Klangreise in sechs Sound-Kontinente

Der Berliner Hersteller Native Instruments schnallt mit der Kore Electronic Experience ein Bundle aus sechs Soundpacks für seine Kore-Plattform und lädt zu einer Reise in den unendlichen Klangkosmos seiner NI-Produkte ein. Sie besitzen Kore 2 nicht? Kein Problem, es geht auch ohne.  

Von Georg Berger

Als Native Instruments auf der Musikmesse 2007 in Frankfurt erstmals die zweite Version seiner universellen Sound-Plattform Kore vorstellte, war noch nicht abzusehen, was dies für Konsequenzen nach sich ziehen würde. Das Highlight in Kore 2 (Test in Heft 2/2008) ist die Integration von Sound-Engines der hauseigenen Instrumente Absynth 4, Massive, FM8, Reaktor 5, Kontakt und der Amp-Simulation Guitar Rig 3, die aus dem Plug-in-Host zusätzlich ein waschechtes Instrument macht. Konsequenz: Seither trägt Kore 2 die Zusatzbezeichnung „Super-Instrument“, das eine Reihe von Sounds aus den oben genannten Instrumenten in einem speziellen Koresound-Format besitzt. Bereits kurz nach Markteinführung von Kore 2 präsentierte Native Instruments auch schon die ersten, „Kore Soundpacks“ genannten, -Libraries, die das Sound-Arsenal ständig erweitern. Kostenpunkt pro Soundpack: Knapp 50 Euro. Damit nicht nur Besitzer von Kore 2 in den Genuss der neuen -Libraries kommen, veröffentlichte der Berliner Hersteller mit dem Kore Player eine kostenlose und abgespeckte Version von Kore 2. Dieser wurde zwar der Plug-in-Features beraubt, enthielt dafür aber die Audio Engines nebst Kore-eigener Steuermöglichkeiten. Musiker, die bislang noch keins der erwähnten Native Instruments-Produkte besitzen, erhalten durch Kauf der entsprechenden Soundpacks also eine kostengünstige Alter-native im Vergleich zum Erwerb der -Instrumenten-Vollversionen.

Doch es geht noch deutlich preisgünstiger: Vor einigen Wochen hat Native Instruments nun sechs seiner bisher veröffentlichten Kore Soundpacks als Bundle zusammengefasst und unter der Bezeichnung Kore Electronic Experience herausgebracht. An Bord der rund 200 Euro teuren Soundsammlung finden sich die Instrumenten-Soundpacks Best of Absynth, Massive Expansion Volume 1, Best of Reaktor Volume 1, Synthetic Drums Reloaded, FM8 Transient Attacks sowie das Effekt-Soundpack Deep Transformations. Der Kore Player ist zusätzlich im Lieferumfang enthalten. Vorteil: Die Electronic Experience ist im Vergleich zum nach wie vor möglichen Einzelkauf der Soundpacks 120 Euro billiger. Überdies legt Native Instruments noch einen Warengutschein im Wert von knapp 50 Euro zum Erwerb eines weiteren Soundpacks nach Wahl dazu. Nachteil: Alle sechs Libraries sind in einer Lizenz zusammengefasst. Die separate Installation einzelner Soundpacks auf verschiedene Rechner ist daher nicht möglich. Konzeptionell erinnert die Electronic Experience an Arturias Analog Factory (Test in Heft 11/2006), die gleichfalls wie bei Kore 2 mehrere Sound-Engines virtueller Arturia-Instrumente in sich vereinigt. 

 

Bei der Installation der Electronic Experience werden bequem über eine Routine alle sechs Soundpacks und der Kore Player in einem Rutsch auf die Festplatte transferiert. Kore-2-Besitzer wird dies vielleicht ärgern, da sie ja auf den Player getrost verzichten können. Es ist aber trotzdem notwendig, da sämtliche Soundpacks über den Kore Player lizenziert und freigeschaltet werden. Widmen wir uns zuerst kurz der Player-Software: Die wichtigsten Funktionen und Bedienmöglichkeiten erschließen sich Anfängern auch ohne Studium des Handbuchs. Die Oberfläche des Players wird von einem Browser-Dialog mit mächtigen, aber intuitiv ausführbaren Sortierfunktionen dominiert. Das Erstellen multitimbraler Setups ist nicht möglich. Der Kore Player kann sowohl in der Stand-alone-, als auch in der Plug-in-Version lediglich einen Koresound laden. Dafür haben es vor allem die Steuermöglichkeiten in sich.
Zu jedem Koresound sind individuelle Parameter auf die jeweils acht Drehregler und Buttons der Controller-Sektion programmiert worden, die einen nachträglichen Eingriff in den Sound möglich machen. Der Vorrat an editierbaren Parametern ist jedoch nicht auf die acht Regler und Buttons beschränkt. Das Reaktor-Soundpack enthält beispielsweise einige Koresounds, die mit zwei Reglersätzen in sogenannten Controller-Pages aufwarten. Der Clou an den Koresounds ist jedoch, dass mit einem Preset direkt acht Varianten des gleichen Sounds mit unterschiedlichen Parametereinstellungen abgespeichert sind. An dieser Stelle kommt das sogenannte Sound-Variation-Gitter ins Spiel: Ist der Morph-Schalter nicht aktiviert, kann per Klick auf die Buchstaben-Felder blitzschnell der Sound verändert werden. Je nach Koresound lassen sich damit taktgenau Klang-änderungen von subtil bis brachial aufrufen. Genial: Mit aktiviertem Morph-Schalter lässt sich wahlweise mit einem beliebigen Hardware-Controller oder der Maus durch Bewegen des hellgrauen Vierecks im Gitter weich und dynamisch zwischen den Variationen überblenden. Alles in allem erhält der Nutzer mit diesen Eingriffsmöglichkeiten überschaubare, kreative und sogar geniale Werkzeuge an die Hand. Vermisst haben wir allerdings die Möglichkeit, eigene Variationen erstellen und separat in einer User-Library abspeichern zu können.  
Die eigentliche Hauptrolle in der Electronic Experience spielen jedoch die verschiedenen Soundpacks, denen wir uns jetzt nacheinander widmen wollen. Wichtig: Bei vielen  Koresounds arbeiten im Hintergrund Klang formende Elemente, die vom Sequenzer-Tempo oder der BPM-Zahl im Metronom der Stand-alone-Version gesteuert werden. Je nach dort eingestellter Geschwindigkeit ändern sie mitunter deutlich ihren Klangcharakter, was in jedem Falle ausprobiert werden sollte.

Best of Absynth: Flächen und Klang-kulissen par exellence

Den Anfang macht das Best of Absynth Soundpack, das einen Querschnitt durch die Werkssounds sämtlicher bisher veröffentlichten Programmversionen bis hinauf zu Absynth 4 (Test in Heft 1/2007) enthält. Die knapp 200 Koresounds sind noch einmal aufgeteilt in Unterkategorien wie unter anderem Bässe, Lead- und Flächensounds sowie Soundscapes. Der Großteil der Koresounds ist dabei tonal definiert und melodisch/akkordisch spielbar. Das Soundpack wartet, oberflächlich betrachtet, mit einer Reihe an üblichen Brot-und-Butter-Sounds auf. Bei genauem Hinhören finden sich darin mal eher subtil, mal eher drastisch, weitere Soundelemente, die den banalen Brot-und-Butter-Anteil anreichern und es schaffen, aus ihnen etwas Ungewöhnliches zu machen – etwas, bei dem man nicht weghören kann. Mit Hilfe der Morph-Funktion, kitzeln wir aus diesen Koresounds so manche neue Klangfarbe heraus. So wartet etwa das „Klaus Kinski Nosferatu“-Preset mit einem Orgel- und Streichermischklang auf, der beim Morphen zwischen hell und dunkel changiert, begleitet von einem Registerwechsel des Orgelsounds, der mit hörbaren Glissandi einhergeht und eine schrecklich-schöne Horrorfilm-Klangkulisse liefert.
Best of Absynth vermittelt auf anschauliche Weise, welches Potenzial hinter dem halbmodularen Synthesizer steckt. Analog trifft digital, lautet hier die Devise. Es finden sich Sounds digitaler und analoger Art sowie Mischformen, die aus Absynth ein klingendes Chamaeleon machen. Am Besten zeigt sich das bei den Bässen. Wer einen rein analog klingenden Basssound sucht, wird beim angenehm klingenden „Humbass“-Preset fündig. Wer es digital mag, dürfte mit dem eher spitz und scharf tönendem „Comb Bass“-Koresound das Passende erhalten und das „Repetitive Brains“-Preset bietet beides. Gleiches gilt für die Lead-Kategorie. Der Schwerpunkt in diesem Soundpack liegt jedoch eindeutig bei den Flächen und Soundscapes. Sie enthalten dichte Soundgewebe aus mehreren gleichzeitig erklingenden Einzelereignissen, die alle ein bewegtes Eigenleben führen und mal bombastisch und ein anderes Mal eher zart und zerbrechlich daherkommen. Mit Hilfe der Morph-Funktion wird diese Lebendigkeit noch einmal teils drastisch gesteigert. Die Flächen-Koresounds sind zumeist tonaler Art und lassen sich musikalisch einsetzen. Die Soundscapes hingegen liefern Effektklänge, die sich als Klangkulissen perfekt zur atmosphärischen Untermalung bei Hörspiel und Film einsetzen lassen oder manch flauer Musikproduktion die fehlende Würze liefert. EBM- und Industrial-Musiker dürften dort ebenfalls ein El Dorado vorfinden.

Alles in allem bietet Best of Absynth ein Repertoire aus zumeist musikalisch spielbaren Sounds für alle diejenigen, die auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen sind. Sie eignen sich bestens für Rock, Pop, Ambient, aber auch EBM und Industrial. Nicht zuletzt durch den Schwerpunkt bei den Flächen und Soundscapes ist das Soundpack ein hervorragender akustischer Atmosphärenlieferant für Film und Hörspiel.

Best of Reaktor Vol. 1: Die flexible Macht der Module

 

Das Best of Reaktor Volume 1 Soundpack enthält ebenfalls 200 Koresounds, wiederum sortiert nach Instrumentengattungen, die von der Sound-Engine des voll modularen Reaktor-Instruments realisiert werden. Besonderheit: Die Sounds basieren auf neun sogenannten Ensembles, die aus individuellen Modul-Konfigurationen und Signalverknüpfungen untereinander bestehen. Auffällig: Viele Reaktor-Koresounds besitzen zwei Controller-Pages zum individuellen Eingriff in die Soundparameter. Anders als das Absynth-Soundpack finden sich in der Reaktor-Library zumeist Sounds mit analogem Klangcharakter, die wärmer als die Absynth-Sounds klingen. Außerdem kommen sie derart klar und luftig daher, dass sie ausgesprochen highendig klingen.

Die Zahl an spielbaren Standard-Sounds wie Piano-, Orgel-, Bass-, und Leadsounds ist im Reaktor-Soundpack eher gering. Ähnlich wie in der Absynth-Library dominieren Flächen und Soundscapes die Library und dürften ebenfalls Film- und Hörspielmusiker sowie Produzenten von rein elektronischer Musik ansprechen. Im Test gefallen uns besonders die Flächensounds „Baltik State“ und „Stille Nacht“, die perfekt sind für Filmmusik, melancholischen Pop oder Dark Wave. Darüber hinaus liegt der zweite Schwerpunkt auf Drumsounds und -Loops, die das Reaktor-Soundpack für Techno, Drum and Bass, aber auch EBM und Industrial prädestinieren. Bei den Soundscapes findet sich ein breit gefächertes Repertoire an Soundgebilden, die von zart bis bombastisch reichen und zumeist harmonisch wohltuend erklingen und nur minimal mit Geräuschen durchsetzt sind. Besonderheit: Eine Vielzahl der Soundscape-Presets erklingt, wie von Geisterhand gespielt, völlig selbstständig. Dazu muss nur der Sequenzer laufen oder das Metronom an der Stand-alone-Version aktiviert sein. Hintergrund: In den Ensembles verrichten Sequenzer-Module ihre Arbeit, die dem Instrumentalisten das Spielen abnehmen. Der Clou: Der Musiker kann sich bei diesen Koresounds voll und ganz auf das Sound-Design konzentrieren. Die Controller-Sektion bietet dafür die zwei Buttons Random und Restart, die ein zufälliges Ändern der Soundparameter veranlassen und bei Bedarf die Soundsequenz wieder in der Ausgangsstellung startet. In Verbindung mit der Morph-Funktion gestalten wir im Test Klanglandschaften, die nie langweilig werden und durch ständiges Ausführen der Random-Funktion immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwarten.

Ein weiteres Highlight sind ohne Zweifel die Drum-Koresounds. Sie enthalten ein übliches Set an Instrumentensounds eines Drumcomputers, die ähnlich wie bei den Soundscapes nach Start des Metronoms/Sequenzers einen eigenen Groove abspielen. Die Instrumentensounds selbst werden zumeist über analoge Klangerzeugung realisiert. Es findet sich sogar ein Preset mit einer perfekten TR808 Reproduktion. Im Test erinnern viele Drumsounds und Grooves an die Musik des Techno-Künstlers Aphex Twin. Besonders deutlich ist dies beim „This is not a Test“-Koresound hörbar, der ab 175 BPM aufwärts am besten klingt. Einige Drum-Presets bieten Random-Buttons, die den Sound und Groove ohne Zutun der Morphing-Funktion variieren, andere Koresounds wie das „808 to Ground Control“-Preset offerieren wiederum Mute-Buttons zum gezielten stumm schalten einzelner Schlaginstrumente und erlauben das Arrangieren von Drumtracks on-the-fly.

Best of Reaktor Volume 1 bietet eigenständiges Klangfutter für Filmmusik, Hörspiel, Ambient, Industrial, aber auch für Techno und Drum and Bass. Sound-frickler werden vor allem die Soundscapes und Drumsounds lieben, die sich auch in Live-Einsätzen bestens bewähren dürften.

Massive Expansion Vol. 1: Das Allround-Paket

Ein Gegengewicht zu den Absynth- und Reaktor-Libraries des Electronic Experience-Bundles liefert das Massive Expansion Volume 1 Soundpack. Auf Basis des Massive-Synthesizers (Test in Heft 12/2006) findet sich hier eine Sammlung von 200 Brot-und-Butter-Sounds, die in fast jedem Musik-Genre hervorragend einsetzbar sind. Das Soundpack wird zu gleichen Teilen von Bässen, Lead- und Flächensounds dominiert. Soundscapes, Drum- und Effektsounds sind folglich in der Minderzahl. Der Grundklang der -Library besitzt analogen Charakter, der allerdings nicht überzogen warm und anheimelnd klingt. Vielmehr zeigt sich eine Dominanz in den oberen Mitten und im Höhenbereich. Diese tritt etwas stärker als bei den digital klingenden Sounds des Absynth-Soundpacks in den Vordergrund, besitzt allerdings nicht den Highend-Glanz der Reaktor-Koresounds. Wer jetzt aber an piepsige und steril wirkende Digitalsounds denkt, ist freilich im Irrtum. Da sie ausgesprochen schlank und im besten Sinne dünn klingen, können sie sich in bereits dichten Arrangements gut durchsetzen. Dabei verleugnen sie ihren analogen Grundcharakter nicht. Massive Expansion Volume 1 punktet außerdem eindeutig bei den Bass-Sounds, die ein Repertoire bieten aus sowohl drahtig-spitzen, als auch fetten und wuchtigen Klängen. Sie bieten hervorragendes Material für alle Arten von Dancefloor und Pop. Darüber hinaus warten sie mit lebendigen Klangtexturen auf, die eine erfrischende Alternative bilden zu den sattsam bekannten TB303-Bässen.
Enttäuschend sind hingegen die Flächensounds, bei denen wir uns mehr fette und bombastische Klänge gewünscht hätten. Vielmehr liefern sie, wie schon erwähnt, allenfalls zusätzliche Klangfarben in bereits dichten Arrangements und können sich kaum als Hauptsound eines Stückes durchsetzen. Seine Stärke zeigt das Massive-Soundpack jedoch bei Einsatz der Morph-Funktion. Zuvor noch eher banale und unspektakulär klingende Allerwelts-Sounds ändern sich teils drastisch und erlauben das Ausführen teils dramatischer Klangverläufe, die allerdings immer noch musikalisch spielbar sind und nie in bloßem Lärm enden. Besonders gut gelungen ist das in den Koresounds „Bazzinski“ und „Symphony“. Beim Spielen des Presets „Lost Control“ erklingt ohne Morphing ein polyphoner perkussiver Sequenzersound, der eine Klangfarbe zwischen Orgel und Synthesizer-Streicher, angereichert mit viel Vibrato besitzt. Beim Morphen klingt der Sound zunehmend länger, fetter und wird mit Geräuschanteilen und zwitschernden Spektren durchsetzt, der überdies noch mit einem eingeblendeten Verzerrer-Effekt angeschmutzt wird. Am Schluss ist aus dem eher kurzen und unscheinbaren Sequenzer-Sound ein vordergründiger, scharf klingender und wuchtiger Lead-Sound geworden. Übrigens: Die Koresounds lassen sich auch direkt in Massive laden, besitzen dann aber nicht die Morph-Möglichkeiten von Kore 2.

Massive Expansion Volume 1 bietet für alle musikalischen Anwendungen das passende Standard-Material, das sich dank der Morphing-Möglichkeiten in den Kore-Anwendungen jedoch von einer grauen Maus in einen farbenprächtigen Pfau verwandeln kann.

FM8 Transient Attacks: Klassische Frequenz-modulation mit Pfiff

 

Das vierte Soundpack im Bundle nutzt die Audio-Engine des FM-Synthesizers FM8. Das Thema lautet also klassische Frequenzmodulation, mit seinen dafür bekannten Sound-Attributen: Es sind höhenreiche Sounds zu vernehmen, die bisweilen als kalt und steril empfunden werden, glockige und metallische Spektren besitzen und teils mit einer für diese Klangerzeugung charakteristischen Verzerrung aufwarten. Der Name des Soundpacks ist dabei Programm: In den 200 Presets der Library finden sich durchweg kurze und perkussive Klänge, die mit einem sehr schnellen Attack aufwarten und insgesamt noch heller und spitzer als die Sounds der Massive-Library sind. Grund: Der Großteil der Koresounds nutzt den integrierten Arpeggiator von FM8, der mit individuell programmierten Phrasen pro Sound aufwartet. Dadurch werden die kurzen Sounds erst richtig zum Leben erweckt und es werden je nach eingestelltem Tempo im Sequenzer/Metronom mächtige Soundteppiche erzeugt. Konsequenz: Fast jeder FM8-Koresound besitzt einen Button zum Starten und Stoppen des Arpeggiators und zum Aktivieren einer Hold-Funktion, die nach Anschlagen eines Akkords das Arpeggio ostinat wiederholt. Das Repertoire an programmierten Sounds und Arpeggiator-Phrasen zielt dabei eindeutig in Richtung Dancefloor, Techno, EBM und Electronica. Sehr schön: Im Test nutzen wir oftmals die Hold-Funktion und konzentrieren uns auf das Sound-Design mit Hilfe der Morphing-Möglichkeiten, um farbenprächtige Klangverläufe zu erstellen. Weniger schön: Ist das Morphing deaktiviert und man wählt direkt eine weitere Sound-Variation an, deaktiviert sich ständig die zuvor eingeschaltete Hold-Funktion. Das schränkt die Einsatzmöglichkeiten erheblich ein.

Die zweite Säule des Transient-Attack-Soundpacks bilden neben dem Arpeggiator die Effekte. Sie sind in den meisten Koresounds per Button schaltbar, die Morphing-Möglichkeiten konzentrieren sich zum Großteil auf das Ändern von Effektparametern. Je nach Programmierung der Sound-Variations ist es schon allein mit Hilfe der Effekte möglich, zuvor dünn und unscheinbar klingende Sounds breit und voluminös zu gestalten, oder sie mit einem hauchfeinen Schleier zu überziehen und weicher klingen zu lassen. Die Library enthält die meisten Koresounds in den Bass- und Lead-Kategorien. Dancefloor-, Techno- und Industrial-/EBM-Musiker werden dort immer das Passende finden, nicht zuletzt auch dank der programmierten Arpeggiator-Phrasen. Doch das Transient Attacks Soundpack besitzt auch eine weiche Seite: In den Flächensounds findet man teils höhenreiche Klangspektren, die hauchfein und zart erklingen und manche Pop-Ballade und alle Arten von Ambient-Musik mit dem zusätzlichen i-Tüpfelchen versorgt. Allerdings sind diese Sounds eindeutig in der Unterzahl. Übrigens: Die Presets des Soundpacks können, ebenso wie bei Massive, gleichfalls direkt in das FM8-Instrument geladen werden.

FM8 Transient Attacks bietet ausreichend Futter für alle Arten von Dancefloor und elektronischer Musik härterer Gangart, die sehr stark auf den Einsatz ostinater Melodiephrasen setzen. Mit Hilfe der eingesetzten Effekte sind opulente Klangverläufe machbar, die den Ursprung der Klangerzeugung gekonnt kaschieren oder verstärken.

Synthetic Drums -Reloaded: Es muss nicht immer die TR808 sein

Das Synthetic Drums Reloaded Soundpack ist eine klassische Sample-Library, die die Audio-Engine von Kontakt nutzt. Im Repertoire finden sich zehn unterschiedliche Drumkits, die mit Percussion-Sounds elektronischer Machart aufwarten und bei den klassischen Drums akustische Schlagzeugsounds besitzen. Diese sind allerdings nachhaltig mit Effekten bearbeitet und verfremdet. Sehr schön: Die Synthetic Drums Library kaut nicht zum x-ten Mal die sattsam bekannten Drumcomputer aus dem Hause Roland wieder, sondern setzt auf individuell klingende Drumsounds. Sie eignen sich primär für alle Arten von Dancefloor, Hip Hop, Techno, Drum and Bass, EBM aber auch für Synthie-Pop. Auffällig: Über die Morphing-Funktion werden ausschließlich Effekte in die Sounds ein- und ausgeblendet. Die Ausnahme bildet das Unskool-Drumkit, das ohne Effekte, Sound-Variations und Parameter-Eingriff aufwartet. Hier kann man also gar nichts ändern. So empfiehlt sich das Unskool- und AME-Kit für klassischen HipHop und House und kommt nicht so brachial wie manche Techno-Kits daher. Besonderheit: Das Unskool-Kit enthält einige O-Ton-Samples wie etwa eine zuschlagende Tür oder eine Schreibmaschine.
Techno-Klänge finden sich eher im Chris Liebing-Kit, das sich durch Einsatz von Bit Reduction-, LoFi-, Filter- und Saturation-Effekten über die Morphing-Möglichkeiten in ein beinhartes Gabba-Drumkit verwandelt. Ähnlich klingt das Einoma-Kit, das noch eine Spur vordergründiger und knalliger kommt, sich aber mehr für EBM eignet. Drum and Bass-Jünger werden das kurz und knapp klingende Grid Bugs-Kit schätzen. Wer es elektronischer mag ist mit dem Junkie XL-Kit bestens beraten, das sich als Allrounder für Techno und Drum and Bass empfiehlt. Noch elektronischer wird es mit dem Kai Tracid- und Telefon Tel Aviv-Kit, die vornehmlich mit ihren Percussion-Sounds punkten und für Akzente sorgen. Das akustischste Drumset findet sich im Pendulum-Kit, das mit sehr kurzen Sounds aufwartet und ebenfalls ein heißer Kandidat für Drum and Bass ist.

Wer genug hat von den üblichen Hausnummern à la Roland TR808 und keine Lust mehr auf das Hochpitchen von Funk- und Rock-Drumloops, der erhält mit den Synthetic Drums Reloaded eine Library mit Charakter, die für erfrischende Abwechslung sorgt.

Deep Transformations: Nachhilfe für schlappe Sounds

Das sechste Soundpack von Kore Electronic Experience ist eine reine Effekt-Sammlung und erfordert den Einsatz von Kore 2 und dem Kore Player als Effekt-Plug-in/-Gerät. Die knapp 150 Koresounds bieten unterschiedlich verknüpfte Kombinationen von Effekt-Algorithmen aus Kore 2, Absynth 4, FM8 und Guitar Rig 3. Oberflächlich betrachtet, enthalten die Koresounds eine ganz alltägliche Verknüpfung unterschiedlicher Standard-Effekte wie Reverb, Delay, Modulationseffekte, Filter, Amp-Simulationen und dergleichen mehr. Der Clou an den Deep Transformations-Effekten ist jedoch, dass bei vielen Koresounds im Hintergrund eine Reihe von Modulatoren arbeiten, die für einen selbstständigen Wechsel von Effekt-Parametern sorgen und noch ohne Eingriff der Morph-Funktion für sehr lebendige Effektverläufe sorgen. Besonderheit: Einige Koresounds benötigen sogar MIDI-Clock- und
-Noteninformationen, um die internen Modulatoren in Gang zu setzen. Im Test fühlen wir den einzelnen Koresounds mit unterschiedlichen Signalquellen auf den Zahn. Was wir zu hören bekommen, ist ein wahres Feuerwerk an Klangänderungen bei denen sich Echo-Zeiten und -Wiederholungen wieselflink ändern, Modulationen für drastische Tonhöhenänderungen sorgen und Filtereffekte etwa in Kombination mit Verzerrern vom Originalsignal nichts mehr erkennen lassen. Kurz gesagt, erhält man mit Deep Transformations eine Effekt-Sammlung zur gezielten Dekonstruktion von Audio-Material. Das hat nichts mehr mit dem Veredeln von Signalen zu tun. Hier wird ordentlich auf den Putz gehauen. Konsequenz: Für E-Gitarren und -Bässe sowie Gesang ist der Großteil der Koresounds unbrauchbar, da sie natürlich viel zu stark ins Programm-Material eingreifen. Aber das ist auch Geschmackssache. Im Test finden wir mit den Koresounds „Delirious Mons“, „Gibraltar Downbeat“ oder „Crystalline“ durchaus Effekte, die sich unserer Meinung nach auch für die Gitarre eignen. Letztgenannter macht aus der Gitarre sogar einen Synthesizer.
Der primäre Einsatzzweck der Koresounds liegt jedoch woanders: Ihr wahres Potenzial zeigen sie höchst eindrucksvoll, wenn es um die nachträgliche Verbiegung von Schlagzeug- und Synthesizer-Sounds geht. Dort lassen die Deep-Transformations-Effekte eindeutig ihre Muskeln spielen und helfen durch Nutzung der Morphing-Funktion statischen Klangereignissen auf die Sprünge. Dancefloor-Produzenten werden den „DJ Toolkit 1“-Effekt lieben, der mit Hilfe von Pitch Shiftern und Echo einen Scratch-Effekt erzeugt und über das Morphing gesteuert wird. Der „Dirty Breaks“-Koresound schafft es, einem Drumloop mit Hilfe verschiedener Filter und Hall eine Räumlichkeit zu verpassen, die über das Morphing den Eindruck entstehen lässt, also ob das Schlagzeug aus einem ganz kleinen Raum hinaus in eine große Halle gefahren wird. Im Test zeigt sich ebenfalls sehr schnell: Ganz gleich, welchen Synthesizer-Sound wir mit den Deep Transformation-Effekten behandeln, es kommt immer etwas Verwertbares und vor allem Ungewöhnliches heraus. Gerade bei eher statischen und steril wirkenden Sounds vollbringen viele Koresound-Effekte Wunder und führen Arbeiten aus, die ansonsten den Filtern, LFOs und Hüllkurven eines Synthesizers vorbehalten sind.

Das Deep Transformations Soundpack bietet Effekt-Algorithmen, die durchweg drastische und ungewöhnliche Ergebnisse liefern und sich als Geheimwaffe empfehlen, wenn es um kreatives Sounddesign geht. Puristen lassen lieber die Finger davon.

Fazit

Die sechs Soundpacks des Kore Electronic Experience Bundles bieten ein reichhaltiges Arsenal an elektronischen Sounds, denen immer etwas Ungewöhnliches und nicht Alltägliches anhaftet, nicht zuletzt dank der genialen Morphing-Möglichkeiten der Sound-Variations. Das Repertoire der einzelnen Libraries eignet sich primär für sämtliche Formen des Dancefloor, aber auch für Industrial, EBM sowie Filmmusik und Hörspiel. Offenherzige und experimentierfreudige Musiker können mit der Kore Electronic Experience ihrem Klang-Arsenal frische Impulse hinzufügen und ihren Produktionen fortan noch mehr Würze verleihen. Selbst wenn das eine oder andere Soundpack für die eigenen Zwecke ungeeignet sein sollte, ist das Preis-Leistungsverhältnis im Vergleich zum Einzelkauf der Soundpacks immer noch hervorragend.

 

 

 

Erschienen in Ausgabe 11/2008

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 199 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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