Eure Transparenz

Der neue Super Stereo Compressor (RMS755) von Roll Music Systems verspricht musikalische Dynamikbearbeitung, pure Signalübertragung sowie clevere Auto-Threshold und -Release-Zeitkorrekturen. Professional audio prüft die Integrität des vielversprechenden Edelverdichters. 

Von Michael Nötges 

Aus Minneapolis kommt die Edelschmiede Roll Music Systems, die ihr Augenmerk ausschließlich auf die Entwicklung von analogem Audio-Equipment legt. Neben dem Röhren-Preamp Tubule und dem passiven Summierer Folcrom ist der Super Stereo Compressor RMS755 der dritte Produkt-Streich des amerikanischen Unternehmens. Auch wenn die Entwickler den VCA-Kompressor natürlich nicht neu erfunden haben, hat der RMS755 mit einer speziellen Auto-Release-Funktion – Programm Dependent Release (PDR) – und der integrierten Threshold-Anpassung an die Ratio zwei interessante Neuheiten an Bord.

Ansonsten handelt es sich um einen reinen Stereo-Kompressor, der in erster Linie für die Dynamik-Bearbeitung von Subgruppen und Summen beim Recorden, Mixen und Mastern gedacht ist. Das Soundkonzept ist dabei laut Hersteller eher puristisch, wobei Transparenz und musikalische Komprimierung groß geschrieben werden. Die UVP von 1.649 Euro ist eine klare Ansage in Sachen Qualitätsniveau. Ein Preis, für den man schon einiges erwarten kann.  Zunächst fällt das robuste 19-Zoll-Gehäuse aus Stahl mit den üppigen Reglern auf, die unmittelbar zum Anfassen einladen und sich aufgrund ihrer angerauten Oberfläche sehr angenehm anfühlen. Ansonsten ist die Frontplatte eher schlicht designt und verleiht dem RMS755 einen langlebigen und widerstandsfähigen Eindruck. Auf der Rückseite des eine Höheneinheit messenden Kompressors finden sich die elektronisch symmetrierten XLR-Ein- und -Ausgänge, die nicht zuletzt wegen ihres Arretierungsmechanismus und der festen Verschraubung am Gehäuse einen Vertrauen erweckenden Eindruck machen. Einen zusätzlichen Sidechain-Eingang zum externen Triggern oder andere Zusatzanschlüsse sucht man allerdings vergebens. Wie gesagt, der RMS755 ist eben eher ein Purist.   Justin Ulysses Morse, Chefentwickler von RMS, erklärt uns zum Schaltungs-Design: „Der Super Stereo Compressor verwendet einen VCA für die Steuerung des Gain. Zusätzlich sind im Signalweg drei Verstärker und ein Polypropylen-Kopplungskondensator verbaut. Die OPs sind von Burr Brown oder Analog Devices, wobei wir bei den Komponenten immer auf möglichst geringe Verzerrungs-Werte geachtet haben. Insgesamt ist der Signalweg extrem kurz gehalten, um eine maximal cleane Signalübertragung zu bekommen.“ Das Relais, was für den Hard-Wire-Bypass eingesetzt werde, so Morse weiter, sei wie auch die IC-Sockel und die Anschlussbuchsen mit Goldkontakten versehen. Bei der Wahl der Potis und Knöpfe habe man außerdem besonderen Wert auf deren Robustheit gelegt.   Aufholverstärkung und Threshold sind über angenehm laufende Potis fließend verstellbar. Für das Einstellen der Attack- und Releasezeit sowie die Ratio haben die Entwickler Drehschalter mit fixen Einstellungen verbaut (siehe Tabelle). Der Grund, warum keine eindeutige Werteskala den Threshold-Regler umringt, liegt in der Schwellenwert-Automation des RMS755. Diese bewirkt, dass die Gain-Reduction bei wechselnder Ratio auf gleichem Level gehalten wird, was sehr hilfreich ist, um unterschiedliche Kompressionsstärken vergleichen zu können. Bei höherer Ratio wird also der Threshold automatisch angepasst, womit die ansonsten stärkere Kompression, respektive Gain Reduction, kompensiert wird. Der Schwellenwert-Regler arbeitet dann in einem der jeweiligen Ratio angepassten Regelbereich. Morse erklärt mir dazu: „Beim Super Stereo Compressor ist eine Vorspannung der Threshold-Regelung hinzugefügt, die sich in Abhängigkeit von der Ratio-Einstellung ändert.“   Ansonsten bietet der RMS755 ein Sidechain-Filter mit einer Einsatzfrequenz von 150 Hertz, um den Einfluss von tieffrequenten Signalanteilen (Bass-Drum, Bass) auf die Kompression auszuschließen. Je nach Programmmaterial wäre für den flexiblen Einsatz die ein oder andere Alternativfrequenz hilfreich. Bei den zehn Attackzeit-Einstellungen fällt die mit 0,05 Millisekunden extrem schnelle Maximalposition auf, die auch den Einsatz als hart zupackenden Limiter denkbar macht. Mehr als eine Ratio von 10:1 ist allerdings nicht drin, was den RMS755 als klassischen Brickwall-Limiter disqualifiziert. Die feinen Abstufungen unterhalb einer Millisekunde sind sehr hilfreich, um Nuancen beim Transientenfang herauszuarbeiten.

Ähnliches gilt für die zehn Release-Zeit-Einstellungen, die in feinen Abstufungen von 0,1 bis 2 Sekunden flexiblen und detaillierten Eingriff in das Audiomaterial ermöglichen.  Der RMS755 hat auch einen Auto-Release-Modus. Das alleine ist noch keine Sensation, denn das haben mittlerweile viele Kompressoren. RMS nennt diesen Modus allerdings in Abgrenzung zur Konkurrenz mit Bedacht Programm Dependent Release (PDR). Gemeint ist damit, wie uns Morse verrät, Folgendes: „Im Grunde wird wie bei anderen Auto-Release-Modi zunächst eine zweite Release-Zeit-Konstante im Sidechain-Signal hinzugefügt: Bei langen, lauten Passagen ist die Rückstellzeit dann entsprechend langsamer als eingestellt. Der große Unterschied des PDR-Modus zu herkömmlichen Auto-Release-Schaltungen besteht jetzt darin, dass Änderungen der Reaktionszeit für kurze Ereignisse bei aktiver PDR-Schaltung immer noch möglich sind.“   Das hinterleuchtete VU-Meter zeigt ausschließlich die Gain Reduction an und lässt sich nicht umschalten, um die Ein- oder Ausgangspegel zu überwachen. Aufgrund seiner geringen Größe ist der Zeiger zwar erkennbar, genaue Dezibel-Angaben sind aber nur mit Anstrengung ablesbar. Wobei ein VU-Meter sowieso im Grunde nur als grobe Orientierung dient und das Überprüfen des Klangs mit den Ohren viel entscheidender ist. Der Hersteller verfolgt einen musikalischen Ansatz, weswegen die Anzeige völlig in Ordnung geht. Ein Präzisions-Metering passt nicht ins Konzept. Erfreulich ist, dass sich anstatt einer Status-Anzeige die Farbe des VU-Meters von Violett auf Rot ändert, sobald der Bypass aktiviert ist, was den Komfort bei A/B-Vergleichen erhöht.   Messtechnisch zeigt sich der RMS755 in sehr guter Verfassung, auch wenn es ein paar Besonderheiten aufzuführen gilt. Geräusch- und Fremdspannungsabstand sind mit 90,7 und 82,9 Dezibel über jeden Zweifel erhaben. Zum Vergleich: Beim FET III von Daking (Test in Heft 11/2010) ergaben die Messungen 75,1 und 72,7 Dezibel, der xPressor von Elysia (Test in Heft 11/2011) liegt mit 91,6 und 88,8 nur knapp über den Werten des RMS755. Der Frequenzgang (siehe Diagramm auf Seite 32) ist allerdings nicht hundertprozentig linear. Unterhalb 50 Hertz weist er eine Abweichung um rund ein Dezibel bei 20 Hertz auf. Ein 1-Dezibel-Peak bei 30 Kilohertz (außerhalb des hörbaren Bereichs) führt zur sanften Anhebung oberhalb fünf Kilohertz. Ein Blick auf das FFT-Spektrum zeigt einen Noisefloor weit unterhalb -90 Dezibel. Auffällig sind allerdings die harmonischen und unharmonischen Verzerrungen, die – allen voran k2 bei rund -55 Dezibel – herausragen. Das muss zwar keineswegs unangenehm klingen, trotzdem wundern diese Ergebnisse in Anbetracht der klangneutralen Ansage des Herstellers, ebenso wie der nicht hundertprozentig lineare Frequenzgang. Bei solchen k2-Anteilen sind relativ hohe THD+N-Werte von maximal 0,35 Prozent natürlich kein Wunder. Ausgezeichnet ist übrigens auch das Übersprechverhalten des RMS755. Die Messwerte liegen jenseits von -105 Dezibel.   Im Praxistest traktiere ich den RMS755 mit unterschiedlichen Einzelsignalen (Snare-Drum, Konzertgitarre, Gesang) sowie Subgruppen (Drums, Chor) und kompletten Mixen.

Trotz der etwas auffälligen Messwerte, bleibt der Kompressor klanglich sehr unauffällig. Ohne Kompression ist kaum eine Veränderung auszumachen. Nach zahlreichen A/B-Vergleichen bleibt es immer noch schwierig, den minimalen Unterschied in Worte zu fassen. Ein dezentes Mehr an Transparenz und Tiefe trifft die Charakteristik wohl am ehesten. Auch wenn ich mir beim Test zunächst manchmal unsicher bin, beweist ein Blick auf das violette VU-Meter, dass der RMS755 tatsächlich arbeitet. Heftige Kompressionen mit einer Ratio von 10: 1 sind natürlich deutlich wahrnehmbar, das Signal wird aber keinesfalls rücksichtslos platt gebügelt, sondern jederzeit geschmackvoll verdichtet.  Bei einem Snare-Schlag lassen sich mit Hilfe der Attack- und Releasezeiten die Transienten en détail herausarbeiten. Je nach Geschmack bekommt man einen auf den Anschlag fixierten scharfen Sound oder einen eher breiten, satten Klang. Um die optimale Ratio zu finden, ist die automatische Threshold-Anpassung Gold wert, da sich die Alternativen bei gleicher Lautstärke perfekt vergleichen lassen. Die Bias-Regelung des Thresholds ist beim Verstellen der Ratio jedoch kurz hörbar. Die zahlreichen Attackzeit-Unterteilungen zwischen 0,05 und einer Millisekunde sorgen für klangliche Facetten auf der blitzschnellen Transientenjagd. Der Kompressor packt dabei blitzschnell und lautlos zu, ohne sich je aus dem Konzept bringen zu lassen. Bei der Kompression eines Konzertgitarrensignals – viele Klassikpuristen rümpfen jetzt wahrscheinlich die Nase – kommt der RMS755 für meinen Geschmack gerade recht. Ich höre besonders bei sachter Ratio (1,5:1) und zurückhaltendem Threshold im Grunde erstmal nichts. Dann merke ich aber sofort, wenn der Kompressor nicht mehr im Signalweg ist, weil der Sound an Transparenz und Griffigkeit verliert. Gleiches gilt auch für eine Gesangsaufnahme. Dabei ist der RMS755 natürlich keine klangliche Rampensau, die dem  eingespeisten Signal seinen Charakter aufdrängen will. Vielmehr hält er sich zurück, lässt die Stimme für sich sprechen und macht, was er am besten kann: Unauffällig und effizient komprimieren.  Bei der Bearbeitung einer Schlagzeug-Subgruppe zeigt sich das Sidechain-Filter als wirksame Waffe, um die energetische Bass-Fraktion für die Kompressionsregelung auszuschließen und das Augenmerk mehr auf Snare-, Hi-Hat- Sustain- und Raum-Informationen zu legen. Durch die schnellen Release-Zeiten lassen sich sehr lebendige Submixe erzeugen, die nicht pumpen, sondern vielmehr anfangen beschwingt zu tanzen. Bei der Bearbeitung einer Choraufnahme hält der Kompressor den Mix optimal zusammen. Sehr hilfreich ist hier der PDR-Modus, der zwar kurze Releasezeiten bei impulsiven Passagen zulässt, ansonsten aber bei lang gezogenen Tönen ein sehr natürliches Regelverhalten an den Tag legt.   Zuletzt setzen wir den RMS755 als Mastering-Kompressor für einen fertigen Mix ein. Er verhilft dem Klangbild zurückhaltend auf eine neue Stufe. Besonders hilfreich sind auch hier die detaillierten Einstellmöglichkeiten von Attack und Release sowie die Option, jederzeit das Sidechain-Filter zu aktivieren. Wobei eine Abstufung mehrerer Einsatzfrequenzen durchaus hilfreich wäre. Effekthascherei liegt dem Kompressor auch hier nicht, wohl aber eine optimale Verdichtung des Klangbilds ohne Angst haben zu müssen, den Mix tot zu komprimieren. Auch hier erweist sich der PDR-Mode als wirkungsvolle Geheimwaffe, die mich eines Besseren belehrt, als ich glaube der Mix klänge schon perfekt. Durch die intelligente Regelung gelingt zumindest bei diesem Mix eine insgesamt noch natürlichere und ausgewogenere Endkomprimierung.  

Fazit

Der RMS755 wird seinem Beinamen Super Stereo Kompressor voll und ganz gerecht. Er klingt so gut wie gar nicht – was als Kompliment gemeint ist – und verdichtet Einzelsignale, Subgruppen und ganze Mixe gleichermaßen musikalisch und geschmackvoll. Ein mehrstufiges Sidechain-Filter, ein externer Sidechain-Eingang oder ein umschaltbares VU-Meter wären je nach Einsatzgebiet zwar wünschenswert. Wer darauf aber verzichten kann, wird mit dem insgesamt hohen Qualitätsniveau, der praxisnahen Threshold-Automation und dem cleveren Auto-Release-Mode belohnt.  

Erschienen in Ausgabe 05/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1649 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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