Angewärmt

Ein Transistor-Preamp mit zusätzlicher Röhrenschaltung ist zunächst keine wirkliche Überraschung mehr. Der Blue Tube DP V2 allerdings hat jetzt Presonus‘ proprietäre Class-A XMAX-Vorverstärker geerbt und wurde kurzerhand generalüberholt, um bessere Messwerte, ein schickeres Design und vor allem optimierte Klangeigenschaften zu bieten.

Von Michael Nötges  

Der Pro-Audio-Hersteller Presonus aus dem sonnigen Florida hat sich einen Namen für professionelle Produkte zu erschwinglichen Preisen gemacht. Gerade den Class-A XMAX Preamps, die auch in den StudioLive-Mixern verbaut sind (Test des StudioLive 16.4.2 in Heft 8/2009 und des 24.4.2 in Heft 11/2010), eilt dabei ein sehr guter Ruf gerade in puncto Transparenz und Auflösung voraus. Außerdem können sich Verarbeitung und Qualitätsniveau trotz relativ geringer Anschaffungskosten sehen lassen, wie etwa beim Studio Channel für knapp 400 Euro (Test in Heft 4/2010). In dieser Tradition schickt Presonus jetzt ein Update des zweikanaligen Blue Tube DP Preamp ins Rennen. Die V2-Version kostet dabei gerade einmal rund 270 Euro und lässt sich am besten als Transistor-Vorverstärker mit Röhren-Drive-Schaltung charakterisieren. Will heißen, zusätzlich zur eigentlich neutralen Vorverstärkung durch die Class-A XMAX-Preamps lässt sich ein Röhrenschaltkreis aktivieren. Eine Doppeltriode des Typs 12AX7 sorgt dann, je nachdem wie hart sie angefahren wird, für leichte bis mittelschwere Verzerrungen. Sie heizt also nach Belieben dem cleanen Sound ordentlich ein. Primär ist der zweikanalige Preamp zwar als Frontend für die DAW gedacht. Doch der Vorverstärker lässt sich genauso gut auch als hochwertige DI-Box für Keyboarder, Gitarristen oder Bassisten verwenden und auch einem Einsatz als handliche Vorverstärkungseinheit für Singer/Songwriter steht nichts im Weg.

 

Der kompakte, rund ein Kilogramm schwere Halb-19-Zöller ist rückseitig mit zwei Eingängen in Form von XLR/Klinke-Combo-Buchsen ausgestattet. Der Mikrofoneingang ist selbstredend symmetriert und verfügt über eine Eingangsimpedanz von 1,3 Kiloohm. Der unsymmetrische Hi-Z-Instrumenteneingang besitzt hingegen eine Impedanz von einem Megaohm. Um den Preamp als Edel-DI-Box für E-Bässe, Gitarren oder Keyboards nutzen zu können, verfügt er über zwei symmetrische Ausgänge (XLR-Buchsen). Parallel dazu sind aber auch zwei weitere unsymmetrische Ausgänge als 6,35-Millimeter-Klinkenbuchsen auf der Rückseite verbaut. Digitale Schnittstellen oder Ähnliches sucht man beim rein analogen Preamp indes vergebens.
Als Zusatzfunktionen stehen pro Kanal Phantomspannung, Phasenumkehrung, ein PAD (-20 dB) sowie ein Trittschallfilter mit einer Einsatzfrequenz von 80 Hertz zur Verfügung. Die Features sind dabei durch fingerspitzengroße, durchsichtige Plexiglas-Taster aktivierbar. Sie erglimmen jeweils blau, sobald eine Funktion angeschaltet ist. Zur Kontrolle der Eingangspegel dienen zwei beleuchtete VU-Meter, die allerdings nur gut zu lesen sind, wenn sich der Blue Tube DP V2 auf Augenhöhe befindet oder schräg aufgestellt ist. Steht er auf einer Tischplatte, bleibt einem das Herunterbeugen beim Einpegeln nicht erspart. Da hilft auch das neue, moderne Frontplatten-Design nicht, welches jetzt zwar abgerundete Kanten hat und aus blau eloxiertem Aluminium besteht, aber die Lesbarkeit nicht verbessert. Umso erfreulicher sind die beiden Cip-LEDs, die zusätzlich vor versehentlichem Übersteuern der Eingänge warnen und aus allen Blickwinkeln gut zu erkennen sind.
An weiteren Bedienelementen finden sich in jedem Kanal zwei Regler: Das fein gerastete Poti für die Eingangsverstärkung (Gainrange siehe Tabelle) macht einen sehr griffigen und hochwertigen Eindruck. Allerdings meldet uns das Professional audio-Messlabor: „Zu grobe Unterteilung.“ Mit Schritten größer vier Dezibel ist eine präzise Feinjustierung nur im Ansatz zu bewerkstelligen. Ansonsten verleihen die Gain-Regler aber ein sicheres Gefühl beim Aussteuern und mit etwas Gewöhnung gelingen optimale Aufnahmepegel.
Der stufenlos verstellbare Tube-Drive-Regler besitzt übrigens eine Besonderheit. Dreht man das Bedienelement komplett gegen den Uhrzeigersinn, wird zunächst ein Widerstand erreicht. Durch Überwinden des Widerstands verabschiedet sich der Röhrenschaltkreis mit einem sanften Klicken aus dem Signalweg. Der Preamp arbeitet jetzt im reinen Solid-State-Betrieb. Im Uhrzeigersinn hingegen lässt sich der Anteil an harmonischen und unharmonischen Verzerrungen (siehe FFT-Spektrum) zwischen 0 und 100 Prozent einstellen. Dabei ist zu bemerken, dass die Potiwelle sehr angenehm und etwas zäh läuft und daher präzise Einstellungen komfortabel möglich sind. Identische Drive-Einstellungen für den rechten und linken Kanal bei Stereo-Anwendungen sind allerdings nur schwer zu erreichen.
Die Messwerte des Blue Tube DP V2 sind ausgezeichnet. Mit einer Eingangsempfindlichkeit von -63,9 Dezibel stehen selbst für leise Schallquellen in Verbindung mit dynamischen Mikrofonen genügend Verstärkungsreserven für optimale Aufnahmepegel zur Verfügung. Sie sind sogar üppiger als die mancher Spitzenklassen-Preamps wie dem F335 von Lake People (-61 dBu; Test in Heft 8/2006). An Spitzenwerte von Bändchenmikrofon-Spezialisten wie dem m201 von Grace Design (Test in Heft 6/2008) mit einer Eingangsempfindlichkeit von -70,3 dBu reicht der Presonus hingegen nicht heran.

Der kostet aber auch mehr als das Zehnfache. Auch Geräusch- und Fremdspannungsabstand können sich mit 81,0 und 78,7 Dezibel sehen lassen. Der Noisefloor liegt weitestgehend unterhalb sehr guter -100 Dezibel. Nennenswerte Einstreuungen sind nicht auszumachen. Der Frequenzgang weist weit über den hörbaren Bereich einen weitestgehend linearen Verlauf auf, was auf gutes Impulsverhalten und Schnelligkeit des Preamps schließen lässt. Die THD+N-Werte liegen bei 0,018 Prozent, was ein mehr als ordentliches Ergebnis ist. Wenn man auf hohem Niveau klagen möchte, sind die Übersprechwerte mit bis zu -65 Dezibel nicht atemberaubend und die Gleichtaktunterdrückung (maximal -50 Dezibel bei 20 Hertz) könnte besser sein. Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf. Der Blue Tube DP V2 kostet 270 Euro und dafür sind seine Messwerte unterm Strich exzellent.
Für den Praxis- und Hörtest nehme ich Sprache, Gesang und eine Steelstring-Gitarre auf, lasse es mir aber auch nicht nehmen, ein E-Piano mit unterschiedlichen Sounds durch den Blue Tube DP V2 zu schicken und eine E-Gitarre anzuschließen. Beim Einpegeln fällt mir auf, dass ich relativ wenig auf die VU-Meter achte. Sicherlich helfen sie festzustellen, ob ein Signal anliegt und die ungefähre Eingangsverstärkung lässt sich auch einstellen. Doch zumeist verlasse ich mich auf meine Ohren und die Clip-Anzeigen. Insgesamt können sich die Ergebnisse im Hörtest hören lassen. Gesang und Sprache kommen fein aufgelöst und überzeugen durch transparente Präzision. Dabei kommt die Stimme sehr direkt und angenehm präsent, indem Timbre und Gesangsdetails wie das Atmen oder leichtes Schmatzen authentisch und intim abgebildet werden.
Bei der Aufnahme der Steelstring-Gitarre bleiben für meinen Geschmack kaum Wünsche offen. Mit Sicherheit gibt es noch offener klingende Preamps, die auch noch eine Schippe mehr Plastizität ins Spiel bringen, aber für den Moment bin ich restlos zufrieden. Die Anschlaggeräusche kommen sehr knackig und die Transienten werden blitzschnell sowie sehr akkurat abgebildet. Dabei klingt der Preamp sehr natürlich und ausgewogen. Wenn das Plektrum die Saiten streift, entsteht ein angenehm perlender und unauffällig veredelter Sound. Für meinen Geschmack müssen Gitarrenaufnahmen so klingen.
Natürlich probiere ich auch den Tube-Drive aus, der mir allerdings bei den Gitarrenaufnahmen etwas zu viel des Guten ist. An dieser Stelle brauche ich aber auch keine weitere Klangverbesserung. Bei den Gesangsaufnahmen macht sich eine Prise Röhrensättigung allerdings recht gut. Die Stimme wirkt etwas kräftiger, energetischer und bekommt etwas mehr Strahlkraft.
Der Rhodes-Sound des E-Pianos klingt durch den Preamp sehr ansprechend. Mit dem Drive-Regler bekomme ich überdies den nötigen Biss hin, der sich beispielsweise bei Passagen á la Superstition von Steve Wonder sehr gut macht. Je nach Sound lässt sich also etwas „Dreck“ hinzufügen, der in Maßen ein Signal durchaus beleben kann.
Das gilt auch für die E-Gitarren-Aufnahmen. Clean klingt der Preamp sehr transparent und knackig, was als Grundlage für Emulations-Plug-ins bestes Ausgangsmaterial liefert. Ich bediene mich dafür der Power-Amp und Miking-Simulation des Torpedo PI-101 (Test in Heft 4/2012), um die Gitarren-Preamp-Qualitäten auszuloten. Bei cleanen Sounds kann der Blue Tube DP V2 punkten und mit der Drive-Schaltung lässt sich das Signal leicht anzerren, um smooth klingende Crunch-Sounds zu bekommen. Bei voll aufgedrehtem Drive-Regler ist der Sound hingegen sehr harsch und nicht wirklich als Zerr-Alternative zu empfehlen.

Fazit

Für rund 270 Euro liefert Presonus einen transparent klingenden und sehr präzise abbildenden Zweikanal-Preamp mit Röhren-Drive, der nicht zuletzt mit überzeugenden Messwerten und guter Verarbeitung punkten kann und ob seines exzellenten Preis-Leistungs-Verhältnisses viele Einsteiger und Semi-Profis überzeugen wird.

Erschienen in Ausgabe 02/2013

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 269 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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