Ei(gen)

Echte Hingucker sind die Nahfeld-Eier von sE Electronics allemal, aber auch für die tonmeisterlichen Ohren haben sie einiges zu bieten, immerhin wurde The Egg von dem  renommierten Akustiker Andy Munro entwickelt.   

Von Harald Wittig

Der chinesische Mikrofon-Hersteller sE Electronics hat sich dank seiner insgesamt überzeugenden Produkte in den letzten Jahren einen guten Ruf in der Pro Audio-Szene erarbeitet. Dabei sorgte sE Electronics nicht zuletzt durch die Mikrofone R-1 Ribbon und dem modularen Stereo-Set RN17 für einigen Gesprächsstoff, immerhin entstanden die Mikrofone (siehe die Tests in den Ausgaben 2/2007 und 6/2011) in Zusammenarbeit mit „Mister“ Rupert Neve, der die Elektronik beider Mikrofone mit selbstentwickelten Bauteilen, die zudem von Rupert Neve Designs gefertigt werden, versah und diesen damit einen besonderen klanglichen Fingerabdruck verliehen hat. Für das neuste Produkt aus dem Hause sE Electronics, das Monitoring-System The Egg 150 arbeiteten die Inhaber Siwei Zou und James Ishmaev-Young eng mit dem renommierten Akustiker und Lautsprecherentwickler Andy Munro zusammen. Im Unterschied zu den genannten Mikrofonen mit dem markanten Rupert Neve-Signet, ist Munros Beitrag für das zumindest optisch höchst (ei)genwillige Monitoring-System wesentlich größer: Die Entwicklung der eiförmigen Lautsprecher geht voll auf das Konto von Andy Munro, gemeinsam mit Zou und Ishmaey-Young entwickelte der Akustik-Experte die Controller-Einheit. The Egg ist ein in sich geschossenes Aktiv-System, das aus den beiden eiförmigen Lautsprechern und dem Controller besteht.

In diesem ist die komplette Elektronik, angefangen bei der aktiven Frequenzweiche und den Endstufen, bis hin zu Korrekturfiltern untergebracht. Es ist folglich nicht möglich und letztlich auch nicht sinnvoll, den Controller separat zu erwerben. The Egg 150 Monitoring System gibt es nur im Gesamtpaket für rund 2.400 Euro. Ein nur vermeintlicher hoher Preis, denn der konstruktive Aufwand allein für die beiden Monitore ist vergleichsweise hoch. Beginnen wir direkt mit den Eiern: Diese außergewöhnliche Gehäuseform ist weder Marketing-Gag noch Selbstzweck, sondern dient einzig der Klangoptimierung. Jeder Lautsprecher-Hersteller weiß sehr genau, dass neben den Chassis selbst und der Elektronik das Gehäuse, genauer die Gehäuseform einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Wiedergabeverhalten einer Box hat. Die klassische Rechteckform eines Lautsprechergehäuses bedingt wegen der parallelen Wände (Gehäusewand)-Resonanzen sowie Luftschallresonanzen, die jeder Lautsprecher-Entwickler mit entsprechenden Maßnahmen, angefangen bei der Auswahl der Wandmaterialien, mittels Verstrebungen innerhalb des Gehäuses sowie mit dem Anbringen  von Dämpfungsmaterialien an den Wänden minimiert. Tatsächlich sind die meisten Boxen, auch wenn sie nach außen hin rechtwinklig erscheinen, im verborgenen Inneren asymmetrisch konstruiert. Das Design der Eggs geht allerdings noch weiter, denn aufgrund der Eiform stellt sich das Problem erst gar nicht. Anlässlich der Präsentation von The Egg in Anfang November dieses Jahres (siehe „Intern“ in der letzten Ausgabe) in Frankfurt hatten wir Gelegenheit mit dem überaus freundlichen Andy Munro zu sprechen: „Die Eiform ist nicht neu, bereits vor über 40 Jahren wurde damit experimentiert. Ich habe die Forschungsunterlagen studiert und kam ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass diese Form für ein optimales Wiedergabeverhalten, also ein möglichst neutrales Klangbild die beste Lösung ist.“ Auch wenn alternative Gehäuseformen theoretisch möglich gewesen wären, entschieden sich die Entwickler letztendlich für das Ei in naturanalogen Proportionen. Das Gehäuse ist in einer speziellen Ganzschalen-Bauweise aus extrem starrem und resonanz-neutralem Kunststoff gefertigt, was weitaus aufwändiger und kostenintensiver ist als die übliche Quaderbauweise. Folglich kann The Egg nicht sehr viel kostengünstiger angeboten werden, vermutlich würde eine Fertigung in Europa den Preis noch weiter in die Höhe treiben. Ein weiterer Vorteil der Eiform: Schallbeugungs-Erscheinungen und  die daraus resultierenden Klangverfälschungen, ein typisches Problem rechteckiger Gehäuse, sind so weitgehend minimiert, dass sie praktisch nicht mehr existent sind. Bei den Chassis vertraut der Hersteller auf einen Tief-Mitteltöner mit verwindungssteifer Polypropylen-Membran, die im Durchmesser 165 Millimeter misst. Die Membrangröße wurde bewusst gewählt, denn, so Andy Munro, seien Probleme bei der Basswiedergabe, die sich durch eine viel größere Membran ergeben hätten, von vorneherein ausgeschlossen. Der Hochtöner hat eine Seidenkalotte, was im Falle des The Egg-Schöpfers nicht von ungefähr kommt: Immerhin war Andy Munro lange zwölf Jahre Entwickler von Abhörmonitoren bei der dänischen Lautsprechermanufaktur Dynaudio. 

Der Kenner weiß, dass Dynaudio seit jeher auf Seidenhochtöner setzt, die weltweit hohes Ansehen genießen. Die Integration der Chassis in die ersten Gehäuse-Prototypen erforderte präzise Feinarbeit: Zunächst musste das Gehäusefront abgeflacht werden, wobei die Entwickler darauf zu achten hatten, dass die akustischen Vorteile nicht sabotiert wurden. „Wir mussten mit höchster Präzision arbeiten, um den optimalen Wert zu finden. Das erforderte ständige Kontrollen. Es dauerte wirklich eine Weile, bis wir mit den Messergebnissen zufrieden waren. Schließlich haben wir das System abgestimmt, wobei unsere Vorgabe ganz klar war: Als Monitoring-System für Profis durften die Lautsprecher nicht verfärben, sondern mussten völlig neutral klingen.“ Wie bereits eingangs erwähnt, handelt es sich bei The Egg um ein aktives System. Allerdings ist die komplette Elektronik, einschließlich der aktiven Frequenzweichen mit einer Crossover-Frequenz bei 2,1 Kilohertz und der Endstufen in dem externen Controller untergebracht. Insgesamt vier Endstufen, also zwei für Tief- und Hochtonkanal pro Ei mit jeweils 50 Watt Leistung sorgen für Verstärkerpower. Dass es sich bei The Egg um ein geschlossenes System handelt ist zusätzlich erkennbar, dass die beiden Lautsprecher nicht willkürlich aufgestellt werden dürfen: Es gibt tatsächlich einen ausgewiesenen rechten beziehungsweise linken Monitor. Die Verbindung zum Controller erfolgt über Speakon-Kabel, die zum Lieferumfang gehören. Die Steuereinheit ist zusätzlich mit einem Kopfhörerverstärker ausgestattet, der passabel klingt, allerdings kaum mit Headphone-Amps der Spitzenklasse konkurrieren kann und will. Es handelt sich eher um eine Zusatzoption für gelegentliche Kontrollen mit dem Kopfhörer als akustische Lupe, die eigentliche Arbeit und das Abhören soll schließlich über die Monitore erfolgen. Der Controller verfügt über zwei Eingänge: Am Haupteingang mit seinen XLR-Buchsen ist der Ausgang des Mischpults, des A/D-Wandlers oder des Audio-Interfaces anzuschließen. An den zweiten Eingang, der über RCA/Cinch-Buchsen verfügt, lässt sich beispielsweise ein Zuspieler anschließen. Damit kann der Toningenieur während der Misch- oder Mastering-Arbeit eine Referenz-Mischung oder ein Referenz-Master zur Kontrolle abhören. Clever. Zur Feinanpassung an den Abhörraum finden sich auf der Rückseite des Controllers Trim-Potis für Tiefen und Höhen, wobei Andy Munro betont, dass The Egg nach einem akustisch optimierten Abhörraum verlangt: „Das ist ganz wichtig, denn der neutralste Monitor der Welt kann in einer unzureichenden akustischen Umgebung nie und nimmer sein Potential entfalten. Ich halte auch nichts von digitalen Einmesssystemen – jedenfalls sollte niemand alleine darauf setzen. Als Ergänzung zu einem schon optimierten Raum sind solche Systeme in Ordnung, den Akustiker können sie nicht ersetzen.“ Ein kleines Bonusfeature stellt der Mitten-Equalizer mit seinen drei Einstellungen „Hard“, „Soft“ und „Reference“ dar. „Hard“ hebt die Mitten an, die Wiedergabe erinnert dann an den Yamaha NS10-Klang, während „Soft“ einen HiFi-Sound mit Tendenz zum Schönen simuliert. Andy Munro: „Für den Großteil der Arbeit sollte der Mitten-Equalizer in „Reference“-Stellung, das ist die Flat-Einstellung, stehen. Nur so können Sie sicher gehen, dass die Lautsprecher absolut neutral klingen.

Wer aber den NS10-Klang gewohnt ist und damit mischt, kann diesen simulieren. Ich selbst bin zwar überzeugter Verfechter des unverfälschten Lautsprecherklanges, aber wir wollten den Anwendern diese Option nicht vorenthalten.“Nach all den vielversprechenden Ausführungen des Meisters wollen wir wissen, was The Egg tatsächlich leistet und hören über das das System stilistisch unterschiedliches Programm-Material von Klassik, über akustischen Jazz bis hin zu Pop und Rock. Selbstverständlich kommen auch unsere eigenen Projekte im Rahmen des Hörtests nicht zu kurz. Zunächst kann The Egg mit einer sehr guten Raumdarstellung punkten: Neben einer starken Phantommitte erlaubt dieses System die präzise Lokalisation von Schallereignissen und überzeugt in Breite und Tiefe. Gerade die Auslotung von Räumen, beispielsweise bei Klassik-Aufnahmen ist jedenfalls auf Spitzenniveau. Die Stereobasis ist sehr weit, wobei – auch das ist ein Merkmal guter Monitore – sich der Klang von den Lautsprechern löst und nicht an den Rundungen der Eier kleben bleibt. Das Impulsverhalten ist sehr gut, die Eier folgen sowohl heftigen Bassimpulsen als auch Transienten mühelos. Das System lässt sich nicht durch hohe Pegel aus der Ruhe bringen, der Headroom reicht für durchschnittliche Abhörlautstärken allemal aus. Klar, wer einen Marshall-Stack unbedingt in  Original-Lautstärke abhören muss, bringt das System an seine Grenzen. Dann dürfte aber auch das Gehör des Toningenieurs längst Schaden genommen haben. Das System ist in der Tat vorbildlich neutral abgestimmt, in „Reference“-Stellung des Mitten-EQs enthält es sich vorbildlich jeder Verfärbung zum Analytischen oder Schönen. Hinzu kommt ein sehr gutes Auflösungsvermögen, woran die anscheinend sehr guten Chassis einen großen Anteil haben. Während die Bässe tief, sauber und sehr präzise ertönen, gefällt das starke Mittenband und die feinen Höhen. Der Seidenhochtöner der Eier und seine Höhenwidergabe erinnern uns ein wenig an Dynaudio-Monitore: Die Auflösung und Trennschärfe ist sehr hoch, zu keiner Zeit klingen die Höhen harsch und unangenehm. Im Rahmen des Tests des genialen Polarflex Plug-ins von Schoeps (siehe den Test auf Seite 66 in dieser Ausgabe) vertrauen wir bei dem Kreieren eines Röhren-Großmembranklanges ganz auf das The Egg 150 Monitoring System. Mit seiner Hilfe ist es ein leichtes, Klangnuancen über das Gehör einzustellen, dabei gestaltet sich die Arbeit angenehm entspannt. Genau so muss das sein. Mithin hat Andy Munro nicht zu viel versprochen: The Egg ist ein professionelles Monitoring-System, ein  zuverlässiges Werkzeug und kompetenter Partner des Tonschaffenden bei der Arbeit.

Fazit

Munro The Egg 150 von sE Electronics erweist sich als professionelles, neutral abgestimmtes Monitoring-System, das auch hohen Ansprüchen genügt. Angesichts der aufwändigen Konstruktion der Lautsprecher und der gebotenen Klangqualität ist es sogar als kostengünstig einzustufen.

Erschienen in Ausgabe 01/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2350 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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