Keine halben Sachen

Toontrack Superior Custom & Vintage ist die mit Abstand detail verliebteste und opulenteste Sample-Library, die sich nur um ein einziges Instrument kümmert: Schlagzeug.

Von Georg Berger

Die in Schweden beheimatete Firma Toontrack hat mit dieser Sample-Library ohne Zweifel den ersten Preis für vorbildliches Sampling eines Naturinstrumentes verdient. Das zeigt sich zuvorderst am Gesamtspeicherbedarf von 35 Gigabyte, die sich auf vier doppelseitigen und einer einseitigen DVD verteilen. Lediglich vier Bass-, elf Snare-Drums, zehn Toms, vier Hihats, sechs Ride- und zwölf Crash-Becken enthält diese Klang-Sammlung. Wie kommt es, dass so wenige Instrumente soviel an Daten produzieren? Ist das eine umfangreiche Loop-Library?
Nein, das Geheimnis liegt in einer opulenten Detailverliebtheit, mit der jedes Instrument mehrfach aufgenommen wurde. Der Clou dieser Library ist, dass Instrumente nicht nur in unteschiedlichsten Spielvariationen und Anschlagsstärken aufgenommen wurden. Denn Fakt ist, dass innerhalb einer Studiosituation ein Drumset immer mit mehreren Mikrophonen gleichzeitig aufgenommen wird. Es bleibt dabei nicht aus, dass Signale von anderen Trommeln in Mikrophone übersprechen, die nicht für ihre Abnahme vorgesehen sind. Und eben diese Übersprechsignale finden sich zusätzlich in dieser Library, was die akustische Lebendigkeit  und Authentizität eines aufgenommenen Schlagzeugs unterstützt. Ein auf diese Weise mehrfach aufgenommenes Instrument umfasst so schnell mehrere hundert Megabyte.
Aber hier geht’s nicht um Masse, sondern um Klasse. Und die zeigt sich auch hinsichtlich der ausgewählten Modelle und Marken: So kommen in erster Linie Trommeln und Becken von Camco, Slingerland, Noble & Cooley, Craviotto, Canopus und Zildjian zum Einsatz. Aber nicht die topaktuellen Modelle stehen hier im Mittelpunkt. Studio-Drummer Chris Whitten (trommelte schon für Paul McCartney und die Dire Straits), der den fast unmenschlichen Job hatte, alle diese Trommeln zu spielen, kramte dafür vornehmlich alte Schätzchen und auch Prototypen aus seinem Tresor. So erklingen unter anderem Trommeln aus den 20er, 40er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Eindruck entsteht, dass hier eine Library vornehmlich für Jazz-Liebhaber produziert wurde. Inwiefern dies zutrifft, oder ob hier von vorneherein nur in Klischees gedacht wird, muss sich also noch zeigen.
Um die Custom &Vintage Library einsetzen zu können, ist zunächst einmal viel Zeit erforderlich. 35 Gigabyte an Samples und ein eigens dafür programmiertes VST/AU-Plugin gilt es, auf die Festplatte zu schaufeln. Es gibt auch die Möglichkeit das Plugin über die Rewire-Schnittstelle anzusprechen. Das Überspielen gerät zu einem Geduldsspiel, bei dem ein hohes Maß an Sorgfalt notwendig ist. Abgesehen von der großen Dateimenge selbst, ist es erforderlich, Samples aus mehreren DVDs, in einen einzigen Unterordner zu kopieren. Ist diese Hürde schließlich genommen und das Plugin installiert, kann es losgehen.
Um der unüberschaubaren Fülle an Samples Herr zu werden, hält das Plugin lediglich drei Unter-Fenster bereit: Das Construction-, Main- und Bounce-Fenster. Die Schaltzentrale bildet dabei das Construction-Fenster, welches auf der obersten Ebene innerhalb der Plugin-Struktur sitzt. Dieses Fenster gestattet es, ausgehend von einem Werkspreset, ein eigenes Drumset zusammenzustellen inklusive aller möglichen Übersprechanteile und Spielvariationen.
Auffällig ist die rechte Seite des Fensters, die es erlaubt, das Übersprechverhalten der Instrumente in die Mikrophone auszuwählen. Je mehr dieser Quadrate dort angeklickt werden, desto größer wird der Speicherbedarf. Ein behutsamer Umgang damit ist deshalb sinnvoll, um das Drumset angesichts des hohen Ressourcen-Bedarfs im Kompositionsprozess, lauffähig zu halten.
Viel wichtiger ist die Spalte links daneben. Popup-Menüs an entsprechender Stelle bieten Möglichkeiten zur Auswahl und zum Speichern kompletter Drumsets und einzelner Instrumente. Andere Popup-Menüs gestatten sogar die Auswahl unterschiedlicher Drumsticks und
–spitzen, was eine Verfeinerung im Klangspektrum des Instrumentes nach sich zieht. Weitaus wichtiger ist die Möglichkeit für das jeweils geladene Instrument Artikulationen an- und abzuwählen. Dies trägt ebenfalls zur Verwaltung und Pflege des verfügbaren Speicherplatzes bei. Wer auf Schnickschnack wie Flams und Rolls verzichten kann, der wählt diese ab. Und wer ein Stück produzieren will, wo es ordentlich laut zur Sache gehen soll, der wählt einfach die soft gespielten Artikulationen ab. Das spart einiges an Megabyte und trägt zur Verbesserung der Performance bei.
Ein Schalter für Reset, der den Arbeitsspeicher komplett löscht, und einer zum Umschalten zwischen Cache- und Live-Mode runden die Hauptelemente dieser Spalte ab. Der Cache-Modus gewährleistet eine Speicherplatz schonende Verwaltung der Samples. Das zieht allerdings nach sich, dass beim ersten Anspielen einer Trommel zunächst bis auf einen kurzen Plopp erst einmal gar nichts zu hören ist. Denn das Plugin lädt in diesem Betriebszustand nur die Samples ein, die auch tatsächlich angesteuert werden. Im Live-Modus werden alle Samples in den Arbeitsspeicher geladen. Durch kluges Abwählen entsprechender Artikulationen und Übersprechsignale, ist es möglich die volle Pracht dieser aufwendig gesampleten Instrumente im Einsatz zu hören. Ein kleiner Nachteil ist, dass mehrere Trommeln derselben Kategorie nicht gleichzeitig einsetzbar sind. Wer zwei unterschiedliche Snare-Modelle gleichzeitig braucht, muss sich ein neues Set zusammenstellen, um diese zweite Snare in einem gesonderten Aufnahme-Prozess ins Arrangement nachträglich einzufügen.
Sollte es einen zusätzlichen Bedarf geben, die Klänge selbst zu verändern, so ist das Main-Fenster dafür die erste Adresse. Dieses gestattet es, Feineinstellungen der im Construction-Fenster geladenen Trommeln vorzunehmen. Über die Spielflächen auf der linken Seite lassen sich die einzelnen Instrumente vorhören und zur Editierung auswählen. Auf der rechten  Seite besteht die Möglichkeit, entweder das gesamte Instrument oder auch nur eine Artikulation darin zu ändern. So lässt sich die Lautstärke, die Anschlagsempfindlichkeit für weich, mittel und hart, sowie das Routing auf MIDI-Noten und die Tonhöhe des Samples einstellen. Gerade diese Möglichkeit dürfte die letzten Skeptiker verstummen lassen. Vehementeste Verstimmungen im Bereich von Oktaven sind möglich und gestatten es, extrem hohe Drumsets für Drum’n Bass oder kellertiefe Drums für Heavy Metal oder Industrial zu formen. Auch die Art und Weise der Ansteuerung der Samples lässt sich einstellen. So können die Spiel-Variationen einer Trommel entweder nacheinander, abwechselnd oder per Zufall angespielt werden, was eine entsprechende Lebendigkeit der gespielten Trommel nach sich zieht. Ein weiteres Feature ist die Möglichkeit, ein Trommel-Sample in seinem Ausklingverhalten zu regeln. Über die Regler Release und Hold können Crash-Becken beispielsweise über mehrere Sekunden ausklingen, oder schlichtweg zu einem kurzen Zirpen reduziert werden. Am ehesten ist diese Funktion mit einem Noise Gate vergleichbar.
Die vom Hersteller programmierten Anschlagsempfindlichkeiten empfanden wir beim Test allerdings als zu unpraktisch. Das dynamische Verhalten der Samples kommt so nicht richtig zur Geltung und das Einspielen über Tastatur ist dadurch auch nur wenig lebendig. Aber da-für gibt’s ja das Edit-Fenster.  
Je nach zuvor gemachter Einstellung im Construction-Fenster, übersteigt der Gesamtspeicherbedarf des Drumsets den zur Verfügung stehenden Platz des Arbeitsspeichers sehr schnell. Dieser Umstand ist weniger die Ausnahme, sondern eher der Normalfall. Darüber sind sich die Entwickler dieser Library auch durchaus im Klaren. Deshalb gibt es im Plugin als drittes Fenster den so genannten Bounce-Dialog. Dieses eher unscheinbare Fenster enthält allerdings eine sehr mächtige Funktion. Denn dort kann im Verbund aus programmierter MIDI-Spur und ausgewählten Drum-Samples das Ergebnis als Audio-Spur zusammengefasst (gerendert) werden. Das gestaltet sich wirklich einfach und intelligent. Die über den Sequencer eingespielte MIDI-Spur muss in den Arbeitsspeicher gepuffert werden. Ein Klick auf den Bounce-Button und schon geht’s los. Die MIDI-Spur darf dabei nicht direkt in Takt eins beginnen, sonst verweigert diese Funktion ihren Dienst.

Ist der Rechner mit dieser Operation fertig, liegt pro Instrument ein Audio-File mit dem trockenen Signal vor plus – wenn angewählt – eine separate Spur für den Übersprechanteil, also den Signalen, die in die Mikrophone hineinstreuen. Zusätzliche Spuren, die nur ein Raumsignal führen und das gesamte Drumset in Mono- und Stereo getrennt aufweisen, sind ebenfalls vorhanden. Wer will, dem bietet sich im Bounce-Dialog zusätzlich die Möglichkeit ein Mikrophon auszuwählen, welches noch einmal als separate Audio-Spur gerendert wird. Wenn das nicht opulent ist.
Zusätzlich erzeugt das Plugin noch Spuren aus dem Comp Room und ein so genanntes Mono-Signal. Diese werden automatisch beim Rendern erzeugt und lassen sich nicht zuvor einstellen. Beide Spuren enthalten noch einmal unterschiedliche Raumsignale der Drum-Spuren im Gesamten. Ist dies erledigt, wird das Drummer-Plugin nicht mehr benötigt und kann aus dem Sequencer entfernt werden. Stattdessen werden jetzt die zuvor gerenderten Audio-Spuren importiert, und schon ist im Arbeitsspeicher genügend Platz, um mit anderen Plugins souverän weiterarbeiten zu können. Detaillierte Abmischungen dieser Spuren, die aus Übersichtlichkeitsgründen in eine Gruppen-Spur im Sequencer eingefasst werden sollten, sind so möglich und lassen keinerlei Kompromisse aufkommen, wenn es darum geht, ein Schlagzeug ins richtige Licht zu setzen. Unsere Empfehlung: Die Drumspur wird zunächst mit einem Drumset eingespielt, welches nur einen Bruchteil an Speicherplatz benötigt. In einem zweiten Schritt erfolgt die Feineinstellung des Drumsets über das Plugin. Erst der Bounce-Prozess fördert das klangliche Gesamtpotenzial ans Tageslicht. Dass diese Vorgehensweise einiges an Zeit kostet, ist nachvollziehbar. Das Ergebnis ist aber mehr als zufrieden stellend.
Was soll das Ganze? Der Aufwand ist doch viel zu hoch und das hört doch eh kein Mensch, könnten Nörgler jetzt immer noch einwerfen. Das mag vielleicht sogar stimmen. Aber das, was hier auf dieser Library nachgebildet wird ist nicht mehr und nicht weniger, als die perfekte akustisch authentische Nachbildung eines Natur-Schlagzeugs in einer Studio-Situation. Gerade die Mikrophonierung und das Übersprechverhalten derselben als bewusst akustisch-gewolltes Attribut stehen hier im Mittelpunkt dieser Sample-Library. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Denn allen Instrumenten gemeinsam sind ihre markanten Timbres und das spezifische Ausklingverhalten, die ihnen Körper und Profil verleihen. Den Trommeln ist quasi anzuhören, aus welchem Holz ihre Kessel gefertigt wurden. Sogar das Nachschwingen der Trommelfelle ist hier und da zu hören. Durch die vielen dynamisch variierten Trommelschläge gerät der Klang lebendig und frisch.
Alleine schon das Auswählen einzelner Trommeln im Construction Fenster und die Anwahlmöglichkeit einzelner Übersprech-Anteile vermittelt dem Nutzer die akribische Sorgfalt mit der die Samples zustande kamen. Ein Beispiel: Wird permanent auf eine Taste am Keyboard eingehämmert, die beispielsweise ein Tom antriggert, so geht im wahren Sinne des Wortes die Sonne auf. Ein solch lebendiger und authentischer Tom-Wirbel aus gesampelten Einzel-Instrumenten  ist ansonsten nur in Form von Loops oder lediglich ungleich statischer realisierbar.
Diejenigen, die bislang nur an die digitalen Kompromisse herkömmlicher Drumsamples gewöhnt sind und noch nie die Gelegenheit hatten, ein Naturschlagzeug richtig zu hören, werden in ihrer Erwartungshaltung vielleicht enttäuscht. Custom & Vintage enthält keine wuchtigen, schmatzenden und knalligen Snares mit gated Reverb-Anteil, wie beispielsweise bei Phil Collins „In the Air tonight“. Vielmehr präsentiert die Software das reine unverfälschte, akustische Ergebnis. Dadurch können die Snares im Vergleich zu den amtlichen Snares zwar nur klein und kraftlos klingen, besitzen aber ungleich mehr Lebendigkeit. Wer dennoch seine Erwartung erfüllen möchte, dem sei ein entsprechend vehementer Einsatz von Effekten empfohlen. Auffällig im Test: die Slingerland-Toms, die im Vergleich zu den anderen im Klang eher abfallen und den oben vermerkten akustischen Körper vermissen lassen. Sie bestechen eher durch kurze Impulse, als durch ein langes körperhaftes Ausklingen. Trotzdem verfälscht dies nicht den sehr positiven Eindruck, den diese Library in der Redaktion des Professional audio Magazins hinterlassen hat.

Fazit

Diese Library ist kein herkömmliches Sampler-Instrument. Sie ist vielmehr ein Sound-Masteringtool. Ein Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit Samples ist deshalb erforderlich, was zusätzliche Einarbeitungszeit erfordert. Aber es lohnt sich. Denn die Toontrack-Samples geben einer programmierten Drumspur den klanglichen Feinschliff.

Für einen Preis von 250 Euro bekommt der Nutzer eine phänomenal authentische Drum-Library, die zwar nur ein kleines Repertoire hat,  aber die Akribie in der akustischen Nachbildung des Klangverhaltens, die ausgewählten Instrumente und die umfangreichen Eingriffsmöglichkeiten in die Samples sind Garanten für mannigfaltige Einsatzmöglichkeiten unter optimalen Bedingungen. Wer auf der Suche nach einer optimalen akustischen Nachbildung von Natur-Schlagzeug Klängen ist, der braucht diese Library einfach. Etwas vergleichbares, außer einem richtigen Drummer, ist uns momentan nicht bekannt.

Erschienen in Ausgabe 05/2006

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 249 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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