im Bereich von 50 Hz auf. Externe Netzteile sind ja zum Glück ohne Probleme auswechselbar. 

Zum Vergleich und zur besseren Einordnung des Hörerlebnis’ sind dieselben Signale neben dem RNLA auch durch den, Square One Kompressor der englischen Edelfirma Klark Teknik (siehe Test Seite 80-83), sowie dem Cubase internen VST-Plug-in gelaufen. Auffallend bei den verschiedenen Signalen und Einstellungen war die äußerst profilierte Klangcharakteristik des RNLA. Der Klark Kompressor präsentiert sich hingegen wesentlich vornehmer und eleganter. Er bleibt unabhängig vom Kompressionsgrad verhältnismäßig nah am Original und greift sehr sanft und behutsam in das Signal ein. Das VST Plug-in ist neutraler und hat im Vergleich zu den beiden Mitstreitern am wenigsten Charakter, erfüllt aber trotzdem zufrieden stellend seine Aufgabe. Der direkte Hörvergleich untermalt noch einmal  das charakteristische Klangprofil des RNLA und profiliert ihn eindeutig als Charakterkopf unter den Kompressoren. Ganz bewusst haben die Macher von FMR Audio diesen Weg gewählt und einen klingenden Kompressor auf den Markt gebracht, dessen Sound sich von herkömmlichen Klangeindrücken unterscheidet und so seine ganz spezielle Nische bedient.
 

Fazit

Der RNLA7239 von FMR Audio ist mit seinen rund 240 Euro ein phänomenales Kästchen, ein Underdog zwar, was sein Design angeht, aber klanglich und technisch absolut überzeugend. Er bringt im bestgemeintem Sinn Dreck in das verarbeitete Signal und genau das ist es, was den Rock ’n’ Roll ausmacht. FMR Audio wenden sich mit diesem Konzept und der Umsetzung dieses eigensinnigen Kompressors an Kreative, die weniger Wert auf das Drumherum legen als auf das worauf es wirklich ankommt: auf den eigenen Klang.

Erschienen in Ausgabe 08/2006

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 239 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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