Eine neue Ära

Frei nach dem Motto „Freiheit, Einfachheit, Effizienz“ startete Avid vor etwa zwei Jahren eine groß angelegte Update-Offensive, die mit Pro Tools 11 nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und gleichzeitig eine neue Ära einläutet. 64 Bit-Technologie ist dabei nur eine der zahlreichen Neuheiten, mit denen das DAW-Flaggschiff aufwartet. 

Von Carina Pannicke

Avid ist ein Unternehmen, das in puncto Innovation bis vor zwei Jahren eher zurückhaltend agiert hat. Selbst für das erst letztes Jahr eingeführte Pro Tools 10, das bereits einen großen Schritt in Richtung Zukunft markierte (Test in Heft 04/2012), erntete das Unternehmen nicht nur Lob. Die 10er-Version kam nach wie vor nur als 32-Bit-Anwendung daher obschon viele Anwender und solche, die es vielleicht werden wollten, Pro Tools lieber heute als morgen als echte 64 Bit-DAW gesehen hätten, mal ganz zu schweigen von anderen, schon lange geforderten Features wie etwa die Fähigkeit zum Offline-Bounce. Dabei bauen die Avid-Entwickler schon lange am „Pro Tools der Zukunft“, wie uns Audio-Solutions-Spezialist Lars Kischkel bereits letztes Jahr versicherte. Ein quasi zwangsläufiger Schritt, um auf dem DAW-Markt auch in Zukunft ganz oben mitschwimmen zu können ist selbstverständlich eine 64 Bit-Architektur, die auch für Avid den Schlüssel zu mehr Leistungsfähigkeit und Perfomance darstellt und mit Pro Tools 11 endlich realisiert wurde. Dass es dabei eben einer weiteren Version bedurfte, die den Übergang nicht nur für die Anwender, sondern auch für die Plug-in-Hersteller erleichtert – Stichwort AAX-Schnittstelle –, ist eine Tatsache, die auf den ersten Blick vielleicht nicht offensichtlich, jedoch durchaus verständlich erscheint. Die Zurückhaltung kann unter dieser Sichtweise also auch als eine mit Bedacht umgesetzte Aktualisierung und Erneuerung gesehen werden.

Der Bedacht galt dabei vor allem den professionellen Anwendern und Besitzern von TDM-Hardware. Wie im Zuge der Veröffentlichung von Pro Tools 10 angekündigt, ist diese Hardware, also sämtliche HD Accel-Systeme mit PCI- oder PCI-Express-Karten nicht mehr kompatibel mit Pro Tools 11 (Näheres dazu im Kasten auf Seite 28). Dies gilt ebenso für die Digi002- und Digi003-Interfaces. Das ebenfalls bereits letztes Jahr eingeführte Pro Tools|HDX sowie die HD|Native-Karten sollen diese Systeme künftig vollständig ersetzen. Sie unterstützen sowohl die 32- als auch die 64 Bit-Architektur und können folglich mit Pro Tools 10 und 11 betrieben werden. Überraschenderweise bedeutet Pro Tools 11 auch das Ende des Complete Production Toolkits, das Usern ohne Avid-Hardware bisher Zugriff auf HD-Funktionen ermöglichte. Viele Anwender dürften das mit gemischten Gefühlen aufnehmen. Zwar können CPTK-Besitzer nun für etwa 570 Euro auf HD 11 upgraden. Ohne das Complete Production Toolkit gibt es künftig jedoch keine Möglichkeit mehr, Pro Tools|HD ohne Avid-Hardware zu erwerben. Dies bedeutet im Endeffekt, dass die Kosten für den Zugriff auf HD-Funktionen – und das sind, wie Sie im Folgenden erfahren werden, nach wie vor nicht wenige – mit dem zwangsläufigen Erwerb eines HD- oder HD|Native-Systems deutlich gestiegen sind. Davon abgesehen gestalten sich die Preise für Pro Tools 11 ähnlich wie beim Vorgänger: Angemessene 670 Euro kostet der Neuerwerb der Software, 280 Euro das Update von Pro Tools 10 und moderate 380 Euro sind für ein Crossgrade von LE oder M-Powered fällig. Verhältnismäßig teuer sind nach wie vor die Updates der HD-Versionen: 570 Euro kostet die Aufrüstung von HD10 zu HD11, das Upgrade von HD9 schlägt mit fast eintausend Euro sogar ordentlich zu Buche. Im Lieferumfang von Pro Tools 11 ist dafür auch eine Lizenz für Pro Tools 10 enthalten. Der Grund: Plug-ins, die noch nicht auf AAX 64 portiert wurden, können also mit der älteren Software-Version betrieben werden. Übrigens erlaubt Avid in Folge dessen erstmalig eine Co-Installation von Pro Tools 10 und 11, vorausgesetzt Sie haben auf die Version 10.3.6. aktualisiert. Ein gleichzeitiger Betrieb beider Versionen ist allerdings nicht möglich. 
Wie ebenfalls angekündigt, ist mit Pro Tools 11 auch die RTAS-Schnittstelle fortan Geschichte. Als Nachfolger hat Avid die deutlich leistungsfähigere AAX-Schnittstelle entwickelt, die wir ebenfalls bereits letztes Jahr im Test von Pro Tools 10 vorgestellt haben. Erfreulicherweise sind mittlerweile zahlreiche Plug-ins namhafter Hersteller im AAX 64 Bit-Format verfügbar, darunter Waves, Softube, Brainworx und viele andere1.Dabei spielt die AAX-Schnittstelle, nebenbei bemerkt, erst mit dem 64 Bit-Pro Tools 11 ihre wahre Stärke aus, wohingegen sie unter Pro Tools 10 sozusagen noch mit angezogener Handbremse läuft. So ist im Test mit einigen Plug-ins ein Leistungszuwachs von bis zu dreißig Prozent im direkten Vergleich zwischen Pro Tools 11 und Logic X zu beobachten, was beachtlich ist.
Zu noch mehr Leistungsfähigkeit gelangt Pro Tools 11 jedoch nicht nur dank AAX, sondern auch dank einer komplett neu entwickelten Audio-Engine, welche die betagte und fehleranfällige DAE (Digidesign Audio Engine) ersetzt. Ihr deutlich höherer Wirkungsgrad zeigt sich beispielsweise darin, wie die Software jetzt Audio-Signale und Plug-in-Prozessoren verarbeitet, nämlich dynamisch: CPU-Leistung ist folglich nur gefordert, wenn tatsächlich auch Audio-Signale verarbeitet beziehungsweise wiedergegeben werden müssen. Bisher ließ allein die Tatsache, dass ein Plug-in geladen war, die CPU-Auslastung hochschnellen. Dieses neue Feature, „Dynamic Host-based Plug-in Processing“ genannt, findet sich dabei als Option in der neuen Playback Engine. Mit Hilfe der ebenfalls aktualisierten Systemauslastungsanzeige lässt es sich auch wunderbar beobachten: Erst mit der Wiedergabe unserer Test-Session mit zahlreichen Plug-ins und komplexen Routings steigt die CPU-Belastung, wohingegen im Stillstand deutlich weniger Prozessorleistung benötigt wird.  Darüber hinaus erfordern einige unserer Versuchs-Sessions überhaupt nur etwa die Hälfte der Leistung, die sie der CPU in Pro Tools 10 abverlangen – und das wohlgemerkt mit denselben Hardware-Konfigurationen. Zusammen mit der in Pro Tools 10 eingeführten Disk Cache-Funktion, die es ermöglicht, Audio-Files und Samples aus dem Arbeitsspeicher und nicht nur von der Festplatte zu streamen, ist der Leistungsschub mit Pro Tools 11 teilweise enorm. Wir sind beeindruckt. Allerdings soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass hierfür zwei Bedingungen erfüllt sein müssen: Erstens sollte Ihr System nicht älter als drei Jahre sein und über mindestens acht Gigabyte, besser aber 16 Gigabyte Arbeitsspeicher verfügen. Zweitens ist die Disk Cache-Funktion nur in Pro Tools|HD verfügbar. Ist eine dieser beiden Bedingungen nicht erfüllt, zwingt Pro Tools 11 trotz der vier Gigabyte RAM, die es allein zum Starten benötigt, das System zwar auch nicht gleich in die Knie, der Leistungsschub ist jedoch nicht ganz so hoch. Abseits dessen ist auch ohne HD per se ein Gigabyte des Arbeitsspeichers zum Cachen von Samples oder Audio-Files vorgesehen. Das ist für alle Nicht-HD-User zumindest ein kleiner Trost.

Die nächste Neuheit in der Audio-Engine markiert der Low-Latency Input Buffer, der geringste Latenzen beim Abhören von Aufnahmen ermöglicht und sich beim scharf Schalten einer Spur oder Vorhören eines virtuellen Instruments automatisch aktiviert. Auch bezüglich der automatischen Delay-Kompensation gibt es Neuigkeiten: Ist diese aktiv, gleicht sie Verzögerungen nun stets mit dem höchstmöglichen Wert aus. Das lästige Auswählen der Delay-Zeiten gehört somit glücklicherweise zur Vergangenheit. Die neue Audio-Engine ist übrigens kein rein auf Pro Tools beschränkter Prozessor, sondern auch Teil der Video-Schnitt-Anwendung Avid MediaComposer, was die Kompatibilität zwischen diesen beiden marktführenden Plattformen deutlich verbessert. Aus demselben Grund ist umgekehrt auch die Video-Engine des MediaComposers nun auch in Pro Tools implementiert. Näheres zu deren neuer Funktionalität erfahren Sie im Kasten auf Seite 33.
Außer einer höheren Leistungsfähigkeit enthält  Pro Tools 11 noch weitere Neuerungen, die vor allem die Performance und den Workflow weiter erhöhen sollen. Stand Pro Tools 10 in dieser Hinsicht ganz im Zeichen der Verbesserung von Editing-Vorgängen, betreffen die Optimierungen in Pro Tools 11 vor allem das Mixing. Zwei großen Bereichen haben sich die Entwickler dabei im Wesentlichen gewidmet: der Aussteuerung von Signalen und dem Mixing-Workflow.Zugegeben, das Aussteuern von Signalen war bislang eher einer der Schwachstellen in Pro Tools und das vor allem wegen der starren, nicht umschaltbaren Skalierung der Pegelanzeigen, die zudem nur eine recht vage Vorstellung von absoluten, sprich: spannungsbezogenen Pegelwerten vermittelten. Dass die Ballistiken der Pegelanzeigen nun endlich den verschiedenen Bedürfnissen und Anforderungen von Mixing-. Mastering-, oder Postproduktionsaufgaben angepasst werden können, ist kein nettes Gimmick, sondern eine längst überfällige Optimierung. Die nimmt Avid dann allerdings auch in großem Stil vor. Zunächst einmal fallen die Pegelanzeigen im Mixer jetzt um dreißig Prozent größer aus, was das Ablesen von Pegeln merkbar erleichtert. HD-Anwender können aus siebzehn verschiedenen Skalen wählen, darunter Klassiker wie Sample Peak und VU, aber beispielsweise auch PPM-Meter nach DIN-Norm, wie sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verwendet werden, sowie sämtliche K-Skalen für Mastering-Zwecke. Anwendern ohne HD-Lizenz stehen allerdings nur die klassische Pro Tools-Skala sowie ein Sample Peak-Meter zur Verfügung. Dies sollte für die meisten Anwendungs-Szenarien zwar reichen, ein paar mehr Standards wie VU oder RMS hätte Avid seinen normalen Usern unserer Meinung nach jedoch durchaus spendieren können. Davon abgesehen stehen allen Anwendern erweiterte Einstellmöglichkeiten zur Verfügung, mit denen beispielsweise die Rücklaufzeit (Decay), Integrationszeit oder die Farbcodierung der Meter angepasst werden können. Um die Skala der Pegelanzeigen auszuwählen beziehungsweise umzuschalten genügt dabei ein simpler Rechtsklick auf die Pegelanzeigen des Kanalzugs, was sehr praktisch gelöst ist. Auf Wunsch können Sie dem Master-Fader sogar eine andere Skala zuweisen als dem Rest der Tracks – beispielsweise Sample Peak für die Tracks und PPM DIN für den Master, der somit eine TV-konforme Aussteuerung der Mischung sicherstellt. Ein wirklich innovatives Aussteuerungs-Feature ist das so genannte Gain Reduction Meter, welches sich HD-Anwender zusätzlich neben die Pegelanzeigen jedes Kanalzugs einblenden lassen können. Kommen in einem Track Dynamikwerkzeuge zum Einsatz, genügt somit ein einziger Blick auf den Kanalzug, um den Grad der Pegelreduktion überblicken zu können. Das Meter zeigt dabei entweder die Summe der Pegelreduktion sämtlicher im Kanal insertierter Dynamikprozessoren an oder beschränkt sich wahlweise auf bestimmte Arten wie Kompressoren/Limiter oder Expander/Gates. Ein tolles Feature, das der Übersichtlichkeit und damit auch dem Mixing-Workflow sehr zuträglich ist. 
Doch das ist noch nicht alles in Sachen Metering: Auch die Send-Assignments lassen sich nun auf Wunsch mit einer Miniatur-Pegelanzeige versehen, die auf einen Blick erkennen lässt, ob und mit welchem Pegelanteil ein Signal über die Sends geleitet wird. Dies kann den Misch-Workflow ebenfalls deutlich erhöhen. Bislang war es mit den Send-Assignment-Buttons nämlich eher so, als würde man auf die Kabel einer Patchbay starren – der Anwender erkennt zwar eine korrekte Verbindung, nicht jedoch den anliegenden Pegelstand. Sehr schön, dass Avid hier nachgebessert hat. Die Gain Reduction-Meter lassen sich übrigens ebenfalls als Miniatur-Anzeige einblenden und zwar sinnigerweise bei den Insert-Assignments.Das nächste neue Metering-Feature findest sich in Form des Output-Meter, welches sich nun im Transportfeld befindet. Sinn und Zweck: Mit dessen Hilfe können Sie künftig sehr leicht erkennen, ob und mit welchem Pegel Signale an den physikalischen Ausgängen Ihres Audio-Interfaces oder den internen Bussen anliegen. Auch das ist ein längst überfälliges Feature, das endlich realisiert wurde. Neu im Transportfeld ist übrigens auch die Fade-in-Funktion. Sie ermöglicht es, sämtliche Signale nach Start der Wiedergabe innerhalb von bis zu vier Sekunden einzublenden. Das ist zum Beispiel sinnvoll, um unangenehme Lautstärke-Schwankungen oder sogar Knackser beim Start der Wiedergabe während der Mischung zu vermeiden. Ein weiteres Lob für dieses kleine, aber sehr hilfreiche Feature.Nicht zuletzt sei auch erwähnt, dass die Clip-Indikatoren in Pro Tools 11 anders als bisher erst dann aufleuchten, wenn tatsächlich die 0 dbFS-Grenze erreicht beziehungsweise überschritten wird. Da Pro Tools selbst dank interner 64 Bit Fließkomma-Berechnungen niemals clippt, dienen diese Indikatoren folglich der Vermeidung von Übersteuerungen an den Wandlern. Allein das erleichtert das Mischen, da der Bezug zu den Clip-Indikatoren nun besser nachvollziehbar ist.

Wie bereits angedeutet, haben sich die Entwickler ebenfalls der Optimierung des Mixing-Workflows gewidmet. Dies findet sich unter anderem in der Einführung neuer Shortcuts: Einen neuen Track können Sie nun einfach per Doppelklick auf die leere Fläche im Edit- oder Mix-Fenster erstellen, in Kombination mit verschiedenen Tasten können sogar unterschiedliche Track-Arten wie Audio, Aux, Instrument oder Master ohne Umweg erstellt werden. Eine ebenso simple wie sinnvolle Verkürzung von Arbeitszeit. Eine weitere Reihe neuer Shortcuts betrifft das Stummschalten von Sends und Inserts: Artete dies bisweilen in eine lästig-zeitraubende Klick-Arbeit aus, wollte man einen Track oder gar die gesamte Session auf die Schnelle ohne Klangbearbeitung oder Hallfahnen hören, ist dies glücklicherweise ab sofort mit einem einzigen Klick lösbar. Auch hierbei sorgt die Kombination mit verschiedenen Tasten für eine weitere Auffächerung der Shortcut-Funktion. So können Sie beispielsweise alle Sends der ersten fünf Slots ausgewählter Tracks auf Bypass schalten (Shift+3) oder alle Inserts der hinteren fünf Slots (Shift+2). Der Befehl lässt sich sogar auf bestimmte Plug-in-Typen begrenzen, so dass etwa nur die Equalizer, Dynamikwerkzeuge, Hall-, Delay-, oder Modulationsprozessoren stumm geschaltet werden. Haben Sie diese Kürzel erst einmal verinnerlicht, wird auch das Ihren Workflow erhöhen.
Einer der besten neuen Mixing-Features überhaupt ist unserer Meinung nach jedoch der so genannte Expanded Sends View:  Für jeden Send-Slot können Sie nun separat entscheiden, ob er als Assignment-Button oder als Mini-Kanalzug mit Fader, Panregler, Mute- und Prefader-Buttons dargestellt werden soll. Dies ermöglicht nicht nur eine bessere visuelle Rückmeldung über den Status der Sends, sondern erlaubt gleichzeitig einen wesentlich schnelleren Zugriff. Bisher war diese Anzeige unverständlicherweise nur für jeweils eine einzige Slot-Reihe möglich. Dank dieser neuen Funktion kann die Mixer-Ansicht endlich so individualisiert werden, wie es die eigenen Bedürfnisse erfordern. Noch schöner wäre es, wenn die Umschaltung demnächst auch mittels Rechtsklick oder Shortcut möglich wäre und nicht allein über das View-/Ansicht-Menü. Apropos individuelle Mixer-Ansicht: Neuerdings können per Rechtsklick sogar die Fader und Pegelanzeigen verborgen werden, sollte dies gewünscht sein. 
Die dritte einschneidende Neuheit findet sich schließlich im File-Management, das deutlich verbessert wurde. Pro Tools erstellt jetzt nur noch ein einziges Database-File, das einen Index sämtlicher Datenträger sowie den Waveform-Cache der indizierten Audio-Files enthält. Eine ebenfalls weise Entscheidung, denn in der Vergangenheit waren die für jeden Datenträger separat erstellten Database-Files nicht selten Ursache diverser Fehlermeldungen. Dies dürfte nun ausgebügelt sein.Des Weiteren wurden die bisherigen separaten Workspace-, Project- und Catalog-Browser zu einem einzigen Workspace-Browser vereint, was Suchvorgänge künftig deutlich vereinfacht, da das lästige Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Browsern entfällt. Selbstverständlich können dabei mehrere Workspace-Fenster gleichzeitig geöffnet werden, um beispielsweise gleichzeitig im Sample-Archiv und der Session zu suchen. Parallel dazu haben die Entwickler auch gleich noch die Suchmaske des Workspace-Browsers aktualisiert und sogar erweitert. Außer einer simplen Schlagwort-Suche ist es nun auch möglich, Datenträger oder Sessions anhand erweiterter Suchkriterien, die bestimmte Attribute ein- oder ausschließen, zu durchforsten. Ein sehr hilfreiches Tool, mit dem die gewünschten Files im Handumdrehen gefunden sind, vorausgesetzt, Pro Tools hat die Files einmal indiziert, andernfalls dauert der Suchvorgang ein wenig länger. Die Indizierung kann jetzt übrigens auch manuell ausgelöst oder gelöscht werden, was unter Umständen durchaus hilfreich sein kann.

Last but not least sollen auch weitere interessante Features und Fakten nicht unerwähnt bleiben: Mittels der „Enable Record in Automation“-Option ist es nun möglich, auch während der Aufnahmen Automationsdaten aufzuzeichnen, also folglich gleichzeitig aufzunehmen und zu mischen. Pro Tools 11 hat überdies auch nichts mehr dagegen, wenn Sie Datenträger im Explorer Ihres Betriebssystems auswerfen oder mounten und nicht innerhalb der Software. Die Installation von Pro Tools 11 auf Mac-Rechnern erfolgt nun völlig simpel per Drag-and-Drop. Und: Die Zahl der möglichen Undo-Schritte wurde auf 64 erhöht. Das ist auf jeden Fall ein erfreulicher Schritt in die richtige Richtung. Noch besser wäre jetzt noch ein Undo-Protokoll, wie es zum Beispiel Steinbergs Nuendo besitzt. Aber es muss ja auch noch Spielraum für künftige Updates übrig bleiben.

Fazit

Mit dem Etablieren der 64 Bit-Architektur läutet Avid wahrlich eine neue Pro-Tools-Ära ein: Eine leistungsstarke, weil effizient und ressourcenschonend agierende Audio-Engine, die hoch-performante AAX-Schnittstelle, eine professionellere Video-Engine, verbessertes File-Management und präziseres Metering, machen Pro Tools 11 zu einer der leistungsfähigsten DAW’s auf dem Markt, erst recht im Verbund mit der HDX-Hardware. Darüber hinaus ist die Feature-Wunschliste derart zusammengeschrumpft, wie es wohl viele Anwender noch vor drei Jahren kaum für möglich gehalten hätten. Das Update lohnt sich im Prinzip für alle Pro Tools-Anwender, ein entsprechend leistungsstarkes System vorausgesetzt, die künftig mehr Performance und Workflow von ihrer DAW erwarten. Mit Pro Tools 11 sind sie damit auf jeden Fall auf der sicheren Seite, nämlich auf dem Sprung in eine erfolgreiche Zukunft.  

Hintergrund: Warum TDM und RTAS eingestellt wurden

Die Einführung einer vollkommen neuen Audio-Schnittstelle sowie die Ankündigung der Einstellung von TDM und RTAS sorgte bereits vergangenes Jahr für einiges Aufsehen in der Audio-Welt. Nicht nur Sorgen vor Kompatibilitätsproblemen treibt die Pro Tools-Anwender dabei um, viele fragen sich auch, warum anstelle einer neuen Schnittstelle TDM und RTAS nicht einfach für den 64 Bit-Betrieb modifiziert werden konnten – nicht umsonst heißt es „never change a running system“. Audio-Solutions-Spezialist Lars Kischkel erläutert uns dazu: „TDM (Time Division Multiplex) stammt aus dem Jahr 1993, als Digidesign, heute Avid, Pro Tools 2.0 veröffentlichte. Die ersten TDM Plug-ins wurden auf einem Macintosh Quadra 68k mit System 7 entwickelt. RTAS (Real-Time Audiosuite) wurde 1999 eingeführt und auf Basis von TDM entwickelt. Im Laufe der Jahre folgten zahlreiche, drakonische Technologie-Veränderungen, wie 68k zu PPC, Nubus zu PCI, OS9 zu OSX, PPC zu Intel. Außerdem erfolgte die Portierung zu Windows zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt. Um mit all diesen Veränderungen kompatibel und performant zu bleiben, wurde das TDM- und RTAS-Format bereits in der Vergangenheit immer wieder modifiziert. Aufgrund dessen haben beide Schnittstellen im Laufe der Zeit sozusagen sehr viel Last angesammelt, die Einfluss auf die Stabilität und Performance nimmt. Eine weitere Modifizierung in Form einer 64-Bit-Portierung hätte in noch einmal eine deutliche Verschlechterung von Stabilität und Performance für TDM und RTAS nach sich gezogen. Die logische Konsequenz für Avid war also eine komplett neue, von Anfang an 64 Bit-fähige Schnittstelle zu schaffen, wie es das Avid Audio Extension-Format, kurz AAX, ist.“

Ein Traum wird wahr: Offline-Bouncen in Pro Tools 11


Die Offline-Bounce-Funktion ermöglicht es jetzt, Mixdowns vielfach schneller als in Echtzeit zu erstellen, was eine ungemeine Zeitersparnis darstellt, da das Projekt eben nicht mehr von Anfang bis Ende 1:1 wiedergegeben werden muss. Kein Wunder also, dass es das von den Pro Tools-Anwendern wohl am vehementesten geforderte Feature ist und mit Pro Tools 11 endlich realisiert wurde. Dafür müssen Sie lediglich den entsprechenden Haken im altbekannten Bounce-to-Disk-Dialog setzen und schon generiert die Software den Mixdown mit bis zu 150-facher Echtzeitgeschwindigkeit. Wie schnell Pro Tools dabei tatsächlich bounct, ist selbstverständlich von verschiedenen Faktoren, wie der CPU- und Festplattenauslastung, aber auch der Datenverarbeitungseffizienz der Plug-ins abhängig.Avid beweist hier einmal mehr Sinn für Alltagstauglichkeit, denn gleichzeitig lässt sich neben dem hochauflösenden Wav- oder Aiff-File auch eine datenreduzierte Version in Form einer MP3 erstellen. Dies erspart erfreulicherweise einen zweiten Bounce-Vorgang beziehungsweise die nachträgliche Konvertierung des hochauflösenden Files.Bei sehr komplexen Mischprojekten, wie sie zum Beispiel im Filmton-Bereich häufig vorkommen, müssen oft mehrere Submixe respektive Stems verschiedener Elemente erstellt werden. Für solche Anwendungs-Szenarien bietet Pro Tools|HD jetzt die Möglichkeit, Mixdowns aus mehreren Quellen gleichzeitig  zu erstellen (siehe Abbildung). Bis zu sechzehn Quellen mit jeweils bis zu acht Kanälen lassen sich auf diese Weise in einem einzigen Bounce-Vorgang generieren. Der enorme Aufwand, der bisher dafür betrieben werden musste, schrumpft somit auf ein erfreuliches Mindestmaß.Doch damit nicht genug: Auch ein in die Session importiertes Quicktime-File lässt sich nun mit bis zu sechzehn Mono- oder Stereo-Quellen gleichzeitig beschreiben. Dies ist beispielsweise hilfreich, um das Video-File nicht nur mit dem Hauptmix, sondern ebenso inklusive diverser Submixe oder alternativen Ton-Fassungen, wie einen internationalen Mix ohne Sprache auszuliefern – ohne dafür einen Video-Editor bemühen zu müssen. Die Tondaten können dem Video-File dabei auch MP3-kodiert hinzugefügt werden, was sich wiederum positiv auf die File-Größe auswirkt. Auch für das Video selbst lassen sich nun endlich detaillierte Bounce-Einstellungen vornehmen, wie etwa der Kompressionscontainer oder die Auflösung beziehungsweise Qualität, was es ermöglicht, datenreduzierte, webtaugliche Fassungen direkt aus Pro Tools heraus zu erstellen. Ein Lob dafür!Nicht zuletzt wurde die Bounce-Funktion als solche auch besser in den Workflow integriert, indem sie nun auch direkt per Rechtsklick auf den Track- oder Bus-Ausgang im Edit- oder Mix-Fenster aufgerufen werden kann und nicht mehr ausschließlich über das Menü. Doch Vorsicht ist geboten: So schön, einfach und schnell das Offline-Bouncen auch ist, besitzt es durchaus auch Grenzen. Denn es gibt logischerweise Quellen, die qua physikalischer Gesetzmäßigkeit nicht offline gebounct werden können,  zum Beispiel die Signale eines extern in das Projekt eingeschliffenen Hardware-Equalizers, externe Synthesizer oder Plug-ins, die nur via DSP berechnet werden können. Dies sollten Sie folglich stets bedenken, wenn es an das Ausspielen Ihrer Mischungen geht.

Leistungsfähiger und professioneller: Die neue Video-Engine


Die neue Video-Engine gehört mit zu den zentralen Neuheiten in Pro Tools 11. Gestaltete sich die Arbeit mit Video in Pro Tools bisher eher rudimentär, im schlimmsten Fall auf Grund des reinen Quicktime-Workflows mühsam und zeitraubend, bietet die neue Video-Engine, nicht zuletzt dank ihrer hundertprozentigen Kompatibilität zum Avid MediaComposer, jetzt deutlich mehr Möglichkeiten. Neben Quicktime arbeitet Pro Tools nun auch problemlos mit Videos in einer Vielzahl von HD-Formaten, wie beispielsweise Avid DnxHD, die ohne Transkodierung importiert werden können. Auch die Wiedergabe über Video-Interfaces wie Avid Nitris, Mnojo DX und einige andere Drittanbieter wird unterstützt. Darüber hinaus können Anwender ihre Video-Hardware auch direkt in Pro Tools detailliert justieren und kalibrieren oder wenn diese nicht vorhanden ist, zumindest festlegen, ob der Prozessor der Grafikkarte (GPU) oder die CPU die Video-Wiedergabe übernehmen soll, was den Workflow auf ein professionelles Niveau hebt. Die interne Video-Wiedergabe lässt sich des Weiteren über einige zusätzliche, längst fällige Parameter, wie verschiedene Auflösungen und Qualitäten, der Leistungsfähigkeit des Systems anpassen. Diese Einstellungen können Sie dabei praktischerweise direkt am Video-Track vornehmen. Außerdem ist es möglich, das Seitenverhältnis des Videobildes zu ändern – eine ebenfalls längst fällige Optimierung. Last but not least lassen sich die Audio-Daten nun auch via Rechtsklick auf ein Quicktime-Video importieren und nicht mehr ausschließlich über das Import-Menü.

Erschienen in Ausgabe 01/2014

Preisklasse: Oberklasse
Preis: Upgrade von Pro Tools 10: 284 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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