Noten wie gestochen

Noten schreiben ist oft mühselig. Zum Glück gibt es Programme wie Sibelius. Damit können engagierte Tonsetzer leicht perfekte Partituren erstellen.       

Von Harald Wittig

Alles begann vor rund 20 Jahren: Die Zwillingsbrüder Jonathan und Ben Finn nahmen sich vor, das Schreiben von Partituren mittels einer Textverarbeitung für Musik einfacher zu machen. In Anspielung auf ihren Familiennamen und als Hommage an den berühmten finnischen Komponisten Jean Sibelius, nannten sie ihr Programm Sibelius. Schon bald hatten die beiden Briten das Klinkenputzen satt und gründeten 1993 ihre eigene Firma Sibelius. Die Geschichte ihres Erfolgs: Sibelius galt in England bald als Inbegriff für professionellen Notensatz am Computer. Durch ständige Weiterentwicklung zählt Sibelius heute zu den weltweit anerkannten Notationsprogrammen. Profimusiker wie Michael Tilson Thomas, Andy Summers und Steve Reich arbeiten damit, ebenso Musikverlage wie Hal Leonard und Music Sales.

Die neueste Version Sibelius 4.1 ist um einige interessante Funktionen erweitert worden. Jetzt können Sie ein Video zur Partitur hinzufügen, um Musik zu bewegten Bildern zu komponieren. In der Praxis testete Professional audio Magazin außer dieser Funktion auch die neuen optionalen Klangbibliotheken Garrington Personal Orchestra und Rock & Pop Collection für Sibelius. Sie erweitern die Abhörfunktion von Sibelius beträchtlich. Beide Sammlungen kosten jeweils rund 290 Euro; der Preis für Sibelius 4.1 liegt bei knapp 700 Euro.

Der Sibelius-Karton ist richtig schwer – wegen der beigelegten Bücher. Dabei fällt das eigentliche Handbuch erfreulich schmal aus, wohingegen das mit „Referenz“ betitelte zweite Werk anderthalb Pfund wiegt. Das Handbuch sollten Sie unbedingt vor der Installation lesen. Es hilft, den Anweisungen der Entwickler zu folgen. Die CD-ROM enthält außer dem Notationsprogramm noch Zusatzanwendungen, die Sie aber für das Notensetzen nicht brauchen. Diese Software gehört zur Ausstattung:
Der Kontakt Player Silver von Native Instruments; er bringt Ihre Partituren erst richtig zum Klingen.
Das Programm Photo-Score Lite; mit dem können Sie Noten einscannen, um diese in Sibelius weiter zu bearbeiten.
Das Browser-Plug-in Scorch. Es ermöglicht Ihnen, online zahlreiche Sibelius-Partituren anzuschauen, abzuspielen und selbst zu bearbeiten, indem Sie beispielsweise die Tonart oder das Arrangement ändern. Schließlich lassen sich damit die Partituren auch direkt ausdrucken. Der Ausdruck entspricht dem Layout, das Sie auf dem Bildschirm sehen. Das Beste an Scorch: Sie müssen kein Sibelius-Anwender sein, um all diese Funktionen nutzen zu können.

Sibelius müssen Sie spätestens nach 15 Tagen registrieren lassen. Das ist online möglich, genauso aber auch per Telefon oder Fax; einfach beim deutschen Vertrieb, M3C Systemtechnik, anrufen. Die Installation unter Windows XP geht schnell. Lediglich die beiden Klangbibliotheken beanspruchen mehr Zeit – kein Wunder, denn alleine die Rock & Pop-Collection ist über drei Gigabyte groß.

Sibelius-Neulinge oder Umsteiger von anderen Notationsprogrammen sollten das Handbuch lesen. Mit Hilfe einer Beispielpartitur werden Sie Schritt für Schritt durch Sibelius geführt. Denn die Software lässt sich nicht intuitiv bedienen. Wer ganz unbedarft per Mausklick Noten schreiben möchte, sitzt bald ratlos vor dem Bildschirm: Denn Werkzeugleisten mit allen beim Komponieren wichtigen Zeichen (Notenwerte, Taktstriche, Artikulation und so weiter) gibt es nicht. Das entspricht der Philosophie der Entwickler. Auch wenn es grundsätzlich möglich ist, mit der Maus Noten in die Partitur einzugeben, sollten Sie Sibelius mit der Computer-Tastatur bedienen. Genauso, als würden Sie mit der Textverarbeitung einen Brief schreiben. Dies bedingt eine umfangreiche Liste von Tastenkürzeln, die nur Menschen mit fotografischem Gedächtnis nach wenigen Tagen beherrschen dürften. Daher gibt es auf der Rückseite des Handbuchs und der Referenz jeweils zwei Tableaus mit den Tastatur-Kürzeln.

Zentrales Instrument für die Noteneingabe ist das Keypad. Sie benötigen es in jedem Fall – egal, ob Sie nun die Eingabe mittels MIDI-Keyboard oder über Maus/Tastatur bevorzugen. Sie können es über die Werkzeugleiste mit der Maus oder schneller mit dem Buchstaben „K“ aufrufen. Das Keypad lehnt sich optisch an den Ziffernblock der PC-Tastatur an. Es hat fünf Belegungen (Layouts), die über die Tasten F8 bis F12 oder per Maus aufzurufen sind. Das Keypad deckt viele musikalische Satzzeichen ab, wobei die Zahlentasten auf dem Ziffernblock der Computer-Tastatur seinen Knöpfen entsprechen. Natürlich sind die Knöpfe auch mit der Maus anwählbar – das wird vor allem Laptop-User beruhigen. Nicht ganz logisch, dass ein Knopf auf dem Keypad zum Erstellen von N-Tolen (Triolen, Quintolen und so weiter) fehlt. Wohl dem, der sich das Kürzel „Strg +3“ merken kann – die Triole wird so für die folgenden drei Noten korrekt gesetzt; alle anderen müssen sich umständlich durch das Pull-Down-Menü „Erstellen“ klicken. Unser Urteil: User, die lieber mit der Maus arbeiten, sind – was Bedienkomfort und Arbeitsgeschwindigkeit betrifft – bei Sibelius ein wenig im Hintertreffen.

Viele Musiker bevorzugen ein MIDI-Master-Keyboard für die Noteneingabe. Was für Sibelius 4.1 spricht: Sie können dazu auch eine USB-Tastatur verwenden. Im Praxistest geben wir zwar die Noten von Hand ein; aber die versuchsweise Noteneingabe mit der M-Audio Keystation Pro 88 funktionierte absolut zufrieden stellend.

Sofern Sie für die Wiedergabe den Kontakt-Player verwenden wollen, sollten sie als Treiber ASIO auswählen. Wenn Ihre Soundkarte ASIO nicht unterstützt, ein Tipp: Laden Sie sich das kostenlose Programm ASIO4ALL aus dem Internet herunter. Die Datei ist erfreulich klein und hiermit läuft der Kontakt-Player unter Sibelius auch auf einem Standard-Rechner.

Im Test fertigen wir verschiedene Partituren an: Ein kurzes Notat eines Gitarrenstückes und ein größeres Arrangement einer modalen Komposition für fünf Instrumente. Diese beiden Partituren schreiben wir direkt in Sibelius. Ein drittes Stück lassen wir von der Software notieren, indem wir die MIDI-Datei eines Stückchens für Gitarre solo, das mit dem kostenlosen Gitarrennotations-Programm Power Tab Editor erstellt wurde, in Sibelius laden.

Wenn Sie mit Sibelius komponieren möchten, müssen Sie zunächst das Manuskriptpapier auswählen. Im umfangreichen Dialogmenü können Sie jederzeit auf „fertig stellen“ klicken, wenn Sie meinen, dass ihr Notenpapier vollständig ist. Sollten Sie zu einem späteren Zeitpunkt Takte oder Instrumente hinzufügen wollen – kein Problem. Insoweit ist Sibelius sehr flexibel.

Das ausgewählte Manuskriptpapier enthält bereits Takte, die jeweils mit Ganztaktpausen gefüllt sind. Um jetzt in die Partitur Noten einzugeben, müssen Sie das Keypad aufrufen, markieren den ersten Takt und schon kann es losgehen. Wie bei professionellen Notationsprogrammen üblich, denkt auch Sibelius bei der Noteneingabe mit: Sollten Sie eine Passage in sehr kleinen Notenwerten, beispielsweise in 32steln eingeben, und vergessen eine Note, wird Sibelius den Takt mit einer Pause auffüllen. Um die Pause durch eine Note zu ersetzen, müssen sie genau auf die Pause klicken, diese entfernen und die fehlende Note eingeben. Der Maus-Cursor wechselt je nach dem, welche Operation ansteht, die Farbe: Ist er blau eingefärbt, ist die Noteneingabe aktiviert. Wenn Sie jetzt in die Partitur klicken, wird eine Note eingegeben. Das kann verwirren, vor allem, wenn Sie eigentlich nur das Notenblatt mit der Maus verschieben wollen. Aber keine Bange: Gehen Sie einfach auf Rückgängig, drücken Sie danach „N“ und der Cursor wird wieder weiß.

Eine große Hilfe beim Auffinden von Passagen innerhalb einer größeren Partitur ist der Navigator. Dieser stellt in einem separaten Fenster, das automatisch in der linken unteren Hälfte des Hauptfensters erscheint, eine Miniaturansicht der kompletten Partitur dar. Greifen Sie die Partitur mit der Maus und suchen Sie dann die jeweilige Seite und die konkrete Notenzeile. Das klappt bestens und ist bequemer als die Suche über Scroll-Balken.

Gitarristen, Bassisten und andere Spieler von Bundinstrumenten kennen die Tabulatur-Schreibweise. Selbstverständlich können in Sibelius Gitarren und Bässe in Tabulatur notiert werden, als Profi-Programm hat Sibelius sogar die alte Lauten-Tabulatur mit an Bord. Bei der modernen Tabulatur wird heute meistens die Notation in zwei Systemen bevorzugt, entsprechend lässt sich das vorwählen. Die Noten können nun wahlweise in der Tabulatur oder im Notensystem eingegeben werden, die Notenwerte werden über das Keypad angewählt. Allerdings schreibt Sibelius nicht automatisch in beiden Systemen. Wenn das Notat auch in der Griffschrift auf dem Blatt erscheinen soll, muss die entsprechende Notenpassage kopiert und in die Tabulatur eingefügt werden. Hier ist ein wenig Nacharbeit erforderlich, da Sibelius zwar je nach Voreinstellung die Griffbrett-Positionen auswählt, diese aber nicht immer praktikabel sind. Zum Glück ist das Korrigieren sehr bequem: Wenn Sie beispielsweise ein „G“ im dritten Bund auf der ersten Saite lieber auf der H-Saite spielen möchten, ziehen Sie einfach die Ziffer mit der Maus auf die darunter liegende Linie: Die Note wird nun korrekt am achten Bund angezeigt. Das gefällt uns sehr gut.

Ein wertvolles Hilfsmittel von Sibelius ist die automatische Tonumfang-Anzeige. Schreiben Sie beispielsweise für Violine und wählen Sie eine zu hohe oder zu tiefe Note, werden diese außerhalb des Tonumfangs liegenden Noten orange markiert: Leuchtet der Notenkopf hell, dann ist kein Instrumentalist in der Lage, diesen Ton zu spielen. Ist das Orange dunkler, können zumindest Virtuosen den Notentext wiedergeben. Stellen Sie sich vor, der Komponist Max Bruch hätte bereits eine intelligente Software wie Sibelius für das Komponieren seines ersten Violinkonzertes gehabt: Er hätte wohl kaum den Geiger Joseph Joachim mit seinen ständigen Fragen, ob diese oder jene Passage noch spielbar sei, nerven müssen.

Bei der etwas aufwändigeren zweiten Partitur im Test, einem Arrangement für Flöte, Violine, Gitarre, Klavier und Bass, zeigt sich, wie sehr Sibelius die Arbeit erleichtert. Da Violine und Flöte meistens im Terzabstand spielen, genügt es, die Flöten-Stimme zu kopieren, in die Violin-Notenzeile einzufügen und entsprechend zu transponieren. Dazu wird zunächst die entsprechende Passage mit einem Dreifach-Klick ausgewählt, danach lassen sich die Noten transponieren. Transponieren finden Sie in der Menü-Leiste unter Noten. Über das entsprechende Untermenü geben Sie das Intervall ein und ob die Transponierung auf- oder abwärts erfolgen soll. Im Test funktioniert dies zufrieden stellend. Lediglich falsche Vorzeichen müssen entfernt werden – obwohl ungewollte Dissonanzen ja auch ihren Reiz haben können…

Daraus folgt: Sibelius ersetzt keine Grundlagen in allgemeiner Musiklehre. Trotz der umfangreichen Referenz sollten notenunkundige Musiker, die erstmals ihre Musik notieren wollen, ein entsprechendes Grundlagenwerk anschaffen. Denn nachbessern muss der Anwender in vielen Fällen. Zum Beispiel bei der insgesamt sehr guten Arrangier-Funktion. Damit können Sie beispielsweise einen Klavierauszug Ihrer Partitur erstellen. Das geht verblüffend schnell; um einzelne Korrekturen kommen auch wir nicht herum. So verdreht beziehungsweise spiegelt der Software-Arrangeur eigentümlicherweise die Vorschläge in der Melodiestimme.

Dagegen gelingt der Import der MIDI-Datei sehr gut: Zwar muss die Oberstimme nachträglich oktaviert werden – Gitarren klingen eine Oktave tiefer als notiert – ansonsten gibt es nichts zu beanstanden. Übrigens: Unklarheiten bei der Notierung können nicht dem Programm angelastet werden. Immerhin gibt die MIDI-Datei den Klang in der richtigen Oktavlage wieder und das setzt Sibelius auch um. Da Transponieren mit reinen Intervallen (Quart, Quint, Oktave) wirklich kinderleicht ist, sollte dies niemanden stören. Und Gitarristen sollten darauf achten, bei ihren Partituren den korrekten Violinschlüssel vorzuwählen.

Das Anhören der eigenen Musik ist mit Sibelius sehr angenehm und inspirierend. Denn die Wiedergabe der Noten gehört zu den Stärken des Programms. Auch wenn Sie keine Artikulations- und Dynamikanweisungen in die Partitur eingegeben haben, ist es möglich, die Musik recht lebendig, wie von echten Musikern gespielt, erklingen zu lassen. Die Funktion Live-Wiedergabe macht’s möglich. Mit ihr klingt alles viel besser als die dröge und mechanische Wiedergabe, die wir von schlichter ausgestatteten Programmen her kennen.

Wenn Ihnen die Klänge des Kontakt-Player Silver nicht genügen, können Sie die Wiedergabe-Qualität mit den Libraries Garrington Personal Orchestra oder Rock & Pop-Collection erweitern und hörbar verbessern. Die Streicher-, Bläser-, und Tastensamples klingen insgesamt gut, lediglich die Bundinstrumente, vor allem die Gitarren, wirken sehr unnatürlich. Aus diesem Grund bevorzugen wir die Harfe als Wiedergabe-Instrument für die Gitarrenstücke. Zusammen mit dem Sibelius-eigenen Mixer, der für jede Einzelstimme einen Mute-/Soloschalter, sowie Lautstärke- und Pan-Regler bereitstellt, lässt sich die Musik ein wenig abmischen. Wenn Sie wollen, können Sie nun mit dem Kontakt-Player eine Audio-Datei exportieren und diese dann auf CD brennen. Damit haben Sie annehmbare Demoaufnahmen, was im Musikunterricht und bei Bewerbungen sehr nützlich ist.

Eine der starken neuen Funktionen in der Version 4.1: die Möglichkeit, der Partitur ein Video anzuhängen. Wir wählen ein Beispielvideo von der CD-ROM aus und spielen dieses gemeinsam mit der Partitur ab. Sibelius synchronisiert den Kurzfilm automatisch mit der Musik. Wenn Sie vorhaben, die Musik zum Geschehen auf dem Bildschirm maß zu schneidern, werden Sie die Funktionen Timecode und Hit Points schätzen. Möchten Sie beispielsweise einen Trailer überspringen, legen Sie im Menü Timecode und Dauer fest, ab wann der Film musikalisch untermalt werden soll. Bis das klappt, bedarf es einiger Versuche; schließlich überzeugen aber die Ergebnisse. Hit Points sind Markierungen in der Partitur, die wichtige Ereignisse im Film festlegen. Am Besten beschreiben Sie das Ereignis knapp (Spaziergänger tritt auf Bananenschale), damit Sie passgenau und dramaturgisch unterstützend komponieren können. Ihre Einträge finden Sie im Menü Hit Points. Dort werden Ihnen die Zeitpositionen für die markierten Ereignisse einschließlich Ihrer Bildbeschreibung genau angezeigt.

Wenn die eigentliche Komposition steht, geht es ans Layouten. Hier bietet Sibelius erwartungsgemäß professionelle Stilvorlagen, die Ihre Musik wahlweise wie von Hand gestochen oder wie in populären Lead-Sheet-Sammlungen aussehen lassen. Dabei müssen Sie die Partitur-Seiten nicht umständlich einrichten. Die Voreinstellungen von Sibelius überzeugen und die Ausdrucke gefallen einfach.

Klasse ist die Möglichkeit, die Einzelstimmen aus einer Partitur per Mausklick herauszuziehen. Es genügt in eine Notenzeile, zum Beispiel die Violinstimme, an zu klicken, ein weiterer Klick auf die Seitensymbole in der Werkzeugleiste – Sibelius präsentiert dem Anwender sofort ein optisch ansprechendes Notenblatt. Die Einzelstimme können Sie sofort ausdrucken; die Instrumentalisten haben damit genug Raum für den Eintrag von Fingersätzen und dergleichen.

Fazit

Sibelius ist ein ausgezeichnetes Programm, um Musik zu notieren und es erfüllt fast alle Wünsche in punkto Ausstattung und Funktionsumfang. Wenn Sie sich eingearbeitet haben, belohnt Sibelius den engagierten Tonsetzer mit perfekten Ausdrucken, die wahlweise wie von Hand gestochen aussehen.    

Erschienen in Ausgabe 08/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 699 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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