Klassiker-Treffen

Native Instruments baut sein Angebot an Add-ons für seine Guitar Rig Plattform weiter aus. Jüngster Zuwachs sind drei Kompressor-Plug-ins, die nicht mehr und nicht weniger als die Crème de la Crème der Studiotechnik emulieren.  

Von Georg Berger

Seit der letzten Update-Offensive des Berliner Herstellers Native Instruments im Herbst 2010 hat sich die Verstärker-Emulation Guitar Rig, das seit dieser Zeit auch als Player-Variante mit abgespeckter Ausstattung kostenlos erhältlich ist, zu einem modular erweiterbaren Plug-in-Host gemausert. Durch Zukauf von Add-ons wie dem Faltungshall Reflektor oder der aus der DJ-Software ausgekoppelten Effekt-Suite Traktor’s 12 empfiehlt sich Guitar Rig 4/Player seitdem auch als universell einsetzbarer virtueller Effekt-Prozessor. Vor kurzem hat die Riege an speziellen Guitar-Rig-Plug-ins Zuwachs bekommen in Form des Vintage Compressors Bundles. Es enthält die Emulationen von drei Regelverstärker-Legenden der Extra-Klasse, die bei Kennern schon seit langem Kult-Status genießen: Die Rede ist vom Urei 1176, dem Teletronix LA-2A und dem dbx 160, deren virtuelle Ausgaben von Native Instruments VC 76, VC 2A und VC 160 getauft wurden.

Kostenpunkt fürs Bundle: Knapp 200 Euro, wobei die Emulationen auch einzeln für umgerechnet 100 Euro erhältlich sind. Die Plug-ins sind dabei in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Hersteller Softube entstanden, was aufhorchen lässt. Denn Softube heimst für seine eigenen Produkte aufgrund der exzellenten Klangqualität nicht nur in den zahlreichen Tests in Professional audio stets Bestnoten ein. Doch zurück zu den Vintage Compressors: Die Softube-Entwickler haben einmal mehr einen exzellenten Job gemacht und das Klang- und Regelverhalten der Hardware-Vorlagen wiederum auf Basis von Physical Modeling authentisch reproduziert. Darüber hinaus haben es sich die Entwickler nicht nehmen lassen, jedes einzelne Plug-in mit zusätzlichen, modernen Features auszustatten, die es in der Hardware nicht gibt. So besitzt jede Emulation einen aktivierbaren Sidechain zum Einspeisen externer Signale in den Steuerschaltkreis sowie einen Blenden-Regler zum anteiligen Mischen von Effekt- und Original-Signal – Stichwort: Parallel-Kompression. Überdies besitzen die Teletronix- und dbx-Reproduktionen einen einstellbaren Lowcut-Filter im Sidechain, der tieffrequente Signalanteile aus dem Steuer-Schaltkreis herausnimmt, um unerwünschte Über-Kompressionen zu vermeiden. Diese Zusatz-Features sind im sogenannten Expert-Panel versammelt, das sich durch Klick auf den Plus-Button im GUI aufklappt. Wichtig: Damit die Arbeit mit den Kompressoren störungsfrei läuft, müssen in Guitar Rig 4 zunächst das standardmäßig eingeschaltete Noise Gate deaktiviert und der rechte Eingangs-Kanal aktiviert werden, sofern man im letzteren Fall das Plug-in auf Stereo-Spuren anwenden will. 
Die Geschichte und eingesetzte Technik jedes einzelnen Kompressors näher erläutern zu wollen, würde an dieser Stelle jetzt zu weit führen . Stattdessen fühlen wir lieber den Plug-ins auf den Zahn und ergründen ihren Klang und ihr Regelverhalten. Den Anfang macht das VC 76 Plug-in, das den Urei 1176 in der sogenannten Blackface-Variante emuliert. Das GUI zeigt, wie übrigens auch bei den anderen beiden Emulationen, eine authentische Reproduktion der Frontblende. Einzige Ausnahme im VC 76: Anstelle von Drucktastern zum Einstellen der Ratio, haben die Entwickler einen Fader integriert, der überdies mit einem Verhältnis von 1:1 und dem allseits geschätzten und beliebten „All Button“-Modus aufwartet . Die besondere Eigenart der Vorlage, das Verkürzen von Attack- und Release-Zeiten beim Drehen der Regler nach rechts anstelle wie gewohnt nach links, findet sich dabei auch im Plug-in. Ebenfalls wichtig: Der Input-Regler beeinflusst im Hintergrund gleich drei Parameter auf einmal. Mit seiner Hilfe wird nicht nur der Eingangs-Pegel eingestellt. Er bestimmt gleichzeitig auch den Threshold und die Intensität des via Ratio-Fader eingestellten Kompressions-Verhältnisses. Mit dem Output-Parameter realisieren wir die Aufholverstärkung. Die Bedienung des VC 76 ist Dank der überschaubaren Ausstattung an Parametern selbst von Anfängern binnen kurzer Zeit verinnerlicht. Gleiches gilt auch für die beiden anderen Emulationen, die sogar mit noch weniger Bedienelementen aufwarten. Doch zurück zum VC 76: Im Hör- und Praxistest weiß sich das VC 76 Plug-in sogleich eindrucksvoll in Szene zu setzen und zeigt anschaulich, warum das Original vor allem bei Schlagzeug- und Vokal-Aufnahmen bis heute heiß begehrt ist. Ganz gleich, welches Signal wir mit dem Plug-in bearbeiten, die Verdichtung des Signals erfolgt auf eine hervorragend musikalisch-organische Art. Mit Hilfe des Attack-Parameters lassen sich Transienten überaus deutlich aus der Aufnahme herausmodellieren ohne unangenehm oder störend zu wirken. Dabei gehen auch im Plug-in Regelvorgänge mit deutlichen Klang färbenden Änderungen einher. Der Höhenbereich klingt angehoben, was den Aufnahmen eine gewisse Frische und eigentümliche Präsenz verleiht. Dadurch klingen die Signale noch eine Spur vordergründiger. Je nach Einstellung verwandeln wir pappig klingende Bass-Drums in tighte Heavy Metal-Kicks mit deutlichem Anschlags-Klick. Ein anderes Mal kitzeln wir den Raumanteil der Aufnahme deutlich heraus, um der Trommel mehr Volumen zu verleihen, was in Verbindung mit paralleler Signalbearbeitung mannigfaltige Sounddesign-Optionen offeriert. Gleiches gilt auch für Snare-Drums, die beim Herausschälen der Transienten einen überdeutlichen „Snappy“-Anteil erhalten, der jedoch nie unangenehm klingt. Sprach- und Gesangsaufnahmen erhalten einen ordentlich Schuss an Klarheit, aber auch Fundament im unteren Mittenbereich, was sie insgesamt kompakter und dichter klingen lässt. Dadurch positionieren sie sich deutlich besser in den Mix. Die Geheimwaffe, der All-Button-Modus – am Original sind sämtliche Ratio-Taster gedrückt – liefert auch im Plug-in ein fast schon brachiales klangliches Ergebnis, das irgendwo zwischen 12:1 und 20:1 komprimiert und mit einer leichten, aber angenehm klingenden Verzerrung einhergeht und Signalen auf subtile Art Schärfe und Volumen verleiht. Im Test profitieren wir dabei abermals von den Möglichkeiten der integrierten parallelen Signalverarbeitung, mit der wir diese klanglichen Merkmale wohldosiert dem Originalsignal hinzumischen.

Ein völlig anderes Ergebnis liefert hingegen das VC 2A Plug-in. Kein Wunder, denn der diskret aufgebaute Urei 1176 nutzt zur Pegelreduktion einen FET-Schaltkreis. Der im VC 2A emulierte Teletronix ist hingegen ein Röhren-Gerät, das die Pegelreduktion mit Hilfe eines optischen Regel-Glieds realisiert, was mit einer typisch weichen und fast unmerkbaren Dynamik-Reduktion einhergeht. Die Einstellung erfolgt lediglich über zwei Drehregler – Gain und Peak Reduction – sowie einen Kippschalter, der Einfluss auf das Kompressions-Verhältnis nimmt. Es lässt sich also lediglich die Kompressions-Stärke und die Aufholverstärkung einstellen. Den Rest, also Threshold, Attack und Release, übernimmt das optische Regelglied sozusagen in Personalunion. Im Hör- und Praxistest liefert das VC 2A Plug-in erwartungsgemäß ein, im Vergleich zum VC 76, ungleich subtileres, aber dennoch kraftvolles Ergebnis. Im Test zeigt sich die LA-2A-Emulation als perfekter Begleiter zum Veredeln von Gesangs-Takes. Je nach Einstellung erfolgt das Verdichten des Signals auf äußerst sensible, fast schon unhörbare Art. Erst als wir das Plug-in auf Bypass schalten, merken wir wie filigran und gleichzeitig effizient das VC 2A Plug-in ans Werk geht. Die Emulation verdichtet das Signal auf eine angenehme Art, es klingt sowohl vordergründiger, als auch dreidimensionaler. Das Beste: Die Binnendynamik des vokalen Vortrags bleibt hingegen unangetastet. Gleichzeitig zaubert das Plug-in ganz leicht eine Art Schleier auf die Aufnahme, die ihr einen gewissen schönfärbenden Schmelz verleiht. Ähnlich verhält es sich auch mit weiteren Signalen. Melodische Einwürfe einer E-Bass-Linie, die in hoher Lage gespielt sind und deutlich im Pegel hervorstechen, zügelt das VC 2A-Plug-in auf gefühlvolle Art. Die Akzente stechen in ihrer Lautheit zwar immer noch heraus. Doch mit Hilfe des Plug-ins ist die Linie im Mix jetzt deutlich besser im Pegel zu handhaben. Auch bei Schlagzeug-Signalen leistet die Emulation sehr gute Dienste, wenn es darum geht, den Instrumenten mehr Körper und Volumen zu verleihen. Auf eine Drum-Subgruppe angewendet, kann das Ergebnis bei sehr hoher Kompression jedoch leicht dumpf klingen, was bei paralleler Signalverarbeitung verschmerzbar ist. Wer indes mit dem reinen Effekt-Signal arbeiten will ist entweder zu einem Kompromiss verdammt oder nutzt ganz einfach den im Sidechain integrierten Lowcut-Filter, der sich im Test als nahezu unverzichtbares Extra entpuppt. Durch das Herausnehmen der tiefen Frequenzanteile klingt das Ergebnis wie von Geisterhand deutlich luftiger. Hohe Frequenzen wie das Zischeln der Becken sowie die Transienten von Kick und Snare werden organisch im Pegel reduziert, wobei sie im Verhältnis zu den tiefen Signalanteilen im Vergleich zu vorher deutlich besser ausbalanciert sind. Gleiches gilt in Sachen Lowcut-Filter übrigens auch für die Emulation des dbx 160 Kompressors, dem wir uns jetzt widmen wollen.

 

Der Mitte der 1970er Jahre entstandene dbx 160 ist sozusagen die Blaupause des klassischen VCA-Kompressors, der seinerzeit einzigartige Features bot wie die RMS-Level-Erkennung und in Feed-Forward-Technik arbeitet (siehe die Kompressor-Workshops in den Heften 2 bis 4/2011). Ebenso wie die Vorlage wartet das Plug-in mit drei einstellbaren Parametern auf: Threshold, Compression (Ratio) und Output Gain. Die zeitabhängigen Parameter (Attack, Release) sind, ebenso wie im VC 2A programmabhängig, werden also dynamisch anhand der Hüllkurve des eingespeisten Signals reguliert. Besonderheit: Die beiden LEDs unterhalb des Threshold-Reglers signalisieren, ob der momentan anliegende Pegel ober- oder unterhalb der eingestellten Kompressionsschwelle ist. Im Test leistet dieses Feature beim Einstellen hervorragende Dienste und wir fragen uns, warum so etwas nicht auch in anderen Kompressoren zu finden ist. Die ohnehin leichte Bedienung wird dadurch noch einmal vereinfacht. Im Hör- und Praxistest besticht das VC 160 Plug-in mit äußerst starken Sounddesign-Qualitäten und überflügelt die beiden anderen locker in Sachen Klangfärbung. Am deutlichsten ist dies beim Komprimieren von Drumsounds hörbar. Subgruppen und Einzelsounds, die zuvor eher klein, schlank und flach klingen, verwandelt der VC 160 wie von Geisterhand in ein völlig anders klingendes Ergebnis, so als ob im Sampler neue Sounds geladen wurden. Die Transienten der Instrumente treten deutlich hervor, begleitet von einer subtilen Anhebung im Höhenbereich und einer deutlichen Betonung im unteren Mittenbereich. Verglichen mit dem VC 76 sind die Mittenanteile dabei deutlicher ausgeprägt. Pappige Bass-Drums erhalten einen deutlichen Punch und Snare-Drums knallen förmlich aus den Lautsprechern. Gleichzeitig ist das Resonieren der Instrumente spürbar lauter, sie klingen länger nach, was den Signalen insgesamt mehr Volumen, Präsenz und Dreidimensionalität verleiht. Eine unspektakuläre impulsartige (Piccolo-)Snare klingt auf einmal wie eine bissige Heavy-Metal-Snare mit ordentlich Holz und Metall in der Kesselresonanz, die fast schon brachial aus dem Arrangement hervortritt. Diese vom VC 160 herausgeschälten klanglichen Aspekte hätten wir dem unbearbeiteten Klang niemals zugetraut. Ähnliche Ergebnisse, wenngleich nicht ganz so spektakulär, sind auch bei anderen Signalen hörbar. Eine E-Bass-Aufnahme mit deutlich hörbaren Pegelsprüngen wird auf traumwandlerische und fast schon intelligente Weise verdichtet. Das Plug-in scheint genau zu wissen, wo es beim Nivellieren des Pegels anzusetzen hat, ohne dabei die Lebendigkeit des Vortrags platt zu bügeln. Auf Sprache und Gesang angewendet rücken die Signale deutlich in den Vordergrund. Die Stimmen erhalten ebenfalls deutlich mehr Volumen und gewinnen an Plastizität, was wiederum mit einer Anhebung im Mitten- und oberen Höhenband einhergeht und das Signal zusätzlich präsenter macht. Allerdings sollte die Ratio dabei bis maximal 6:1 eingestellt sein. Andernfalls treten die Transienten zu stark in den Vordergrund und Plosiv-Laute klingen unnatürlich, einhergehend mit einer leichten Verzerrung, die in diesem Fall eher unerwünscht ist. Gleiche klangliche Ergebnisse zeigen sich beim Komprimieren von Gitarren, wobei Ratio-Werte größer 6:1 durchaus ästhetisch ansprechende Ergebnisse liefern, zumindest für Musik der härteren Gangart. Wohldosiert eingesetzt, tritt das Picking und Anschlags-Attack akzentuierter, aber nie unangenehm laut in den Vordergrund und lässt Staccato-Gitarrenriffs stahlhart und tight klingen.  

 Fazit

Das Vintage Compressors Bundle von Native Instruments enthält drei klangliche Charakterköpfe mit dem besonderen Etwas, um Signale auf unnachahmliche Art zu veredeln und zu schönen. Native Instruments hat in Zusammenarbeit mit Softube einen exzellenten Job erledigt. Die Vintage Compressors zeigen musterhaft, was musikalisches Komprimieren heißt und wie es klingen soll.

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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