Herzlichen Glückwunsch

SE Electronics feiert sein zehnjähriges Bestehen und beschenkt sich mit dem limitierten Gemini III gleich selbst. Das Röhren-Großmembranmikrofon hat es buchstäblich und im übertragenen Sinne in sich.    

Von Harald Wittig 

Mikrofone aus chinesischer Fertigung haben nach wie vor gegen Vorurteile zu kämpfen. Trotz inzwischen beachtlicher Qualität – sowohl in puncto Verarbeitungsgüte als auch in klanglicher Hinsicht –, werden Schallwandler aus dem Reich der Mitte das Billigmikrofon- Image nicht los. Anders verhält sich das allerdings im Falle der Produkte aus dem Hause SE Electronics: Die Mikrofon-Manufaktur hat mit den zahlreichen China-Mikrofonen, die hierzulande beispielsweise als Hausmarken großer Musikhäuser bekannt und in der Regel Kopien berühmter Mikrofon-Legenden sind,  lediglich den Fertigungsort Schanghai gemein. Ansonsten fertigt SE Electronics in der eigenen, modernen Fabrik, von einigen OEM-Produkten abgesehen, eigens entwickelte Mikrofone. Firmengründer Siwei Zou, der im Jahr 2000 SE Electronics ins Leben rief, ist selbst ausgebildeter Musiker, Dirigent und Komponist und lebte und lehrte eine Zeitlang in den USA. Dort studierte er neben seinem Lehrauftrag an der kalifornischen Sonomo State University für Komposition und Orchestrierung gleich noch Tontechnik, so dass es nicht überrascht, dass Zou im Jahr 2000 SE Electronics ins Leben rief.  In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mikrofone aus Shanghai großes Ansehen erspielt, denn neben ihrem hohen Verarbeitungsstandards und Robustheit, überzeugen SE Electronics-Mikrofone regelmäßig durch Ihren Klang. Insoweit sei an die Professional audio-Tests der Bändchenmikrofone R 1 Ribbon (Ausgabe 2/2007 und RNR-1, das in Zusammenarbeit mit Rupert „Mister“ Neve entstand, erinnert: Beide Mikrofone verdienten sich die Prädikate „Oberklasse sehr gut“ beziehungsweise „Spitzenklasse sehr gut.“ Auch das mittlerweile nicht mehr hergestellte Röhren-Großembranmikrofon Gemini, als solches gewissermaßen der Großvater unseres heutigen Testkandidaten Gemini III, ist uns noch in guter Erinnerung, denn es überzeugte im großen Großmembran-Vergleichstest in Ausgabe 11/2006 auf ganzer Linie. Daher sind wir gespannt, was das Gemini III zu bieten hat.

Das Gemini III ist ein auf 333 Stück limitiertes Sondermodell zum zehn-jährigen Bestehen von SE Electronics, deutlich zu erkennen an dem Silberblättchen auf dem Gehäuse und dem Aluminiumkoffer. Mit einem empfohlenen Verkaufspreis von fast 1.800 Euro ist das Gemini III alles andere als ein Billigmikrofon, im Vergleich zu namhaften Mitbewerbern allerdings schon wieder günstig zu haben – sofern Interessierte ein Gemini III ergattern können. Das ist bedauerlich, denn obwohl das Jubiläums-Mikrofon technisch auf dem Serienmodell Gemini II basiert, hat es diesem die umschaltbare Richtcharakteristik voraus. Im Wesentlichen – abgesehen von einigen kosmetischen Verfeinerungen am Gehäuse – ergibt sich daraus der gegenüber dem Serienmodell um 300 Euro höhere Preis des Gemini III. Im Unterschied zum Ur-Gemini und dem Gemini II, die beide eine feste Nierencharakteristik hatten beziehungsweise haben, ist das Gemini III wie gesagt umschaltbar. Deswegen verfügen das Mikrofon über eine handgefertigte Doppel-Membrankapsel. Die unterschiedlichen Richtcharakteristiken – Niere, Kugel und Acht – ergeben sich klassisch durch Aufschalten unterschiedlich hoher Polarisationsspannungen auf die beiden Rücken an Rücken stehenden Nieren-Kapseln. Wobei die Bezeichnung „Nieren-Kapseln“ unscharf ist: Tatsächlich handelt es sich nämlich nicht etwa um eine Doppel-Kapsel oder Dual-Kapsel,  wie sie sich beispielsweise beim Microtech Gefell UM 930 findet. Stattdessen teilen sich zwei Membranen auf Neumann-Art und mit Neumann-typischem Mittenkontakt eine gemeinsame Gegenelektrode. Die Umschaltung erfolgt über das mitgelieferte Netzteil, das dem Tonmeister dank seiner neun Raststufen auch Zwischenwerte und Zwischencharakteristika, beispielsweise eine breite Niere, zur Verfügung stellt. Beim Stichwort „Netzteil“ weiß der aufmerksame Leser selbstverständlich sofort, dass es sich beim Gemini III um ein Röhren-Mikrofon handelt. Also um ein Mikrofon dessen Verstärkereinheit als aktives Element eine Elektronen-Röhre verwendet. Im Falle aller Gemini-Modelle setzen die SE Electronic-Entwickler allerdings auf eine Doppel-Röhrenschaltung. Im Verstärker kommt neben der eingangsseitigen Doppel-Triode des Typs 12AX7/ECC83 eine zweite Trioden-Röhre, diesmal eine 12AU7/ECC82, zum Einsatz. Diese ersetzt den gängigen Ausgangsübertrager, es handelt sich damit also um eine  Vollröhrenschaltung, wobei beide Röhrenstufen dem Mikrofon seinen Eigenklang verleihen sollen. Wodurch sich dieser letztlich auszeichnet, klären wir im Rahmen des Praxistests. 

Im Unterschied zum Gemini I verfügt das Jubiläums-Modell über den Vordämpfungs-/Pad-Schalter, der bei Aktivierung die Empfindlichkeit um 10 Dezibel herabsetzt, und den Hochpass-Filter mit einer praxisgerechten Einsatzfrequenz von 100 Hertz des Gemini II. Aktiviert werden Vordämpfung und Hochpassfilter am Mikrofon selbst mittels zweier Kippschalter. Womit wir direkt Hand an das massive Gehäuse anlegen. Dieses ist aus dickwandigem Stahlblech und macht einen äußerst robusten Eindruck. Die Bohrungen auf der Rückseite dienen der Belüftung der beiden Röhren und gestatten gleichzeitig einen Blick auf die klimmenden Glaskolben.  Anders als das Serienmodell Gemini II mit seiner grau-grünen, etwas militärisch wirkenden Lackierung, ist die Gehäuse-Oberfläche des Sondermodells mit einer abrieb- und kratzfesten Gummischicht überzogen. Damit wirkt das Mikrofon deutlich wertiger, wenngleich es – vermutlich ganz bewusst – nicht den Luxus beispielsweise eines Microtech Gefell M990 Art verströmt. Das Gemini III ist ein richtig schwerer Brocken: Fast eineinhalb Kilogramm bringt dieses Trumm auf die Waage, folgerichtig ist die mitgelieferte Spinne ebenfalls ein Schwergewicht. Die elastische Halterung im Neumann-Stil ist von guter Qualität, dennoch verlangt das Mikrofon unbedingt nach einem schweren, grundsoliden Mikrofonstativs. Das weiß auch SE Electronics und bietet deshalb mit dem Stand 3, der am Ausziehgalgen mit einem besonders schweren Gegenwicht, „Boom“ genannt, ausgestattet ist, ein adäquates Stativ an. Das allerdings nochmals mit rund 530 Euro zu Buche schlägt. Alternativen für etwas weniger Geld bietet beispielsweise der Ständer-Spezialist König & Meyer mit den Dreibein-Stativen 21411 und 20811 für rund 100  Euro beziehungsweise etwa 225 Euro, zuzüglich Schwenkarm 21231, der circa 100 Euro kostet, an. Die Kombination aus 20811/21231 verwenden wir regelmäßig bei Mikrofontests, so auch beim Praxistest des Gemini III.  Beim obligatorischen Auftritt im Professional audio-Messlabor beweist das Gemini III, dass SE Electronics was vom Mikrofonbau verstehen – nicht umsonst gibt es Szene-Insider, die den chinesischen Hersteller als „Asien-Neumann“ bezeichnen. Es sei mal dahingestellt, ob einem Hersteller mit solchen vergleichenden Spitznamen gedient ist. Eines ist aber sicher: Die Messwerte des Röhren-Boliden können sich sehen lassen. In Kugelcharakteristik hat das Mikrofon eine sehr hohe Empfindlichkeit von 26,5 mV/Pa, so dass es zusammen mit dem ermittelten Geräuschpegelabstand von 78,7 Dezibel praktisch rauschfrei ist. Das gilt auch für die Nieren- und die Achtercharakteristik, obwohl das Gemini III mit 17,1 beziehungsweise 13,5 mV/Pa deutlich leiser ist. Das ist maßgeblich dem sehr geringen Eigenrauschen geschuldet. Das Messlabor ermittelt mit 78,9 für die Nieren- und 77,7 Dezibel für die Achter-Charakteristik ausgezeichnete Werte für den Geräuschpegelabstand. Angesichts der Dual-Röhrenschaltung eine reife Ingenieursleistung. Immerhin erhöht die zweite Röhre die Gefahr störenden Eigenrauschens, weswegen die Messwerte für diese Bauweise als exzellent zu bezeichnen sind. Auch die ermittelten Frequenzgänge können sich sehen lassen. Vorbildlich linear und an der Grenze des technisch Machbaren ist der Frequenzgang bei Nierencharakteristik, ebenfalls untadelig, wenngleich etwas welliger, zeigt sich die Messkurve für die Kugelcharakteristik (siehe die Diagramme auf den Seiten 71 und 72). Schließlich präsentiert sich der Kurvenverlauf bei der Acht wie aus dem Pflichtenheft des Großmembran-Mikrofonbaus: Die Acht ist die konstruktiv anspruchsvollste Charakteristik überhaupt. Dementsprechend teuer sind die besten reinen Druckgradientenempfänger, wobei es sich üblicherweise um Kleinmembranen handelt. Bei einer Großmembran hat der Hersteller mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, beispielsweise einer Höhenanhebung wegen Druckstaus vor der Membran. Eingedenk dessen ist der Frequenzgangschrieb des Gemini III in Stellung „Acht“ ausgezeichnet und – wie auch der Frequenzgang für die Nierencharakteristik – für diese Mikrofongattung herausragend. 

Aufgrund des souveränen Bestehens des Messtests interessiert es uns selbstverständlich, wie das Mikrofon im Praxis- und Klangtests abschneidet. Dafür fertigen wir wie üblich mehrere Aufnahmen an: Für jede Charakteristik jeweils eine Sprach- und eine Aufnahme mit Gitarre, die sich als besonders leises Instrument für die Bewertung des Eigenrauschens nach Gehör empfiehlt. Die Klangbeispiele gibt es einmal mehr zum kostenlosen Download  auf unserer Website www.professional-audio-magazin.de.  Anders als die vielen Billig-Röhrenmikrofone, die mehr oder weniger erfolgreich auf einen fetten, warmen Klang mit zurückgenommenen Hochmitten und Höhen optimiert sind, klingt das Gemini III weitaus moderner. Soll heißen: In Nierencharakteristik erinnert das Mikrofon eher an ein signaltreues Transistormikrofon, denn es rauscht auch im Kleinsignalbereich praktisch nicht und überzieht weder Stimme noch Gitarre mit einem markanten Eigenklang. Das heißt aber nicht, dass das Gemini III mit unserer Großmembran-Referenz, dem Microtech Gefell M930 klanglich gleichzieht. Im direkten Vergleich wirkt das M930 noch signaltreuer, damit aber auch gnadenloser, denn es bildet auch unliebsame Nebengeräusche quasi fotorealistisch ab. Das Gemini III ist – trotz hoher Auflösung – eine Spur gnädiger und arbeitet im übertragenen Sinne mit einer feinen Dosis Weichzeichner. Das könnte an der Dual-Röhrenschaltung liegen. Allerdings klingen etliche Röhrenmikrofone der Oberklasse deutlich präsenter und luftiger, was nach wie vor bei Gesangsaufnahmen gerne gehört ist. Das Gemini III beweist, dass dieser präsente Klang nicht, wie oft zu lesen ist, ein Charakteristikum hochwertiger Röhrenmikrofone ist, sondern wie immer eine Frage des Kapsel- und Verstärkerdesigns. Wir halten fest: Mit dem Gemini III gelingen ansprechende Gesangs- sowie Instrumentenaufnahmen mit eigener Klangcharakteristik, wobei die Grundlage die Original-Signalquelle ist. Zumal der Nahbesprechungseffekt vergleichsweise gering ausgeprägt ist, so dass es auch bei Nahmikrofonierung nicht zu einem übertrieben bassigen Klang kommt. Nebenbei erwähnt widerlegt das SE Electronic das immer noch verbreitete Vorurteil, dass ein großes, im Falle des Gemini III sogar gewaltiges Mikrofon, immer einen überlebensgroßen Sound schafft. Die Kugel klingt dagegen, was auch schon der ermittelte Frequenzgang andeutet, deutlich frischer und – jawohl – präsenter. Dabei gefällt die gute Tiefenwiedergabe, die, obwohl es nicht um einen Druckempfänger handelt, für ein stabiles Bassfundament sorgt. In Stellung „Kugel“ empfiehlt sich das Gemini III in erster Linie als Haupt- oder Raummikrofon, spielt der Anwender ein wenig mit der Richtcharakteristik und mischt Niere und Kugel, passt das Mikrofon auch gut zu Instrumenten, beispielsweise Cello oder Kontrabass. Die Acht  wiederum ist vor allem für die stereophone Aufnahme im Mitte-Seite-Verfahren geeignet und lässt sich hierbei sehr gut mit herausragenden Nieren wie beispielsweise dem Microtech Gefell M930 kombinieren. Auch das speziell für akustische Instrumente zu Recht als Geheimtipp geltende Blumlein-Verfahren – Intensitätsstereophonie mir gekreuzten Achten (siehe hierzu auch den Test des Sontronics Apollo in dieser Ausgabe) – lässt sich mit zwei Geminis realisieren. Wichtig: Für alle Anwendungs-Beispiele gilt, dass ein stabiles Stativ unbedingt dazugehört. Wenn ein solches noch nicht zur Ausrüstung gehört, sollte jeder, der mit dem Gemini liebäugelt in einen  grundsoliden Mikrofonständer investieren. Erst dann kann das Mikrofon sein beachtliches Klangpotenzial ausspielen.

Fazit 

Mit dem limitierten Jubiläumsmodell Gemini III beweist SE Electronics seine Kompetenz im Mikrofonbau, denn dieses Großmembranmikrofon mit Dual-Röhrenschaltung überzeugt messtechnisch und klanglich gleichermaßen und verdient sich einen Platz in der Spitzenklasse. Allerdings wird es sehr schwer sein  eines der 333 Exemplare zu erstehen. Deswegen wünschen wir uns unbedingt ein Serienmodell, das alle Vorzüge der Sonderedition in sich vereint.

Erschienen in Ausgabe 07/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1785 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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