Realistisch, jazzig, gut

Wer Musik jenseits von Pop und Rock produziert, sucht oft nach dem passenden Schlagzeug. Jazz & Funk von FXpansion hat das ideale Klangrepertoire.

Von Georg Berger

Satte 55 Gigabyte an Daten umfasst die vierte und neueste Library für das virtuelle Schlagzeuginstrument Bfd aus dem Hause des britischen Herstellers Fxpansion. Wer angesichts der ungeheuren Datenmenge meint, viel Geld dafür bezahlen zu müssen, der irrt. Verbraucherfreundliche 245 Euro sind für Jazz & Funk auf den Ladentisch zu blättern, was im Vergleich zu Studio- und Schlagzeugermiete auf Dauer ein unschlagbares Schnäppchen darstellt.

Der Titel „Jazz & Funk“ weist dabei deutlich auf den Klangcharakter und musikalischen Einsatzzweck hin. Die Library empfiehlt sich für alle Musikrichtungen, die in hohem Maße ein naturgetreu klingendes Schlagzeug erfordern,  mitsamt allen akustischen Nebenerscheinungen wie Resonanzverhalten und langer Ausklingphasen der Instrumente, die so bei Rock- und Pop-Produktionen eher unerwünscht sind. Damit deckt das Jazz & Funk Expansion Pack genau dasselbe Klangrepertoire ab, wie die von uns in Ausgabe 05/2006 getestete „Custom & Vintage“ Library von Toontrack.

Insgesamt 54 einzelne Schlaginstrumente sind in Jazz & Funk enthalten, die je nach Instrument mit unterschiedlichen Stöcken (Stick, Rod, Besen, Filzschlegel), ja sogar mit der Hand angespielt sind. Ein eindeutiger Schwerpunkt liegt, außer auf dem normalen Drumstick, beim Jazzbesen. Bis auf die Bass-Drum liegt zu jedem Instrument eine Variante mit Jazzbesen vor, die unter anderem die dafür charakteristischen Sweeps – das Streichen des Besens über das Fell oder Blech – enthält.

Selbstverständlich sind weiterhin die einzelnen Instrumente je nach Charakteristik mit unterschiedlichen Spieltechniken aufgenommen worden. So enthält Jazz & Funk beispielsweise Hihat-Klänge in viertel-Schritten von geschlossen bis offen und die Snare wird außer mit einem herkömmlichen Anschlagen noch mit Rimshot, Sidestick, Flams und Cross-Stick Techniken gespielt. Einzig Rolls, also rasend schnelle Tonrepetitionen, sind in dieser Library nicht enthalten, die jedoch durch geschickte MIDI-Programmierung selbst hergestellt werden können. Eine reichhaltige Palette unterschiedlichster Klang-Facetten ist somit auf Jazz & Funk enthalten.  

Das Arsenal an digitalisierten Instrumenten hält einige profiliert klingende und darüber hinaus historische Exemplare bereit. Zu nennen sind hier beispielsweise eine Leedy Bass Drum von 1940, eine Rogers Luxor-Snare aus den 50er, sowie eine Rogers Powertone-Snare aus den 60er Jahren. Außer diesen beiden Firmen sind komplette Drumsets, bestehend aus Bass-Drum und drei Toms, der Firmen Gretsch, Slingerland und Yamaha vertreten, sowie weiterhin Einzel-Instrumente der Firmen Pearl, Ludwig, Remo, McDonald, Wuhan, Sabian und Zildjian.

Sämtliche Instrumente wurden dabei direkt aufgenommen und zusätzlich noch einmal mit zwei Raum-Mikrofonen und einem Grenzflächen-Mikrofon in einem Abstand von cirka sechs Metern. Ausnahmen bilden hierbei die Snare- und Bass-Drums, die sogar mit zwei Mikrofonen direkt aufgenommen wurden. Die Snare-Drum wurde einmal von oben und von unten und die Bass-Drum sowohl im Inneren, als auch direkt davor aufgenommen. Beide Signalanteile lassen sich im Mixer des Plug-ins variabel mischen und erweitern die Ausdruckskraft dieser beiden zentralen Schlaginstrumente.

Die britische Sample-Fabrik hat beim Installationsprozess auch an Leute mit kleinen Festplatten gedacht. Denn die Library gestattet es, nicht nur selektiv einzelne Instrumente auf die Festplatte zu installieren, sondern darüber hinaus auch noch in drei unterschiedlich umfangreichen Detailstufen hinsichtlich alternierender Spielvarianten. Dies dürfte vor allem diejenigen interessieren, die mit den Ressourcen ihres Computers haushalten wollen und müssen.

Bis zu 127 unterschiedliche Samples kann ein Instrument bei Vollinstallation der Library enthalten.
In der kleinsten Detailstufe sind dies immerhin noch maximal 20 und in der mittleren 40. Aber selbst das ist ausreichend, um einen fantastisch authentischen Klang damit zu produzieren, wie sich im Test herausstellt.

Im Lieferumfang der Library sind außer den Klängen selbst, noch acht Drumset-Programme enthalten – darunter ein mit den Händen gespieltes –, die als erste Basis das Potenzial der Klänge präsentieren. Der so genannte Groove-Librarian des Bfd-Instrumentes, es handelt sich hierbei um einen integrierten Player, der es gestattet MIDI-Dateien in Form von Loops abzuspielen, geht allerdings leer aus. Fxpansion hat jedoch schon angekündigt, entsprechende Groove-Dateien zu dieser Library nachzuliefern.

Den fünf DVDs, die in einem mehrfach aufklappbaren Digipack verstaut sind, liegt ein 20-seitiges Booklet bei, welches in der Hauptsache die auf den DVDs enthaltenen Instrumente auflistet. An dieser Stelle muss Professional audio Magazin meckern. Denn die Dokumentation verzeichnet zwar informativ zu jedem Instrument seine Herkunft, die Spieltechnik und die Datenmenge. Aber die Dokumentation listet sie sortiert nach dem Inhalt der einzelnen DVDs auf. Wer einen Überblick, geordnet nach Instrumenten wünscht, wird enttäuscht sein. Wir würden uns daher eine Erweiterung der Dokumentation wünschen, die den gesamten Inhalt der Library sortiert nach Instrumentengruppen auflistet.

Der Hör- und Praxistest der Jazz & Funk Klänge gerät mit Hilfe des Bfd-Instrumentes zu einem wahren Vergnügen. Wie empfohlen, installieren wir die Samples auf die separate Festplatte des D.A.X. Pro-Audioworkstation Computers, siehe Ausgabe 07/2006, und erstellen über Cubase SX3 eigene Rhythmen. Das Ergebnis hören wir im Verbund mit dem Apogee Rosetta 200, dem SPL 2381 Monitor-Controller und den Adam S3A Monitoren ab. Als erstes fällt das flüssige und reibungslose Arbeiten im Verbund mit dem Computer auf. Obwohl wir ein Drumset mit einer wesentlich höheren Datenmenge laden als der Arbeitsspeicher – zwei Gigabyte – fassen kann, erklingen sämtliche Instrumente sehr authentisch und lassen sich ohne Verzögerung oder Aussetzer ansteuern, da die Klänge intelligent direkt von der Platte gestreamt werden.

Dies ist einerseits auf die Abspielsoftware zurückzuführen, andererseits aber auch auf die Organisation der Samples und die Konzeption der Instrumente. Anders als in der Toontrack Library, die eher als eine Mastering-Software anzusehen ist, wird in Jazz & Funk Wert auf die Spielbarkeit der Klänge gelegt. Eine Instrumenten-Datei enthält nicht sämtliche Stockvarianten und Spieltechniken, sondern diese verteilen sich auf mehrere separate Instrumente/Dateien. Das Hauptfeature der Toontrack-Library, die Realisation von Übersprechanteilen der Mikrofone über Samples zu realisieren ist bei Fxpansion nur zum Teil realisiert, was aber letztlich Speicherplatz spart und die Spielbarkeit erhöht. Dafür enthält Jazz & Funk auch mehr Instrumente. Die Lebendigkeit der Klänge wird weiterhin primär über die Anschlagsdynamik realisiert. Alternative Klänge werden durch das Ansteuern mit unterschiedlichen Dynamikwerten realisiert, was dem Einspielen von Drumspuren über eine entsprechende MIDI-Tastatur entgegenkommt.
Die Custom & Vintage Library treibt da einen ungleich höheren Aufwand, indem die Authentizität durch mehrfaches Samplen eines Instrumentes hergestellt wird, das sowohl mit der linken und rechten Hand, als auch an unterschiedlichen Stellen des Instrumentes angeschlagen wird. In Summe werden bei Fxpansion weniger Samples eingesetzt als bei Toontrack. Aber das tut auffälligerweise dem lebendigen Eindruck keinen Abbruch.

Das Komponieren, Arrangieren und gleichzeitige Abhören von Drum-Spuren gerät im Verlauf des Tests reibungs- und problemlos. Selbst heftigste Eingriffe am Plug-in Mixer sind ohne Aussetzer direkt hörbar, sei es das Hinzumischen von Raumsignalen, oder das Verstimmen einzelner Instrumente oder des gesamten Drumsets. Schließlich programmieren wir Drumspuren mit rasend schnellen Repetitionen. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie: Durch den vorhandenen Anti-Maschinengewehr-Algorithmus klingt beispielsweise eine Snare-Drum oder ein Ride-Becken trotz heftigster Ansprache immer natürlich aus. Das Arbeiten mit den Klängen gerät so zu einem reinen Vergnügen.

Sämtliche Instrumente bestechen durch eine hohe Authentizität und einen charakteristischen Klangkörper jenseits der klanglichen Charakteristika moderner Schlagzeuge, die sattsam aus unterschiedlichen Pop- und Rockproduktionen bekannt sind. Ihren ganzen Charme verbreiten sie, wenn im Mixer die Raum-Mikrofonanteile hinzugemischt werden. Das Resonieren der Instrumente inklusive lang anhaltender Ausklingphasen gerade bei den Toms und Becken kommt dadurch erst richtig zum Tragen und verleiht ihnen zusätzliches Profil.

Hervorzuheben ist die wuchtige 32-Zoll Slingerland Bass-Drum, bei der gerade im Verbund mit den Raumanteilen das Flattern des Fells zu hören ist. Das Gretsch-Drumset zeigt sich sehr direkt und bisweilen prominent im Vordergrund, aber dennoch mit charakteristischem Resonanzverhalten in den Toms. Im Verbund mit der Sabian Manhattan Hihat, die ähnlich prominent in den Vordergrund rückt, empfiehlt sich dieses Set nicht nur für Hard-/Bebop, sondern auch für Big Band-Jazz. Das Yamaha-Drumset zeichnet sich im Vergleich dazu durch ein sehr schnelles Abklingen der Resonanzen aus, was ein insgesamt neutrales Klangbild hinterlässt.
 
Die Snare-Drums zeigen sich alle mit einem charakteristisch klingenden Kesselanteil, der je nach Modell mal eher subtil und silbrig-schimmmernd im Höhenbereich bis hin zu blechern-aggressiv bis hinunter in den Mittenbereich erklingt. Besonders fallen hier die Ludwig Acrolite mit ihrem charakteristisch-blechigen Klang auf, sowie die Remo-Snare mit ihrem permanent seidig durchschimmernden Kesselanteil in den Höhen und mit einem äußerst kurzen Ausklingen des Snare-Teppichs und das in sämtlichen Spieltechniken. Die Rogers Luxor Snare wirkt im Vergleich dazu etwas dünn und schmächtig, gleichwohl empfiehlt sie sich durch ihren feinen Klang für eher bedächtige und verhaltene Musik. Die Reichhaltigkeit unterschiedlicher Snare-Drum-Klänge ist anfangs nicht direkt fassbar. Doch nach entsprechender Auseinandersetzung wird jeder seinen eigenen Favoriten mit der nötigen Balance aus Snare-Teppich und Kesselresonanz im Verbund mit den jeweiligen Schlegeln finden.

Im weiteren Verlauf testen wir unterschiedliche Kombinationen von Drumsets. Die Fülle gerade an Snare-Drums und Becken gestattet es dem Arrangeur Drumsets für unterschiedlichste musikalische Einsatzzwecke bereitzustellen. So eignen sich die Klänge nicht nur für Funk und Jazz. Sie sind auch einsetzbar für Blues, Country, Big Band Jazz, ja auch für modernere Musikrichtungen wie Trip Hop oder Drum’n Bass. Bei letzterem ist durch die komfortable Verstimmungsfunktion im Mixer in Windeseile das für diese Musikrichtung hoch gestimmte Schlagzeug herstellbar.
Die besten Ergebnisse erzielen wir dabei mit dem Gretsch- und Yamaha Drumset im Verbund mit der Remo-Snare. Für moderne Pop- und Rockmusik ist das Jazz & Funk Expansion Pack nur eingeschränkt einsetzbar. Durch entsprechend vehemente Eingriffe in den Klang der Instrumente kann dies zwar realisiert werden. Aber das Potenzial dieser Library – vor allem die mit Jazzbesen gespielten Instrumente – würde so nur zu einem kleinen Teil genutzt. Für diesen Einsatzzweck lohnen sich da eher die aus gleichem Hause stammenden Expansion Packs Bfd XFL, Deluxe oder 8 bit Kit.

Fazit

Im Vergleich zur Custom & Vintage Library ist Jazz & Funk ein Kompositions-Tool und keine Mastering-Software. Klang-Puristen und Sound-Designer werden wohl eher mit Custom & Vintage glücklich, wohingegen gestandene Praktiker und Musiker mit Jazz & Funk ein optimales Instrument finden. Einschränkungen hinsichtlich der Authentizität und Lebendigkeit der Klänge können wir nicht entdecken.

Erschienen in Ausgabe 08/2006

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 245 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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