Aus Erfahrung gut

Wenngleich die Lautsprecher von EVE Audio Debütanten auf dem Monitor-Parkett sind, ist ihnen die lange Erfahrung der Entwickler anzuhören.

Von Harald Wittig 

EVE Audio ist ein neuer Lautsprecherhersteller aus Berlin und wurde erst im vergangenen Jahr von Unternehmensgründer und Inhaber Roland Stenz ins Leben gerufen. Roland Stenz ist aber alles andere als ein Greenhorn in Sachen Lautsprecherbau: Der studierte Elektrotechniker wurde nämlich 1999 gemeinsam mit Klaus Heinz Mitbegründer und Anteilseigner eines anderen, ebenfalls in Berlin ansässigen und längst in der Pro Audio-Szene etablierten Herstellers: ADAM Audio. Stenz blieb elf Jahre, bis zu seinem Ausscheiden 2010, Geschäftsführer von ADAM. Als umtriebiger Geist, der er ist, ruhte sich Roland Stenz aber keineswegs auf seinem Lorbeer aus, sondern nahm ein BWL-Studium auf und konzentrierte sich auf die Entwicklung einer neuen Serie von Studiomonitoren. Ergebnis des Entwicklungsprozesses sind die EVE Audio-Lautsprecher, die auf der diesjährigen Musikmesse erstmals den Augen und Ohren der Pro Audio-Szene präsentiert wurden. Die Produktpalette umfasst acht Monitore vom kompakten Zwei-Wege-System bis hin zum großen, mit vier Chassis bestückten Hauptmonitor sowie vier Subwoofer. Alle Modelle eint, dass es sich am Aktiv-Lautsprecher mit D(igital) S(ignal) P(rozessor)-basierter Elektronik handelt, die eine besonders präzise Lautstärkeregelung, Filterung, Phasenoptimierung und Lautsprechersymmetrie gewährleisten soll. Für einen ersten Test der Debütanten auf dem Monitor-Parkett hat uns der deutsche Vertrieb, die Synthax GmbH, die Modelle SC207, EVE Audios zweitgrößtes Zwei-Wege-System, und SC305, als solcher der kleinste Drei-Wege-Lautsprecher im Programm der Berliner, zur Verfügung gestellt. Preislich rangieren die beiden Lautsprecher mit 720 Euro (SC207) und 960 Euro (SC305) in der gehobenen Mittelklasse. In puncto Ausstattung und Bauteile spielen diese Lautsprecher, wie wir sogleich sehen werden, allerdings locker in der Oberklasse mit.

as augenfälligste besondere Kennzeichen aller EVE Audio-Lautsprecher sind deren Hochtöner, handelt es sich doch nicht um die gemeinhin üblichen Kalotten-Hochtöner sondern um sogenannte A(ir) M(otion) T(ransformer). Dieser, grundlegend von dem deutsch-amerikanischen Physiker Dr. Oskar Heil entwickelte, Schallwandler hat eine Ziehharmonika-ähnliche Membran, auf der sich Leiterbahnen aus Aluminium befinden. In einem Dauermagnetfeld öffnen und schließen sich die Membranfalten, wenn ein Wechselstrom die Leiterbahnen durchfließt. Wegen der sehr kleinen bewegten Massen zeichnet sich der AMT durch ein exzellentes Impulsverhalten und einen im Vergleich zu Kalotten-Hochtönern deutlich höheren Wirkungsgrad aus. Die Nachteile der ursprünglichen Heil-AMTs sind inzwischen dank verbesserter Materialien und technischer Innovationen wie sie nicht zuletzt ADAM mit der eigenen AMT-Weiterentwicklung, dem X-ART-Hochtöner, Gestalt werden ließ, überwunden.
In Anbetracht von Roland Stenz Vergangenheit ist es nicht verwunderlich, dass der EVE Audio-Chef vom AMT-Prinzip fest überzeugt ist: „Bei richtigem Einsatz sehe ich klare Vorzüge des AMT gegenüber Kalotten-Systemen wegen seiner Linearität, seines Impulsverhaltens und dieser gewissen Leichtigkeit in der Hochtonauflösung.“, wie Stenz auf unsere Nachfrage bekennt. Der EVE Audio-AMT zeige sich im Zuge einer Weiterentwicklung besonders beim Klirrverhalten verbessert. Dafür untersuchte Stenz das Verhalten verschiedener Membranmaterialien und Layouts für die Leiterbahnen auf der Trägerfolie, womit schlussendlich, so der Entwickler, die Parameter in Bezug auf ihr akustisches Verhalten weiter optimierbar waren. Um eine Serienkonstanz gewährleisten zu können, wurde die Membranaufhängung dergestalt geändert, dass die Faltengeometrie nunmehr eindeutig festgelegt sei.
Zum Schutz des AMT R(oland) S(tenz) 2 findet sich bei jedem EVE Audio-Monitor ein Metallgitter im Lieferumfang, das vom Magnetfeld des Hochtöners angezogen und gehalten wird. Es beeinträchtigt den Klang nicht, sollte aber unbedingt wie im Handbuch beschrieben angebracht sein. Das Bild auf Seite 33 zeigt die falsche Gitterposition – also Obacht.
Auch die Tief-Mittelton-Chassis der Testkandidaten verdienen eine nähere Betrachtung. Neben der gefälligen Silber-Schwarz-Optik, die Roland Stenz persönlich schätzt, sind die Chassis vor allem auch hinsichtlich ihrer Klang- und Wiedergabeeigenschaften optimiert. Das leichte, gleichzeitig sehr stabile Membranmaterial mit seiner charakteristischen Honigwaben-Struktur (siehe Foto Seite 34 links unten) ist mit einer beidseitigen Glasfaserbeschichtung versehen, was laut Roland Stenz ein sehr gutes Impulsverhalten bei der Bass-Wiedergabe garantiert und zusätzlich das Aufbrechen der Membran zu höheren Frequenzen minimiert, was wiederum der Mittendurchhörbarkeit zugute komme. Die Durchmesser der Schwingspulen sei „nicht übertrieben groß gestaltet, um die gesamte schwingende Masse nicht zu groß und schwerfällig zu machen“, außerdem sei das Magnetsystem entsprechend ausgelegt, um der sich bewegenden Membran möglichst wenig Luftwiderstand entgegenzusetzen.
Während im SC207 ein Tief-Mitteltöner mit 165 Millimeter Membrandurchmesser für alle Frequenzen von 44 Hertz bis drei Kilohertz – darüber übernimmt der AMT RS 2 – zuständig ist, sind im Falle des SC305 die Wiedergabe von Tief- und Mitteltonbereich auf zwei Chassis mit 130 Millimeter-Membranen verteilt. Konkret arbeiten diese Chassis bis etwa 350 Hertz gemeinsam, zu höheren Frequenzen hin wird ein Chassis ausgefiltert, während das zweite als Tief-Mitteltöner bis 2,8 Kilohertz arbeitet. Roland Stenz erklärt: „Aufgrund dieser Anordnung handelt es sich beim SC305 sozusagen um einen liegenden Zwei-Wege-Lautsprecher mit hinzugefügtem Chassis für den Bassbereich. Kleinere Chassis haben typischerweise eine etwas bessere Mittendurchzeichnung. Beim SC305 wollte ich diesen positiven Effekt mit einem tiefer spielenden Bass kombinieren, was ein zusätzliches Chassis notwendig machte.“ Ob sich diese Maßnahmen hörbar auswirken und ob es mehr oder weniger ohrenfällige klangliche Unterschiede zwischen dem SC207 und dem SC305 gibt, klären wir im finalen Hörtest.

Kommen wir zur Aktiv-Elektronik. Wie bereits einleitend bemerkt, sind sämtliche EVE Audio-Monitore mit digitalen Endstufen und Filterung sowie einer DSP-Kontrolle ausgestattet, wobei die Bedienung der Monitore bequem über den Multifunktions-Drehregler/Druckgeber auf der Front erfolgt. Ein wichtiges Entwicklerziel war von Anfang an, einen unkompliziert zu bedienenden Monitor zu entwickeln. Tatsächlich verhalten sich die beiden Testkandidaten trotz DSP-Filterung und integriertem Micro-Controller nicht anders als analoge Monitore. Es gibt kein langwieriges Booten, keine komplizierten Menüs mit ebenso umständlichen Setups und vor allem auch keine Notwendigkeit, einmal gefundene Einstellungen abspeichern zu müssen. Unsere Testerfahrungen bestätigen: Ist ein EVE Audio-Lautsprecher nach den persönlichen Präferenzen und unter Berücksichtigung der akustischen Umgebung eingerichtet, bleiben die Einstellungen erhalten, auch wenn der Monitor vollständig vom Netz getrennt ist.

Beide Lautsprecher verfügen über ein Tiefen- und ein Höhen-Shelving-/Kuhschwanzfilter sowie ein sogenanntes Desk-Filter. Dieses hat zwei Funktionen: Bei einer Absenkung wird es als schmalbandiger Equalizer, im Falle des SC207 bei 300 Hertz und beim SC305 bei 180 Hertz eingesetzt, um Reflektionen vom Mischpult oder Arbeitstisch abzumindern. Anders bei Anhebung, wo es bei beiden Lautsprechern ebenfalls als Equalizer, jetzt aber bei 80 Hertz arbeitet und die Aufgabe übernehmen soll, die Basswiedergabe „etwas druckvoller zu gestalten.“ Von dieser Möglichkeit mussten wir, um an dieser Stelle schon mal dem Hörtest vorzugreifen, keinen Gebrauch machen, da uns die Basswiedergabe beider Monitore im Professional audio-Teststudio überzeugt hat. Bleibt noch zu erwähnen, dass es kein Delay durch den DSP gibt – sehr schön.

Eine Besonderheit bietet der Drei-Wege-Lautsprecher SC305: Mit einem DIP-Schalter auf der Rückseite lässt sich die Position des Tieftöners und des Tief-Mitteltöners variieren. Der Tieftöner kann – von vorne gesehen – entweder links oder rechts vom AMT RS 2-Hochtöner sein, also entweder innen oder außen. Wichtig: In einem Stereo-System sollten sich die Tief-Mitteltöner zugunsten eines ausgewogenen Klangbildes im Inneren befinden. Ab Werk sind die Monitore bereits entsprechend eingestellt, Änderungen sind also nur bei der Integration in ein Mehrkanal-Setup vorzunehmen.

Angesichts des hohen konstruktiven Aufwands, den EVE Audio bei seinen Lautsprechern treibt, wird es niemanden  verwundern, dass die Lautsprecher in Asien gefertigt werden – anders ließe sich der vergleichsweise günstige Verkaufspreis kaum halten. Roland Stenz betont, dass das „Prototyping“ aller Komponenten in Berlin, die weitere Produktion dann in Fernost stattfinde. Das habe den Vorteil, dass die Qualitätskontrolle immer zwei Stufen durchlaufe, jeder Lautsprecher werde also in Asien und Berlin vollständig in allen Funktionen geprüft. Im Falle der beiden Testkandidaten können wir zumindest bestätigen, dass sich die Lautsprecher wie in den übrigens sehr informativen Handbüchern beschrieben, verhalten und einwandfrei funktionieren. Die Verarbeitung ist insgesamt makellos, der Käufer bekommt also insoweit jede Menge für sein Geld. Selbstverständlich steht und fällt der Gebrauchswert eines Lautsprechers und damit das Preis-Leistungsverhältnis mit seinem Klang, weswegen es an der Zeit ist, dass wir uns den SC207 und den SC305 mit gespitzten Ohren anhören.

 

EVE Audio hat den Anspruch, Lautsprecher anzubieten, die klanglich wie aus einem Guss erscheinen. Nach unserem allerersten Höreindruck können wir das jedoch nicht nachvollziehen. Während der SC305 uns ganz spontan überzeugt und einen schönen Hörtest verspricht, klingt der SC207 eigenartig dumpf und leicht verhangen. Das alarmiert auch den Hersteller, Roland Stenz meldet sich telefonisch, um mit uns Aufstellung, Aufstellort und dergleichen zu diskutieren. Dabei macht der EVE Audio-Chef deutlich, dass er unseren Ersteindruck nicht nachvollziehen könne und empfiehlt uns eine genaue Überprüfung der Filter-Einstellungen. Tatsächlich befinden sich die Filter der beiden SC207 nicht mehr in „Flat“-Einstellung – viel schlimmer noch, jeder Monitor des Stereopaares weist unterschiedliche Einstellungen auf. Kein Wunder, dass da klanglich einiges in Unordnung gekommen ist. Wir setzen alle Filter zurück, achten noch einmal gesondert auf die exakte Positionierung im Stereo-Dreieck und hören. Tatsächlich – jetzt passt das Klangbild und erkennbar handelt es sich um Lautsprecher enger klanglicher Verwandtschaft. Doch der Reihe nach.

Wie bereits erwähnt, haben wir an der Tiefenwiedergabe beider Lautsprecher nichts auszusetzen. Sehr löblich, dass weder der SC207 noch der SC305 mit einem aufgeblasenen Riesenbass, der Präzision und Fokus vermissen lässt, Eindruck schinden wollen. Stattdessen produzieren beide Monitore einen gleichermaßen klaren, trockenen und recht tiefen Bass. Weder heftige Slap-Bassgewitter noch knallharte Elektro-Bass-Attacken bringen die schwarz-silbernen Chassis aus der Ruhe – Daumen hoch unsererseits.
Das Mittenband ist beidesmal ausgewogen, wobei der SC305 in den Mitten eine Spur aufgeräumter klingt als der SC207 – insoweit macht sich vermutlich das Drei-Wege-System positiv bemerkbar. Das ist – völlig klar –besonders ohrenfällig bei herausragend aufgenommenem Material wie beispielsweise dem tollen Instrumental „Lenny“ von Stevie Ray Vaughans immer noch beeindruckendem Debüt-Album „Texas Flood“: In puncto „Maple Strat-Sound“ ist dieses Stück für uns ein Referenztitel und die vielen Farben, welche in dieser Aufnahme zu hören sind, können nur gute Lautsprecher darstellen. SRVs Strat perlt über beide Lautsprecher gehört sehr eindrucksvoll – über den SC305 klingt es nur noch ein wenig farbiger.
Bei der Höhenwiedergabe herrscht dann wieder Gleichstand – der AMT RS 2 von EVE Audio ist definitiv ein feiner AMT-Hochtöner. Zugegeben, wir stehen auf dieser Art von Schallwandlern. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass der ADAM S3X-H unser Referenz-Monitor ist. Allerdings kennen wir auch das Phänomen, dass sich AMTs gerne mal etwas aufdringlich in den Vordergrund spielen, außerdem häufiger zu Verzerrungen neigen. Derlei hören wir im Fall von SC207 und SC305 nicht: Die Hochtöner lösen sehr fein auf bei ausgezeichnetem Impulsverhalten – einmal mehr sehr schön anhand von „Lenny“ oder aber auch der High End-Klavierproduktion „Portraits I“ von MSP-Analogue (www.msp-analogue.de ) nachvollziehbar. Dabei sind die AMTs klanglich ins Gesamtsystem integriert, sodass beidesmal ein in sich stimmiges, sehr ausgewogenes Klangbild zu hören ist. Die Monitore informieren über das Geschehen auf einer Aufnahme ohne zu nerven. Es ist ein sehr angenehm ins Ohr gehender Klang, mit allenfalls ganz leichten Tendenzen zum Schönen.
Auch in puncto Stereoabbildung und Raumdarstellung dürfen wir positives vermelden: Bei einer sehr starken Phantommitte gefällt die Tiefenstaffelung beider EVE Audio-Lautsprecher. Allerdings ist die Basisbreite des Stereobildes beim SC305 weiter, was zumindest im direkten Vergleich der Geschwister sehr für den Drei-Wege-Lautsprecher einnimmt. Für sich alleine gehört kann der SC207 zweifelsohne außerordentlich gut gefallen – es macht uns großen Spaß, mit Unterstützung dieses Monitors Soundfiles zu erstellen oder einfach nur Musik zu hören.

Fazit

Obwohl echte Debütanten und Newcomer, geben der SC207 und der SC305 von EVE Audio eine überzeugende Vorstellung. Beide Lautsprecher sind bei sehr gutem Impulsverhalten ausgewogen abgestimmt und lösen sehr gut auf. Sie stellen somit eine willkommene Bereicherung des Monitor-Angebots dar.

Erschienen in Ausgabe 11/2012

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 720 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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