(Klang-)Gestaltwandler

Der neue Custom One Pro von Beyerdynamic ist ein schmuckes Chamäleon, das nicht nur äußerlich offen für Wandlung ist, sondern auch Klanganpassungen gestattet.

Von Harald Wittig 

Die Kopfhörer von Beyerdynamic gehören zu den besten überhaupt, denn sie verbinden Ingenieurs- und Handwerkskunst mit besten Materialien und einem eigen Stil in Design und Klang. Neuzugang im Portfolio der Heilbronner ist das Modell Custom One Pro, ein geschlossener Kopfhörer, der die renommierte Riege der Studio-Kopfhörer erweitert, allerdings einem neuartigen Konzept folgt: Laut Beyerdynamic mache der neue Hörer das Musikhören interaktiv und biete für „nahezu jeden Einsatzzweck eine All-In-One-Lösung“. Gut, was der werbewirksame Text verspricht, kann der Kopfhörer selbstverständlich nicht halten, allerdings ist er in der Tat sehr vielseitig an den persönlichen Geschmack anpassbar.
Beginnen wir doch direkt mit einem der Haupt-Merkmale, den beiden, jeweils an den Ohrschalen angebrachten variablen Bassreflexöffnungen, von Beyerdynamic „Custom Sound Slider“ genannt. Diese auch bei aufgesetztem Kopfhörer bequem zu verstellenden Schiebschalter haben vier Positionen, sind präzise gerastet und somit auch blind auf die gewünschte Position einstellbar. Es handelt sich wie gesagt um verstellbare Bassreflexöffnungen, und Sie vermuten goldrichtig, wenn Sie einen veränderbaren Bassklang oder ein unterschiedliches Bassverhalten je nach Slider-Stellung erwarten. In Stellung 1 sind die Bassreflexkanäle verschlossen, der Custom One Pro produziert einen sehr schlanken Bass. Fast ist es so, als hätte der Kopfhörer ein eingebautes Hochpassfilter das etwa bei 100 Hertz ansetzt. In Stellung 2 ist dieser Effekt verschwunden, der Hörer klingt jetzt am linearsten. Diese Stellung würden wir, aber wohl auch viele andere Musiker und Toningenieure zunächst bevorzugen, schließlich wollen wir die Musik so unverfälscht wie möglich hören. Stellungen 3 und 4 heben den Bass mehr oder weniger stark an, wobei Stellung 4 auch die Tiefmitten bis 500 Hertz beeinflusst. Klare Absage also an eine lineare Wiedergabe, wobei der Effekt in Stellung 4 besonders drastisch ausfällt.

Wer unterwegs, aber vielleicht auch im Studio – beispielsweise beim Live-Einspielen mit kompletter Band und sehr lautem Schlagwerker – seine Ruhe haben und sich voll auf die Klänge im Kopfhörer konzentrieren möchte, sollte die Sound-Slider am Besten in Stellung 1 und 2 belassen. In diesen Positionen ist der Kopfhörer besonders gut von Umgebungsgeräuschen isoliert, was wir übrigens schon auf der diesjährigen Musikmesse erkannt und schätzen gelernt haben.
Ebenfalls – in gewissen Grenzen – variabel ist auch das Erscheinungsbild des Custom One Pro: Die Abdeckplatten der Ohrschalen sind nämlich mittels mitgeliefertem Sechskant-Schlüssel entfern- und gegen optional erhältliche austauschbar. Ein Pärchen kostet rund zehn Euro, die bislang lieferbaren Motive reichen von schlicht bis (leicht) schrill und haben außer dem optischen sonst keinen Nutzen. Unsererseits bemerkenswerter ist da schon die Möglichkeit, Kopf- und Ohrpolster sowie das Anschlusskabel auszutauschen. Gerade bei Kopfhörern, die im Studio-Dauereinsatz sind, ist das sehr, sehr praktisch und bei den Profi-Hörern von Beyerdynamic schon immer Standard. Neu ist im Falle des Custom One Pro, dass es verschiedenfarbige Kopf- und Ohrpolster gibt – wer möchte kann sich also seinen individuellen Kopfhörer gestalten. Aus praktischer Sicht gefallen uns übrigens die weißen Kopf- und Ohrpolster: Dann findet sich der Custom One Pro auch im typischerweise spärlich beleuchteten Tonstudio schnell wieder. Auch das Kabel ist auswechselbar und zudem einseitig geführt. So gehört es sich für einen Studio-Kopfhörer, denn ein einseitig geführtes Kabel behindert den Musiker beim Einspielen weitaus weniger, als die zweiseitig geführten Typen. Da nie auszuschließen ist, dass der Regiestuhl Fahrt über ein Kabel aufnimmt und dieses daraufhin zu Bruch geht, ist es wichtig, dass Ersatz schnell und ohne Inanspruchnahme des Service verfüg- und montierbar ist. Beim Custom One Pro ist der Anschluss als Miniklinken-Anschluss ausgeführt, allerdings ist beim Anschließen eine gewisse Vorsicht vonnöten: In der Gehäuseschale befindet sich eine sogenannte Rastnase, die in einen passenden Schlitz am Kabelstecker zu führen ist. Unterbleibt diese, ist die Verbindung  nicht nur sehr instabil. Vor allem leidet, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, der Klang. Beyerdynamic beschreibt den korrekten Kabelanschluss im Handbüchlein sehr exakt.
Bevor wir uns dem Klang des Custom Pro One widmen, sei kurz sein Tragekomfort bewertet. Die angenehm weichen und dicken Ohr- und Kopfpolster schmiegen sich gut an Ohren und Kopf an, allerdings sitzt der Kopfhörer insgesamt recht stramm. Zumindest für die Brille tragenden Kollegen dürfte der Beyerdynamic gerne etwas lockerer sitzen. Wer keine Augengläser benötigt, gewöhnt sich hingegen an den Hörer. Nachdem wir einige Wochen mit dem Custom One Pro gehört und gearbeitet haben, stört uns sein Sitz nicht mehr, obwohl nach wie vor die AKG-Modelle K271 MKII und K702 für uns die bequemsten Kopfhörer überhaupt sind.

Zu beachten ist, dass der Beyerdynamic ein vergleichsweise lauter Kopfhörer ist. Damit passt er sehr gut zu leistungsschwachen Kopfhörerverstärkern, an unserem Violectric V200 müssen wir allerdings Pre-Gain um -12dB reduzieren, um mit optimaler Verstärkereinstellung – Poti etwa auf 14.00 Uhr – hören zu können. Achten Sie also darauf, wenn Sie noch einen leiseren Hörer einsetzen.
Klanglich steht der Custom One Pro – wie nicht anders zu erwarten – in der Beyerdynamic-Tradition: Sein Auflösungsvermögen ist sehr gut, wenngleich die Tophörer wie der DT880 Pro, vom grandiosen T1 ganz zu schweigen, insoweit noch ein Schippchen drauflegen. Was der Neue uns offenbart, ist dennoch auf hohem Niveau. Wir haben den Kopfhörer nämlich für die Akustikgitarren-Aufnahmen im Rahmen der Mikrofontests dieser Ausgabe eingesetzt und der Beyerdynamic hat uns ziemlich präzise die Klangeigenschaften des Oktava MKL-2500 (siehe Seite 46) und des AKG C1000S (siehe Seite 80) und beider Mikrofone Klangverhalten je nach Positionierung mitgeteilt. Dazu gehört auch, dass der Custom One Pro auch das Impulsverhalten der beiden Mikrofone – insoweit überrascht vor allem das Oktava – sehr schön an die Ohren des Spielers und des Aufnehmenden bringt. Auch in puncto Raumabbildung kann sich der Beyerdynamic ohne Weiteres mit weitaus teureren Kopfhörern messen. Beispielsweise erklingt die hervorragend produzierte, in den berühmten Abbey Road Studios aufgenommene CD „All Your Life“ von Al Di Meola – des Meisters persönliche Hommage an die Beatles – einfach fantastisch. Wer jedoch einen ultralinearen Hörer erwartet, wird mit dem Neuen nicht unbedingt bedient. Der Klang ist eher vollmundig, was an den leicht zurückgenommen Höhen und den etwas angehobenen Tiefmitten liegt. Der Vergleich mit unserem Referenzhörer, dem AKG K702, belegt das. Das macht allerdings das Hören über den Custom One Pro sehr angenehm und stressfrei – es ist mitunter kaum zu glauben, wie grässlich manche Profi-Produktion klingen kann. Wohlgemerkt beziehen sich unsere auf die Slider-Stellung 2 („Linear2). Drei und Vier ist uns viel zu bassig, die Stellung 1 wiederum ist nützlich, wenn der Kopfhörer als akustische Lupe eingesetzt wird und es darum geht, den Mittenbereich zu beurteilen. Auch wenn es da noch kompetentere Kollegen im eigenen Hause gibt: Der Custom One Pro ist ein sehr guter Allround-Kopfhörer auf Oberklasse-Niveau der mit sehr guter Leistung und voll angemessenem Preis überzeugt.

Erschienen in Ausgabe 07/2013

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 229 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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