Sanfter Dynamik-Riese

Softube hat sich mit dem amerikanischen Pro-Audio Hersteller Summit Audio zusammengetan und legt mit dem TLA-100A-Plug-in die Emulation eines weiteren modernen Studio-Klassikers vor. Wir haben das Plug-in hinsichtlich Einsatzmöglichkeiten und Klang nach allen Regeln der Kunst auf die Probe gestellt. 

Von Georg Bender

Kompressoren sind eigentlich was recht banales: Sie grenzen als rein technisches Werkzeug die Dynamik eingespeister Signale ein, um für den Mix einen möglichst homogenen Pegel herzustellen. Doch das ist nur die zugegebenermaßen nüchtern betrachtete eine Seite der Medaille. Die zweite Seite rückt die ästhetische Perspektive ins Zentrum, denn jenseits von laut und leise üben Kompressoren je nach Bauart einen mitunter erheblichen Einfluss auf den Klang der eingespeisten Signale aus. Außer Aufgaben eines Dynamik-Knechts auszuführen, üben Kompressoren mitunter also auch gleichzeitig eine Funktion als Sounddesign-Instrument aus. Ein bemerkenswerter Vertreter der Gattung Regelverstärker, der beide Seiten zu gleichen Teilen auf individuelle Art abdeckt, ist der in den 1980er Jahren entwickelte TLA-100A Kompressor der amerikanischen Pro-Audio-Schmiede Summit Audio. Das in analoger Technik unter Einsatz von diskreten Bauteilen und Röhren aufgebaute Gerät genießt weltweit einen hohen Ruf und wird von Profis aufgrund seines organischen, weichen Regelverhaltens und musikalischen Klangs hoch geschätzt.

Das im schwedischen Linköping beheimatete Software-Unternehmen Softube hat jetzt vor kurzem die Emulation dieses nach wie vor hergestellten modernen Klassikers vorgelegt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Hardware entwickelt wurde. Außer der Umsetzung der Schaltung in Nullen und Einsen haben es sich die Entwickler dabei nicht nehmen lassen, dem rund 200 Euro kostenden Plug-in einige Zusatz-Features zu verpassen. Doch später dazu mehr. Die Bedienoberfläche zeigt erwartungsgemäß die fotorealistische Reproduktion der Hardware-Vorlage, inklusive changierendem Schattenspiel beim Betätigen von Reglern und Schaltern. Die oberen Zweidrittel der Fläche sind der Frontplatte des Summit Audio-Dynamik-Prozessors vorbehalten. Das untere Drittel enthält Eingriffsmöglichkeiten in die oben kurz erwähnten Zusatz-Features. Den Netz- und Bypass/Link-Schalter des Originals hat sich Softube bei der GUI-Gestaltung allerdings gespart. Dafür findet sich unterhalb der Betriebsleuchte ein Kippschalter zum Aktivieren des externen Sidechain. Das Arsenal an Einstellmöglichkeiten konzentriert sich auf je zwei Drehregler und Drei-Positions-Kippschalter. Via Gain Reduction-Regler lässt sich die Kompressionsstärke einstellen. Mit Hilfe des Gain-Parameters wird die Aufholverstärkung realisiert. Die Kippschalter offerieren für das Attack und Release jeweils drei fest eingestellte Zeitwerte (Fast, Medium, Slow). Mit dieser Ausstattung erinnert das TLA-100A-Plug-in an einen weiteren Regelverstärker-Klassiker: Den Teletronix LA-2A. Hier wie dort wird die Kompressionsstärke über einen Regler eingestellt, wobei Threshold und Ratio in Abhängigkeit zur Signalstärke des eingespeisten Programmmaterials dynamisch angepasst werden. Beide Dynamik-Prozessoren realisieren dabei eine Soft-Knee-Kompression, die Signale besonders weich und organisch im Pegel zügeln. Bemerkenswert: Anders als der LA-2A mit seinem fotoelektrischen Regelglied realisiert Summit Audio die Pegel-Reduktion mit Hilfe einer proprietären Schaltung. Wie diese jedoch aussieht bleibt das Firmen-Geheimnis des Herstellers, denn die Schaltung ist in der Hardware in einen großen Block eingegossen und somit sicher vor unerlaubtem Kopieren. Doch zurück zum Plug-in: Außer den bereits erwähnten Parametern ziert die Frontplatte noch ein Kippschalter mit dem sich das zentral eingelassene VU-Meter zwischen Ausgangs- und Kompressions-Pegel umschalten lässt. Den Reigen an Zusatz-Features eröffnet das einstellbare Hochpassfilter, das bei einer Flankensteilheit von sechs Dezibel pro Oktave bis hinauf 600 Hertz reicht. Besonderheit: Der beigeordnete Kippschalter routet das Filter wahlweise vor den Eingang oder in den Sidechain, was nicht alltäglich ist. Denn somit kann sich der Anwender, sofern vonnöten, das Insertieren eines Passfilters vor dem TLA-100A sparen. In Kombination mit dem Mix-Regler, der eine parallele Signalverarbeitung auf Plug-in-Ebene erlaubt, eröffnet sich dadurch eine zusätzliche Klang gestaltende Komponente. Das dritte Zusatz-Feature findet sich im Saturation-Parameter, mit dessen Hilfe sich dem Signal die für Röhren typischen Verzerrungen hinzufügen lassen. Dahinter wird der Sound einer 12AX7A-Röhre emuliert, die in der Hardware für die Ausgangsverstärkung zuständig ist. Das Handbuch vermerkt dazu, dass damit das Einstellen eines Headrooms, unabhängig von der Stellung des Gain-Reglers möglich ist.

Das Pfiffige daran: Um bei niedrigen Signalpegeln den gewünschten Grad an Röhrensättigung zu erzielen, ist das Aufdrehen des Gain-Reglers und ein externes Korrigieren der daraus resultierenden Lautstärke nicht nötig und lässt sich direkt auf Plug-in-Ebene realisieren. Auffällig: Im Test besitzt der Saturation-Parameter ein gewisses Eigenleben. Bei moderaten Einstellungen des Gain Reduction-Parameters wirkt die Saturation-Funktion deutlich kraftvoller als bei hohen Kompressionsraten, da die virtuelle Röhre folglich nicht so „heiß“ angefahren wird. Steht das Attack bei hohen Kompressionsraten jedoch in Stellung Slow, so dass Transienten von der Signalbearbeitung ausgeklammert sind, wirkt die Saturation-Funktion aufgrund der Röhren-Kompression wie ein Signalspitzen-Fänger, der die Transienten leicht dämpft. Was sich klanglich damit anstellen lässt, erläutern wir später noch. Die Arbeitsweise und Bedienung des Plug-ins ist im Hör- und Praxistest Dank der überschaubaren Ausstattung blitzschnell verstanden. Wir wählen zunächst ein langsames Attack und schnelles Release, skalieren das Gain auf Null Dezibel, stellen die Saturation auf Normal und Betätigen anschließend den Gain Reduction-Parameter. Zunächst angewendet auf eine Drum-Subgruppe, fällt das Ergebnis äußerst markant aus: Sämtliche Instrumente klingen deutlich plastischer, präsenter und dreidimensionaler. Damit geht einher, dass das Instrument merkbar besser im Mix sitzt. Die Bass-Drum erhält ein zusätzliches Pfund an Druck durch Betonung der unteren Mitten, die Snare-Drum klingt voluminöser und das vormals eher subtil gespielte Ride-Becken tritt deutlicher in den Vordergrund. Doch anders als erwartet, zischelt das Becken auf angenehme Weise im Höhenbereich, der auf eigentümliche Weise zurückgenommen und seidig klingt. Beim Schalten auf Bypass fällt das Klangbild schlagartig in sich zusammen und alles klingt flach und eher leblos. Auffällig ist, dass die Kompression als solche fast überhaupt nicht hörbar ist, wenngleich sich die Lautheit ein wenig erhöht. Die dynamische Expressivität des instrumentalen Vortrags bleibt in der oben erwähnten Einstellung so gut wie unangetastet und wird nur ganz leicht verdichtet. Überkompressionen, die das Signal schlichtweg platt machen, sind mit dem Plug-in, ausweislich unseres Tests, übrigens fast gar nicht möglich. Diese Zurückhaltung sowie das subtile, fast schon schüchterne Eingrenzen der Dynamik, einhergehend mit einer Schönfärbung der Signale zieht sich schließlich wie ein roter Faden durch den gesamten Hörtest. Ganz gleich ob wir Gitarren, Bässe oder Vokalaufnahmen bearbeiten, anschließend klingt alles schöner, runder, voluminöser und auf vornehme Art präsenter. Insbesondere beim Bearbeiten von Vokalaufnahmen läuft der virtuelle TLA-100A zur Höchstform auf. Die Stimmen erhalten einen edlen, schön klingenden Anstrich. Sie rücken auf eigentümliche Art in den Vordergrund, besitzen mehr Präsenz und Tiefe, was sie auf fast schon unbeschreibliche Art strahlen lässt. Ähnlich elegant und bedächtig wie ein die Meere durchkreuzender Wal, ruht der Summit Audio Prozessor in sich und sorgt als sanfter Dynamik-Riese dafür, dass Signale im Klang und Pegel gefühlvoll und musikalisch abgerundet werden.

Mit diesen Qualitäten erinnert das Plug-in an einen anderen exzellent klingenden Dynamik-Prozessor, den Drawmer S3 (Test in Heft 8/2007). Doch das heißt nicht, dass der virtuelle TLA-100A ein zahnloser Tiger ist. Sicherlich, ein kraftvolles, blitzschnelles Zupacken und ein nüchternes, technisches Reduzieren der Dynamik überlässt der TLA-100A auch in der virtuellen Ausgabe lieber anderen Plug-ins. Doch gerade die sich bietenden Einstellmöglichkeiten der Zeitparameter – obwohl nur deren drei zur Auswahl stehen – zeigen sich im Test geradezu als Wunderwaffe, die zwar im Vergleich zu anderen Kompressoren eher zurückhaltend wirken, aber im Softube-Plug-in dennoch erheblichen Einfluss auf das Resultat haben. So verwandelt sich der TLA-Kompressor bei schnellem Attack und langsamen Release in einen deutlich hörbaren Dynamik-Dompteur, der die Lautheit merkbar, aber gefühlvoll steigern kann. Stehen beide Zeitparameter auf Fast stellen sich je nach Kompressionsstärke sogar hörbare Verzerrungen ein, die durchaus zu gefallen wissen. In Slow-Stellung beider Zeitparameter zeigt sich ein wiederum anderes Bild: Die Transienten treten erwartungsgemäß deutlicher heraus, allerdings nicht so laut wie erwartet. Auch bei diesen Signalanteilen greift der virtuelle Summit-Kompressor eher sanft ein. Je nach Signal und Kompressionsstärke ist gleichzeitig ein leichtes rhythmisches Pumpen hörbar, was jedoch musikalisch ausfällt. Auffällig: Im Test geht insbesondere das Ändern der Release-Zeit mit teils drastischen Lautstärkesprüngen einher, was grundsätzlich ein Nachjustieren des Gain erforderlich macht. Der Grund: Das Release ist zusätzlich an die Hüllkurve des eingespeisten Signals gekoppelt. Das heißt, je langsamer das Release gewählt ist, desto stärker nimmt die Signal-Hüllkurve Einfluss auf die Rückstellzeit und umgekehrt. Die wählbaren Zeit-Einstellungen sind insgesamt sehr gut gewählt. Das Bedürfnis, mit Hilfe eines Reglers Zwischenwerte einzustellen, ist im Test nur stellenweise vorhanden. Alternativ bemühen wir in diesen Fällen den Mix-Regler, um dies zu kompensieren. Abseits dessen zeigt sich die Saturation-Funktion im Test als willkommene Option zur weiteren komfortablen Klangformung, bei der die unteren Mitten noch eine Spur deutlicher hervortreten, die Höhen gefühlvoll zurückgenommen werden und die Aufnahmen insgesamt ein wenig kompakter klingen. Einer E-Bass-Aufnahme verhelfen wir zu mehr ohrenschmeichelnden Knurranteilen. Schlagzeug-Klänge erhalten mehr Punch und Vokalaufnahmen klingen angenehmer, wobei das Stimmtimbre an Wärme gewinnt. Allerdings sollte mit dem Saturation-Parameter behutsam umgegangen werden, denn je nach Stellung der übrigen Parameter hat man leicht zuviel des Guten getan, was sich in hörbaren Verzerrungen bemerkbar macht. Hinzu kommt, dass wir uns durch das eher schwache Flackern der Status-LED anfangs allzu leicht aufs Glatteis führen lassen. Wir würden uns daher eine sensiblere Ansprache der LED wünschen, die früher und deutlicher reagiert. Einmal im Griff lässt sich gerade bei moderaten Kompressions-Einstellungen der Schmeichel-Faktor damit wohldosiert erhöhen. Softube hat bei diesem Feature den Profis offensichtlich über die Schulter geschaut und sein Plug-in mit einer pfiffigen und praxisgerechten Option bereichert.

Fazit

Das Summit Audio TLA-100A-Plug-in von Softube wartet eindeutig mehr mit Sounddesign-Qualitäten auf, denn als hart und nüchtern zupackender Dynamik-Verdichter Ein nachgeschalteter, transparenter Kompressor/Limiter zum Abfangen von Signalspitzen ist bei seinem Einsatz daher Pflicht. Abseits dessen verhilft das Plug-in leblosen, flachen Aufnahmen – ganz gleich ob im Mix oder Mastering – auf subtile aber merkbare Weise zu Schönklang, Vordergründigkeit und Plastizität, wobei sich seine subtilen und musikalischen Qualitäten erst dann zeigen, wenn es auf Bypass geschaltet wird. Softubes jüngster Wurf schleicht sich somit auf ganz leisen Sohlen in die Aufnahme und macht Gutes auf gefühlvolle, fast schon erschreckend intelligente Art besser.

Erschienen in Ausgabe 01/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 196 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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