Aktiver Schöngeist

Ausgestattet mit einer Aktiv-Elektronik muss sich der für den Consumer-Markt entwickelte Kopfhörer TDK ST 800 im Studioumfeld bewähren.

Von Harald Wittig

Das 1935 gegründete japanische Unternehmen TDK ist in erster Linie als Hersteller von Speichermedien bekannt. Die älteren Leser werden sich bestimmt noch erinnern, dass TDK einstmals zu den wichtigsten Herstellern von Compact-Kassetten gehörte, später dann erfolgreich CD- und DVD-Rohlinge produzierte. In den letzten Jahren erlebte TDK turbulente Zeiten, 2006 kam es zur Schließung des europäischen Werkes im Zuge der Aufgabe der CD- und DVD-Herstellung. Das Mutterhaus hat sich seitdem, neben dem eigentlichen Kerngeschäft, die Herstellung von elektronischen Bauteilen und Ferriten, auf die Herstellung von Blue Ray-Discs konzentriert. Die mit TDK gelabelten CD- und DVD-Rohlinge stammen von Drittherstellern.

Unter der Marke TDK Life on Record bietet  TDK weiterhin Speichermedien für Musik-Konsumenten, die selbstverständlich auch bei Tonschaffenden weidlich im Alltagsgebrauch sind, an. Ebenfalls mit Angebot ist eine überschaubare Palette von Audio-Geräten, wozu neben (USB-)Plattenspielern auch Kopfhörer gehören. Der neue ST 800, unser Testkandidat, ist das Topmodell, dem der Hersteller das Erwartungen weckende „High Fidelity“ als Namensergänzung spendiert hat und der für eine „überlegene Hörerfahrung“ sorgen soll. Mit einem empfohlenen Verkaufspreis von rund 220 Euro gehört der ST 800 bereits zu den teureren Kopfhörern, dafür hat er aber konstruktiv und klanglich Einiges zu bieten, womit er dezidierte Profi-Kopfhörer herausfordert. Beginnen wir direkt mit der auffälligsten Besonderheit des TDK: Der Kopfhörer hat eine eingebaute Aktiv-Elektronik. Das bedeutet zunächst, dass der Benutzer die Wiedergabelautstärke selbst regeln kann. Dafür ist der Strom von zwei Micro-/AAA-Batterien erforderlich. Das Batteriefach findet sich unter einem recht billig wirkenden Plastikdeckel in der linken Ohrschale, die äußerlich sehr ähnliche Abdeckung der rechten Ohrschale ist der stufenlose Lautstärkeregler.  Der Vorteil dieser Funktion liegt auf der Hand: Auf diese Weise kann der Musikhörer beispielsweise unterwegs die Programmlautstärke nach seinem Geschmack anpassen, ohne auf die im Regelbereich mitunter stark eingeschränkten Abspielgeräte angewiesen zu sein. Auf eine aktive Verstärkerelektronik haben die Entwickler den ST 800 aber nicht beschränkt. Wenn schon aktiv, dann könnte der Kopfhörer doch gleich noch zwei Shelving-Filter für Bass und Höhen spendiert bekommen, damit der Anwender aktiv ein wenig Klangoptimierung betreiben kann. Gesagt getan, der TDK erlaubt mit der ins Anschlusskabel integrierten Steuereinheit die Bass- und Höhenwiedergabe anzupassen. Das weckt nicht nur den Tonmeister im Musikhörer, diese Möglichkeit der Klangverbesserung hat, um das sogleich ironiefrei festzustellen, angesichts der nicht selten grauenhaft verfärbenden Kopfhörerverstärker von manchen MP3- und Porta-CD-Playern durchaus seine Berechtigung. Wer hingegen aus guten Gründen der Aktiv-Elektronik misstraut – immerhin befindet sich damit ein weiteres Glied in der Signalkette -, kann den ST 800 ohne Weiteres wie jeden anderen dynamischen Kopfhörer auch passiv betreiben.

Bevor wir die Ohren an den TDK legen, wollen wir uns noch ein wenig eingehender mit dem Bauprinzipien, der allgemeinen Verarbeitung und wie üblich dem Tragkomfort des Kopfhörers befassen. Der ST 800 ist ein dynamischer Kopfhörer in geschlossener, ohrumschließender Bauweise, die Verarbeitung ist, abgesehen von den Plastikdeckelchen hochwertig: Das champagnerfarbene Skelett ist aus Metall, das dicke Kopfpolster ist aus weichem Kunstleder, desgleichen die Ohrpolster. Der ST 800 ist auch ohne Batterien nicht unbedingt ein leichter Hörer, allerdings deutlich angenehmer zu tragen als gewisse High-End-Hörer mit Massivholz-Ohrmuscheln. Er sitzt automatisch angenehm auf dem Kopf, die Ohrpolster schmiegen sich sanft an die Ohren, weswegen wir dem TDK bedenkenlos einen hohen Tragekomfort attestieren können. Wie klingt er denn nun, der TDK ST 800? Insoweit gilt es klar zu unterscheiden. Im Aktiv-Betrieb ist der Klang auch bei „Flat“-Einstellung beider Shelving-Filter eher schlank und in puncto Raumdarstellung vergleichsweise flach. Im direkten Vergleich mit dem AKG K702, der uns wesentlich mehr Rauminformationen und Tiefe vermittelt, klingt der ST 800 eigentümlicherweise sehr distanziert. Das fällt vor allem auf, wenn der TDK, wie bei Professional audio üblich, an einem erstklassigen Kopfhörerverstärker, in unserem Fall dem Violectric HPA V200 betrieben wird. Die beiden Filter sind recht wirkungsvoll und zumindest das schon fast unerträgliche Höhen-Brizzeln eines Billig-MP3-Players lässt sich damit mildern, einen audiophilen Klang können wir selbstverständlich nicht zaubern. Aber das wäre wirklich zu viel verlangt und das verspricht der Hersteller auch nicht. Schalten wir die Aktiv-Elektronik an und auf Passiv-Betrieb um. Zunächst stellen wir fest: Der ST 800 ist ein leiser Kopfhörer. Wir erhöhen deshalb Pre-Gain am V200 um 6 dB, um das Klangpotential des Hörers bei optimaler Lautstärke-Einstellung zu ergründen. Der ST 800 erweist sich jetzt als völlig anderer, vor allem deutlich besserer Kopfhörer. Zunächst macht er bei der Raumabbildung wett, was die Aktiv-Elektronik schuldig bleibt. Die Tiefenwirkung von Software-Hall wie dem exzellenten Hall-Plug-in Lexicon 224 der UAD-2-Plattform stellt er sehr gut und plastisch dar. Die Auflösung des TDK ist auf Oberklasse-Niveau und kann mit guten Studio-Kopfhörern konkurrieren – beispielsweise dem allerdings noch etwas feingliedrigen Beyerdynamic DT 1350 (Test auf Seite 50). Dafür ist der ST 800 beim Impulsverhalten und bei der Dynamik langsamer als der kleine Heilbronner, der ihn vor allem auch mit seiner präzisen Basswiedergabe und ganz allgemein beim Folgen von Transienten abhängt. Außerdem ist der TDK – vermutlich bewusst – nicht auf höchste Signaltreue abgestimmt, sondern besitzt eine hörbare Tendenz zum Schönen. Soll heißen: Der Klang des ST 800 trägt einen Schleier durchaus ohrenschmeichelnder Wärme bei etwas überbetonten Bässen, was das reine Konsumieren von Musik – dafür ist der Kopfhörer schließlich auch konzipiert -, durchaus sehr angenehm macht. Immerhin können die nüchtern-neutralen Vertreter der Kopfhörerzunft, trotz ihrer unbestreitbaren Werkzeugqualitäten, das Musikhören auch mal anstrengend gestalten: Wir denken beispielsweise an zwangsläufig mit Nebengeräuschen behaftete Aufnahmen sensibler Instrumente wie der Konzertgitarre. Daraus ergibt sich: Der TDK ST 800 erweist sich im Passiv-Betrieb als guter Kopfhörer, den sich Musikliebhaber einmal in Ruhe anhören sollten. Für die Aufnahme ist der ST 800 wegen seiner klanglichen Schöngeistigkeit einsetzbar, für Mix und Mastering empfehlen wir jedoch dezidierte Studio-Kopfhörer, ab der Oberklasse.

Erschienen in Ausgabe 06/2011

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 229 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut

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