Gipfelstürmer

Der noch junge Kopfhörer-Hersteller Meze aus Rumänien räumte 2016 für seinen 99 Classics Preise über Preise ab – und verwies etablierte Firmen auf ihre Plätze. Nach dem ausführlichen Praxistest war klar, warum.

Von Freda Ressel

Antonio Meze, seineszeichens Industriedesigner und Kopfhörer-Enthusiast, stiehlt derzeit als Quereinsteiger auf dem Kopfhörermarkt alteingesessenen Herstellern wiederholt die Show. Der von ihm entwickelte Over-Ear-Kopfhörer Meze 99 Classics räumt seit Erscheinen Preise am laufenden Band ab. Bei der CanJam Europe 2016 beispielsweise belegte der 99 Classics den dritten Platz der „Best Product“-Kategorie hinter dem Sennheiser HE1 und dem Focal Utopia. Das ist ziemlich beachtlich, wenn man bedenkt, dass Sennheisers Luxus-Kopfhörer für rund 50.000 Euro über die Ladentheke geht, während der Focal immer noch stattliche 4.000 Euro kostet. Der 99 Classics wirkt mit seinem UVP von 309 Euro dagegen geradezu wie ein Schnäppchen.

Der Firmensitz von Meze liegt in Rumänien, die Produktion der Kopfhörer hingegen erfolgt in China – laut Thomas Halbgewachs vom Vertrieb Headphone Company in einem der Werke, in dem auch Sennheiser und Bose ihre Produkte fertigen lassen. Besonders wichtig ist Antonio Meze die Langlebigkeit und Nachhaltigkeit der Kopfhörer: alle Teile sind austauschbar, auf Kunststoff und Klebstoff wurde so weit möglich verzichtet.

Insider erwarten, dass sich Meze bald zu einer festen Größe auf dem Kopfhörermarkt entwickelt.

Edle Optik

Der 99 Classics fällt sofort durch sein elegantes Design mit schönen Holz- und Metallelementen auf. Das uns vorliegende Exemplar kommt in dunklem Walnussholz mit silberfarbenen Schmuckelementen, Varianten mit goldfarbenen Details sowie eine helle Version aus Ahorn mit silber-weißen Metallteilen stehen außerdem zur Wahl. Der Kopfhörer wirkt auch bei penibler Betrachtung rundherum  gut verarbeitet. Die Ohrmuscheln sind aufwändig aus dem Vollen gefräst und sorgfältig handpoliert. Sie lassen sich in alle Richtungen leicht schwenken und bieten so eine gute Anpassung an die jeweilige Kopfform.

Mittig der Muscheln sitzt die Aufhängung für den zweiteiligen Kopfbügel aus eloxiertem Federstahl. Das gepolsterte Kunstleder-Kopfband ist mit einem elastischen Innenbügel aus Kunststoff ausgestattet und erlaubt so eine stufenlose Verstellung.

Innenleben

Eingebettet in das Holzgehäuse sitzt, von einer schalldurchlässigen Gaze geschützt, ein dynamischer 40 mm-Treiber. Dessen hauchdünne  Mylarmembran wird von einer Schwingspule angetrieben, die in einem Verbund sehr kräftiger Neodym-Magnete arbeitet. Mylar zeichnet sich durch hohe Stabilität bei äußerst geringem Gewicht aus. Dadurch wird eine besonders saubere, impulsschnelle Wiedergabe begünstigt. Der Treiber soll laut Hersteller den Frequenzbereich von 15 Hz bis 25 kHz abdecken. Die Eingangsimpedanz der Treiber liegt bei niedrigen 32 Ohm, was den 99 Classics auch für die Nutzung mit Smartphone oder Digital Audio Player qualifiziert. Der mehr als ordentliche Wirkungsgrad von 103 dB/ 1mW begünstigt dies ebenfalls. Selbst  mobile Geräte mit schwächeren Kopfhörerverstärkern sollten keine Probleme haben, eine ordentliche Lautstärke aus dem 99 Classics zu kitzeln.

Zubehör

Der 99 Classics kommt in einer stabilen, wertig wirkenden Kunststoffbox. Darin befindet sich eine kleine textile Aufbewahrungstasche für die beiden Kabel: Ein 1,3 Meter langes, textilummanteltes Kabel ist für den mobilen Gebrauch gedacht und verfügt über Mikrofon und Fernbedienung. Für die Anwendung im heimischen Hörraum liegt ein 3 Meter langes, ebenfalls textilummanteltes Kabel bei. Beide Kabel sind aus sauerstofffreiem Kupfer gefertigt und münden in geraden, vergoldeten 3,5 mm Klinkensteckern. Sie sind beidseitig geführt und rasten fest in der metallummantelten Klinkenbuchse ein. Auf dem Steckergehäuse des Kabels ist die jeweilige Seite gekennzeichnet. Der Kopfhörer selbst hat keine feste Seitenbelegung – er passt sich der jeweiligen Kabelseite automatisch an.

Zwei Adapter liegen  ebenfalls bei – ein vergoldeter 6,3 mm Klinkenadapter und ein Flugzeugadapter.

Sitz und Handling

Der 99 Classics ist mit einem Gewicht von 260 Gramm angenehm leicht, ohne zerbrechlich zu wirken. Im Testzeitraum zeigte er sich, auch dank seiner Ohrpolster aus Memory Foam mit Kunstlederbezug, als sehr bequemer Kopfhörer auch über lange Hörstrecken. Er sitzt fest, ohne zu drücken, und wurde uns auch bei stundenlangem Gebrauch nie lästig. Die Abschirmung von Außengeräuschen funktioniert tadellos. Die der geschlossenen Bauweise geschuldete Wärmeentwicklung bleibt im Rahmen, erst nach sehr langem Tragen kommen wir etwas ins Schwitzen. Beide Kabel im Lieferumfang des 99 Classics verheddern nicht und auch Kabelgeräusche treten nur dezent auf.   

Klang

Im Rahmen unseres Tests fütterten wir den 99 Classics nach einer ausgiebigen Einspielzeit mit einer großen Auswahl Hi-Res-Material unterschiedlicher Genres, das wir sowohl wie üblich über unseren Referenz-Kopfhörerverstärker Violectric HPAV281 (Test in Professional audio 7/2015), als auch über den Astell & Kern AK 300 Digital Audio Player (Test auf Seite 42) zuspielten. Der Kopfhörerverstärker durfte dabei entspannt auf Ideallast arbeiten, und auch die Lautstärke des DAP mussten wir nicht übertrieben weit aufdrehen.

Der 99 Classics zeigte ein relaxtes, musikalisch-warmes Klangbild, das bei allen Testhörern gut ankam. Die Darstellung der Räumlichkeit ist sehr gut, aber nicht ganz so weitläufig wie bei unserer Referenz Audeze LCD-X, was wohl der geschlossenen Bauweise geschuldet ist. Die Auflösung ist sehr fein – die vielen Percussion- und Saiteninstrumente in Paul Simons „Me and Julio Down by the Schoolyard“ werden sehr sauber getrennt wiedergeben, es treten keinerlei Verwaschungen auf. Bei diesem Titel zeigt der 99 Classics auch seine Stärke, die tiefreichenden, trockenen Bässe. Der knarzende, tiefe E-Bass kommt ebenso präzise und plastisch wie die Bassdrum-Schläge.  Auch  tiefe elektronische Klänge wie in Kraftwerks „Die Roboter“ werden sehr sauber wiedergegeben. Die oberen Bässe sind leicht betont, aber nur in dezentem Ausmaß, ohne gleich schönzufärben. Die Mittenwiedergabe ist sehr klar und prägnant, mittlere Klavierpassagen wie im Tingvall Trio-Stück „Vägen“ klingen sehr lebendig und  stets entspannt. Auch die Höhen kommen niemals schrill oder hektisch, Martin Tingvalls hohe Flügelanschläge klingen präzise und auch die Beckenschläge kommen fein konturiert, mit präzisem Anschlag und definiertem Nach- und Ausschwingen.

Für den mobilen oder stationären Musikgenuss eignet sich der 99 Classics damit ausgezeichnet. Als Monitoring-Kopfhörer kann er auch im professionellen Umfeld sehr gute Dienste leisten, dank seines eher warmen Klangbildes ist er für Mixing und Mastering weniger geeignet.

Fazit

Mit dem 99 Classics legt Meze ein hervorragendes Debüt mit Langzeitwirkung vor. Der Kopfhörer spiegelt in jedem Aspekt die Leidenschaft seiner Entwickler wieder und überzeugt auch klanglich auf ganzer Linie. Wir sind gespannt, was die Rumänen noch in petto haben.

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