Röhrenklang im Kleinformat

Röhren-Kleinmembranmikrofone sind rar, was das ELA M 260 per se schon bemerkenswert macht. Wenn dann auch noch die goldene Mikrofon-Ära heraufbeschworen wird, sind Mikrofon-Enthusiasten sofort glockenwach.

Von Harald Wittig 

Wer hätte das gedacht: Als der amerikanische Toningenieur Toni Roger Fishman 2001 den traditionsreichen Namen Telefunken erwarb und das Unternehmen „Telefunken Elektroakustik“ mit dem Ziel gründete, exakte Repliken der legendären Röhrenmikrofone ELA M 250 und ELA M 251 zu fertigen und anzubieten, konnte er nur hoffen, dass seine Schallwandler ihrerseits zu Kultobjekten werden würden. Genau das ist aber eingetreten und die Modelle ELA M 251E, C 12 und U 47 – lautes Zungenschnalzen der Mikrofon-Kenner – erfreuen sich vor allem im Vintage-Land USA großer Beliebtheit bei Musikern und Toningenieuren. Die Repliken gibt es zwar nicht eben zum Schnäppchenpreis – die Modelle ELA M 250 und U 47 schlagen mit rund 14.000 beziehungsweise 10.000 Euro zu Buche –, angesichts der horrenden Gebrauchtmarktpreise für gut erhaltene Originale ist das noch günstig. 
Gleichwohl ernähren hochpreisige Luxus-Schallwandler ein Unternehmen nicht, weswegen Telefunken Elektroakustik auch eigene Entwicklungen anbietet – zu deutlich günstigeren Preisen. Dazu gehört beispielsweise das R-F-T AR-51, das wir in Ausgabe 5/2013 ausführlich vorstellten. Dieses Mikrofon verbindet die Verstärker-Schaltung der Modelle ELA M 251E und C 12 mit einer anderen Kapsel, ist also keine exakte Replik eines historischen Originals. Das trifft auch auf unser heutiges Testmikrofon, das ELA M 260 zu: Bei diesem Modell handelt es sich ebenfalls um eine Neuentwicklung, wenngleich dieses Mikrofon einen sagenumwobenen Ahnen hat – dazu aber gleich noch mehr. Das ELA M 260 ist für rund 1.800 Euro zu haben, was es zumindest preislich in die vergleichsweise erschwingliche Oberklasse einordnet. Für diesen Preis hat das Mikrofon mit der legendären Telefunken-Raute auf dem Gehäuse aber auch einiges zu bieten.
Beim ELA M 260 handelt es sich um ein Röhrenmikrofon in der recht seltenen Kleinmembran-Bauweise. Heute finden sich nur noch sehr wenige Stäbchen mit einem in Röhrentechnik aufgebauten Verstärker. Erwähnenswert ist beispielsweise das Torch ST-221 von Lauten Audio (siehe den Test in Ausgabe 6/2009) oder – wenn es Röhrentechnik auf dem aktuellen Stand der Technik sein soll – der Röhren-Mikrofonverstärker M 222 von Schoeps. Dieser ist Teil des umfangreichen modularen Colette-Systems des Karlsruher Kleinmembran-Spezialisten und deswegen mit allen Kapseln und sonstigem Colette-Zubehör kombinierbar.

Telefunken Elektroakustik geht mit seinem ELA M 260 ebenfalls einen guten Schritt in Richtung Modular-System. Die Kapsel des wunderbar altertümlich gewandeten Mikrofons ist nämlich auswechselbar. Der Hersteller hat auch gleich drei Kapseln des Typs M260 (Kugel), M261 (Niere) und M262 (Hyperniere) beigepackt, was die Flexibilität des Mikrofons selbstverständlich beträchtlich erhöht. Alle drei Kapseln haben eine im Wege des Sputterns mit Gold beschichtete Mylar-Membran und ein sauber geschnittenes Anschlussgewinde. Das gilt auch für das Gewinde am Röhrenverstärker, sodass der Kapselwechsel problemlos vonstatten geht. 
Damit unterscheidet sich das Testmikrofon von dem historischen ELA M 260, das von AKG gefertigt worden war und strenggenommen ein auf Telefunken geschminktes C28, der seinerzeit sehr erfolgreiche Druckgradientenempfänger mit fester Nieren-Charakteristik der Österreicher. Was die Telefunken-Variante besonders begehrt machte, war der Einsatz der legendären Telefunken AC701K Mini-Triode in der, erkennbar am „K“ in der Typenbezeichnung, besonders kling- und mikrophoniearmen Variante. Diese Röhre war speziell als aktives Element für den Verstärker von Kondensatormikrofonen entwickelt worden und zeichnete sich in beiden Ausführungen durch sehr geringes NF-Rauschen und kleinen Klirrfaktor aus. Es überrascht sicher niemanden, dass die AC701 in Kleinmembran-Röhrenmikrofonen von Neumann – vom Messmikrofon MM3 bis zuletzt im KM 253 – und Schoeps zum Einsatz kamen. Heute gilt diese Röhre als der Solitär unter den Glaskolben, für den Sammler erheblich mehr bezahlen als für so manches Vintage-Stäbchen. Wegen der AC701K war das ELA M 260 zeitgenössischen Berichten zufolge, deutlich rauschärmer als das C28, indem eine 6072/12AY7-Triode werkelte.Nach diesem kurzen Exkurs wollen wir unseren Scharfblick wieder auf das Testmikrofon richten, bleiben aber direkt beim Röhrenthema: Dass im ELA M 260 keine AC701 steckt, sollte jetzt niemanden wundern. Die bleibt den teuren Repliken in der besonders hochpreisigen Ausführung als ELA M 250/251 vorbehalten. Uninteressant ist die Röhre im ELA M 260 dennoch nicht, handelt es sich doch um eine neuwertige „N(ew)O(ld)S(tock)“ Telefunken EF 732, eine sogenannte Subminaturröhre. Diese Pentode kam relativ spät, nämlich Ende der 1950er-Jahre heraus, als die Transistortechnik bereits die Macht übernahm. Es handelt sich bei diesem Glaskölbchen um einen Ableger der EF 95/6AK5 mit hervorragenden HF-Eigenschaften, die zweifelsohne eine sehr gute Wahl für den Einsatz in einem Mikrofonverstärker darstellt. Ergänzung findet die EF 732 in einem eigens für Telefunken Elektroakustik in den USA angefertigten Ausgangsübertrager, der durchaus ein klingendes Wörtchen mitreden könnte.
Dass das Mikrofon gleich mit drei Wechselkapseln geliefert wird, ist eigentlich schon mal klasse – so erhalten wir mit wenigen Drehs einen besonders tiefbasskompetenten Druckempfänger, wird eine besonders starke Richtwirkung mit hoher Dämpfung rückwärtig einfallenden Schalls benötigt, ist die Wandlung in einen Druckgradienten mit Hypernieren-Charakteristik ebenso geschwind erledigt. Damit aber nicht genug: Zusätzlich findet sich im Lieferumfang des ELA M 260 noch ein Adapter, der sowohl die Verwendung von AKG CK-Kapseln mit ‚Schraubgewinde, als auch solche mit Neumann-Bajonett gestattet. Bekanntlich ist die Kapsel das klangentscheidende Bauteil eines jeden Mikrofons, weswegen dieser Adapter das Klangpotenzial des ELA M 260 beträchtlich erhöht. Das obligatorische Netzteil mit seiner sehr sauber ausgeführten Hammerschlag-Lackierung gefällt uns und vermutlich allen Vintage-Enthusiasten der Pro Audio-Welt spontan sehr gut. Es handelt sich definitiv nicht um ein Billigteil aus Fernost, auch das Anschlusskabel mit seinen Neutrik-Steckern ist „Made in USA“. Zur Aufbewahrung des Mikrofons gibt es ein hübsches, mit Samt ausgeschlagenes Holzkästchen, das bei näherer Betrachtung allerdings ein wenig billig wirkt und dessen Schließen im Laufe des Tests zumindest einen Fingernagel auf dem Gewissen haben. Aber darüber wollen wir nicht allzu laut meckern, denn Mikrofon, Kapseln, Netzteil und  Anschlusskabel sind in jedem Fall auf preisadäquatem Verarbeitungsniveau. Sehr löblich auch, dass Telefunken Elektroakustik noch einen Windschutz sowie Mikrofon-Clip und elastische Halterung beigepackt hat.

Bevor wir uns dem Klang des Teststäbchens widmen, tritt das ELA M 260 zunächst im Messlabor von Professional audio an und belegt mit grundsoliden Messwerten, das der Hersteller bei der Fertigung sorgfältig gearbeitet hat. Als Druckempfänger, also mit der Kugel-Kapsel, ist das Mikrofon mit 13,3 mV/Pa durchschnittlich empfindlich und in bester Gesellschaft mit zahlreichen Kleinmembran-Mitbewerbern – ganz gleich ob mit Transistor- oder Röhrenverstärker. Mit Nieren- und Kugelkapsel ist das ELA M 260 empfindlicher, sprich lauter: Es kommt jetzt auf 18,0 beziehungsweise 20,2 mV/Pa, bei einem für ein Röhrenmikrofon – noch dazu in Kleinmembranbauweise – sehr guten Geräuschpegelabstand von 73,2 und 73,6 Dezibel. Zusammen mit der vergleichsweise hohen Empfindlichkeit ist das Mikrofon als Druckgradientenempfänger mithin vergleichsweise rauscharm. Insoweit ist das Telefunken mit Kugel-Kapsel etwas schwächer, ermittelt die Messtechnik doch einen Wert von 70,1 Dezibel. Über die tonale Qualität des Rauschens ist damit selbstverständlich noch nichts ausgesagt, darüber reden wir im Rahmen des Praxistests.Betrachten wir noch die Frequenzgänge für die Kugel- und die Nierenkapsel: Auffällig ist der Höhenanstieg bei der Kugel oberhalb zwei Kilohertz, der im Gipfel  zwischen sieben und neun Kilohertz etwa sieben Dezibel beträgt. Dagegen präsentiert sich der Frequenzgang der Niere sehr viel ausgewogener, abgesehen von dem Höhenabfall oberhalb zehn Kilohertz. Ob und wieweit sich das alles klanglich auswirkt, wollen wir sogleich herausfinden.
Telefunken Elektroakustik empfiehlt sein ELA M 260 vor allem für die Aufnahme akustischer Musik und für die Mikrofonierung von Saiteninstrumenten. Folgerichtig nehmen wir mit allen Wechselkapseln verschiedene Spuren mit akustischen Gitarren – Nylon- und Stahlsaiten- Instrumenten – auf. Selbstredend, dass unser unbestechlicher Referenz-Vorverstärker, der Lake People Mic-Amp F355 die Mikrofonsignale verstärkt, die Digitalisierung ist wie üblich Sache des Top-Wandlers Mytek Digital 8×192 ADDA. Zum Vergleich nehmen wir mit denselben Instrumenten und Vorverstärker-/Wandler-Kombination noch zwei Spuren mit unserer Kleinmembran-Referenz, dem großartigen Schoeps MK2H/CMC6Ug auf.Das Telefunken-Mikrofon ist mit Sicherheit kein ultraneutraler Vertreter der Gattung Kleinmembran-Kondensatormikrofon – wir haben auch nichts anderes erwartet. Unabhängig von der Kapsel ist allen Aufnahmen eine gewisse Luftigkeit und hauchzarte Zerbrechlichkeit zueigen, die ganz typisch für ein gutes Röhrenmikrofon ist. Der glattpolierte, ebene Grund, den auf höchste Signaltreue optimierte Transistormikrofone haben, erblickt das hörende  Auge nicht. Wenn Sie den Verglich gestatten: Der Röhrenklang steht auf einem mehr oder weniger fein geschliffenen Holz-Parkett, der Transistorklang auf glattpoliertem Marmor – so sauber, dass wir uns darin spiegeln können. Mit der vielzitierten „Wärme“ hat das nicht notwendig zu tun, auch wenn der charakteristische Röhrenklang mit einem gesunden Anteil von Harmonischen versehen ist. Wir halten fest: Das Telefunken ELA M 260 hat einen klassisch klingenden Röhrenverstärker.

Die Kapseln sorgen für unterschiedliche Klangbilder: Die Niere gefällt mit einem insgesamt runden Grundklang mit zurückhaltenden Höhen, der aber sehr gut zur nahmikrofonierten Akustik-Gitarre passt. Vor allem dann, wenn der Spieler sich um eine vollmundigen Ton bemüht. Der Nahheitseffekt ist vergleichsweise gering ausgeprägt, weswegen auch sehr bassstarke Instrumente mit dem ELA M 260 eine gute Partnerschaft eingehen. Da das Mikrofon konstruktionsbedingt ein sehr gutes Impulsverhalten hat, empfehlen wir es auch für die Nahmikrofonierung eines Klaviers, um einen tendenziell luftigen, perkussiven, dabei aber nicht gläsernen Flügelklang zu erhalten. Auch vor einem cleanen Röhren-Amp wie unserem Fender Concert Amp macht sich das ELA M 260 mit der Nierenkapsel sehr gut. Die Hyperniere klingt präsenter und im Tiefmittenbereich leicht ausgedünnt und ist damit nicht unbedingt erste Wahl für akustische Solo- oder Duo-Aufnahmen. Im Ensemble, wo es immer auch um Durchsetzungsfähigkeit geht, ist die Hyperniere schon sehr viel besser eingesetzt. Vor einem verzerrten Gitarren-Amp gefällt sie uns besser als die Niere, denn Riffs und Solos fräsen sich sehr schön auch durch dichte Arrangements.Die Kugel liefert einen sehr frischen, präsenten Klang, der uns für Konzertgitarre weniger, für eine bassstarke Stahlsaiten-Gitarre aber umso besser gefällt. Die Basswiedergabe der Druckempfänger-Kapsel ist hervorragend, wegen des präsenten Klangs passt das Mikrofon sehr gut zu gestrichenen und gezupften Kontrabässen – der Klang wird sehr schön kernig. Allerdings besitzt der Kugel-Klang des Telefunken-Stäbchens nicht diese ganz eigene Körperhaftigkeit, die wir und viele andere von der MK2H-Kapsel von Schoeps kennen und lieben. Aber an dieses Auflösungsvermögen kommen ohnehin nur sehr wenige Spitzenmikrofone heran. Die eigenen Qualitäten des ELA M 260 bleiben für sich bestehen. Namentlich ist das das der typische Röhrengrundklang, gepaart mit der Schnelligkeit der Kleinmembran und der Vielfalt der Wechselkapseln. Dabei erweist sich das Mikrofon zudem als rauscharm, mit der Kugelkapsel wird das Rauschen zwar deutlicher vernehmbar, allerdings stört es, da tonal angenehm röhrig, kaum.

Fazit

Das ELA M 260 von Telefunken Elektroakustik ist ein sehr interessantes Mikrofon, verbindet es doch die Schnelligkeit und Flexibilität der Kleinmembranbauweise mit dem luftigen Grundtimbre eines guten Röhrenmikrofons. Dank der drei unterschiedlich klingenden Wechselkapseln ist es an verschiedene Situationen anpassbar. Für Röhrenfans, die nicht immer mit Großmembran arbeiten können und wollen, ist das Mikrofon zu empfehlen.

Erschienen in Ausgabe 01/2014

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1749 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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