Mikrofonperlen

Die Pearl-Mikrofone aus Schweden sind hierzulande bislang nur wenig bekannt, was die handgebauten Schallwandler nicht verdient haben, handelt es sich doch um echte Mikrofonperlen. 

Von Harald Wittig  

In Deutschland, dem Mikrofon-Schlaraffenland schlechthin, ist der schwedische Mikrofon-Hersteller Pearl Mikrofonlaboratorium AB und seine außergewöhnlichen Schöpfungen kaum bekannt. Dabei handelt es sich um eine Mikrofon-Manufaktur mit Tradition, die seit inzwischen über 70 Jahren, exakt seit der Gründung im Jahre 1941 von Rune Rosander, Schallwandler entwickeln und herstellen. Tatsächlich war Pearl bis 1980 der einzige Mikrofonhersteller in Schweden, weswegen sich die Manufaktur auf den heimischen Markt konzentrieren und bestehen konnte. So sind die Pearl-Mikrofone bislang eher eine innerschwedische Größe, die auf dem internationalen Parkett nur eine Nebenrolle spielen. Diese Mikrofone verdienen aber eine stärkere Beachtung, denn sie verwirklichen nicht nur innovative Konstruktions-Prinzipien, sondern haben – soviel sei schon mal verraten – auch klanglich einiges zu bieten. Das meinen auch Klaus Justus Gehlhaar und Gilles Bartholmé von Poe-Music, die seit Anfang 2012 den Pearl-Vertrieb für Deutschland übernommen haben und die Professional audio-Redaktion gleich mit vier Mikrofonen aus dem aktuellen Pearl-Programm für einen ersten Test versorgt haben. Dabei sind die beiden Großmembran-Kondensatormikrofone CC 22 und ELM-C, das Kleinmembran-Modell OM 16 sowie das Flaggschiff im Pearl-Programm, das Modell DS 60. Dieses ist mit zwei Doppel-Membrankapseln ausgestattet und bietet damit Aufnahme- und Klangvarianten von Stereo bis Surround. Die Details werden wir selbstverständlich im weiteren Verlauf behandeln.   Beginnen wir zunächst mit dem CC 22, denn dieses mit rund 1.200 Euro zu Buche schlagende Modell ist nicht nur das populärste Pearl-Mikrofon, an ihm lässt sich auch exemplarisch das charakteristische Merkmal schlechthin der Mikrofone aus Stockholm, ihre rechteckige Kapsel, beschreiben.

Diese rechteckigen Kapseln gehen auf die grundlegende Entwicklung von Pearl-Gründer Rosander zurück aus den 1960er-Jahren zurück und sind im Laufe der Jahrzehnte ständig verbessert worden. Dabei geht dieses Kapseldesign von der Erkenntnis aus, dass die gängigen Großmembran-Kapseln mit ihren runden Membranen mehr oder weniger stark betonte Resonanzen im Bereich von zwei bis zehn Kilohertz aufweisen, die im gängigen (Anwender-)Sprachgebrauch als „Präsenz“ oder auch „präsenter Klang“ beschrieben werden. Zwar sind die Rechteck-Kapseln der Schweden ebenfalls nicht frei von Resonanzen, weisen sogar im Gegenteil sehr viele auf. Allerdings sind diese gleichmäßiger über den gesamten Frequenzbereich verteilt und vergleichsweise weniger stark ausgeprägt. Dies ergebe einen sehr viel ausgewogeneren Klang mit einem vergleichsweise lineareren Frequenzgang, der eher an Kleinmembran-Kondensatormikrofone erinnere. Die Membran selbst ist übrigens aus leichtem Mylar, das mit Aluminium bedampft ist, wobei die Membran nicht insgesamt dem Schall ausgesetzt ist. Stattdessen sorgt das perforierte Messingblättchen vor der Membran, dass diese kontrolliert schwingt. Ansonsten handelt es sich beim CC 22 um ein elektronisch symmetriertes Kondensatormikrofon mit fester Nierencharakteristik, das laut Pearl einen bis 25 Kilohertz erweiterten Übertragungsbereich habe, sich für eine Vielzahl von Anwendungen eigne und hervorragend zu Gesangsstimmen, Blechbläsern, Streichern und akustischen Gitarren soll. Wer noch andere Richtcharakteristika benötigt oder beispielsweise Stereo-Aufnahmen im MS-Verfahren machen möchte, bekommt aus dem Hause Pearl noch zwei weitere 22er: Das Modell CB 22 (1.399 Euro) beispielsweise hat eine bidirektionale, also von beiden Seiten – vorne und hinten – offene Kapsel mit Doppel-Membran, die folglich eine Achter-Charakteristik ergibt, wohingegen das dritte Modell, das CO 22 (1.299 Euro) ebenfalls eine Doppelmembran-Kapsel hat, dafür aber Kugel-Charakteristik bietet. Wer diese drei Modelle gewissermaßen in einem Mikrofon zur Anfertigung von Stereoaufnahmen haben möchte, kann auch gleich zum Flaggschiff DS 60 greifen, denn tatsächlich arbeiten zwei 22er-Doppelmembran-Kapseln in diesem Mikrofon.

Aber dem DS 60 widmen wir uns später, betrachten wir jetzt das ELM-C, das augenscheinlich (siehe die Abbildungen auf den Seiten 38 und 39) mit einer verlängerten Kapsel/Membran – ELM steht für „EnLarged Membran/verlängerte Membran – ausgestattet ist. Bei dieser Kapsel handelt es sich um ein Meisterstück des Kapselbaus, ursprünglich wurde diese Weiterentwicklung des eigenen Rechteck-Designs im Kundenauftrag entwickelt. Grundsätzlich hat das Testmikrofon eine Nierencharakteristik, allerdings mit einer sehr starken Richtwirkung in der vertikalen Mikrofonachse, was außerhalb dieser liegende Schallanteile stark unterdrückt. Daraus ergibt sich in der Vertikalen eine stark gerichtete Niere, während wir es in der horizontalen eher mit einer breiten Niere zu tun haben. Das Mikrofon erfasst demnach einen vergleichsweise weiten Bereich in der Horizontalen, so dass beispielsweise zwei oder drei Sänger gleichmäßig erfassbar sind, wobei Reflexionen in der Vertikalen, also von Decke und Boden, weitgehend ausgelöscht sind. Ist das Mikrofon dagegen quer aufgestellt, lässt sich ein Instrumentalist sehr gut von den Mitmusikern separieren bei gleichzeitiger Aufnahme von zusätzlichen Schallanteilen. Was dann aber in Räumen mit niedriger Deckenhöhe problematisch sein kann, da bei dieser Ausrichtung auch Reflexionen von Decke und Boden mit aufgezeichnet werden. Andererseits kann gerade das reizvoll sein, weswegen die langgestreckte Rechteckkapsel ELM-C mit ihrem 7-zu-1-Seitenverhältnis abhängig von der Ausrichtung des Mikrofons interessante Klangergebnisse auch in akustisch beruhigter Umgebung verspricht.  Apropos Klangergebnisse: Eine Vielfalt davon sind dem Dual-Kapselmikrofon DS 60 schon prinzipbedingt mitgegeben. Grundsätzlich handelt es sich um ein Doppel-Mikrofon mit dem Stereo-Aufnahmen in den gängigen stereofonen Verfahren wie XY (gekreuzte Nieren) und Blumlein (gekreuzte Achten), aber auch MS möglich sind. Dabei werden die Signale der beiden Doppelmembran-Kapseln, die, wie bereits erwähnt, der des Modells CB 22 entsprechen, einzeln herausgeführt. Mit dem mitgelieferten Lemo-Spezialkabel lassen sich die Einzelsignale auf entsprechende Mischpult-Kanäle legen und separat aufzeichnen. Der Anwender kann dann nach der Aufnahme, beim Mischen nämlich, entscheiden, welches Stereo-Verfahren er verwenden möchte. Ist das DS 60 entsprechend der Gravur auf dem Gehäuse beispielsweise in „XY-Stellung“ auf die Schallquelle ausgerichtet, kann der Tonschaffende auf zwei Spuren die Signale der 0°-Einsprechrichtungen aufnehmen, arbeitet also faktisch mit Nieren in XY-Anordnung. Möchte er sich indes noch nicht festlegen, nimmt er einfach alle vier Signale, also auch die der 180°-Einsprechrichtung auf zwei weiteren Spuren mit auf und kann dann in der DAW alternativ auch ein Blumlein-Arrangement aus klanglichen Gründen nutzen.

Wem sich das nicht sofort erschließt, dem sei das auf der Seite von Pearl Mikrofonlaboratorium AB unter pearl.se/videos zu findende sehr instruktive Lehr-Video empfohlen. Wer aus guten Gründen das MS-Verfahren bevorzugt, dreht das Mikrofon, sodass die Markierung zur Schallquelle zeigt. Jetzt ist die obere Kapsel für das Mittensignal zuständig, die unter zeichnet das Seitensignal auf, wird also zur Acht, folgerichtig empfiehlt es sich, einmal mehr alle vier Signale aufzunehmen und gewissermaßen in der Nachspielzeit beim Mix über die Richtcharakteristik des Mittenmikrofons zu entscheiden. Zum grundlegenden Verständnis der Arbeitsweise dieses Quad-Mikrofons seien die Tests der Twin-Mikrofone Sennheiser MKH800 Twin und Josephson C700A in Ausgabe 7/2008 beziehungsweise 11/2010 empfohlen. Für das DS 60 gilt Vergleichbares, nur eben zweifach.  Nach diesen eigenartig-appetitlichen Schwedenhappen jenseits des Hauptstroms ist das Kleinmembran-Mikrofon OM 16 geradezu gewöhnlich konventionell konstruiert, hat es doch eine runde Membran. Der nicht mal zehn Zentimeter lange, federleichte Druckempfänger ist ein echtes Kompaktmikrofon, das sich mit Hilfe der pfiffigen Halterung sehr einfach positionieren lässt. Pearl macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass das OM 16 eine Höhen-Anhebung ab fünf Kilohertz aufweist, die für mehr Klarheit sorgen und dem aktuellen Zeitgeschmack entsprechen soll. Jedenfalls sei auch das günstigste und kleinste Mikrofon des Testquartetts zur Aufnahme der meisten Musikinstrumente und auch für Gesang empfehlenswert. Nun ja, wir werden sehen besser hören, was das OM 16 und seine Anverwandten klanglich leisten. Bleibt noch festzustellen, dass die Verarbeitung dieser handgebauten Mikrofone den Preisen angemessen auf hohem Niveau angesiedelt ist. Sehr gut gefallen uns zudem die Halterungen von CC 22 und ELM-C, welche die Ausrichtung der Schallwandler stark vereinfachen und die Mikrofone sicher halten. Das gilt nicht unbedingt für die elastische Halterung des DS 60, die – um es kurz zu machen – nicht gerade dem hohen Preis und Anspruch des Pearl-Spitzenmodells gerecht wird. Die Halterung des Test-Mikrofons hat jedenfalls während des Tests den Dienst quittiert, sodass wir mit einer Dritt-Anbieterspinne arbeiten müssen. Hilfreich in der Praxis sind die roten LEDs der Modelle CC 22, ELM-C und DS 60, die Aufnahmebereitschaft signalisieren, wenn die Phantomspannung anliegt und vor allem das DS 60 korrekt verkabelt ist.  Im Rahmen des Praxistestes haben wir insgesamt 40 Gitarrenaufnahmen, wobei sowohl eine Konzertgitarre von Masaru Kohno, als auch eine Ricardo Sanchis 2F-Flamencogitarre Verwendung fand. Ein Auswahl der Aufnahmen, bei denen die Mikrofone sowohl einzeln als auch in Kombination zu hören sind, finden Sie zum Nachhören und kostenlosen Download auf unserer Website, www.professional-audio-magazin.de.

Klanglich sprechen die Pearls eine eigene Sprache, die wir sogleich beschreiben wollen:  OM 16: Der kompakte Druckempfänger glänzt mit einer – konstruktionsbedingt – herausragenden Tiefenwiedergabe, weswegen das uns zur Verfügung stehende OM 16-Pärchen bei der Aufnahme der sehr bassstarken Konzertgitarre im Klein-AB-Verfahren schon mal überzeugt. Das Impulsverhalten ist ebenfalls vorbildlich – eine Kleinmembran ist eben schon per se schneller als die trägere Großmembran. Die nicht zu überhörende Höhenanhebung sorgt für einen frischen Klang, der uns für die Gitarre weniger gefällt, aber das OM 16 speziell als Drum-Overheadmikrofon empfiehlt. Wer einen strahlenden Beckenklang bei sehr guter Transientenabbildung sucht, ist mit dem OM 16 sehr gut bedient. Obwohl nicht offiziell „gematched“, sind die beiden Testmikrofone in puncto Empfindlichkeit und Klangverhalten bei geringem Eigenrauschen praktisch gleich, was für eine präzise Fertigung mit engen Toleranzen spricht.Die Messwerte nebst Erläuterungen müssen wir aus Platzgründen in der kommenden Ausgabe nachliefern. CC 22: Wer sich nur ein einziges Pearl-Mikrofon leisten kann und möchte, ist mit diesem Modell hervorragend bedient. Der Klang ist ausgewogen mit angenehm runden Mitten und feinen Höhen, ein Hauch Präsenz sorgt für Farbigkeit. Die Bässe sind erstaunlich gut, fallen aber ein wenig ab, dafür ist der Nahheitseffekt vergleichsweise gering ausgeprägt. Das CC 22 ist ein echter Allrounder, das uns vom Soundcheck weg gefallen hat. Stellen Sie sich ein rund klingendes Großmembran-Mikrofon mit der Höhenauflösung einer Kleinmembran vor – dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung vom Klang dieses Spitzenmikrofons. 

ELM-C: Die sehr spezielle Rechteckkapsel macht dieses Mikrofon einzigartig, denn es bietet Klangvarianten, die wir so von keinem anderen Mikrofon kennen. Ist es längs ausgerichtet, erfasst es einen Klangkörper sehr gut, der Klang ist ausgesprochen klar und direkt, auch in akustisch schwieriger Umgebung. Quer aufgehängt fängt das ELM-C zusätzliche Reflexionen ein: Das ergibt bei unseren Aufnahmen einen weniger fokussierten, räumlicheren Klang, der uns sehr gut gefällt. Auf diese Weise als Gesangsmikrofon eingesetzt, bekommt die Stimme eine besondere Färbung, da Stirn- und Brustreflexionen mit erfasst werden. Wir haben für Sie zwei Soundfiles erstellt, bei der wir die Konzertgitarre mit quer ausgerichtetem ELM-C mikrofoniert und zusätzlich einmal mit dem CC 22, beim zweiten Mal mit dem OM 16 für mehr Klarheit und knackigere Bässe gestützt haben.  DS 60: Das Topmodell stellt gewissermaßen eine Sammlung von Stereo-Paaren der 22er-Serie von Pearl da. Klanglich ist ihm anzuhören, dass die 22er-Kapsel für den guten Ton sorgt. Wir haben uns für die einfachste Aufnahmevariante entschieden und die Konzertgitarre im XY-Verfahren aufgenommen. Der Klang ist eine Winzigkeit wärmer als der des CC 22, allerdings vermuten wir, dass das am Lemo-Kabel liegt. Das Spezialkabel könnte weniger klar als die für alle anderen Aufnahmen verwendeten Vovox Sonorus-Kabel klingen. Wer es sich leisten kann, erhält mit dem DS 60 fraglos ein Super-Mikrofon, das variable stereofone Aufnahmen von Soloinstrumenten und Ensembles ermöglicht.

 

Fazit 

Pearl Mikrofonlaboratorium AB – ein Name den sich der anspruchsvolle Tonschaffende merken sollte. Angefangen beim frisch klingenden, sehr kompakten Kleinmembran-Druckempfänger OM 16, über das Spitzenmikrofon CC 22 für alle Aufnahmesituationen und das einzigartige ELM-C, dessen spezielle Rechteckkapsel hochinteressante Klangvarianten bietet, bis hin zu dem Dual Doppelmembran-Kapsel-Mikrofon DS 60, das in puncto Klang und Vielseitigkeit in der Topliga spielt – diese handgebauten schwedischen Schallwandler sind eine echte Bereicherung für jede Mikrofonsammlung.

Erschienen in Ausgabe 09/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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