Saubermann

Von Harald Wittig  

Das amerikanische Unternehmen Earthworks ist in der Pro-Audio-Welt vor allem als Hersteller von hochwertigen Mikrofonen bekannt. Nicht umsonst tragen alle Mikrofone aus dem Hause Earthworks die selbstbewusste Bezeichnung „High Definition Microphone“, sinngemäß also „hochauflösendes Mikrofon“. Damit versprechen die Amerikaner nicht zuviel: In Ausgabe 12/2006 hatten wir das Modell QTC40 getestet, das sich als auf Neutralität optimiertes Spitzenmikrofon mit exzellentem Impulsverhalten und hochfeiner Auflösung behauptete. Damit der Anwender die Qualitäten seiner Mikrofone voll ausreizen kann, bietet Earthworks seit einigen Jahren auch Mikrofon-Vorverstärker an. Bei der Entwicklung der insgesamt drei Modelle – dem einkanaligen 1021, dem 1022 mit zwei Kanälen und dem Vier-Kanaler 1024 – ging es Chefdenker David Blackmer einzig darum, den sprichwörtlichen „Draht mit Verstärkung“ zu bauen. Mit anderen Worten: Ein Preamp, der den Earthworks-Schriftzug tragen darf, muss sich durch absolute Verfärbungsfreiheit und Neutralität auszeichnen. Da die Professional audio-Redaktion dieser Philosophie des „Nicht-Klanges“ bekanntlich auch folgt – schließlich ist unser Referenz-Preamp, der Lake People Mic-Amp F355, ebenfalls ein Vertreter der Saubermann-Fraktion – haben wir uns das Modell 1022 zum Testen ausgesucht.
Der 1022 rangiert preislich mit rund 2.400 Euro bereits in der Oberklasse. Zum Vergleich: Der Lake People F355 ist mit etwa 1.950 Euro in der Class-A-Variante deutlich günstiger. Da simple Preisvergleiche noch nichts über die Qualität aussagen, sehen wir uns den 1022 erst mal näher an.
Mit den drei Modellen 1021, 1022 und 1024 hat der Hersteller seine „Zero Distortion Technology“, abgekürzt ZDT, im Schaltungsdesign und mittels sorgfältig selektierter Bauteile umgesetzt. Was die ZDT letztlich ausmacht, hält Earthworks streng geheim, sie soll aber ein Bündel an herausragenden Eigenschaften der Preamps begründen, die zumindest in der Theorie das Konzept des „Draht mit Verstärkung“ umsetzen. So zeichne sich auch unser Testkandidat wie seine beiden nächsten Anverwandten durch geringstes Eigenrauschen, minimalste Verzerrungen und eine außergewöhnlich breitbandige Verstärkung bis 200 Kilohertz aus. Alle drei Modelle sind Old School-mäßig in diskreter Class-A-Schaltung aufgebaut. Vorteil dieser Schaltung: Es können prinzipbedingt keine Übernahmeverzerrungen auftreten, was der Klangqualität deutlich zu gute kommt. Der typische Class-A-Nachteil, ein sehr hoher Ruhestrom, der die maximale Ausgangsleistung begrenzt, spielt bei einem Kleinsignal-Spannungs-Verstärker wie dem Earthworks, anders als bei einem Leistungsverstärker, keine große Rolle. Auch andere Hersteller von Mikrofon-Vorverstärkern wie Millennia (siehe den Test des HV-3R) setzen aus Gründen der Klangqualität auf das diskrete Class-A-Schaltungs-Design. Gleichwohl gibt es hierzu auch Alternativen. So folgt Schoeps bei seinem VSR 5 einem eigenen Schaltungskonzept.

Die beiden separaten Kanäle des 1022 sind, wie heute oft üblich, komplett symmetrisch, ohne Transformatoren im Signalweg, aufgebaut. Die elektronische Symmetrierung ist gegenüber der Trafo-Symmetrierung zumindest theoretisch im Vorteil. Denn grundsätzlich kann sie eine höhere Bandbreite und schnellere Signalverarbeitung. Das ist alles andere als eine Earthworks-Spezialität und findet sich mittlerweile schon bei Einsteiger-Audiointerfaces. Ein Blick ins Innere des äußerlich eher unscheinbaren schwarzen Flachmanns offenbart ein penibel-sauberes Platinen-Layout in logischerweise zweifacher Ausführung, beide Platinen sind elektromagnetisch abgeschirmt, um das Übersprechen der Kanäle weiter zu minimieren. Das Netzteil ist räumlich abgesetzt auf der rechten Seite des Gerätes untergebracht, um Einstreuungen und etwaige Störsignale auszuschließen.
Bei einem Blick auf die Frontplatte erkennt jeder Betrachter sofort, dass die beiden Kanäle auch in puncto Bedienelemente absolut gleich aufgebaut sind. Tatsächlich ist der 1022 nichts anderes als zwei 1021 – das ist der Ein-Kanaler von Earthworks – in einem Gehäuse. Anders ausgedrückt: Es handelt sich also um einen Doppel-Mono-Verstärker mit einem Netzteil. Mit dem 1022 findet sich jeder Anwender sofort zurecht, denn er verfügt über wenige, in der Funktion selbsterklärende Bedienelemente. Einen Wunsch an die Entwickler haben wir allerdings schon: Eine präzise Aussteuerungsanzeige, die den Toningenieur vor dem Blindflug beim Einpegeln bewahrt. Der 1022 hat lediglich eine „Clip“-LED, die vor Übersteuerung warnt: Leuchtet Sie dauerhaft, ist der Eingang übersteuert. Ansonsten beschränkt sich der Earthworks auf das Notwendigste und verzichtet konsequent auf PAD-Schalter oder Hochpass-Filter.
Ein Blick auf die Rückseite offenbart neben dem XLR-Ausgang noch einen symmetrischen Klinken-Ausgang. Dieser nennt sich nicht umsonst „Variabel output“, denn der Ausgangspegel lässt sich über einen entsprechenden Drehregel auf der Front der den Pegel im Verhältnis zum XLR-Ausgang um maximal 20 Dezibel reduziert.
Dass der Hersteller sein Handwerk versteht und der selbstgesetzten hohen Messlatte gerecht wird, belegen die im Messlabor von Professional audio ermittelten Messwerte. Das FFT-Spektrum für den XLR-Ausgang belegt, dass der 1022 eingehende Signale völlig sauber, ohne Hinzufügen von harmonischen Oberwellen verstärkt. Anders jedoch im Falle des Variable Out: Hier ist ein kleiner K2-Peak erkennbar, außerdem steigt der Noise-Floor bei den tiefen Frequenzen auf -80 Dezibel an – was allerdings immer noch sehr gut ist, nur eben nicht so hervorragend wie beim XLR-Ausgang. Der Frequenzgang des 1022 ist bis 100 kHz völlig linear, die Abweichung beträgt exakt 0 dB.
Die Werte für Geräusch- und Fremdspannungsabstand sind vorzüglich: Die gemessenen 94,8 beziehungsweise 90,9 Dezibel belegen, dass dieser puristische Vorverstärker auf geringstes Eigenrauschen hin optimiert wurde. Tatsächlich sind das Messwerte, die wir bisher nur bei einer Handvoll aller getesteten Preamps ermittelt haben. Allerdings beträgt die Klirrdämpfung, also der Fremdspannungsabstand für den Variable Output „nur“ 86,9 Dezibel.

Das ist absolut gesehen ein sehr guter Wert, es soll hiermit nur verdeutlicht sein, dass der Earthworks die bestmöglichen Ergebnisse in puncto Nebengeräuschverhalten an den XLR-Ausgängen erreicht. In der Praxis ist die eigentliche Aufnahme-Signalkette ohnehin an den XLR-Ausgängen zu schmieden. Die Variable Outputs sind dazu gedacht, andere Geräte wie beispielsweise Kopfhörerverstärker anzusteuern, die ihrerseits keine Möglichkeit bieten, die Eingangsempfindlichkeit zu regeln. Über die Variable Outs lässt sich die Anpassung problemlos vornehmen, die winzigen Einbußen bei der Klangqualität spielen dann keine Rolle.
Die Gleichtaktunterdrückung ist sehr gut, das Messdiagramm zeigt die typische „Wannencharakteristik“ der Kurven, im Maximum erreichen sie lediglich -60 Dezibel, was sich, wenn überhaupt, erst bei sehr langen Kabelstrecken auswirken kann. Dass es gleichwohl, allerdings mit sehr hohem technischen Aufwand verbunden, noch besser geht, beweist Schoeps mit seinem VSR 5. Auch die Gesamtverzerrungen über den gesamten, übrigens wirklich sehr weiten Frequenzbereich, sind mit maximal 0, 0024 Prozent ohne Fehl und Tadel. Auffallend: Die Klirrkurven verlaufen fast wie mit einem Lineal gezogen, es gibt keinerlei Anstiege zu den tiefen oder hohen Frequenzen. Schließlich ist auch die Übersprechdämpfung größer als 98 Dezibel – hier zahlt sich das Doppel-Mono-Konzept des 1022 aus. Insgesamt erreicht der 1022 das Ideal „Draht mit Verstärkung“ messtechnisch auf jeden Fall.
 
Klanglich erfüllt der Earthworks die hohen Erwartungen, denn er verstärkt das, was er verstärken soll: Den Klang der Signalquelle, also der Flamencogitarre, und der verwendeten Mikrofone, im Rahmen dieses Tests ein Stereopaar Schoeps MK 4/CMC 6Ug. Alles ist da, angefangen bei den Klangfarben der verschiedenen Register des Instruments bis hin zu den leisen Atemgeräuschen und den unvermeidbaren Griffgeräuschen beim Lagenwechsel. Die Stereo-Aufnahmen besitzen Tiefe und Plastizität, auch flüsterleise Stellen sind völlig frei von Störgeräuschen wie Rauschen oder Verzerrungen, gleichzeitig ist die Feindynamik des Amerikaners vorzüglich und fraglos auf Spitzenniveau. Im direkten Vergleich mit den Takes, die wir mit dem Lake People F355 gemacht haben, fällt bei konzentriertem Hören auf, dass es, trotz größter Übereinstimmung, ganz subtile Unterschiede gibt. So schwingt bei den Lake People-Takes ein Quäntchen mehr an Obertönigkeit mit. Der F355 scheint also minimal offener und luftiger zu klingen. Das wollen wir genau wissen: Nach stundenlangen, sich über mehrere Tage erstreckenden Hör-Sitzungen kommen wir zu dem – keineswegs einstimmigen – Ergebnis, dass der durchaus hörbare Unterschied nicht dem Vorverstärker zuzuschreiben ist. Vielmehr entsteht der Klangunterschied ganz am Anfang der Signalkette und ist mit großer Wahrscheinlichkeit einzig den feinen Unterschieden in der Interpretation des Beispielsstücks geschuldet. Soll heißen: Der Earthworks und der Lake People sind klanglich absolut auf Augenhöhe – eine klassische Pattsituation.

Fazit

Der Earthworks 1022 ist ein puristischer Vorverstärker, der sich durch absolute Signaltreue auszeichnet. Wer über hochwertige Mikrofone verfügt und nur deren Klang hören will, ist mit dem amerikanischen Saubermann bestens bedient.

Erschienen in Ausgabe 12/2009

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2249 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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