M5 + U5 = V5

Der M5 ist ein einkanaliger Class-A-Mikrofon-Vorverstärker, der U5 ein Highvoltage-DI-Preamp mit passiver Spezial-Klangregelung. Mit dem neuen V5 bringt Avalon Design jetzt beides zusammen und präsentiert einen mit allen Klangwassern gewaschenen High-Voltage DI-Re-Preamplifier. 

Von Michael Nötges  

Mit dem M5 und U5 hat der amerikanische Hersteller Avalon Design aus dem sonnigen Kalifornien bereits zwei halbe Portionen im Produktportfolio. Sprich, einkanalige Alternativen zu den ansonsten recht wuchtigen Boliden wie dem hochgelobten Röhren-Channelstrip VT-737sp (Test in Heft 8/2007) oder dem Stereo-Mikrofon-Vorverstärker AD2022. Der Vorteil der ‚Halbneunzehnzöller‘ liegt da aber weniger in der Platz- oder Gewichtsreduzierung als in der individuellen Kombinierbarkeit der Mono-Blöcke, die wie im Fall des Testkandidaten V5 immer noch stolze 4,5 Kilogramm bei zwei Höheneinheiten auf die Waage bringen. Spätestens, wenn mit dem Rack-Mount-Kit RM-2 (UVP: 99 Euro) zwei der schmucken Fünfer im Rack verschraubt sind, fallen Größe und Gewicht eben nicht mehr ins Gewicht. Der Clou ist aber, den eigenen Bedürfnissen entsprechend, einen speziellen Mono- oder auch Stereo-Channel kreieren zu können. Wobei sich im Vorfeld eben die Frage stellt, ob ein Mono-Mic-Preamp (M5, UVP: 1.579 Euro), ein DI/Instrumentenvorverstärker (U5, UVP: 589 Euro), der neue DI-Re-Preamplifier V5 mit einer UVP von 1.089 Euro oder gleich eine schmucke Kombination (mono/stereo) gefragt ist. Um sich bei der Qual der Wahl für oder gegen den V5 entscheiden zu können, muss aber doch erstmal en détail geklärt werden, was sich denn genau hinter der Bezeichnung Highvoltage DI-Re-Preamp verbirgt. 
Der V5 ist zunächst ein Solid-State-Vorverstärker für Mikrofon-, Line- und Instrumentensignale. Mit der Besonderheit, dass er zusätzlich mit einem separaten, galvanisch entkoppelten Re-Amp-Ausgang ausgestattet ist. Bestückt ist dieser mit einem speziell angefertigten Transformator des amerikanischen Bauteil-Spezialisten Cinemag.

Aus klanglichen Gründen setzt die Edelschmiede insgesamt auf Highvoltage-Verstärker beziehungsweise -Stromversorgung, komplett diskret aufgebaute Schaltkreise mit reiner Class-A-Topologie und natürlich ausschließlich erlesene Bauteile. Warum aber dieses Highvoltage-Design? Von den Entwicklern erfahren wir in einer Mail warum: „Der Vorteil von High-Voltage Class-A-Schaltungen ist der offenere, ansprechende und fette Sound.“ Der V5 wäre aber kein echter Avalon, wenn es da bautechnisch nicht noch Einiges zu erwähnen gäbe: Dementsprechend findet sich im V5 der gleiche Lundahl-Transformator, wie im VT-737sp, gekoppelt mit einem zweistufigen Class-A-Verstärker in bipolarem, symmetrischen Design. Das gleiche Prinzip wird bei den Schaltungen des M5 und des AD2022 verwendet. Der Instrumenteneingang ist mit zehn Megaohm extrem hochohmig, was die Wiedergabe hoher Frequenzen besonders bei elektromagnetischen Tonabnehmern (E-Gitarre, E-Bass) begünstigen soll. Außerdem setzt Avalon an dieser Stelle auf einen weiteren bipolaren Class-A-Verstärker (Instrumenten-Eingang), der symmetrisch aufgebaut ist. Auch dort soll die Hochspannungsversorgung zu einem größeren Headroom und reduziertem Rauschen führen. Die restlichen beiden Class-A-Verstärker der Line-Ausgangsstufe fußen auf einer unsymmetrischen Topologie, wie sie auch beim U5, VT-737sp und VT747sp vorkommt. Das komplette Audiorouting wird durch versiegelte Relais mit Silberkontakten bewerkstelligt und der hochwertige Eingangspegelsteller ist mit vergoldeten Kontakten versehen, die ihrerseits sehr präzise Einstellungen in Zweidezibelschritte ermöglichen sollen. Nicht zuletzt der auffällig abgeschirmte Ringkerntrafo (siehe Foto, Seite 29) für die lineare High-Voltage Stromversorgung und hochwertige WIMA-Kondensatoren zeigen, dass die Entwickler im Dienste des Klangs materialtechnisch auch beim V5 wieder aus dem vollen Schöpfen. Irgendwie muss der stolze Preis von 1.089 Euro auch gerechtfertigt sein.
Ist er aber auch, denn der hohe Qualitätsstandard wird auch anderswo deutlich. Beispielsweise bei der massiven Frontplatte, den griffigen Metall-Drehreglern oder den blau hinterleuchteten, durchsichtigen Tastern, die einen präzisen Druckpunkt haben und für viel Ergonomie, Bedienkomfort und das schicke Design verantwortlich zeichnen. Auch beim mystisch blau hinterleuchteten VU-Meter geben sich die Entwickler nicht mit schnöder Stangenware zufrieden, sondern verwenden ein Spezial-Bauteil des amerikanischen Herstellers SIFAM mit extra weiter Skala die von -30 bis +18 dB reicht. Wobei die Kalibrierung der Anzeige so vorgenommen ist, dass 0 VU genau 0 dB entsprechen. Unterstützend für die Aussteuerung, bietet der V5 noch die zweifarbige Signal-LED, welche blau leuchtet, wenn 0 dB am Ausgang anliegen und die bei +20 dB alarmierend auf rot wechselt.

Bis auf den Instrumenteneingang finden sich alle Anschlüsse auf der Rückseite des V5. Auch hier haben die Entwickler nicht gegeizt. Alle Buchsen machen einen hochwertigen Eindruck und sind fest mit dem stabilen Gehäuse verschraubt. Die trafosymmetrierten XLR-Eingänge (Mic, Line) verfügen über einen professionellen Arretiermechanismus. Wobei der Line-Input zusätzlich als 6,35-mm-Klinkenbuchse ausgeführt ist, was den flexiblen und komfortablen Anschluss unterschiedlicher Quellen ermöglicht. Neben dem symmetrischen Line-Ausgang (maximal +30 dBu), der auch wieder in zwei Versionen (XLR und 6,35-mm-Klinke) vorliegt, hat Avalon dem V5 noch zwei weitere Spezial-Outputs spendiert: Zum einen bietet der Preamp einen galvanisch entkoppelten und um 18 Dezibel bedämpften (+12 dBu) Re-Amping-Ausgang, der den Anschluss beispielsweise an einen Gitarrenverstärker mit Cabinet ermöglicht. Die Thru-Buchse führt dagegen das reine DI-Signal des Instrumenteneingangs, ideal um Stimmgeräte oder andere Preamps anzusteuern. Last not least bietet der V5 mit dem eigenen Kopfhörerausgang die Möglichkeit, das bearbeitete Signal direkt abzuhören, was den Preamp besonders autark und flexibel macht. 
Die Eingangsverstärkung bestimmt der Boost-Regler, der insgesamt eine Gain-Range von -2 dB bis +66 dB abdeckt (Line: -2 dB bis +38 dB, Mikrofon Hi-Z: +20 dB bis +60 dB, Mikrofon Lo-Z: +26 dB bis +66 dB und Instrument +2 dB bis +42 dB). Die Steps in den unterschiedlichen Modi betragen je zwei Dezibel. Für die Auswahl der insgesamt fünf Eingangsbetriebsarten gibt es einen Auswahldrehregler. Eine Besonderheit neben Line- und Instrumenteneingang sind die drei Mikrofon-Modi. Je nach Schallwandler (Bändchen, dynamische Mikrofone, Vintage-Raritäten) stehen zwei Eingänge mit unterschiedlicher Eingangsimpedanz (Hi: 6.600 und Lo: 1.800 Ohm) zur Verfügung. Die +48V-Stellung schaltet zusätzlich die Phantomspannung für den Lo-Z-Eingang an, um auch Kondensatormikrofonen optimale Anschlussbedingungen zu bieten. Die Power-LED leuchtet in diesem Modus rot anstatt blau, um die zusätzlich anliegende Stromversorgung für das Mikrofon anzuzeigen. Aber auch an einen Phasenumkehrschalter und einen PAD (Line: -13 dB, Instrument: -10dB und Mikrofon: -15 dB) haben die Entwickler gedacht, um im Studioalltag auf alle Situationen vorbereitet zu sein. 
Aber das ist noch immer nicht alles, was der V5 zu bieten hat, schließlich bedient er sich auch der sogenannten Tone-Bank des U5 und hat zusätzlich noch ein paar weitere Filteroptionen am Start. Zunächst gibt es ein Tiefpassfilter, das bei 3,7 Kilohertz ansetzt und etwaigem Rauschen oder anderen Störgeräuschen in den Höhen entgegenwirkt.

Zugeschaltet wird dies durch einen eigenen Taster, wie es auch einen für das Tone-Modul gibt. Diese zusätzliche Filtersektion bietet insgesamt zehn weitere Presets für die Klangoptimierung: Zunächst gibt es zwei Hochpassfilter mit Einsatzfrequenz bei 50 und 90 Hertz und einer Flankensteilheit von sechs Dezibel pro Oktave. Diese dienen in erster Linie zur Eliminierung von Tritt- und Körperschall. Zusätzlich gibt es dann ein Air-Lift-Filter, was Frequenzen oberhalb 10 Kilohertz anhebt und ein kombiniertes Air-Lift- und Low-Pass-Filter, welches zusätzlich zur Höhenanhebung den 50-Hertz-Hochpass aktiviert. Die sechs Tone-Bank-Presets (siehe Messdiagramm) bieten zusätzlich spezialisierte Einstellungen für unterschiedliche Klangquellen. Für E-Bass, Streicher, Akustik- und E-Gitarren bis hin zu Keyboards bietet der V5 unterschiedliche und in der Praxis oft verwendete und erfolgreich erprobte Filterkurven (siehe Diagramme) an. Individuelle Filter-Einstellungen oder detaillierte Anpassungen sind nicht möglich.
Im Messlabor von Professional audio geht die Sonne auf. Geräusch und Fremdspannungsabstand liegen mit 90,1 und 85,2 Dezibel nur knapp unter denen der absoluten Top-Scorer wie beispielsweise dem Millenia HV-38 (Test in Heft 12/2009; 91,8 und 88,9 Dezibel), dem Grace Design m201 (Test in Heft 6/2008; 90,3 und 87,1) oder dem Lake People F355 (Test in Heft 8/2006; 91,7 und 86,2 Dezibel). Auch bei den THD+N-Werten ist der V5 ganz oben mit dabei. Im Mittel liegen die Messungen bei ausgezeichneten 0,006 Prozent (Mikrofoneingang). Lediglich im Bassbereich steigen sie bis auf immer noch sehr gute 0,02 Prozent an. Mit einer Eingangsempfindlichkeit von -61,3 Dezibel besteht kein Zweifel, dass der V5 auch problemlos mit Bändchenmikrofonen und anderen ausgangsschwachen Schallwandlern vor leisen Schallquellen ausgezeichnet zurechtkommt. Genügend Verstärkungsreserven sind jedenfalls vorhanden. Ein Blick auf die FFT-Spektren zeigt einen Noisefloor bei -100 Dezibel (Mikrofoneingang). Über den Line-Eingang gemessen liegt er deutlich unterhalb -100 Dezibel. Für den Instrumenteneingang ist ein Peak bei 50 Hertz (Netzbrummen) zu erkennen, der allerdings bei maximal -90 Dezibel klanglich unter ferner liefen rangiert. Interessanterweise ist in allen drei Spektren ein schmalbandiger Peak bei 20 Kilohertz zu erkennen. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass auch die gemessene Gleichtaktunterdrückung mit maximal -70 Dezibel auch bei langen Kabelstrecken keinerlei Einstreuungen befürchten lässt.

Wie er sich misst, klingt er auch – nämlich ausgezeichnet. Ich schicke den Vocal-Track einer Live-Aufnahme (siehe Test auf Seite 58) über den Line-Eingang an den V5 und nehme das bearbeitet Signal anschließend wieder auf. Dabei fällt schon ohne eingeschaltete Filter ein unmittelbar offenerer und in sich größer klingender Sound auf. Die Stimme gewinnt an Transparenz, bekommt in den Höhen den Avalon-typischen Samtsound und beginnt vornehm zu strahlen. Natürlich probiere ich unterschiedliche Filtereinstellungen aus, wobei ich mich schlussendlich für Preset 3 der Tone-Bank entscheide, die der Stimme insgesamt mehr Fundament verleiht und den Präsenzbereich etwas zurücknimmt. Den Verlust an Lautstärke gleiche ich durch den Eingangspegelsteller aus und bekomme am Ende einen edlen Vocal-Sound, der angenehm satt mit leicht abgerundeten Transienten erscheint. Ich nehme zusätzlich Backings über ein AT4040 von Audio Technica auf. Ich verwende allerdings diesmal das Air-Lift-Low-Cut-Filter, was die Männerstimme offen und kompakt klingen lässt und insgesamt das Timbre sehr organisch verfeinert. Der Vergleich mit einem Shure Beta 58 zeigt, dass auch dynamische Mikrofone für den V5 kein Problem sind. Außerdem bringen die unterschiedlichen Eingangsimpedanzen (Hi, Lo) Klangnuancen zum Vorschein, die für das Sounddesign sehr interessant sein können und die klangliche Vielfalt des V5 erweitern. Jetzt will ich natürlich auch die Akustikgitarre des Live-Mitschnitts veredeln. Für die Lakewood M-14CP verwende ich Preset 4, was die Höhen und unteren Mitten leicht anhebt, eine Senke bei acht Kilohertz und einen Roll-Off im Bass aufweist. Die Anschlaggeräusche fangen sanft an zu perlen und insgesamt klingt die Gitarre mächtiger und kompakter. Irgendwie scheint sich das Klangbild zu schärfen und kommt konturierter mit knackigen Transienten, die aber auf ihre eigene Art edel und keinesfalls aufdringlich klingen. Selbst für eine Konzertgitarrenaufnahme – Puristen mögen mich strafen – ziehe ich den V5 zurate. Diesmal allerdings lediglich mit dem 50-Hertz-HPF. Die Unterschied ist nicht groß aber entscheidend, denn der Sound ist plötzlich lebendiger, wächst über sich hinaus und gewinnt an natürlicher Schönheit, ohne den Eigenklang der Gitarre störend einzufärben.Schlussendlich stehen noch E-Gitarre und E-Bass – ich verwende ein bereits eingespieltes Sample – auf dem Plan. Bei der E-Gitarre hält der V5, was der Hersteller verspricht. Das Signal klingt sehr offen und detailreich, wobei auch eine leichte Anfettung in den unteren Mitten zu spüren ist. Mithilfe der Tone-Bank bekomme ich im Handumdrehen sehr interessanten Varianten angeboten, die bis auf Preset 2 alle gut klingen und sich für unterschiedliche Pickup-Positionen und Gitarren-Grundsounds empfehlen.Aber was mache ich mit dem zweiten Preset? Am besten das, wofür es der Hersteller empfiehlt. Das erste E-Bass-Sample klingt ungemein satt und lässt in den Mitten Platz für andere Instrumente und die Stimme. Dabei wird der Sound herrlich satt und druckvoll. Am Ende scheint jedes Bass-Sample, das ich ausprobiere, erst richtig zu klingen, wenn der V5 am Werk ist. Ausschalten möchte ich ihn nicht mehr und zurückschicken eigentlich auch nicht.

Fazit

Der V5 ist ein waschechter Avalon-Preamp. Er klingt nicht nur sehr edel, offen und transparent, sondern bietet mit seiner Filtersektion vielseitige Möglichkeiten zum Soundshaping von Mikrofon-, Line- und Instrumentensignalen. Nicht zuletzt die exzellenten Messwerte, Kopfhörer-, Re-Amping- und Thru-Ausgang sowie der hohe Bedienkomfort durch die hochwertigen Drehschalter und Taster machen ihn zu einem vielseitigen Preamp-Profi.

Erschienen in Ausgabe 11/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1089 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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