Liebhaberstück

Mit dem Edition 10 präsentiert Ultrasone einen Luxus-Kopfhörer, der sich als Liebhaberstück für Menschen mit dem besonderen Geschmack anbietet.  

Von Harald Wittig

„Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem besten zufrieden.“ Dieses Bonmot des großen irischen Schriftstellers Oscar Wilde könnte auch im Hause Ultrasone bei der Entwicklung des auf 2010 Exemplare limitierten Kopfhörers Edition 10 Leitsatz gewesen sein.

Das fängt bereits bei der Materialwahl des handgefertigten Schallwandlers an: Für die Ohrpolster und den Bezug des Kopfbügels verwendet Ultrasone ausgewähltes Leder des äthiopischen Langhaarschafes, die Ohrkapseln sind mit dem Edelmetall Ruthenium, einem sehr seltenen und dementsprechend teuren Platinmetall beschichtet. Damit nicht genug: Handgearbeitete Intarsien aus dem afrikanischen Edelholz des Zebrano-Baumes zieren die Kapseln zusätzlich. Zur Abrundung gehört ein ebenfalls handgearbeiteter Ständer, ebenfalls  aus Zebrano-Holz zum Lieferumfang. An dieser Stelle sei folgende Bemerkung gestattet: Zebrano ist eine seltenes, in seinen Eigenschaften Palisander ähnelndes Hartholz, das beispielsweise aus diesem Grund hin und wieder als Korpusholz für akustische Gitarren Verwendung findet. Allerdings ist es nur aus zwei Baumarten zu gewinnen, die inzwischen vom Aussterben bedroht sind. Da fragt es sich schon, ob mit der Verwendung dieses Holzes der Luxus nicht ein wenig übertrieben wird – zumal das Zebrano-Holz, insoweit vergleichbar mit Möbel-Furnieren aus Rio-Palisander, keine klangentscheidende Rolle spielt. Das dazu, den klangbestimmenden Faktoren und speziellen Technologien widmen wird uns später ausführlich.      
In jedem Fall ruft Ultrasone für seinen Edition 10 auch einen Liebhaberpreis von rund 2.000 Euro auf, was sicherlich eher betuchte HiFi-Freunde als klamme Tonmeister anspricht. Wenn dieser Edel-Hörer jedoch einen entsprechend überragenden Klang bietet, dann ist er auch für anspruchsvolle Toningenieure attraktiv. Schließlich vertrauen beispielsweise einige Mastering-Profis auf die Elektrostaten von Stax, die übrigens noch einiges teurer sind als der schmucke Bayer. Hinzu kommt, dass Ultrasones Edition 8 (Test in Ausgabe 7/2010) auch bei Tonschaffenden zum Handwerkszeug zählt. Kein Wunder, denn dieser Ultrasone-Kopfhörer überzeugte nicht nur uns mit seinem Spitzenklang.

Konstruktiv ist der Edition 10 ganz klar in naher Verwandter des 800 Euro günstigeren Edition 8. Wie bei diesem auch, ist das Skelett aus massivem Aluminium, die Langhaar-Schafsleder Ohr- und Kopfpolster haben einen konkreten praktischen Nutzwert: Dieses Leder ist nämlich vergleichsweise feuchtigkeitsresistent, weswegen es auch bei intensivem Gebrauch kaum härter und rauer wird. Tatsächlich verdient sich der Edition 10 in der Disziplin „Tragekomfort“ eine Bestnote: Er sitzt sehr angenehm und ohne zu drücken auf dem Kopf, die Polster schmiegen sich sanft an die Ohren – der Edition 8 sitzt da schon deutlich straffer. Dafür ist dieser verrutschungssicherer, wobei wir bei einem Kopfhörer in offener Bauweise, der sich ohnehin weniger zum Aufnehmen eignet, dies  als zweitrangig erachten.

Die beiden Wandler haben – typisch für die Spitzenhörer Ultrasones – 40 Millimeter-Membranen aus titanbeschichtetem Mylar. Mylar, das auch für hochwertige Kondensator-Mikrofone Verwendung findet, ist sehr leicht und die Titanbeschichtung erhöht die Steifigkeit, was das Impulsverhalten begünstigt. Außerdem beugt die Titan-Auflage Verschleiß durch Feuchtigkeit vor.

Die Ultrasone-exklusiven Technologien S-Logic und die MU-Metall-Abschirmung fehlen selbstverständlich nicht: S-Logic soll für eine deutlich verbesserte räumliche Wiedergabe sorgen, während die MU-Metall-Abschirmung magnetische Feldlinien – Stichwort Elektrosmog – vollständig abschirmen soll (siehe hierzu ausführlich den Test des Edition 8 in Ausgabe 7/2010). Auch beim festverbundenen, zweiseitig geführten Kabel hat sich der Hersteller nicht lumpen lassen. Es besteht aus 99,99 Prozent reinem, sauerstofffreiem und zusätzlich versilbertem Kupfer und ist zusätzlich mit Aramidfasern optimiert. Ultrasone verspricht sich davon eine erhöhte Leitfähigkeit, sprich bestmögliche Signalübertragung. Schließlich ist der Edition 10 für den symmetrischen Betrieb vorbereitet – „Balanced“-Modelle stellte Ultrasone jüngst auf der HiFi-Messe High End – vor. Unser Testmodell ist allerdings noch konventionell ausgeführt.
Kommen wir zum Klang des bayerischen Edel-Hörers.

Aufgrund unserer sehr positiven Erfahrungen mit dem Edition 8, aber auch aufgrund der euphorischen Rezensionen in der HiFi-Presse sind unsere Erwartungen sehr hoch. Um es gleich klar zu sagen: Den Maßstäben, die wir an einen Kopfhörer anlegen, wird der Edition 10 nicht gerecht. Eine harte Aussage, die wir selbstverständlich sogleich erläutern. Soll ein Kopfhörer dem Tonschaffenden als Werkzeug dienen, ist er bestenfalls auf höchste Signaltreue optimiert, bietet ein herausragendes Impulsverhalten, hochfeine Auflösung und eine sehr gute Raumabbildung. Der Ultrasone erfüllt diese Kriterien nur teilweise: Die Raumabbildung ist auf einem sehr hohen  Niveau und mindestes auf Ohrhöhe des formidablen Sennheiser HD 800. Insoweit bietet der Kopfhörer durchaus den vom Hersteller versprochenen „3-dimensionalen Klang“. Auch das Impulsverhalten ist exzellent, in dieser Disziplin steht das Ultrasone-Flaggschiff weder dem ebenfalls ausgezeichneten Edition 8 noch den Mitbewerbern der Spitzenklasse, beispielsweise AKG K 702 oder Beyerdynamic DT 1, nach. Sehr gut gefällt uns auch die Basswiedergabe: Die Bässe erklingen sehr sauber, mit hoher Präzision ohne effekthascherische Andickung. Folglich ist unser erster, flüchtiger Höreindruck auch überaus positiv. Allerdings – jetzt kommen wir zum Hauptkritikpunkt – ist der Edition 10 alles andere als neutral abgestimmt.  Faktisch ist das Klangbild sehr präsent und höhenlastig, was den Klang von Stimmen und Instrumenten deutlich verfärbt. So klingen unsere eigenen Konzertgitarren- Aufnahmen, als hätten wir nicht mit unseren Referenzmikrofonen Microtech Gefell M-930 und Schoeps MK2/CMC 6Ug, sondern mit einem schrill klingenden Fernost-Billigteil aufgenommen. Aufgrund dieses präsenten Klangbilds fällt es uns übrigens auch schwer, das Auflösungsvermögen des Ultrasone zu bewerten. Da auch Kopfhörer wie Lautsprecher eine gewisse Einspielzeit benötigen, geben wir dem Edition 10 mehrere Tage rund um die Ohr Dauerfutter. Der Klang verbessert sich damit zwar, die Höhenlastigkeit bleibt jedoch erhalten. Wir wollen das selbst nicht glauben und fragen bei Ulrich Breimesser, dem Produktspezialisten vom Ultrasone-Vertrieb Synthax befragt: „Der Edition 10 wurde speziell für den HiFi-Markt entwickelt. Kundenbefragungen und Hörtests mit der Zielgruppe führten zu dem akustischen Design, bei dem in der Tat die Höhen sehr präsent sind. Bei HiFi-Kunden ist der Edition 10 entsprechend beliebt.“ Es handelt sich mithin um ein bewusstes, zielgruppenorientiertes  Klangdesign, wobei wir mal dahinstehen lassen, ob der HiFi-Kunde als solcher wirklich stark (ver-)färbende Wiedergabegeräte bevorzugt. Aus unserer Perspektive eignet sich der Edition 10 damit aber trotz seiner durchaus positiven Wiedergabeeigenschaften nicht für den Einsatz im Studio. Denn mit dieser Abstimmung sind Mischfehler programmiert. Ob der Passivist eine Aufnahme über den Edition 10 gehört „besser“ oder „schöner“ empfindet, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt. Somit ist der edle Schallwandler sicherlich ein besonderes Liebhaberstück für Menschen mit besonderem Geschmack.    

Fazit

Der luxuriöse Ultrasone Edition 10 ist ein Liebhaberstück, aus Sicht des professionellen Anwenders hinterlässt er wegen seiner sehr höhenlastigen Abstimmung einen zwiespältigen Eindruck. Trotz hervorragenden Impulsverhaltens und einer Raumabbildung auf Spitzenniveau ist dieser Luxus-Hörer für den Einsatz im Ton-/ Mastering-Studio damit nicht geeignet. Für die avisierte Zielgruppe – HiFi-Kunden – mag dieses bewusste Klangdesign genau passen, der Tonschaffende ist mit dem Edition 8 aus demselben Hause jedenfalls sehr viel besser bedient.     

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1999 €
Bewertung: befriedigend
Preis/Leistung: sehr gut

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