Knotenpunkt

Manchmal kommt einfach alles zusammen. Um in solchen Situationen die Übersicht und Kontrolle zu behalten, bedarf es eines durch-dachten Konzepts, wie dem der Master-Sektion Centro der britischen Firma Audient. 

Von Michael Nötges 

„Maximale Effizienz durch Rationalisierung“, hallt es aus verschiedenen Ecken des gesellschaftlichen Lebens und der globale Konkurrenzkampf weitet sich durch die freie Marktwirtschaft beflügelt, immer weiter aus. Auch die Regieräume professioneller Tonstudios und deren verantwortliche Köpfe können sich dieser voranschreitenden Entwicklung nicht entziehen. Daher müssen neue Konzepte und Ideen her, um sich den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Eine probate Möglichkeit ist die Reduzierung des Studio-Equipments auf eine leistungsstarke D.A.W. mit ausgewählten Outboard- und Peripherie-Komponenten, also Konzentration auf das Wesentliche. 

David Dearden und Gareth Davis, die zusammen im Jahr 1997 die britische Manufaktur Audient gründen, waren nicht immer an kompakten Lösungen interessiert. Beide waren Mitbegründer der Mischpultmarke DDA, die in den 1980er und 90er Jahren für solide Bauweise, Übersichtlichkeit aber auch ob ihrer überdimensionierten Konsolen bekannt war. Die Attribute Zuverlässigkeit und Langlebigkeit haben Dearden und Davis in die heutige Firmenphilosophie von Audient übertragen. Durch die Konzeption modularer Rack-Systeme, wie der Black Series (ADC, Pre-Amp, EQ, Kompressor), Surround-Prozessoren oder D.A.W.-Peripherie, zeigen die Briten außerdem dass sie sich modernen Anforderungen von Produzenten und Tonstudiobesitzern angepasst haben. 

Das Centro gehört zu den Peripherie-Geräten von Audient. Die kompakte Mastersektion zielt bewusst auf den Verzicht großer Konsolen ab und ist als Front-End einer D.A.W.-gestützten Studio-Lösung konzipiert. Hier laufen sowohl digitale als auch analoge Signale zusammen, können geroutet und zusammengefasst, abgehört und D/A-gewandelt werden und alles über eine handliche Fernsteuerung, die mit einem 19-Zoll-Gerät verbunden ist. Das Hauptgerät des zweiteiligen Centro mit allen Anschlüssen befindet sich im Rack, während die schicke Fernsteuerung flexibel an verschiedenen Stellen der Regie benutzt werden kann, solange das Verbindungskabel reicht. Für rund 1900 Euro verknüpft das Centro aber nicht nur unterschiedliche Signale miteinander und bietet die volle Funktionalität der Master-Sektion eines Mischpults, sondern dient genauso als Interface zwischen Musiker und Produzent. Sowohl technische als auch zwischenmenschliche Verbindungen müssen während der Produktion funktionieren, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erreichen. Wir werden sehen, was das Centro dazu beitragen kann.

Sowohl die Frontplatte des zwei Höheneinheiten einnehmenden Hauptgerätes, als auch die Oberfläche des Remote-Controllers im DinA5-Querformat, zeigen sich im edel wirkenden gebürsteten Aluminium. Firmenlogo, Produktbezeichnung und einzelne Sektionen sind durch verschiedene Bürsttechniken entweder matt oder glänzend konturiert. Insgesamt ein gelungenes und übersichtliches Design. 

Der eigentliche Knotenpunkt mit den in stereo ausgeführten Anschlüssen und den sieben Trim-Reglern für die Eingangssignale – sechs analoge und ein ausgewähltes digitales – ist das Hauptgerät. An der Frontplatte angebracht, sind die Trim-Regler mit den dazugehörigen Schaltkreisen grundsätzlich aus dem Signalweg ausgeschlossen und erst aktiv, sobald ein dazugehöriger blau leuchtender Tast-Schalter gedrückt ist. Diese Konstruktion führt zu optimierter Klangneutralität, da so wenige Bauelemente wie möglich das Signal beeinflussen. Nur bei Bedarf kann das Signal um 12 Dezibel angehoben oder gedämpft werden. Auf der Rückseite finden sechs analoge Stereo-Signale via acht symmetrischer XLR-Buchsen und vier unsymmetrischer Cinch-Verbindungen, den Weg in die Master-Sektion. Für Line-Pegel ausgelegt entsprechen die maximalen Eingangspegel dem Professional- (+4dBu) und Consumer-Standard (-10dBV) um Geräte beider Gattungen einbinden zu können. Insgesamt können drei aktive Lautsprecherpaare angeschlossen werden. Acht weitere XLR-Buchsen versorgen die angeschlossenen Geräte mit Line-Pegeln (+4dB). Als Stereopaar ausgeführt, sind vier für die beiden Cue-Wege vorgesehen, um Kopfhörer-Mixe für die Künstler auszugeben und zwei weitere um ein Recording-Device mit einem Stereo-Signal zu versorgen. Das letzte Paar ist der so genannte Foldback-Ausgang, der das Signal des F/B-Mix-Eingangs – das gemeinhin ein zusätzliches Signal, wie beispielsweise einen zusätzlichen Click-Track bereitstellt – führt. 

Neben den analogen Anschlussmöglichkeiten können auch AES/EBU- und S/PDIF-Signale (optisch und coaxial) vom Centro verarbeitet werden. Dafür sind drei XLR- eine Toslink- und zwei Cinch-Buchsen installiert. Insgesamt können damit sechs Stereo-Digital-Quellen eingespeist und mit Samplingraten von 192 Kilohertz (AES/EBU) und Wortbreiten von 24 Bit verwendet werden. Alle digitalen Eingänge laufen intern über ein einziges Digital-To-Analog-Converter-Modul (DAC). Daher ist es im Gegensatz zu den analogen Pendants im-mer nur möglich ein digitales Signal auszuwählen und bei möglichen Gruppierungen zu berücksichtigen. Sind verschiedene digitale Quellen angeschlossen kann nur der Eingangspegel für das ausgewählte Signal bestimmt werden, daher gibt es auch lediglich einen Trim-Regler für das jeweils ausgewählte digitale Signal an der Fronseite des 19-Zoll-Gerätes. Das gleichzeitige Hören verschiedener Digital-Quellen ist nicht möglich. Alle digitalen Eingänge können auf einen digitalen Ausgang im XLR-Format geroutet werden. Ist ein DAT-Recorder angeschlossen, können hier sehr unkompliziert Signale überspielt werden. Ist der Ausgang mit der D.A.W. verbunden, können beispielsweise CDs oder andere digi-tale Quellen direkt ohne Qualitätsverlust übertragen werden. Bleibt noch, zwei weitere Zusatz-Anschlüsse aufzuführen: Ein Mikrofon-eingang, der den Anschluss eines zweiten externen Talkback-Mikrofons ermöglicht und eine Fußschalter-Buchse im 6,35-mm-Klinken-Format. Bei großen Regieräumen und mehreren Produzenten kann beides helfen eine bessere Kommunikation aller Beteiligten herzustellen.

Zum einen muss sich der Chef-Producer für seine konstruktiven Vorschläge: „Wir haben keine Zeit Leute! der zusätzliche Tag kostet mich ein kleines Vermögen“, nicht aus seinem schwarzen Ledersofa in der hinteren Ecke der Regie erheben, sondern bekommt sein eigenes Talkback-Mikrofon an den Platz. Ist kein dynamisches Mikrofon vorhanden, kann eine Phantomspannung von 18 Volt aktiviert werden, um auch Kon-densatormikrofone anzuschließen – warum nicht direkt standardmäßige 48 Volt bereit gestellt werden und damit eine Einschränkung der zu verwendenden Mikrofone bewusst in Kauf genommen wird, leuchtet uns allerdings nicht ein. Dazu erklärt Luke Baldry, Sales Manager bei Audient: In der Praxis werden für die Talkback-Funktion oft dynamische Universalmikrofone verwendet. 18 Volt Versorgungsspannung waren außerdem rein schaltungstechnisch mit dem Centro leichter zu realisieren als 48 Volt und das reicht für viele Mikrofone auch aus.“ Für die Aktivierung dieser Spannung muss allerdings erst das 19-Zoll-Gerät aufgeschraubt werden. Den Deckel abgeschraubt, geht es auf die Suche nach dem Jumper, der an einer bestimmten Stelle auf einer der Platinen zwei Kontakte verbinden soll. Die Skizze aus der Bedienungsanleitung gibt einen vagen Anhaltspunkt aber bleibt relativ unkonkret. Nach einem tiefen Blick sozusagen ‚in Centro’ erblicken wir die beiden Pins auf der unteren zweier übereinander angeordneter Platinen. Der Jumper zur Verbin-dung ist nicht zu sehen und die Stelle nur zu erreichen wenn die obere Platine außerdem abgeschraubt wird, eine kniffelige Angelegenheit.

Um die Talkback-Funktion per Fußdruck aktivieren zu können und beide Hände während der Produktion frei zu haben, ist ein passender Schalter an die T/B-SW-Buchse anzuschließen. Es lassen sich auch mehrere Schalter parallel schalten, so dass von unterschiedlichen Stellen aus mit dem Musiker in der Aufnahmekabine kommuniziert werden kann. Ergebnis: Diese Art Konferenzschaltung kann Produzententeams eine verbesserte Kommunikation und damit ein effektiveres Arbeiten ermöglichen. Diese beiden Zusatzfeatures schaffen die Basis für einen optimalen zwischenmenschlichen Austausch, der für das kreative Arbeiten während einer Produktion nicht unterschätzt werden darf. 

Die Fernsteuerung ist über ein neunpoliges, zirka drei Meter langes Kabel mit der Haupteinheit zu verbinden. Hierüber werden die Steuerbefehle übertragen und das Hauptsignal für einen angeschlossenen Kopfhörer – die Buchse befindet sich auf der Rückseite der Fernsteuerung – bereitgestellt. Die allesamt farblich unterschiedlich beleuchteten Tast-Schalter führen zu zielsicherer Bedienung auch unter widrigen Lichtverhältnissen. Regler und Knöpfe zeichnen sich insgesamt durch ein angenehmes haptisches Gefühl aus, auch wenn die Tast-Schalter gerade einmal die Größe der Lunula eines Nagelbettes haben. Ihre Funktionalität wird keinesfalls ein-geschränkt und durch die gut bemessenen Abstände der durchsichtigen Kunststoff-Knöpfe zueinander, sind sie punktgenau zu bedienen. Im Fall der Alu-Dreh-Regler überzeugt zusätz-lich die leichtgängige und genaue Justage, wobei das häufig benutzte Haupt-Volumen-Poti mit seinem sich nach oben verjüngenden und an zwei Seiten abgeflachten Drehknopf – der Durchmesser beträgt drei Zentimeter – die Hauptattraktion darstellt. Die übrigen Drehregler sind deutlich kleiner aber durch ihre ähnlich griffige Form ebenso alltagstauglich. 

Neben dem Hauptvolumen-Regler können die alternativen Lautsprecherwege mittels zweier Trim-Regler um acht Dezibel angehoben oder gedämpft werden. Der dritte Weg ist auch für die Verwendung eines Subwoofers ausgelegt. Um ein Full-Range-Signal für den Sub-Weg bereitzustellen muss ein kleiner Tast-Schalter auf der Rückseite des Remote-Controllers gedrückt werden. In diesem Fall ist der zugehörige Trim-Regler inaktiv. Ein zusätzlicher Tast-Schalter fasst das Stereo- zu einem Mono-Signal zusammen. Fazit: Das bourgeoise Knöpfedrehen und –drücken ist für sich schon eine Freude und verhilft zu einer positiv erhabenen Grundeinstellung am Arbeitsplatz, exakten Pegeleinstellungen und einfachen Signalflusszuweisungen.

Der Frequenzgang des Centro ist von zehn Hertz bis 30 Kilohertz linear. Der Klirrfaktor macht eine ebenso gute Figur. Er liegt bei 0,002 Prozent und zeigt über das gesamte Spektrum keine besonderen Auffälligkeiten. Fremd- und Geräuschspannung liegen bei ü-berragenden 92,1 dBu und 92,5 dBu und sind damit genauso überzeugend, wie das Über-sprechen von Kanal eins auf Kanal zwei. Hier bleiben die Werte bis zu einem Kilohertz unter -90 dB und steigen dann leicht an, um bei 18 Kilohertz -70 dB zu erreichen. Die Wandlerli-nearität des DAC-Moduls kann sich grundsätzlich sehen lassen. Allerdings sind leichte Unregelmäßigkeiten unterhalb von -100 dBFS festzustellen, so dass zwar eine gute Übertragung gewährleistet ist, die Werte guter separater D/A-Wandler wie dem Lawry DA 10 oder dem Aurora 8 von Lynx (siehe Heft 11/06) aber nicht erreicht werden. Für die Messung des Jitterspektrums wird bei einer Samplingfre-quenz von 96 Kilohertz das Signal mit 30 Nanosekunden bei 2,4 Kilohertz moduliert. Die Folge ist, dass die einzelnen zu wandelnden Samples nicht mehr 100-prozentig regelmäßig das DAC-Modul erreichen. Bekommt das Centro ein solches Signal geliefert, kann es diese Unregelmäßigkeiten nicht gut ausglei-chen, das Ergebnis sind harmonische und subharmonische Verzerrungen, die sich bei einem Nutzsignal von zehn Kilohertz durch zwei Peaks bei 7,6 und 12,4 Kilohertz bemerkbar machen und bis zu -50 dBu hinaufreichen. Diese deuten darauf hin, dass das Centro digitale Signale mit hohen Jitterwerten nicht sehr souverän verarbeiten kann. Zum Vergleich: beim Benchmark DAC1 (siehe Heft 08/06) treten solche Seitensignale bei einer Samplingfrequenz von 192 Kilohertz auch auf, allerdings liegen sie dann bei -70 dBu, bei 48 Kilohertz sind sie überhaupt nicht vorhanden.

Nachdem wir uns einen grundlegenden Über-blick über das Centro verschafft haben, steht Im Fokus unseres ausführlichen Praxis- und Hörtest die Bedienung und Handhabung, anhand eines fiktiven Aufnahme-Szenarios (siehe Kasten), und der Klang, inklusive des DAC-Moduls und des integrierten Kopfhörerverstärkers. Ist ein analoges Signal angeschlossen, klingt das Centro neutral und klar. Störgeräusche oder Rauschen sind nicht vorhanden. Auch beim Verstellen der Lautstärke-Potis ändert sich lediglich der Pegel – der sich im Übrigen sehr genau einstellen lässt –, nicht aber die Qualität des Klanges. Um auf die Anschaffung eines D/A-Wandlers verzichten zu können und das Budget nur mit einem hochwertigen A/D-Wandler zu belasten, bietet das DAC-Modul des Centro eine akzeptable Lösung. Zum Vergleich lassen wir verschiedene digitale Signale zum einen vom Lynx Aurora 8 (siehe Test, Heft 11/06) und zum anderen über das interne DAC-Modul Modul wandeln und schalten On-The-Fly zwischen beiden Ergebnissen um. Die Auflösung ist fein und gibt detailgetreu das Original wieder. Räumlichkeit und Tiefenstaffelung erreichen allerdings nicht die Güte von denen des Aurora 8. Im direkten Vergleich und nach intensivem Hören wird deutlich, dass das DAC-Modul des Centro zwar gute Arbeit leistet, aber die offenen und angenehmen Mitten des verwendeten Neumann TLM 49 Mikrofons (siehe Test, Heft 11/06) etwas an Glanz einbüßen. 

Der Gesamtklang ist um ein Quäntchen kühler und eingeengter und muss deswegen Abzüge in der B-Note hinnehmen. Um auch beim Abhören klanglich alles herauszuholen, kann ein zusätzlicher separater D/A-Wandler sinnvoll sein. Wie entscheidend dies ist, bleibt jedem selbst überlassen, volle Punktzahl kann das DAC-Modul klanglich nicht erreichen auch wenn es Qualität auf hohem Niveau bietet. Ähnliches gilt für den integrierten Kopfhörerverstärker. Im Vergleich zum Lake People Phone-Amp G99 gibt es nur geringfügige Unterschiede. Der Kopfhörer-verstärker des Centro ist sehr neutral und präsentiert ein überaus ausgewogenes Klang-bild und eignet sich damit sehr gut zur Kontrolle der Aufnahmen. Die dezenten Schmatz-Geräusche der Sängerin und der Luftstrom der Stimme sind detailliert zu hören, als sänge sie direkt in unser Ohr. Der Unterschied ist ähnlich marginal, wie in Bezug auf die D/A-Wandlung: minimale Höhenein-schränkung und ein Hauch weniger Feinauflösung.

Fazit

Das Centro ist ein Peripherie-Gerät am Zahn der Zeit. Als Master-Sektion mit komfortabel bedienbarer Fernsteuerung eignet es sich hervorragend als Front-End für D.A.W.s. Klanglich überzeugend und aufgrund durchdachter Konzeption steht für rund 1900 Euro entspannten professionellen Aufnahmen nichts im Weg. Das integrierte DAC-Modul für die Verarbeitung digitaler Signale kann sich grundsätzlich hören lassen auch wenn es klanglich nicht an hochwertige separate D/A-Wandler herankommt. Insgesamt bietet das Centro alle Features einer Master-Sektion, wie sie von Mischpulten bekannt sind, in komprimierter Form. Für die Kommunikation zwischen Musiker und Produzent ist genauso gesorgt, wie für ein angenehmes Bediengefühl, das Aufnahme-Sessions auf beiden Seiten der Trennscheibe zwischen Regie und Aufnahmeraum zum Genuss werden lässt. Manchmal kommt eben alles zusammen. 

Erschienen in Ausgabe 02/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1914 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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