Konversations-Lexicon

Lexicon hat seine erfolgreiche MX-Reihe erweitert: Der neue MX 300 soll klanglich auch Anspruchsvolle überzeugen und belastet das Budget nicht mal nennenswert.

Von Harald Wittig

Der Anfang 2007 vorgestellte MX 300 rangiert innerhalb der inzwischen vier Modelle umfassenden MX-Reihe im Mittelfeld. Er ist eng verwandt mit dem im vergangenen Jahr vorgestellten MX 400 (Test in Ausgabe 13/2006). Der Hauptunterschied zwischen den beiden Geräten: Der MX 400 hat vier Effekt-Prozessoren, die seinem Besitzer den Luxus echten Vier-Kanal-Surround-Halls bescheren, der MX 300 kommt mit zweien aus. Dafür ist der MX 300 deutlich günstiger zu haben: Mit seinem Verkaufspreis von etwa 520 Euro kostet er immerhin gut 350 Euro weniger und ist damit für alle, die auf vierkanaligen Surround-Hall verzichten können, eine sehr interessante, weil kostengünstige Alternative. Grund: Der MX 300 ist mit 16 Hall-Algorithmen ausgestattet, die exakt denen des MX 400 entsprechen – es fehlt lediglich der Surround-Hall-Algortihmus -, hinzu kommen die sieben Delay-, die acht Modulations- sowie die beiden Dynamik-Effekte des MX 400. Insoweit ist der MX 300 in klanglicher Hinsicht schon mal bestens präpariert, immerhin verdiente sich der MX 400 beim Test für den Klang das Prädikat „sehr gut bis überragend“. Selbstverständlich kann der MX 300 wie seine Geschwister MX 200, MX 400 und der ebenfalls neue MX 500 (Test in einer der kommenden Ausgaben) über die mitgelieferte MX-Edit Software auch vom Rechner aus gesteuert werden. Der Datenaustausch erfolgt wahlweise über MIDI oder die eingebaute USB-Schnittstelle (via Firewire beim MX 500). Der Clou dabei: Die Software arbeitet sowohl stand-alone – praktisch beispielsweise im Live-Einsatz – als auch in Form eines VST-/AU-Plug-ins, so dass der MX 300 gewissermaßen wie ein Hardware-Plug-in in Sequenzer-Programme integrier- und von dort aus steuerbar ist.

Der Lexicon offeriert für seine jeweils zwei analogen Ein- und Ausgänge sowohl XLR- als auch Klinken-Buchsen, womit er recht vielseitig einsetzbar ist. Für den Studio-Einsatz empfiehlt sich die Verbindung über die XLR-Buchsen. Wer den MX 300 beispielsweise als externes Hallgerät in den Effektweg seines Instrumentenverstärkers oder über die Aux-Wege in einen Mixer einschleifen möchte, entscheidet sich in der Regel für den Klinkenanschluss. Auch eine direkte Verbindung zur digitalen Welt ist  in Form einer S/PDIF-Schnittstelle vorhanden.

Dafür gibt es ein Pärchen Cinch/RCA-Anschlüsse, wobei sich der MX 300 – wie schon der größere Bruder MX 400 – auf die beiden Abtastraten 44, 1 und 48 Kilohertz bei einer Wortbreite von 24 Bit beschränkt. Wer sich noch die Unterstützung von 96 Kilohertz wünscht, sollte aber bedenken, dass die klanglich überzeugende Verhallung eines 96 Kilohertz-Signals mit sehr hohem technischem Aufwand verbunden ist. Der müsste locker mit einigen tausend Euro bezahlt werden und nicht nur Lexicon, auch namhafte Mitwerber wie Quantec oder T. C. Electronic verzichten selbst bei ihren Oberklasse-Geräten auf die 96 Kilohertz-Option (siehe auch Hallschwerpunkt in Ausgabe 9/2007). Bei Lexicon sind die 96 Kilohertz bislang dem hauseigenen Flagschiff, dem 960L in seinen verschiedenen Modellvarianten vorbehalten.

Als zünftiger Hardware-Effekt-Prozessor bietet der MX 300 hinreichend Editierungsmöglichkeiten, die dank des übersichtlichen Aufbaus, des gut ablesbaren LCD-Displays und der benutzerfreundlichen Menüführung niemanden ratlos lassen. Der griffige Page/Select-Knopf – ein Endlos-Drehregler mit Rastung und Tasterfunktion – ist dabei für das Aufrufen und die Anwahl der Menüs zuständig, mit den drei kleineren Reglern direkt rechts daneben lassen sich pro Menüseite entsprechend drei Parameter verändern. Wer sich im Menü-Dschungel verläuft, findet über die Exit-Taste auf die vorherige Menü-Ebene zurück. Auch wenn man sich einmal total verrannt hat, gibt es keinen Grund zur Panik: Solange die eigenen Ein- oder Verstellungen noch nicht über die Store-Taste abgespeichert sind, genügt es, den MX 300 abzuschalten, beim Neustart steht dem Benutzer wieder die vorherige Konfiguration zur Verfügung. Im Übrigen fungiert die Store-Taste auch als Panikknopf, die den MX 300 notfalls wieder auf die Original-Werkseinstellung zurücksetzt. Die Bedienelemente selbst sind von hoher Qualität und machen einen sehr zuverlässigen, soliden und langzeitstabilen Eindruck.

Neben den anlogen und digitalen Anschlüssen finden sich auf der Rückseite zwei MIDI-Buchsen (In und Thru), der USB-Anschluss und eine Anschlussbuchse für den optionalen Fußschalter. Mit diesem können sich beispielsweise Instrumentalisten auf der Bühnebequem durch die Programme steppen, entweder den ersten oder den zweiten Effektprozessor auf Bypass stellen und vor allem auch die Verzögerungsdauer eines Delay-Effekts in Anhängigkeit zum Grundtakt der Musik mit dem Fuß eintippen. Im Studio ist der Fußschalter sicherlich verzichtbar, zumal der MX 300 eine eingebaute Tap-Taste hat.

Der der MX 300 beherrscht fünf verschiedene Konfigurationen beziehungsweise Signal-Routing-Optionen. Beim Stereo-Routing ist nur ein Effekt ladbar und diese Option empfiehlt sich immer dann, wenn ein Effekt, namentlich Hall, in höchster Qualität verlangt ist. Bei den verbleibenden vier Routing-Optionen lassen sich zwei simultan arbeitende Effekte unterschiedlich verknüpfen: In der Dual-Mono-Option werden das linke und das rechte Eingangssignal voneinander getrennt durch zwei unterschiedliche Effekte an ihre entsprechenden Ausgänge geleitet. Damit lässt sich der linke Kanal beispielsweise mit einem Tremolo- oder Band-Echo-Effekt versehen, der rechte Kanal kann stattdessen mit Hall angereichert werden. Wer beispielsweise via DI-Splitbox zwei Mono-Gitarren- oder Bass-Spuren eingespielt hat, kann auf diese Weise mit dem MX 300 beide Spuren unabhängig bearbeiten, ohne dass es zweier Hardware-Geräte bedarf. Bei „Cascade“ durchlaufen rechter und linker Kanal gemeinsam nacheinander beide Prozessoren, die Effektblöcke sind also seriell verschaltet, das Ergebnis gibt der MX 300 dann als Stereosignal aus. Bei „Dual Stereo“ hingegen durchlaufen linker und rechter Kanal voneinander unabhängig beide, jetzt also parallel geschaltete Effektblöcke. Die beiden Ausgangssignale mischt das Gerät danach zusammen und gibt das Ergebnis als ein Stereosignal aus. Ähnlich arbeitet „Mono-Split“, allerdings durchlaufen hier beide Kanäle separat jeweils einen Effekt, die Ausgangssignale werden dann wieder zusammengemischt und an beide Ausgänge als Stereo-Signal geleitet.

Der MX 300 gehört zu den Geräten, die sich weitgehend intuitiv bedienen lassen. Im Praxistest muss sich der MX 300 sowohl als reines Hardware-Gerät als auch als externer Send-Effekt in einem Cubase-Projekt bewähren.
Im ersten Fall wird der MX 300 zunächst über den Effektweg in einen Fender Concert Amp eingeschleift. Der MX 300 hat einen Hall-Algorithmus namens „Spring“, der einen klassischen Federhall simuliert. Der bietet sich hervorragend für einen allerersten Vergleich an, immerhin gilt der Fender-Federhall nach wie vor als Referenz. Tatsächlich klingt Spring verblüffend nach Hall-Spirale, ist dabei allerdings ein wenig schärfer und nicht ganz so warm wie der Hall des Fender-Amps. Dennoch hat dieser Algorithmus was: Ist das Signal tüchtig durchnässt, der Hallanteil also sehr hoch, klingt ´s schon nach Dick Dale und es darf im Stil von „Misirlou“ abgesurft werden. Wer das Ganze auf die Spitze treiben möchte, kann den Parameter „Boing“ aufdrehen – dann scheppert ´s ordentlich. Auch der Rotary/Leslie-Effekt klingt mit seinem charakteristischen „Wuuusch“ ziemlich gut, für eine fast dreidimensionale Wirkung lässt sich die Basisbreite des Stereobildes auf Wunsch verbreitern. Hendrix-Balladen wie „Little Wing“ oder „Angel“ bekommen damit verblüffend nahe an das Flair des Originals heran. Dagegen wirkt der Tremolo-Effekt etwas zu steril und sauber. Hier klingen die Tremolo-Effekte in Gitarrenverstärkern immer noch besser, der Lexicon-Simulation fehlt es ein wenig an Schmutz. Dafür gefallen Flanger, Phaser und vor allem der Chorus: Letzterer unterstützt die Erzeugung von Cleansounds à la McLaughlin oder Mike Stern kompetent.

Als externer Send-Effekt in einem Cubase-Projekt eingesetzt, glänzt der MX 300 wie schon der MX 400 mit seiner hochklassigen Nebengeräusch- und Rauschresistenz, darüber hinaus beweist auch er einmal mehr, dass Hall die Lexicon-Domäne schlechthin ist. Gerade die großen Räume sind schlichtweg beeindruckend. Obschon sie sich durch eine gewisse unterschwellige Präsenz auszeichnen, ist der Grundklang nie enervierend spitz, sondern in der Grundtendenz immer voll und erhaben. Interessanterweise klingen die Hall-Algorithmen des MX 300 durch die Bank besser als die des Lexicon Hall-Plug-ins Pantheon. Das Plug-in wirkt im direkten Vergleich hörbar künstlicher, unnatürlicher und – auch wenn es hart klingt – billiger. Lediglich der Altiverb 6 kann dem MX 300 Paroli bieten: An die exzellenten Samples „Teldex-Studios“ oder „Filmorchester Berlin“ der niederländischen Faltungshall-Referenz scheint auch das Lexicon-Gerät nicht heranzureichen. Wobei die Redaktion hier uneins ist: Immerhin zwei Redakteure bevorzugen im Blind-Test ganz klar den MX-300, was im Ergebnis ein gerechtes Unentschieden bedeutet.

Die Steuerung des MX-300 innerhalb des Sequenzer-Programms über die MX Edit-Software ist das reine Vergnügen, zumal Lexicon den Benutzer inzwischen im Handbuch darauf hinweist, den MIDI-Port des MX 300 in Cubase zu deaktivieren. Wer sich langsam mit dem Gerät vertraut machen möchte, kann sich getrost erstmal durch die Werkspresets klicken. Diese sind nämlich insgesamt sehr gelungen und teilweise sofort einsetzbar. Natürlich ragen auch hier einmal mehr die großen Hallräume hervor. Vor allem „Orchestral“ verspricht nicht zu viel und lässt einen angenehm rund und groß klingenden Konzertsaal vor dem inneren Auge erstehen. Doch auch Effektkombinationen mit bezeichneten Namen wie „Retroverb“, „60s Delay“ oder „Tape Chorus“ sind gut gelungen und werden auch Vintage-Fans, die auf entsprechendes Analog-Equipment verzichten müssen, befriedigen können. Sicher, das Bessere ist des Guten schlimmster Feind und bekanntermaßen hat auch Lexicon noch einige heiße, allerdings auch deutlich teurere Eisen im Feuer. Nur: Soviel sehr guten Klang wie Lexicon mit dem MX 300 bieten nicht viele Hersteller für ´s Geld.

Fazit

Der MX 300 bietet sehr gut klingende Effekte, mit herausragenden Hall-Algorithmen in Lexicon-Qualität. Mit seiner USB-Schnittstelle lässt er sich über die kinderleicht zu bedienende Editierungs-Software bequem vom Rechner aus fernsteuern, die Möglichkeit, das Gerät als Hardware-Plug-in ins Sequenzer-Programm zu integrieren, ist einfach klasse. Preisbewusste Musiker und DAW-User bekommen mit dem MX 300 richtig viel für ihr Geld.

Erschienen in Ausgabe 08/2007

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 518 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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