Canale Grandioso

Aus drei mach eins lautet das Motto beim Tube-Tech Classic Channel aus dem Hause Softube. Das Bundle, bestehend aus den Emulationen von zwei legendären Equalizern und einem nicht minder hoch geschätzten Kompressor, bietet damit alles, um Signalen auf nachhaltige Weise zu Leibe zu rücken. Was sich alles damit anstellen lässt und wie der Classic Channel klingt, haben wir für Sie herausgefunden.       

Von Georg Berger

Nachdem die schwedischen Plug-in-Künstler von Softube im Frühling diesen Jahres mit der Emulation des ME 1B Plug-ins auf den Markt kamen, war es eigentlich nur eine logische Konsequenz, dass mit dem Classic Channel zur gleichen Zeit ein Bundle sämtlicher bislang produzierter Emulationen von Tube-Tech-Hardware nachgereicht wurde. Außer dem Mid-Range-Equalizer ME 1B enthält das Bundle noch den Pultec-Equalizer Nachbau PE 1C sowie die Emulation des Röhren-Opto-Kompressors CL 1B, den wir bereits in Heft 2/2010 einem Vergleich mit der Tube-Tech-Hardware unterzogen haben. Der Clou: Im Lieferumfang findet sich mit dem eigentlichen Classic Channel ein viertes Plug-in, das als Host fungiert und alle drei zuvor genannten Prozessoren zusammen auf einer Oberfläche versammelt. Vorteil: Der Anwender kann sich Insert-Slots in der DAW sparen und deutlich flotter und übersichtlicher ans Werk gehen, da sämtliche Prozessoren – ganz dem Konzept eines Channelstrips verpflichtet – stets im direkten Zugriff bereitstehen. Beim Kauf des Bundles verlangt der Hersteller 470 Euro, was knapp 200 Euro günstiger ausfällt als der Kauf der nach wie vor erhältlichen Einzel-Plug-ins. Besitzer des  CL 1B- oder PE 1C-Modells oder beider Plug-ins zusammen, können dabei für entsprechend günstigere Preise auf den Classic Channel upgraden. Oberflächlich betrachtet mag das Preis-Leistungsverhältnis für die Upgrades im Vergleich zum Erstkauf des Bundles teils deutlich schlechter ausfallen, rechnet man die Preise für die bislang gekauften Plug-ins mit dem Upgrade-Preis zusammen. Wer nur den PE 1C oder CL 1B besitzt, zahlt etwa 40 Euro mehr im Vergleich zum Kauf des Bundles. Wer beide Plug-ins besitzt hat schließlich sogar knapp 100 Euro mehr ausgegeben. Doch dieser Vergleich hinkt ganz gewaltig und hängt von der Perspektive ab, aus der die Upgrade-Preise betrachtet werden. Denn letztlich erhält der Anwender im letztgenannten Beispiel das ME 1B Plug-in im Vergleich zum Einzelkauf für die Hälfte des Preises plus den Classic Channel Host, was wiederum deutlich günstiger ausfällt. Gleiches gilt auch für diejenigen, die bislang nur eines der beiden Plug-ins besitzen. Von daher geht die Preisgestaltung ohne Wenn und Aber in Ordnung. 

Sämtliche Plug-ins wurden von Softube in enger Zusammenarbeit mit Lydkraft, dem dänischen Schöpfer der Tube-Tech Hardware, produziert und letztlich auch autorisiert. Auffällig in allen Plug-ins ist die fotorealistische Reproduktion der Bedienoberfläche, die von einer imaginären Lichtquelle beleuchtet wird und Glanzlichter auf die schwarzen, griffigen Regler zaubert, die beim Drehen ein changierendes Licht- und Schattenspiel zeigen. So etwas sieht man bei Plug-ins selten. Witzig: Ist der CL 1B Kompressor auf Bypass geschaltet, erlischt die Beleuchtung des VU-Meters und zeigt Reflexionen nicht näher erkennbarer Gerätschaften. Sehr schön: Sämtliche Plug-ins liegen nunmehr auch in einer VST3-Version vor, was bei unserem Vergleich zwischen CL 1B Soft- und Hardware seinerzeit noch nicht realisiert und von uns moniert wurde. Cubase-/Nuendo-Anwender können damit den Sidechain des Kompressors endlich ohne Umschweife nutzen und sich endgültig vom lästigen Erzeugen einer Vierkanal-Gruppenspur verabschieden. Darüber hinaus wartet jedes Plug-in mit weiteren Besonderheiten im Vergleich zur Hardware-Vorlage auf: So verfügen beide Equalizer über einen Output-Gain-Regler und der Kompressor wartet anstelle von zwei nur mit einem Sidechain-Bus auf, wobei auf virtueller Ebene ein zweiter Bus wenig sinnvoll wäre (siehe Test in Heft 2/2010). Bemerkenswert ist auch eine Statusleiste am Fuß sämtlicher Plug-in-Oberflächen, die beim Überfahren der Maus über die Regler Auskunft über die eingestellten Werte in Zehntel-Schritten zeigt. Attack- und Release-Werte im CL 1B werden sogar mit einer Genauigkeit bis zur dritten Stelle hinter dem Komma angezeigt, was ein äußerst präzises Einstellen ermöglicht. Dies ist insofern von Vorteil, wenn Einstellungen des Classic Channel-Plug-in auf einen der Einzel-Effekte oder umgekehrt transferiert werden sollen. Denn das Laden und Speichern von Presets zwischen Classic Channel und den Einzel-Plug-ins ist (noch?) nicht möglich. Der eigentliche Classic Channel verfügt zusätzlich über ein Routing Panel am Fuß der Bedienoberfläche. Per Kippschalter lässt sich dort jeder Prozessor auf Bypass schalten. Gleiches ist übrigens auch durch Druck auf die roten Betriebsleuchten möglich, die anschließend verlöschen und deutlich Auskunft über den Betriebszustand der Geräte geben. Ein weiterer Kippschalter offeriert schließlich die Möglichkeit, die beiden Equalizer gemeinsam vor oder hinter den Kompressor zu routen, wobei das Signal zuerst in den PE 1C und dann in den ME 1B gelangt. Schön wäre dabei, wenn sich die Position der Prozessoren analog zur Einstellung des Schalters auf der Oberfläche ändern würde. Der Bedienkomfort würde dadurch deutlich erhöht werden, denn im Test entdecken wir uns des Öfteren, wie wir uns mit prüfendem Blick Auskunft über das zurzeit eingestellte Routing verschaffen (müssen). Abseits dessen zeigen sich die Routing-Möglichkeiten des Classic Channel recht überschaubar. Sicherlich ließe sich trefflich über das Fehlen von Features diskutieren wie etwa das völlig freie Anordnen sämtlicher Prozessoren in der Signalfolge, das Routen nur eines oder beider Equalizer in den Sidechain des Kompressors oder ein Blendenregler zum Realisieren einer Parallel-Kompression. Die Einsatzmöglichkeiten des Classic Channel würden sich dadurch ohne Zweifel deutlich erweitern. Doch offensichtlich hat sich Softube vielmehr der Authentizität der virtuellen Reproduktionen verpflichtet gefühlt und von solchen Frankenstein-Maßnahmen Abstand genommen. Denn abseits solcher Kriterien spielt der Klang und das Regelverhalten der Prozessoren die unangefochtene Hauptrolle. Beides soll dem Anwender möglichst ohne Schnickschnack zur Verfügung gestellt werden, um seine Arrangements mit dem seit Jahrzehnten hochgeschätzten Tube-Tech-Sound zu veredeln. Wie das geschieht, schauen wir uns jetzt an.  

Eines vorweg: Die dänische Pro-Audio-Schmiede Lydkraft handelt streng nach dem Motto „Ohne Röhre geht’s nicht“, was letztlich mit dem Namenszusatz Tube-Tech deutlich unterstrichen wird. Dabei kommt es dem Chefdenker und Firmen-Inhaber John G. Petersen stets darauf an, dass das Signal ausschließlich von der Röhre als Klang bildendes Element geformt wird. Halbleiter-Elemente, die zwar präziser arbeiten als Röhren haben im Signalweg nichts verloren und verrichten wie etwa im CL 1B ihren Dienst lediglich zum Erzeugen von Steuerspannungen, wie etwa für die Attack- und Release-Phasen. Dieses Credo hat den Produkten von Tube-Tech seit über 25 Jahren einen einschlägigen Ruf in der Tonstudio-Szene eingebracht, wobei sich die Produkte sowohl durch Transparenz als auch den allseits hochgeschätzten angenehmen Röhrensound sowie durch ihr musikalisch-organisches Verhalten auszeichnen, um Signale mit einem gehörigen Schuss edlem Highend-Glanz zu versehen (siehe Tests in Heft 10/2007 und 2/2010). Einziges Manko: Die Tube-Tech-Hardware ist nicht gerade günstig, aber trotzdem jeden Cent wert. Beides – Regelverhalten und Sound – haben die Entwickler von Softube, soviel sei schon verraten, auf fast schon erschreckend authentische Art und Weise auf die virtuelle Ebene gehoben.  Als erstes schauen wir uns die beiden Equalizer an. Mit dem Modell PE 1A feierte John G. Petersen 1985 seinen Einstand in den Studiogeräte-Markt, was nach einigen Modifikationen seitdem als Modell PE 1C weiter fortlebt. Dabei handelt es sich um einen detaillierten Nachbau des legendären passiven Equalizers Pultec EQP 1A. Die Besonderheit dieses Equalizers: Obwohl er lediglich Bässe und Höhen zu beeinflussen vermag, arbeiten gleichzeitig vier Filter im Gerät. So realisiert ein Shelving-Filter im Bass ausschließlich das Dämpfen von Frequenzen, wohingegen das andere Shelving-Filter die Frequenzen verstärkt. Obwohl die Center-Frequenz nur gemeinsam für beide Filter einstellbar ist, differieren sie trotzdem ein wenig voneinander – das Cut-Filter besitzt leicht höhere Einsatzfrequenzen –, was beim gleichzeitigen Anheben und Dämpfen der Frequenzen zu charakteristischen Mulden im Frequenzgang führt. So zeigt sich bei einer Center-Frequenz von 30 Hertz eine deutliche Mulde um 200 Hertz sowie ein Boost bei etwa 80 Hertz. Dieser Over-/Undershoot, auch Low-End-Trick genannt, war seinerzeit einzigartig und sorgt bis heute auch im Tube-Tech-Equalizer für ein charakteristisches Ausformen des Klangs. Das Höhenband ist hingegen mit einem Glockenfilter inklusive justierbarer Güte für das Verstärken und einem Shelving-Filter für das Dämpfen von Frequenzen ausgestattet. Beide Filter führen im Wechselspiel ebenfalls zu charakteristischen Frequenzgängen, wobei das Gain des Glockenfilter in Abhängigkeit zur eingestellten Güte in Maximalstellung zwischen zehn (kleiner Q-Faktor) und 18 Dezibel (hoher Q-Faktor) variiert. Einziges Manko im EQP 1A, respektive PE 1C: Der Mittenbereich ist wenig bis überhaupt nicht einstellbar, weshalb Pultec seinem sogenannten „Program-Equalizer“ seinerzeit das Modell MEQ-5 zur Seite stellte, das ebenfalls in passiver Technik arbeitete und gezielt zum Entzerren des Mittenbereichs diente. Mit dem Modell ME 1A stellte John G. Petersen 1987 den Nachbau dieses Mitten-Equalizers vor, der 1991 in der Version ME 1B erschien. Hier wie dort arbeiten drei Filter, wobei die Außenbänder für untere und obere Mitten ausschließlich Frequenzen verstärken und das dazwischen liegende Mittenband Frequenzen lediglich dämpft. Besonderheit: Die Frequenzen des Mittenbands überlappen sich weit mit den beiden Außenbändern, so dass auch im MEQ-5, respektive ME 1B entsprechend dramatisch, steilflankige Kurvenverläufe realisierbar sind. Bemerkenswert: Allen Equalizern gemeinsam ist, dass sie aufgrund ihrer passiven Bauweise lediglich eine bestimmte Zahl an Fest-Frequenzen offerieren, die mit Hilfe von Spulen realisiert werden. Die Aufholverstärkung des gefilterten Signals wird dabei mit Hilfe einer Röhre realisiert.  

Der Opto-Kompressor CL 1B ist hingegen kein reinrassiger Hardware-Klon. Obwohl sich aufgrund seines optischen Regelglieds Parallelen zum legendären Teletronix LA-2A zeigen, wartet das Tube-Tech Gerät mit deutlich mehr Features auf. Im Signalweg sorgen dabei Röhren für charakteristischen Klang, die hierbei als Aufholverstärker fungieren. Eine ECC 83 Röhre ist für die Vorverstärkung verantwortlich, wohingegen ein ECC 82-Modell als Endstufenröhre fungiert. Das optische Regelglied verrichtet direkt hinter dem Eingang seinen Dienst und, typisch für dieses Prinzip der Dynamikreduktion, wartet mit einer Soft-Knee-Charakteristik auf. Die Ausstattung zeigt sich standesgemäß mit dem üblichen Satz an einstellbaren Parametern für Threshold, Ratio, Make-up Gain, Attack und Release, wobei die letztgenannten Einstellmöglichkeiten mit einer Besonderheit aufwarten: Im Gerät finden sich zwei separat aufgebaute Zeit-Schaltkreise, die über den fix./man.-Schalter einzeln und kombiniert nutzbar sind. Im Schaltkreis des fixed-Modus besitzen Attack und Release fest eingestellte Werte, die sich nicht ändern lassen (eine und 50 Millisekunden). Der Schaltkreis des manual-Modus erlaubt wie gehabt die freie Justage beider Parameter mit den entsprechenden Reglern. Der kombinierte fix./man.-Modus hingegen besitzt die fest eingestellte Attack-Zeit des fixed-Modus. Das Signal durchläuft jedoch die Release-Phasen beider Schaltkreise, wobei vornehmlich Transienten mit dem Release des fixed-Modus reguliert werden. Der Clou: Über den Attack-Regler lässt sich eine Dauer definieren, innerhalb dessen Transienten mit der fest eingestellten Release-Phase reguliert werden, ähnlich einer Hold-Funktion. Signale mit unterschiedlich lang klingenden Transienten lassen sich mit Hilfe des Attack-Reglers sozusagen einfangen und mit dem Release des fixed-Schaltkreises verarbeiten. Transienten und Signalanteile, die länger andauern als über den Attack-Regler vorgegeben, werden folglich weitergereicht und mit dem Release des Manual-Schaltkreises auf die Originallautstärke angehoben.    Im Hör- und Praxistest überzeugt der Classic Channel erwartungsgemäß auf ganzer Linie. Heldenhaft wie die drei Musketiere stürzen sich die Prozessoren auf anliegende Signale, merzen Schwachpunkte aus, verschönern sie auf eigentümliche Art und lassen sie in neuem Glanz förmlich erstrahlen. Wir können dabei einstellen was wir wollen, alles klingt immer gut. Selbst absichtliche Fehlstellungen gerade im Kompressor besitzen immer noch einen eigentümlichen Reiz, dem wir uns nicht entziehen können. Ganz gleich ob alle drei Prozessoren zum Einsatz kommen oder nur einer, das Signal besitzt anschließend eine Art Highend-Charakter, der die Aufnahmen wie ein zarter Schleier umhüllt und sie nachhaltig schönt. Dabei gehen alle Prozessoren äußerst subtil, aber dennoch nachhaltig ans Werk. Der Kompressor verdichtet je nach Einstellung Signale zwar hörbar, lässt aber die Lebendigkeit des Vortrags unangetastet, so als ob überhaupt kein Eingriff geschehen ist. Auch die Equalizer zeigen ihre subtilen Qualitäten auf eindrucksvolle Art, als wir den Classic Channel nach längerem Hören auf Bypass schalten. Wie in allen anderen Tests passiver Equalizer zeigen auch die Softube-Equalizer einmal mehr ihr musikalisches Potenzial. Alles klingt auf einmal irgendwie harsch, unangenehm und falsch, was uns direkt wieder veranlasst, den Classic Channel zu aktivieren. Sicherlich, das chirurgische Entzerren und Verdichten von Signalen ist nicht die Domäne des Classic Channel, nicht zuletzt auch durch die gebotene Ausstattung. So etwas können Plug-ins wie etwa aus der Lawo-Collection (Test in Heft 12/2009) eindeutig besser. Die Domäne des Classic Channels besteht vielmehr im feinsinnigen Verschönern und Verbessern von Signalen zum besseren Platzieren im Mix. Als Sounddesign-Tool mit ästhetischen Qualitäten schafft es das Plug-in, aus langweilig klingenden Aufnahmen Aspekte herauszukitzeln, die man ihnen so nicht zugetraut hätte. Im Test kristallisiert sich das ME 1B Plug-in dabei als Geheimwaffe heraus, das wir alsbald nicht mehr missen wollen. Trotz eingeschränkter Zahl an einstellbaren Frequenzen finden die Equalizer im Test stets die passende Antwort, was einmal mehr für die Genialität der Pultec-Entwickler bei der Auswahl einstellbarer Frequenzen spricht. Der Classic Channel empfiehlt sich unterm Strich als Universalwaffe für jegliche Art von Programmmaterial, wenngleich sich das Bearbeiten von Vocals und Drums nicht zuletzt durch die Qualitäten des CL 1B im Test als besonders eindrucksvoll und nachhaltig zeigt. 

Fazit

Mit dem Classic Channel Bundle offeriert Softube dem Tonschaffenden ein günstiges Plug-in-Paket, mit dem sich auf traumwandlerische Art Signale nachhaltig verschönern lassen. Die fast schon erschreckend authentisch emulierten Tube-Tech-Prozessoren realisieren ästhetisches Sounddesign auf höchstem Niveau, das den Anwender letztlich nur vor ein Problem stellt: Für welches der ausnahmslos hervorragend klingenden Sound-Settings entscheide ich mich.

Erschienen in Ausgabe 09/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 470 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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