Inspirierende Klangquelle

Die deutsche Software-Schmiede Orchestral Tools hat sich mit ihren Sample-Librarys schon lange einen guten Namen gemacht. Zuletzt hat sie das mit dem Metropolis Ark 2 bestätigt. Nun liegt mit „Berlin Orchestra Inspire“ eine neue Sample-Library vor, die Aufnahmen eines kompletten Sinfonie-Orchesters vereint.

Von Christian Stede

Auch in diesem Fall ist der Name der neuen Soundlibrary von Orchestral Tools, „Inspire“, Programm, versteht sie sich doch als reichhaltige Inspirationsquelle für Filmmusikschaffende sowie Komponisten aller Art. Wie viele andere zeitgenössische Klangbibliotheken kommt auch diese Zusammenstellung als Library für Kontakt oder den kostenlosen Kontakt Player von Native Instruments daher.  Auf der Webseite ist „Inspire“ als reines Download-Produkt erhältlich, die Installation des kompletten Paketes verschlingt knapp 20 GB Festplattenspeicher.

Anders als die zuletzt getestete Library „Berlin Brass“ bekommt man mit „Inspire“ jedoch ein komplett abgesampeltes Orchester an die Hand, bestehend aus Streichern, Holz- und Blechbläsern, Schlagwerk, Konzertflügel und Harfe.

Diese unterschiedlichen Gruppierungen sind dann noch einmal einzeln in sogenannte „Articulations“ unterteilt, die es je Zusammensetzung als „Single“- oder „Multi-Articulation“ gibt. Im Browser von Kontakt liegen diese .nki-Files parat, die man einfach per Drag&Drop in das Instrumentenrack ziehen kann. Der Unterschied zwischen „Single“ und „Multi“ ist der, dass im „Single“-Modus die Artikulationsart (also pizzicato, staccato, legato und dergleichen) bereits festgelegt ist. Ein „Multi“-Patch erlaubt es dagegen, während des Spiels zwischen diesen Artikulationsarten zu wechseln, wie es ein echter Instrumentalist ja auch zu tun pflegt. Nun gibt es aber auch bei den „Single“-Patches mannigfaltige Möglichkeiten, den Klang in Echtzeit zu beeinflussen, dazu später mehr.

Wie bei allen anderen Produkten von Orchestral Tools bedient sich auch „Inspire“ als Benutzeroberfläche des Frameworks „Capsule“. Dessen großer Funktionsumfang könnte auf Neueinsteiger allerdings etwas irritierend wirken. Wer noch keine Erfahrung mit den anderen Librarys von Orchestral Tools gesammelt hat, sei daher an dieser Stelle auf die Tutorials bei YouTube und den hervorragenden Online-Support verwiesen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Experten von Orchestral Tools sich um eine schnelle Antwort auf die Fragen bemühen, die bei der Arbeit mit „Inspire“ auftauchen.

Unterschiedliche Arten der Artikulation

Wie bereits erwähnt, unterscheiden sich die Presets nicht nur nach ihren Klängen, sondern auch nach ihrer Funktionsweise. Jedes „Multi“-Patch verfügt über bis zu fünf unterschiedliche Artikulationen. Das heißt, dass zwischen diesen während des Spiels gewechselt werden kann, beispielsweise  von staccatozu legatooder auch zu pizzicato. Was diesen Wechsel angeht, ist „Capsule“ flexibel. Er kann durch den Druck einer vorher definierten Taste ausgelöst werden, per Midi-Controller oder Velocity-Wert. Die Auswahl der möglichen Artikulationen ist jedoch je nach Patch unterschiedlich (was für jemanden, der sich mit diesen Bezeichnungen auskennt, auf der Hand liegt, schließlich kann man eine Trompete nicht pizzicato spielen). Es mag daher anfangs etwas verwirren, dass die „Multi“-Patches alle über 12 Artikulations-Slots verfügen, obwohl die Auswahl bei „Inspire“ auf höchstens 5 beschränkt ist. Hier hat sich der Hersteller jedoch um eine einheitliche Benutzeroberfläche bemüht, da andere Librarys von Orchestral Tools die Anzahl von 12 Slots voll ausreizen oder sogar darüber hinausgehen. Wer bereits im Besitz anderer Orchestral Tools-Produkte ist, wird daher wohl mit Vorliebe die „Single“-Patches von „Inspire“ verwenden, zumal diese teilweise mit Kombinationen aufwarten, die es so in anderen Orchestral Tools-Libraries nicht gibt.

Orchestral Tools Berlin Orchestra Inspire (Packshot)

Viele Instrumente, großes Funktionsspektrum

Die Auswahl der Patches trifft man vom Kontakt-eigenen Preset-Browser aus. Dabei stehen nicht nur die einzelnen Instrumentengruppen, sondern auch das komplette Orchester zur Auswahl. Die Samples sind durch die Bank auf einem derart hohen, realistisch und natürlich klingendem Niveau, dass beim Ausprobieren der unterschiedlichen Presets richtig Freude aufkommt. Man fühlt sich wirklich fast wie ein Dirigent, der ansagt: „jetzt bitte nur die Streicher“, oder „nur die Fagotten und Klarinetten“. Auch die Abbildung der dynamischen Palette ist absolut gelungen. Kraftvolle Tuttis gelingen „Inspire“ ebenso wie subtil angespielte Pianissimo-Passagen. Während andere Librarys die Bläser oft zu schrill oder blechern klingen lassen, ist davon bei „Inspire“ rein gar nichts zu spüren. Gezupfte Kontrabässe werden mit einer Räumlichkeit wiedergegeben, die erneut den gesamten Orchestergraben vor das innere Auge treten lässt.

Um das dynamische Ansprechverhalten perfekt auf das angeschlossene Midi-Equipment abstimmen zu können (jede Tastatur reagiert da ein wenig anders), gibt es in einem der Untermenüs einen Regler für die „Velocity Sensitivity“. Bei einem niedrigeingestellten Wert hat die Anschlagsdynamik fast keinen Einfluss. Da bei sehr hohen Werten die leisen Töne unterzugehen drohen, kann man die niedrigste Stufe der dynamischen Skala explizit deaktivieren, um dies zu verhindern.

Überhaupt ist einer der bedeutenden Vorzüge von „Inspire“, dass die Samples nicht nur durchgängig auf einem absoluten Weltklasseniveau liegen, sondern es die „Capsule“-Benutzerfläche auch erlaubt, die Klänge vielfältig in Echtzeit zu modulieren. Durch die große Auswahl an Parametern, die der „Midi Controller Table“ bietet, kann es gelingen, weit über den Einsatzzweck hinauszugehen, den eine Orchester-Library normalerweise besitzt.

So kann man das „Trumpet & Horns“ Patch entweder klassisch klingen lassen, durch die Echtzeit-Steuerung des Cutoff-Filters ergeben sich aber auch Texturen, die an Miles Davis oder Erik Truffaz denken lassen. Zieht man weitere Parameter wie den Release-Wert hinzu, kommen schnell Assoziationen an Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molvaer auf. Durch den „Time Stretching“ Parameter entstehen mitunter sphärische Klänge, die ganz typisch für den norwegischen Trompeter sind.

Auch mit den anderen Instrumenten von „Inspire“ ist ein vergleichbar kreativer Umgang möglich. Puristen mögen anmerken, dass es authentischere Konzertflügel-Simulationen gibt als den hier enthaltenen „Steinway D“. Aber: noch nirgendwo sonst haben wir die Vielfalt der Steuerungsmöglichkeiten erlebt, wie sie die Midi-Controller bei Capsule bieten. Weist man einen Controller den Decay-Wert des Steinway zu, verschwindet das Anschlagsgeräusch ab einer bestimmten Schwelle völlig und es entstehen Klänge, die so wirken, als seien sie durch das Streichen eines Cellobogens auf den Klaviersaiten entstanden.

Dass sich diese Midi-Befehle allesamt im Software-Sequencer automatisieren lassen, versteht sich (fast) von selbst.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es ist nicht unbedingt notwendig, die Klänge von „Inspire“ zu verfremden, um zu hervorragenden Ergebnissen zu gelangen. Dazu sind die Samples bereits von Haus aus auf einem derart hohen Niveau, dass man manchmal entzückt ist, wenn man einfach nur eine C-Dur Tonleiter spielen muss, um exzellente Ergebnisse zu erzielen. Das Rack von Kontakt lädt im Zusammenspiel mit „Inspire“ geradezu dazu ein, die Multitimbralität voll auszuloten und die Orchesterstimmen auf die unterschiedlichen Midi-Kanäle zu verteilen (siehe Abbildung). Die genannten Beispiele sollen nur verdeutlichen, was mit „Inspire“ noch zusätzlich zur Simulation eines Orchesters möglich ist.

Fazit

„Berlin Orchestra Inspire“ ist ein hervorragend klingendes Software-Paket. Die Instrumenten-Samples sind von herausragender Qualität und weisen absolut keine Schwächen auf. Aufgrund der vielfältigen, per Midi steuerbaren Artikulationen kann man mit „Inspire“ nicht nur Filmscores und klassische Kompositionen, sondern auch jazzige und avantgardistisch-experimentelle Werke realisieren.

Erschienen in Professional audio 11/2017

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