Syntronik – Das Who is who der Synthesizer-Geschichte

Die Software-Experten von IK Multimedia erregten erstmals vor rund 15 Jahren mit AmpliTube, einer höchst realistischen Gitarrenverstärker-Simulation, großes Aufsehen. In der Zwischenzeit wurde das Produktportfolio vor allem um eine Vielzahl portabler Interfaces aufgestockt. Nun lassen die Italiener einen echten Kracher für die Fans alter, analoger Synthesizern folgen. Die „Syntronik“ getaufte Sample-Library stellt eine in diesem Umfang bislang einzigartige Auswahl von Klängen bereit.

Von Christian Stede

Schon die im Vorfeld erfolgte Ankündigung von „Syntronik“ ließ die Herzen der Synthie-Fans höher schlagen. Die Auflistung der Instrumente, die die Library simulieren soll, liest sich wie ein „Who is who“ der Synthesizer-Historie. In dieser tauchen die Urgesteine von Bob Moog (Moog Modular, Minimoog, Moog Voyager) genauso auf die der legendäre Oberheim OB-X und der ARP-2600. Auch an den Yamaha CS-80, den Roland Juno 60 und eine TB-303 wurde gedacht. Aus der „Neuzeit“ ist sogar der Analogsynthesizer von Alesis, „Andromeda“, mit dabei.

Doch damit nicht genug: IK Multimedia spendiert dem Käufer von Syntronik nicht nur eine Auswahl von 17 Instrumenten mit insgesamt mehr als 2000 Presets, es sind auch ganze 38 Effekt-Plug-ins dabei, die zum Teil aus der Mastering-Suite von IK Multimedia „TRackS“ stammen oder dem eingangs erwähnten AmpliTube entnommen sind. Die Auswahl reicht damit über Modulationseffekte, Equalizer, Verzerrer, Verstärkermodulationen und Filter bis hin zu Hall und Delays. Diese überragende Ausstattung nimmt zwar 50GB Festplattenspeicher in Anspruch, der von IK Multimedia aufgerufene Preis von knapp 300 Euro für die Downloadversion beziehungsweise knapp 330 Euro für die DVD-Box wirkt angesichts dieses prall gefüllten Paketes geradezu moderat. Aber IK Multimedia hat ja bereits bei den Interfaces der iRig-Serie bewiesen (zuletzt getestet in Heft 09/17), dass gutes Equipment nicht viel kosten muss.

Viele Instrumente, großes Funktionsspektrum

Es gibt drei Arten, auf denen sich Syntronik betreiben lässt: als Standalone-Software, Plug-in einer DAW – wobei die Formate VST 2, VST 3, AAX und AU (Mac) unterstützt werden – sowie als Instrument im „Sample Tank“, dem eigenen Instrumenten-Player von IK Multimedia. Dieser ist auch in einer kostenlosen Version auf der Internetseite von IK Multimedia erhältlich. Wir empfehlen die zusätzliche Installation von „Sample Tank Free“ unbedingt, weil man dadurch einige vorteilhafte Features an die Hand bekommt, dazu später mehr.

 

Anlehnung an legendäre Vorbilder

Das Hauptfenster von Syntronik zeigt auf der linken Seite die Auswahl der virtuellen Instrumente mit einer Abbildung dazu. Sowohl durch die Optik als auch den Namen ist klar, welches reale Vorbild simuliert werden soll, so ist der „Minimod“ natürlich eine Imitation des legendären Minimoog Model D. Nach einem Klick auf eines oder mehrere dieser Instrumente zeigt der Preset-Browser rechts daneben die Art der Sounds an, die zur Auswahl stehen (Bass-, Keyboard-Sound, Arpeggio usw.). Ist hier eine Auswahl getroffen, kommen die eigentlichen Presets zum Vorschein.

Ein kleiner Nachteil der Download-Variante von Syntronik ist, dass die Sound-Librarys für jedes der 17 Instrumente separat heruntergeladen und installiert werden müssen. Manche Instrumente sind sogar so umfangreich, dass zwei Downloads nötig sind. Die Preset-Liste ist also erst nach der kompletten Installation aller Ordner vollständig.

IK Multimedia Syntronik – Presets
Hervorragende Effekte mit an Bord

Aber wer annimmt, dass „Syntronik“ nur ein Patch auf einmal laden kann, wird eines Besseren belehrt. Denn die Library erlaubt es sogar, bis zu vier Presets gleichzeitig in die Slots A bis D zu laden. Diese bis zu vier Sounds können alle gleichzeitig erklingen, es ist jedoch auch möglich, sie mittels des Layer-Editors auf verschiedene Bereiche der Tastatur zu verteilen. Diese Setups lassen sich dann selbstverständlich auch abspeichern.

Aber es wird noch besser: Denn in jedes dieser Layer lassen sich bis zu fünf Effekte laden, so dass bis zu 20 unterschiedliche gleichzeitig genutzt werden können. Die Klangqualität dieser Plug-ins ist über jeden Zweifel erhaben. Mit den Mastering-Effekten der TRackS-Suite von IK Multimedia kann man den Stimmen bei Bedarf noch mehr Punch geben oder mit den EQs vermeiden, dass sich einzelne Frequenzbereiche der Layer zu sehr überlagern. Die Verzerrung aus dem AmpliTube ist wie geschaffen dafür, den Synthie-Sounds den letzten Biss zu geben, was insbesondere bei Lead-Sounds zu hervorragenden Ergebnissen führen kann.

IK Multimedia Syntronik – Effekte

Um für noch mehr Abwechslung zu sorgen, hat IK Multimedia neben den Instrumenten und Effekten auch noch für einen Arpeggiator gesorgt, der sich für jeden der Layer A bis D separat aktivieren lässt. So ist es mit einer Kombination aus Keyboard-Layering und Arpeggiator möglich, einen Walking Bass als Ostinato laufen zu lassen und darüber mit einem anderen Sound die Melodien zu spielen. Das Lautstärkeverhältnis dieser unterschiedlichen Sounds wird über ein Einblendmenü in der Kopfzeile des Fensters geregelt.

Besonders praktisch ist es, dass sich diese Layer auch über zuvor zugewiesene Midi Program-Change-Befehle (PC) aufrufen lassen. Der Instrumenten-Browser lässt sich ebenfalls per Midi, in diesem Falle Control Change (CC) bedienen.

IK Multimedia Syntronik – Tastaturlayer

Authentischer Analog-Sound

Die Ausstattung von Syntronik lässt also nichts zu wünschen übrig. Und wie sieht es mit dem Sound aus? Das wichtigste Element in der Signalkette eines Synthesizers ist natürlich der Oszillator. Um möglichst nahe an die Vorbilder heranzukommen, greift Syntronik auf Samples zurück, die von den echten Instrumenten abgenommen wurden. Um den oft etwas kühl wirkenden Klangcharakter digitaler Simulationen zu vermeiden, wird das sogenannte „Round Robin“-Verfahren eingesetzt, bei dem ein und dieselbe Note mehrfach abgesampelt wurde, um das leichte „Eiern“ analoger Synthesizer zu imitieren.

Die ersten Presets des „Minimod“ geben schon einmal einen sehr überzeugenden Vorgeschmack auf das, was das Syntronik-Paket insgesamt zu bieten hat. Man versteht sofort, warum der Minimoog zu einem solch legendären Instrument geworden ist. Die analoge Power wird von der Software hervorragend simuliert, ohne dabei zu aufdringlich zu klingen. Wie auch das reale Vorbild beherrscht der „Minimod“ sowohl die fetten, krachenden Bässe als auch die subtileren Töne von Clavinet und E-Piano. Zwar entspricht die Bedienoberfläche der des Vorbilds nicht zu 100 Prozent, dies ist aber angesichts der insgesamt sehr gelungenen Nachbildung des originalen Klangcharakters überhaupt kein Problem. Was die Auswahl an Filtertypen angeht, hat die Simulation sogar mehr zu bieten als das Original.

Die anderen Syntronik-Instrumente stehen dem „Minimod“ in nichts nach. Die Oberheim-Simulation OB-X beherrscht warme Streicher und Bläser genauso wie acid-artige Bässe und bissige Lead-Sounds. Hier sollten insbesondere die Fans von „The KLF“ auf ihre Kosten kommen. Der „99“ ist wie sein Vorbild, der Anfang der 90er Jahre extrem populäre SY-99 von Yamaha, ein Spezialist für FM-Sounds aus dem E-Piano, Rhodes oder Vibraphon. Der „V-80“ lässt den legendären CS-80x, ebenfalls von Yamaha, wieder auferstehen, dessen auf Pulswellenmodulation basierende Klänge viele Hits aus den 80er Jahren maßgeblich geprägt haben.

Es würde den Rahmen dieses Tests sprengen, auf jedes der 17 Instrumente einzeln eingehen,doch klingen sie allesamt lebendig und warm. Vom Mangel an Durchsetzungsfähigkeit, den Softwaresynthesizer im Mixdown gegenüber echten, akustischen Instrumenten oft haben, ist hier überhaupt nichts zu spüren.

Die Vorteile von Sample Tank

Möchte man Syntronik multitimbral nutzen, um von unterschiedlichen Midi-Kanälen aus mehrere Sounds abzurufen, empfiehlt sich die zusätzliche Installation von Sample Tank (Free). Dieser ebenfalls von IK Multimedia entwickelte Player ermöglicht es, eine Vielzahl von Instrumenten gleichzeitig zu laden. Der Unterschied zwischen der kostenlosen Version und Sample Tank 3.7 (rund 150€) liegt einzig in der geringeren Instrumentenauswahl.

Der Betrieb ist auch hier als Standalone oder Plug-in einer DAW möglich. SampleTank bietet 16 Instrumenten-Slots, die sich nach Belieben mit Sounds füllen lassen. Legt man beispielsweise in Cubase 16 Midispuren an und routet diese alle in den Eingang von SampleTank, hat man quasi 16 Instrumente auf einmal mit nur einem einzigen Plug-in und kann das Notenmaterial dieser Instrumente wunderbar getrennt voneinander bearbeiten.

Fazit

Syntronik ist ein absoluter Volltreffer. Die Sample-Library klingt hervorragend und löst den Anspruch, die charakteristischen Klänge alter Vintage-Synthesizer zu simulieren, voll und ganz ein. Der effiziente und die Kreativität beflügelnde Arpeggiator sowie die große Auswahl an sehr guten Effekten runden dieses Bild ab. Die Bedienung ist fast schon selbsterklärend und der Preis keinesfalls zu hoch.

Erschienen in Professional audio 10/2017 

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