Desktop-Spezialist

Winzlautsprecher für Multimedia-Schnittplätze sind derzeit schwer angesagt.
Auch ME Geithain hat seit kurzem mit dem MO-1 einen Desktop-Spezialisten
im Angebot.

Von Harald Wittig

Die Attraktion am ME-Geithain-Stand auf der Tonmeistertagung in Leipzig im vergangenen November war das neue Flaggschiff der sächsischen Lautsprecher-Manufaktur, der RL800K, ein üppig dimensionierter und kompromisslos auf Höchstleistung optimierter Vier-Wege-Lautsprecher. Für die Kleinigkeit von 38.000 Euro erhalte der Kunde, laut Chefdenker Joachim Kiesler, einen Hauptregielautsprecher, der hinsichtlich Klarheit und Wiedergabetreue das Beste vom Besten darstellt – auch im direkten Vergleich zu den eigenen Referenz-Monitoren. Letztere finden sich in nahezu allen deutschen Rundfunkanstalten und in den Studios renommierter Hochschulen wie der HFF in Potsdam, der Musikhochschule Detmold oder der HdM in Stuttgart. Auch wenn uns der RL800K zumindest neugierig machte – die wenig optimalen Anhörbedingungen in Leipzig wurden dem neuen Vorzeigemodell nur bedingt gerecht – war es ausgerechnet der kleine MO-1, der ganz spontan unser Tester-Interesse weckte.

Denn wie zuletzt auch Genelec mit ihrem 6010A (Test in Ausgabe 12/2008), scheinen immer mehr Hersteller von Studio-Monitoren spezielle Desktop-Modelle zu entwickeln. In Anbetracht der durchweg positiven Testerfahrungen mit Geithain-Lautsprechern – immerhin fand der Nahfeldmonitor MO-2 Aufnahme in die Editors Choice von Professional audio Magazin – wollen wir doch ganz genau wissen, wie die sächsischen Lautsprecher-Spezialisten das Thema „Desktop-Monitor“ interpretieren. Da ist er nun, der MO-1, ein schnuckeliger Lautsprecher-Quader in geschlossener Bauweise, der auf den meisten Arbeitstischen Platz finden wird. Preislich übertrifft er schon mal den einen oder anderen Mitbewerber, namentlich den Genelec 6010A:    Mit seinem empfohlenen Verkaufspreis von  rund 570 Euro – wohlgemerkt für -einen MO-1 –  ist der kleine Geithainer sicherlich kein Angebot für Schnäppchenpreis-Jäger. Die kneifen schnell Mund und Geldbeutel zusammen und sehen sich anderswo um. Wer  andererseits schon immer von einem echten Geithain träumte, wird ganz im Gegenteil hellhörig ob des „günstigen Angebots“. Damit aber keine Missverständnisse und etwaige Fehlerwartungen aufkommen, erläutert dieser Artikel so präzise wie möglich die Stärken, Schwächen und den Einsatzzweck des MO-1, die sich nämlich unmittelbar aus seiner Grundkonzeption ergeben.
Der MO-1 wurde nach Aussage von Joachim Kiesler im Auftrag des Bayerischen Rundfunks als möglichst präzise Kontrollinstanz für rechnerbasierte Schnittplätze entwickelt. Es handelt sich also nicht – auch wenn dies aus der Bezeichnung „Studio-Regielautsprecher“ im Handbuch hervorgeht – um einen Regielautsprecher wie die bekannte RL-Serie oder auch den MO-2. Der MO-1 soll vor allem beim Aufspüren von Störgeräuschen und grundlegenden Überprüfung der Verteilung von Schallereignissen in der Ton- oder Musikmischung behilflich sein. Gleichzeitig soll er Mediengestaltern und Toningenieuren ein konzentriertes, stressfreies Arbeiten auch über viele Stunden ermöglichen. Denn wie drückt es der Geithain-Chef aus: „Bisher haben die mit den üblichen Computer-Quäken gehört und sind am Ende eines langen Arbeitstags mit derben Kopfschmerzen nach Hause gegangen.“ Darüber hinaus eigne sich der Neue auch für kleine Ü-Wagen und als Surround-Lautsprecher für kleinvolumige Räume.
Aus gutem Grund, denn der MO-1, genauer  das Abstrahlverhalten seiner beiden Lautsprecherchassis, ist auf geringste Abhörentfernungen ausgelegt. Soll heißen: Eine Abhörentfernung von  30 Zentimetern, höchstenfalls 50 ist optimal.  Es ist daher nicht empfehlenswert, denn MO-1 auf die Meterbridge des Mischpultes, auf Höhe der Nahfeldmonitore zu stellen. Tatsächlich klingt der kleine Sachse nur in diesem extremen Nahbereich, was unsere Erstversuche im Studio von Professional audio Magazin belegen: 1,5 Meter entfernt zum Hörplatz vermissen wir die sprichwörtliche Geithain-Räumlichkeit ebenso wie die tonale Ausgewogenheit. So falsch aufgestellt, klingt der MO-1 wie ein billiger Lautsprecher und verkauft sich ganz klar unter Wert. Was er hingegen am passenden Ort wirklich zu leisten vermag, beschreiben wir im Hörtest.
Zuvor befassen wir uns näher mit der Konstruktion und den technischen Daten des MO-1. Er ist ein in geschlossener Bauweise ausgeführt Zwei-Wege-Lautsprecher mit einer Endstufe, die eine Leistung von 25 Watt für den Tiefton- und 15 Watt für den Hochtonkanal bereitstellt. Die komplette Verstärkerelektronik ist in Geithain entwickelt und gefertigt. Die Sachsen lassen sich lediglich die Schwingspulen im Ausland fertigen, dabei handelt es sich aber an das einzige Zugeständnis aus Kostengründen. Insofern relativiert sich bereits jetzt der scheinbar  hohe Preis des MO-1: Inländische Fertigung vom Lautsprechergehäuse, über die Elektronik bis hin zu dem Herzstück eines jeden Lautsprechers, den Chassis, hat nun mal ihren hohen Preis.

Apropos Chassis: Als Mitglied der Geithain-Monitorfamilie hat auch der MO-1 eine koaxiale Anordnung von Tief-Mittel- und Hochtöner. Im  Gegensatz zum MO-2 und dem RL 906 (Test in Ausgabe 5/2007) aber keine asymmetrische Chassis-Anordnung. Letztere soll den Kammfilter-Effekt minimieren, was im Falle des MO-1, der wie gesagt sehr nah an den Abhörplatz positioniert ist, nicht erforderlich ist. Bei der Aufstellung auf einem Rechner-Arbeitstisch ist  allerdings tunlichst darauf zu achten, dass die  Lautsprecher-Chassis einen Abstand von etwa 15 Zentimeter zur Tischplatte einhalten: „Wir haben den MO-1 auf diese Aufstell-Höhe berechnet, denn so sind verfälschende Reflexionen von der Tischplatte weitgehend ausgeschlossen“, erklärt Joachim Kiesler. Ein entsprechender Tischständer für optimale Aufstellung ist zwar lieferbar, sollte aber im Lieferumfang serienmäßig enthalten sein.
Der  MO-1 ist sehr sauber verarbeitet – innen wie außen (siehe auch die Fotos auf Seite 60). Das MDF-Gehäuse mit seinem schwarzen Esche-Furnier – auf Wunsch sind auch andere Funierarten, zum Beispiel helle Buche, ohne Aufpreis möglich – wirkt angesichts der durchgestylten Mitbewerber angenehm unzeitgemäß und vermittelt in gewisser Weise einen Eindruck von guter deutscher Wertarbeit. Anschlussseitig gibt es nur eine XLR-Buchse, Zugeständnisse an den Consumer-Markt, wie bei vielen, auch höherpreisigen Lautsprechern  in Form von Cinch-/RCA-Buchsen gibt es auch im Falle des MO-1 nicht. Zumindest ein echtes Audio-Interface oder ein Kompaktmischpult sollte am Schnittplatz also schon vorhanden sein, um die nötigen Verbindungsstrippen ziehen zu können.
Neben dem gut bedienbaren, stufenlosen Pegelsteller findet sich noch ein zweiter Regler auf der Frontseite: Mit „Bass“ beschriftet, dient dieser der Tieftonabsenkung, wobei er allerdings nicht etwa den Basspegel einfach herabsetzt. Vielmehr handelt es sich um ein sogenanntes Fächer-Filter, mit dem ein behutsamer Umgang erforderlich ist. Der Regler sollte weder auf Rechtsanschlag, noch im Gegenteil hart links eingestellt sein. Im ersten Fall ist die Andickung unten rum kaum erträglich, im zweiten Fall sind die Bässe komplett abgeschnitten. Die goldene Mitte ist nach unseren Erfahrungen, die beste Einstellung – dann stimmt es mit der Wiedergabe.
Apropos Bässe: Echte Tiefbässe kann ein solcher Winzling nicht liefern, dergleichen behauptet der Hersteller auch gar nicht. Im Gegenteil: Laut Bedienungsanleitung reiche der MO-1 trotz seiner geringen Größe von Gehäuse und Tief-Mittelton-Chassis bis auf 100 Hertz hinab. Der vom Professional audio Magazin-Messlabor ermittelte Frequenzgang bestätigt dies: Deutlich erkennbar erfolgt ab 100 Hertz ein Abfall, ansonsten verläuft die Messkurve ebenmäßig-linear.

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Wie bereits erwähnt, fühlt sich der MO-1 erst auf einem Desktop richtig wohl, folgerichtig steht er eben da – auf dem Schreibtisch des Testers. Wenn er auch in einer anderen Leistungsklasse spielt als der MO-2 oder der RL 906, so ist ihm seine Herkunft anzuhören. Bei der Kontrolle von Roh-Mischungen leistet er – soweit es nicht um die Beurteilung von Bässen geht – gute Dienste: Seine Raumdarstellung ist geprägt von einer starken, genau fokussierten Phantommitte und erstaunlich tief. Die Wirkung und Ausdehnung von verschiedenen, virtuellen  Hallräumen, entweder vom Altiverb oder vom Perfect Space aus Sonar 8, ist gut nachvollziehbar, wenngleich im Vergleich zu ausgewachsenen Nahfeldmonitoren der Spitzenklasse etwas geschrumpft. Dank des hohen Auflösungsvermögens des MO-1 und seiner guten Trennschärfe bedarf es wenig Anstrengung beim Hören, um Verdeckungseffekte oder einfach nur schlampig gespielte Passagen herauszufinden. So belehrt der MO-1 gnadenlos über einige ungewollte Nebengeräusche bei einem High-Gain-Gitarrensolo, die weniger gute Lautsprecher wohlwollend verschlucken. Auch die Wirkung des Sonar-Plug-ins Tube Leveler, das bei einem unserer Projekte dem virtuellen Cello etwas röhrige -Lebendigkeit hinzufügen soll, ist sehr gut nachhörbar. Zusammen mit dem -exzellenten Kopfhörer AKG K 702 (Kompakttest in dieser Ausgabe, Seite 76) ergibt sich ein gutes Team zu Kontrollzwecken – zumindest im gesetzten Rahmen.
Der MO-1 ist zudem ein echter Leisetreter: Steht der Pegelsteller genau mittig,  ist das Ruherauschen vernachlässigbar gering und feinste Details scheinen zum Greifen nahe. Im Vergleich zum Genelec 6010A, der tendenziell wegen einer leichten Präsenzanhebung analytischer tönt, ist der Geithain neutraler und hat keine Vorlieben für bestimmte Frequenzbereiche. Dagegen tritt er gegenüber dem – allerdings etwas größeren – A??14-M von PSI Audio (Test in einer der nächsten Ausgaben) aus der Schweiz doch einen Schritt zurück: Der Schweizer klingt einfach noch souveräner, zumal er auch etwas tiefer in den Bass hinabreicht. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass es sich beim A 14-M um einen Nahfeld-Monitor handelt, der außerdem gut 200 Euro teurer ist als der MO-1. Vergleichen wir stattdessen mit den Desktop-Kollegen wie dem Genelec oder auch dem Blue Sky Exo, dann ist Geithains Kleinster zwar der teuerste Schreibtisch-Lautsprecher, aber ganz klar der Beste, den wir bislang im Test hatten.

Fazit

Der kleine MO-1 von ME Geithain hält genau das, was der Hersteller verspricht: Er ist ein Desktop-Lautsprecher für Multimediaschnittplätze, der für Mediengestalter und Toningenieure eine zusätzliche Kontrollinstanz neben der Hauptabhöre darstellt und  stundenlanges, stressfreies Arbeiten ermöglicht.    

Erschienen in Ausgabe 02/2009

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 571 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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