Miniatur-Studio

Das Shure MV51 ist weit mehr als ein schnödes USB/Lightning-Mikrofon. Dank Monitoring-Option und praktischen DSP-Presets an Bord mutiert es im Verbund mit Mobilgerät oder Computer im Handumdrehen zu einem vollwertigen, reisetauglichen Miniatur-Studio.

Von Sylvie Frei

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Mein iPad, meine In-Ears und mein MV51.“ So platzsparend und praktisch könnten die Reisevorbereitungen eines Musikers aussehen, wenn unser Testkandidat, das Mikrofon-Interface Shure MV51, ins Spiel kommt. Für eine UVP von 219 Euro bietet das USB- und Lightning-taugliche digitale Großmembran-Mikrofon mit integriertem Vorverstärker, ADDA-Wandler, Kopfhörerverstärker und -Anschluss und praktischen DSP-Presets den Funktionsumfang eines echten Miniatur-Studios. Dabei ist das mobile Aufnahme-Tool auch noch kompatibel mit einer ganzen Fülle von Mobilgeräten und Computern. Grund genug um dieses vermeintliche Wunderwerk aus Shures Motiv-Serie etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Äußeres und Bedienkonzept

Optisch erinnert das MV51 mit seinem auf Kapselhöhe auffällig geschlitzten Gehäuse an das kultige Shure Model 55 Unidyne, das Elvis Presley und Co. einst auf der Bühne benutzten. Ebenso robust kommt auch das MV51 daher und bringt mit seinem Vollmetallgehäuse mehr als ein halbes Kilogramm auf die Waage. Ganz schön schwer für ein Mikrofon das insgesamt nicht größer als ein Gameboy ist. Hinter dem massiven Gehäuse verbirgt sich unter einer integrierten Windschutz-Schicht aus Schaumstoff die Kapsel des Mikrofons – diese funktioniert für Sänger und Sprecher mit einigermaßen guter Mikrofondisziplin mehr als annehmbar und erspart uns so den Einsatz einer externen Windschutzlösung. Das MV51 besitzt eine 1 Zoll-Membran, die in fester Nierencharakteristik arbeitet.
Eher futuristisch – im Gegensatz zum Retro-Design des Gehäuses – mutet das Touch-Menü des Mic-Interfaces an: Unterhalb des Korbs in Einsprechrichtung befinden sich drei berührungsempfindliche Schaltflächen und ein Kontaktstreifen. Mit der zentralen Mode-Schaltfläche lässt sich eines der fünf werksseitigen Presets (Sprache, Gesang, linear, verstärktes Instrument oder akustisches Instrument) anwählen: Einfach mehrfach antippen, bis die LED neben dem gewünschten Preset-Symbol aufleuchtet. Mit der Mode- und der Kopfhörer-Schaltfläche können außerdem Mikrofon und Kopfhörerausgang für die Aussteuerung angewählt werden. Ein Antippen des durchgestrichenen Mikrofonsymbols lässt das Mic bei Bedarf stummschalten (rote LED). Der Kontaktstreifen erlaubt es, das Mic oder den Kopfhörerausgang in acht Stufen in der Empfindlichkeit beziehungsweise Lautstärke auszusteuern. Dazu genügt eine wohl dosierte Wischbewegung auf dem Kontaktstreifen – am Anfang etwas fummelig, aber sobald wir das richtige Gefühl für den Touch-Strip entwickeln, funktioniert das ganz gut. Wie hoch die Aussteuerung ist, wird von der achtgliedrigen LED-Kette zur Orientierung optisch dargestellt. Gut gelöst: Bearbeitet der Kontaktstreifen die Mikrofon-Aussteuerung, leuchten die LEDs gelb-grün, bei der Justierung des Kopfhörerausgangs leuchten sie orange. So kommt es in der Praxis zu keiner Verwechslung. Was fehlt, ist eine LED, die vor Übersteuerung warnt – dabei ist der Nutzer auf sein Gehör oder die Pegelanzeige der App oder DAW angewiesen. Das Bedienkonzept des MV51 ist insgesamt intuitiv und kinderleicht zu verstehen.

Positionierung

Für den soliden Stand auf dem Desktop ist das MV51 mit einem ausklappbaren, massiv anmutenden Standfuß versehen, der sich mit einem Schraubenzieher lösen, im passenden Winkel positionieren und wieder festschrauben lässt. Ganz ehrlich – zumindest ich habe (entgegen eines guten väterlichen Rates) nicht immer einen Schraubenzieher mit dabei. Ein kleiner Drehhebel am Standfußgewinde des MV51 hätte sicher nicht geschadet, aber der Nutzer kann sich entsprechend wappnen. Die Gummierung auf der Standfläche des Mikrofons und an der Standfußspitze sorgt darüber hinaus für eine ziemlich amtliche Entkoppelung vom Desktop – wir sind positiv überrascht. Wer das Mikrofon lieber auf einem gewöhnlichen Stativ befestigen möchte, kann das problemlos tun: Einfach die gummierte Endkappe des Standfußes abschrauben. Darunter findet sich ein Stativgewinde, allerdings ein großes – der Nutzer von gewöhnlichen Euro-Norm-Stativen benötigt einen Adapter. Für den Stativeinsatz außerdem sinnvoll: Ein Stativ-Halteclip für das zum Recording verwendete Mobil-Gerät oder ein Stuhl, auf dem Laptop oder ähnliches direkt neben dem Stativ Platz finden. Eventuell ist ein USB- oder Lightning-Verlängerungskabel nötig – doch dazu gleich mehr.

bild04_webAnschlüsse

Die beiden einzigen Anschlüsse des MV51 verbergen sich auf der Rückseite des Mic-Interfaces. Einer davon ist eine 3,5 mm-Stereoklinken-Buchse, an die sich der Kopfhörer für das Monitoring anschließen lässt. Als Verbindung zum Computer oder Mobilgerät dient der Typ B-Micro-USB-Anschluss, in den das beiliegende Kabel mit dem USB-Stecker oder das Kabel mit dem Lightning-Stecker passt. Das MV51 wird ausschließlich über USB- oder Lightning-Bus-Power mit Strom versorgt und ermöglicht es, eingehende Signale mit dem Computer aufzunehmen (oder zu streamen) und ausgehende Signale aus dem Computer über die Kopfhörerbuchse auszugeben. Damit ist das MV51 ein vollwertiges Mini-Interface. Doch Achtung: beide Verbindungskabel sind mit einer Länge von nur einem Meter sehr kurz. Wer also nicht mit einem Mobilgerät, Laptop oder im Bildschirm integrierten Mac aufnimmt oder den Stativ-Einsatz vorzieht, benötigt ein Verlängerungskabel.

Innenleben

Außer der Mikrofonkapsel befinden sich im Inneren des MV51 ein Mikrofonvorverstärker, ein ADDA-Wandler und ein Kopfhörerverstärker. Der Wandler arbeitet mit einer Auflösung von bis zu 48 Kilohertz bei 24 Bit. Zum Vergleich: Das MiC 96k von Apogee (Test in Professional audio 8/2014) liefert zwar bei einem etwas höheren Kaufpreis (UVP 273 Euro) eine 96 Kilohertz/24Bit-Auflösung, ist aber ausschließlich mit Mac-Geräten kompatibel und hat weder DSP-Ausstattung noch eine Monitoring-Lösung an Bord. Dafür nehmen wir den kleinen Kompromiss mit der geringeren Samplerate doch gerne in Kauf.

Kompatibilität

Das MV51 ist hingegen mit einer großen Vielzahl von Computern und Mobilgeräten kompatibel und dank Plug-&-Play-Kompetenz sofort einsatzfähig – kein Internetzugang, kein Treiber-Download, einfach loslegen. Interagieren können Mobilgeräte wie iPhone 5, iPad Air 2, iPad mini 3, iPad Air, iPad mini 2, iPad (4. Generation), iPad mini, iPod touch (5. Generation) oder neuer sowie Android-Geräte mit USB Audio Class 2 sowie USB OTG. Außerdem werden PCs mit Windows 7 oder neuer und Macs mit OS X 10.7 oder neuer unterstützt.

Die App

Für den Einsatz mit einem iOS-Mobilgerät steht dem MV51 die kostenfrei im iTunes-Store erhältliche Motiv Mobile Recording-App zur Verfügung. Sie erlaubt neben der Aufnahme und der Gain-Aussteuerung unter anderem das manuelle Justieren der DSP-Effekte Equalizer, Kompressor und Limiter. Selbstverständlich lässt sich das MV51 auch mit jeder gängigen DAW einsetzen. Dazu ist es einfach in den Optionen der jeweiligen Software als Ein- und Ausgabegerät für Audio-Signale auszuwählen und kann dann wie ein Interface genutzt werden.

Monitoring

Der integrierte DSP des MV51 erlaubt außer der Einstellung von EQ, Kompressor und Limiter auch das quasi latenzfreie Direct-Monitoring, das bei eingestecktem Kopfhörer und aktivem Mikrofon automatisch aktiviert ist. Shure hat also an alles gedacht, was ein aufnehmender Musiker wirklich braucht. In der Recording-App oder DAW können Sie also beruhigt den Aufnahmekanal so einstellen, dass er nicht in den Monitoring-Mix gelangt. So kann das anliegende Signal mit der von der App oder DAW abgespielten Playback-Spur(en) gemeinsam während der Aufnahme gehört werden.

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Klangqualität

Die Presets
Das MV51 ist mit insgesamt fünf werksseitigen DSP-Presets versehen, die als Symbole kreisförmig um die Mode-Schaltfläche angeordnet repräsentiert sind. Das Sprechblasensymbol steht für den Sprach-Modus, das Sprachblasensymbol mit den Noten für den Gesangs-Modus, das Gitarrensymbol für den Akustische Instrumente-Modus, der Lautsprecher für den PA-Modus, der die Aufnahme verstärkter Instrumente und sehr lauter Signale erlaubt, die Linie steht schließlich für den neutralen Modus ohne Effekt-Einsatz. Die fünf Modi sind allesamt mit den an Bord befindlichen DSP-Effekten, einem 5-Band-Equalizer und einem Kompressor/Limiter, für den jeweiligen Zweck zugeschnitten.

Linearer Modus
Im linearen Modus werden die eigentlichen Klangeigenschaften des Mikrofons ohne Effektfärbung offenbar. Es besitzt einen klaren, kraftvollen, überwiegend ausgewogenen Klang aus offenen Höhen, kräftigen Mitten und einem guten Bassfundament. Im Präsenzbereich klingt es mit unter etwas überbetont, was aber im musikalischen Gesamtkontext zumeist dienlich ist. Das Impulsverhalten geht für ein Großmembran-Mic in Ordnung. Die Auflösung ist nicht besonders fein, Artikulationsunterschiede werden dennoch klar und detailliert offenbar. Die Signal-Textur ist eher etwas rau, aber das ginge auch bei einem normalen Mikrofon in dieser Preisklasse noch vollkommen in Ordnung. Der Nah-Besprechungseffekt ist relativ stark ausgeprägt, klingt aber angenehm sonor und nicht topfig und lässt sich so hervorragend zur Gestaltung von Gesang und Sprechstimme nutzen.

Sprach-Modus
Im Sprach-Modus besitzt das MV51 einen präsenten, intimen, offenen und angenehmen Klang mit hoher Artikulations- und Sprachverständlichkeit, ohne dass es zur Überbetonung von Zisch-Lauten kommt. Die hohen Mitten und Höhen erscheinen betont, während die übrigen Mitten und Bässe ausgewogen klingen. Das Preset nutzt offensichtlich den Kompressor, um kleine Lautstärke-Schwankungen auszugleichen, das Signal bleibt aber ausreichend dynamisch.

Gesangsmodus
Im Gesangsmodus klingt das MV51 grundsätzlich ähnlich wie im Sprachmodus, allerdings wirken die Mitten etwas zurückhaltender. Das Signal kommt klar, offen, präsent und dynamisch, obwohl auch hier der Kompressor merklich zum Einsatz kommt. Je nach Stimme können die deutlich betonten und präsenten Höhen etwas nervig werden, im späteren Gesamtkontext und Mix entpuppt sich allerdings die EQing-Einstellung des Presets als gerade richtig. Die Sopran-Stimme sitzt perfekt auf dem Orchester-Playback, sodass wir kaum nachjustieren müssen. Überhaupt kommt das MV51 erstaunlich gut mit klassischen Stimmen und Vibrato zurecht und kann sich für Gesang jeglicher Art qualifizieren.

Akustische Instrumente-Modus
Der Modus für akustische Instrumente ist klanglich dem Gesangsmodus ähnlich, kommt aber in den Tiefmitten etwas betonter. So erhalten Tenor- und Altinstrumente, beispielsweise Gitarre, Cello oder Saxophon, etwas mehr Fundament. Auch in diesem Modus sind die Höhen eher präsent, sodass auch Anzupf- oder Anblas-Geräusche zur Geltung kommen. Die Kompressor-Einstellung sind in etwa identisch mit denen des Gesangs-Modus. Der Modus empfiehlt sich vor allem für die Nahmikrofonierung von akustischen Soloinstrumenten.

PA-Modus
Der PA-Modus ist vom Klangbild her mit dem Modus für akustische Instrumente identisch, es ist lediglich etwas mehr Limiting im Spiel. Mit ihm können beispielsweise E-Gitarren vom Amp abgenommen werden oder aus einem günstigen Winkel (wie im gedruckten Handbuch beschrieben) auch ganze Bands.

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Einsatzempfehlung

Wer nicht mehr als ein Einzelsignal über ein Mikrofon zur gleichen Zeit aufnehmen möchte und mit einer einfachen Monitoring-Möglichkeit zurechtkommt, hat mit dem MV51 plus Mobilgerät oder Computer ein fertiges Mini-Studio für zu Hause und unterwegs, das zu einem sehr überschaubaren Preis professionelle Klangqualität bietet. Das Konzept dürfte besonders für Soloinstrumentalisten, Sprecher, Sänger, Podcaster und Rapper interessant sein.

Fazit

Für einen Preis von nur 219 Euro bietet das Shure MV51 grundsoliden, mobiltauglichen Studio-Klang und das auf einer Vielzahl von Geräten und ganz ohne Installationsaufwand. Für so manchen Sänger, Sprecher oder Instrumentalisten ist das bereits alles, was er/sie benötigt und damit eine erwägenswerte Alternative zu Interface plus Mikrofon.

Erschienen in der Ausgabe 09/2016

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