Erfrischend anders

Die richtige Mischung macht’s. Das ist nicht nur bei bitteren Likören der Fall sondern auch beim brandneuen Pre420 von Benchmark.

Von Michael Nötges

Es ist noch nicht lange her, dass sich im amerikanischen Bundesstaat New York, genauer gesagt in Syracuse, Benchmark Media Systems ansiedelte. Seitdem ist der Firmenname Programm und das Setzen von neuen Maßstäben in der Tonstudiotechnik das erklärte Ziel. Bereits die Wandler DAC1 und ADC1 (siehe Test, Heft 8/2006) überzeugten durch hervorragende Messwerte und ihren Klang und trugen damit zum guten Ruf dieser Edelschmiede bei.

Der angekündigte zweikanalige Mikrofon-Vorverstärker Pre1 wurde immer wieder zurückgestellt, bis plötzlich kurz vor der diesjährigen Musikmesse der Pre420 als Vertretung vorgestellt wurde. „Während der Entwicklung des Pre420“, erklärt Eberhard Kröckl, den Professional audio Magazin auf der Pro Light & Sound 2007 in Frankfurt traf, „wurde neben dem Design auch technisch einiges auf den neusten Stand gebracht. Kurzerhand entschieden wir dann, die überarbeitete vierkanalige Variante auf den Markt zu bringen und den Release des Pre1 zunächst auf Eis zu legen. Weiterer Anlass für die Planänderung“, fügt Kröckl vom deutschen Vertrieb hinzu, „waren zahlreiche Anfragen und Anregungen aus dem Rundfunk.“

Der Pre420 ist kein herkömmlicher Mikrofon-Vorverstärker, sondern ein Pre-Amp mit Mischpultallüren, der sich durch ein internes Netzteil, verbesserte Anzeigen sowie einen Solo- und einen Mix-Bus von seinem Vorgänger MSP420 unterscheidet. Durch die Busse und die Panoramareglung der einzelnen Kanäle eignet er sich als klassisches Recording-Tool und als Mischpult. Um Maßstäbe setzen zu können, muss Aufwand betrieben werden. Und den lässt sich ein ökonomisch denkender Hersteller wie Benchmark selbstverständlich bezahlen. Daher kostet der Pre420 auch rund 2.800 Euro. Offen bleibt dabei zunächst die Frage, ob und wie sich unser Testkandidat gleichermaßen für den Recording- und den Live-Bereich eignet und ob er seinen stattlichen Preis wert ist.

An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen: Sie ist top. Der fünf Kilogramm schwere 19-Zoll-Brocken hat eine edel gefräste Frontplatte aus Aluminium, die auch noch in zehn Jahren das Studio-Rack aufwerten wird. Das für Benchmark-Produkte bekannte schwarze Corporate Design wird auf den ersten Blick durch die neue silberne Farbgebung unterlaufen. Nach längerer Betrachtung der schwarzen Metalldrehregler, mit ihren roten Justagepunkten, der Campari-farbenen Produktbezeichnung und des aufwändig in die Frontplatte gravierten Firmenschriftzugs begreift man dann aber doch unmissverständlich, aus welchem Stall der Pre420 stammt. Kleinigkeiten, wie die ab Werk angeschraubten Gummifüße auf der Unterseite des Gerätes, die soliden und schmucken Imbusschrauben zur Befestigung der Frontplatte und die stabile Konstruktion des Gehäuses, das über doppelt verstärkte Seitenwände verfügt, verdeutlichen, dass hier bis ins Detail mit größter Sorgfalt entwickelt und konstruiert wurde.

Die für Benchmark charakteristische Rückseite im Messing-Look bietet Platz für vier symmetrische XLR-Eingänge sowie die im Signalweg direkt gegenüberliegenden Direct-Outs in gleicher Anzahl und im selben Anschluss-Format. Außerdem sind noch – für einen herkömmlichen Pre-Amp untypisch – zwei separate stereo XLR-Ausgänge (Mix, Control Room) zu finden. Der Control Room-Ausgang wird durch einen Tastschalter ergänzt. Dieser bewirkt im gedrückten Zustand das automatische Stummschalten des Signals, sobald ein Kopfhörer an die 6,35-mm-Klinken-Buchse angeschlossen ist. Damit sind beim Abhören der anliegenden Signale über Kopfhörer immer gleich die Monitore inaktiv, ohne diese separat leise drehen zu müssen.

Die vier Kanäle des Pre420 sind gleich aufgebaut und verfügen über identische Bedienelemente: zwei Drehregler (Gain, Panorama) und drei Tastschalter zur Aktivierung der Phantomspannung, eines PAD um 20 Dezibel und eines Trittschallfilters bei 40 Hertz. Der Wirkungsgrad beträgt 12 Dezibel pro Oktave. Die Oberfläche der Gain- und Pan-Regler fühlt sich an wie grobes Sandpapier und bietet damit guten Halt für die Fingerspitzen. Denn nur mit ihnen ist der kleine Panoramaregler – der Durchmesser beträgt 1,4 Zentimeter – zu bedienen. Das liegt allerdings weniger an der Größe, als vielmehr an der Nähe des benachbarten Tastschalters für das Trittschallfilter, der nur den oberen Teil des Drehreglers zugänglich macht. Die Rasterung auf der Nullposition ist dagegen sehr bedienerfreundlich und bringt das Signal punktgenau auf Mittelkurs. Durch die feine Rasterung der etwas größeren Gain-Regler lässt sich der Pegel exakt – und vor allem für alle Kanäle gleich – reproduzierbar auf 41 Positionen einstellen. Der Regelbereich liegt zwischen 22 und 60 Dezibel. Zwei der drei LEDs pro Kanal dienen der Kontrolle des Ausgangssignals, die unterste Anzeige der Ampelschaltung signalisiert die aktive Phantomspannung. Die Mittlere leuchtet grün sobald ein Signal am Ausgang ankommt und nimmt an Intensität zu, wenn der Pegel steigt. Über +24 dBu erglimmt die oberste LED rot; was aber noch keineswegs bedeutet, dass man übersteuert hat: Die Entwickler sahen noch eine zusätzliche Reserve als Headroom von 5,5 Dezibel vor. Damit ist das sichere Einpegeln in den meisten Fällen gewährleistet, allerdings bleibt das Ausreizen des Headrooms weitgehend Gefühls- und Erfahrungssache. Wie viele andere Parameter (siehe Bildunterschrift der Innenansicht) ist auch der Headroom über Trim-Potis auf der Platine kalibrierbar, sodass sich je nach Stellung zwischen 0,5 oder 9,5 Dezibel Headroom ergeben. Das Verfahren ist für alle Kalibrierungsvorgänge gleich (siehe Test Buzz Audio MA2.2, Seite 90). Die exakte Beschreibung für alle Einstellungen und die genauen Bezeichnungen der nummerierten Trim-Potis (siehe Bild, Platine) finden sich auf den letzten Seiten des Manuals1.

Das Besondere beim Pre420 ist die zusätzliche Monitor/Solo- und Main-Sektion. Der Ausgang des Solo-Busses führt über den Monitor-Regler sowohl zum Kopfhörer als auch Control Room-Ausgang. Damit sind die Pegel dieser Ausgänge immer identisch. Tipp: Um das daraus entstehende Handycup zu vermeiden, sind im Pegel individuell anpassbare Kopfhörer oder Monitore sehr hilfreich. Die Lautstärke des Main-Ausgangs lässt sich separat regeln und im Gegensatz zur Monitor-Sektion über eine doppelte Drei-Segmente-Anzeige kontrollieren. Dabei leuchtet die linke der beiden unteren LEDs sobald einer der vier Solo-Tastschalter aktiviert, die rechte sobald das Gerät eingeschaltet ist. Die oberen beiden Anzeigen entsprechen in ihrer Funktionalität denen der Einzelkanäle. Dies ist gerade für den Live- oder Sendebetrieb sinnvoll. Die Anzeige fungiert dabei als optische Endkontrolle bevor das Signal dem Hörer zugänglich gemacht wird.

Durch den integrierten Solo- und Stereo-Mix-Bus können man den Pre420 auch als Mischpult gebrauchen. Jeder der vier Kanäle ist aktiv, sobald ein entsprechender Tastschalter (eins bis vier) gedrückt wird. Wenn kein Solo-Button aktiviert ist, liegt automatisch das Main-Mix-Signal auf dem Solo-Bus. Damit lassen sich die einzelnen Signale auswählen und werden je nach Betriebsmodus der Monitor-Sektion – über mono oder stereo entscheidet ein weiterer Tastschalter – vor oder nach dem Panoramaregler abgegriffen. Das bedeutet: Die Signale im Monobetrieb sind einzeln auswählbar, können aber nicht im Stereopanorama verteilt werden, da sie insgesamt zu einem Monosignal zusammengefasst werden. Ein Druck auf den Mono/Stereo-Button genügt aber, um eine Stereomischung der Signale anzufertigen. Vier Pan-Pots bestimmen in diesem Fall die Position der einzelnen Signalquellen im Stereopanorama. Aber wozu das Ganze, fragt sich vielleicht jetzt der Homerecordler oder Studiobesitzer – dafür habe ich doch meine Peripheriegeräte und die DAW.

Anwendungsbeispiel: Eine Radiostation möchte das Konzert eines Streichquartetts senden. Die angeschlossenen Mikrofone sind von ihrer Klangcharakteristik so gewählt, dass sie das Signal der beiden Violinen, der Bratsche und des Violoncellos optimal wiedergeben. Da die Signale über die Solo-Tastschalter einzeln abhörbar sind, können die Mikrofonpositionen optimal justiert werden. Der Panoramaregler teilt anschließend den Instrumenten ihren Platz im Stereopanorama zu, um die vier Musiker sozusagen im imaginären Halbkreis anzuordnen. Kopfhörer und Control Room-Ausgang dienen zum Abhören während der Darbietung, über den Main-Ausgang geht der Mix auf Sendung. Mitgeschnitten wird das Ganze über die Direct-Ausgänge, die beispielsweise an einen vierspurigen HD-Recorder angeschlossen sind.

Der Blick auf die Messwerte zeigt: Der edle Schein des Pre420 trügt nicht. Der Klirrfaktor entzieht sich mit ausgezeichneten 0,007 Prozent jeder Kritik, auch wenn die Messungen zwischen den Kanälen minimal voneinander abweichen. Der lineare Frequenzgang muss bis weit über die 100 Kilohertz-Marke hinausgehen, um zwischen 10 Hertz und 100 Kilohertz keinen Deut von seinem Nullkurs abzuweichen. Das Trittschallfilter wirkt exakt wie vom Hersteller versprochen. Beim -3dB-Punkt  kreuzt die Kurve die 40-Hertz-Kennlinie. Die Gleichtaktunterdrückung: exzellent. Besonders interessant ist der rechte Rand des Diagramms. Der Verlauf der Kurve steigt nicht weiter an, sondern stagniert. Damit sind gute CMMR-Werte auch oberhalb von 20 Kilohertz zu erwarten. Geräusch- und Fremdspannungsabstand liegen bei sehr guten aber nicht überraschenden -85 und -79,6 dBu.

Für den obligatorischen Hörtest von Professional audio Magazin erstellen wir unterschiedliche Gitarrenaufnahmen mit den Royer Bändchenmikrofonen R-121 und R-122V (siehe Test, Seite 48). Dabei nehmen wir, nachdem der Aurora 8 von Lynx die Signale mit 48 Kilohertz und 24 Bit Wortbreite gewandelt hat, in Samplitude 9 auf. Zum Vergleich geladen sind der MA2.2 von Buzz Audio (siehe Test, Seite 90) und einmal mehr der Lake People F355.

Auffällig ist die detailgetreue und exakte Impulswiedergabe des Pre420, die selbst bei dynamischen Passagen, wie einem perkussiven Anschlag der Saiten mit dem Plektrum, keine Schwächen zeigt und immer kraftvoll wirkt. Auch wenn in den hohen Lagen der Steelstring-Gitarre gespielt wird oder flirrende Flageoletttöne knackig angeschlagen werden, ist der Pre420 nicht aus der Ruhe zu bringen. Er klingt sehr souverän. Die feine Auflösung sorgt für gute Erkennbarkeit der unterschiedlichen Mikrofoncharakteristika und offenbart selbst die nuancierten Unterschiede zwischen den Einsprechrichtungen des R-121. Die Stereoaufnahmen sind plastisch und bilden dabei jede Einzelheit der Raumreflexionen exakt ab. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, mit den Panoramareglern herumzuexperimentieren. Punktgenau und trennscharf erscheinen die unterschiedlichen Signale der beiden Mikrofone (Schallloch, Griffbrett) im Panorama. Leise Rutschgeräusche der Greifhand und das Atmen des Musikers werden in ihrer ganzen klanglichen Vielfalt wiedergegeben. Der Pre420 klingt nicht ganz so unerbittlich neutral wie der F355 von Lake People, weist aber auch nicht in dem Maße wie der MA2.2 von Buzz Audio einen leicht dichteren Untere-Mitten-Bereich auf. Mit seinem edlen, offenen und sehr ausgeglichenen Klang reiht sich der Pre420 von Benchmark problemlos in die Gruppe der neutralen Spitzenklasse-Vorverstärker ein.

Fazit

Um die Eingangs gestellte Frage zu beantworten: Der Pre420 von Benchmark eignet sich hervorragend für den Recording-Bereich. Sein neutraler und transparenter Klang lässt für Puristen kaum Wünsche offen. Freunde guter Ingenieurarbeit werden sich neben dem Klang auch über die ausgezeichneten Messwerte freuen. Bei Live-Mitschnitten im Rundfunkbereich aber auch für hochwertige Aufnahme-Sessions ist die Mischpultfunktion mit Control Room- und Monitor-Ausgang und das mögliche Vorhören der einzelnen Kanäle ein praktisches Zusatzfeature. Der Pre420 ist aufgrund seiner interessanten Konzeption und der sehr guten Qualität seinen stattlichen Preis von rund 2.800 Euro wert.

Erschienen in Ausgabe 05/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2798 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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