Die Alternative

Vom einfachen Sample-Editor zur allumfassenden D.A.W. hat sich die Software aus dem Hause Magix gemausert und sich als Geheimtipp klamm heimlich an die Favoriten der Zunft herangeschlichen. Mit Samplitude 9 kommt eine überarbeitete und frisch bestückte Version auf den Markt. Begleiten Sie unseren Autoren bei seiner Erkundung von Samplitude 9.

Von Michael Nötges

Im Bereich der Audiobearbeitung und Musikproduktion tummeln sich schräge Vögel und interessierte Familienväter, eingefleischte Profis und Homerecorder und alle stellen sie bestimmte Anforderungen an ihre Software. Vor allem haben sie einen individuellen Background und gehören damit zu einem bestimmten Benutzertyp. Auf der einen Seite steht nun eine Unmenge an unterschiedlichen Software-Lösungen, auf der anderen Seite der jeweilige Benutzer. Die Kaufentscheidung erfolgt meist nach der Orientierung durch die Leistungsmerkmale der Produkte und dem jeweiligen Preis. In einem Preissegment finden sich dann aber immer noch eine große Auswahl von Produkten, die für die gewünschten Anforderungen in Frage kommen und jetzt bringen der eigene Erfahrungsschatz mit ähnlichen Produkten, kleine Zusatzfeatures und Empfehlungen den letzen Entscheidungsanstoß. Samplitude 9 fällt in den Bereich der Komplettlösungen für professionelle Audiobearbeitung. Als Windows-basierte Digital Audio Workstation (D.A.W.) ist sie für Aufnahmen, Audiobearbeitung, Mixing und Mastering konzipiert. Sie verfügt wie alle Sequenzer in dieser Preisklasse auch über einen umfangreichen MIDI- und Notations-Editor, sowie zahlreiche Plug-ins und Bearbeitungs-Tools. Die Aufnahme und Editierung ist mit bis zu 32 Bit und 192 kHz möglich und stützt sich intern auf Digitalalgorithmen, die durchgängig mit Fließkommaberechnung arbeiten. Die Berliner Firma Magix bietet Samplitude 9 für rund 1000 Euro an und wirbt mit einzigartiger Funktionalität, Klangneutralität, guten Schnitt- und Bearbeitungsmöglichkeiten, sowie integriertem CD- und DVD-Mastering. Ein kurzer Blick zurück in meine jüngste Vergangenheit bringt uns auf den richtigen Weg.

Zu Samplitude kam ich, wie die Jungfrau zum Kind, wobei der paradiesische Apfel letztendlich eine wesentliche Rolle spielte für den Wechsel spielte. Seit Jahren arbeitete ich zunächst auf dem Mac, später auf dem PC mit Logic. Bis die Firma Apple den Logic-Hersteller Emagic kaufte, war die Welt auch auf dem PC vollkommen in Ordnung. Die feindliche Übernahme ließ nun aber den PC-Zweig ausbluten, da die neuen Versionen des Sequenzers fortan nur noch für den Mac produziert wurden. Der Stand von Logic 5.5 war der Status Quo. Mehr war ohne die Anschaffung eines Macs nicht möglich, also stand eine Neuorientierung in naher Zukunft an. So begab es sich, dass während einer laufenden Produktion jede Menge Gesangsaufnahmen geschnitten und bearbeitet werden mussten. Insgesamt sah die Arbeitsteilung dieses Projektes so aus, dass ich die einzelnen Songs vorproduzierte, um sie dann Spur für Spur heraus zu bouncen und dem Toningenieur zum Mix und Mastering zu überlassen. Pro Song bekam dieser eine CD mit allen Bounces, die er dann in Samplitude importierte, um die Songs zu mischen und zu mastern. Der Gesang wurde als letztes aufgenommen und der Veröffentlichungstermin rückte immer näher. Bereits mehrere Abende hatte ich mit dem mühsamen Schneiden verbracht und bei diesem Tempo wären noch einige Nachtschichten dazu gekommen. Aufgrund des einfachen objektorientierten Editierkonzept von Samplitude empfahl mir der Toningenieurs die Bearbeitung der Gesangsspuren mit  Samplitude 8.0 Professional durchzuführen. Zu meiner großen Freude war das Schneiden und setzen von Crossfades zwischen den einzelnen Gesangs-Samples, sowie das Eliminieren von störenden Schmatz- oder Atemgeräuschen intuitiv und einfach durchzuführen: Ideal für viele Schnitte unter Zeitdruck. Die Fades wurden automatisch bei Überlappungen zweier Samples erzeugt und der Verlauf und die Länge durch einfaches Verschieben von Anfangs- und Endpunkten vorgenommen. Jeder einzelne Gesangsschnipsel ließ sich zudem durch das objektorientierte Bearbeitungskonzept einzeln anpassen, so dass Phrasen aus verschiedenen Takes unkompliziert angepasst werden konnten, wenn beispielsweise die Lautstärken nicht ganz identisch waren. Der Rest der Produktion, bis zum fertigen Master für das Presswerk, wurde auf Samplitude fertig gestellt und der Veröffentlichungstermin konnte eingehalten werden.

Ein Jahr später lohnt sich ein erneuter Blick auf die nun vorliegende Version neun. Voller Erwartung und Vorfreude lässt sich Samplitude 9 ohne Problem auf dem PC installieren. Dafür vom Hersteller empfohlen sind neben einer CPU-Geschwindigkeit von mindestens 1,5 Gigahertz ein Arbeitsspeicher von einem Gigabyte, genauso viel freier Speicherplatz für die Vollversion auf der Systemplatte und ausreichend freie Kapazitäten auf einer anderen Platte für das Audiomaterial. Ohne eine VGA Grafikkarte mit 800 mal 600 Pixeln Auflösung und einer Windows/ASIO-kompatiblen 16 oder 24 Bit Soundkarte, einer Digital-Audio-Karte oder Multi I/O-Karte, sieht oder hört man nichts. Ein DVD-Laufwerk ist unbedingt erforderlich, da sonst die Installations-DVD nicht gestartet werden kann. Außerdem entscheidend ist die richtige Festplatte. Da die maximale Anzahl der verwendeten Audiospuren abhängig von Drehzahl, Zugriffszeit und Datentransferrate ist, empfiehlt der Hersteller UltraDMA Festplatten mit einer Umdrehungszahl von 7200 Umdrehungen pro Minute und einer Zugriffszeit von unter neun Millisekunden.

Die etwas gefürchtete Aktivierungs- und Registrierungsprozedur läuft völlig unkompliziert und automatisch beim ersten Programmstart ab. Nach der Registrierung des Produktes ist der Freischaltungscode für den USB-Dongle automatisch fertig gestellt und das Programm autorisiert. Erfreulich ist die gut geschriebene deutsche Bedienungsanleitung mit Spiralbindung, die sich als professioneller Begleiter, aber auch als Einsteigeranleitung eignet. Übersichtlich strukturiert und leicht verständlich bietet sie eine ausgezeichnete Hilfe, von der sich manche anderen Hersteller getrost eine Scheibe abschneiden können. Außerdem lässt sich Samplitude 9 ohne Probleme auf einem anderen Rechner installieren und anwenden: es darf nur der USB-Dongle nicht vergessen werden und alles geht glatt.

Auf dem Weg in die Welt von Samplitude 9 begegnet einem als erstes das Start-Auswahl-Fenster. Hier können virtuelle Mehrspurprojekte (VIPs) geladen oder neu erstellt werden. Gleiches gilt auch für einzelne Wav-Files. Die zuletzt geöffneten Projekte sind außerdem aufgeführt, um schnell an laufenden Produktionen weiter arbeiten zu können und sich nicht durch die Ordnerstruktur des PCs kämpfen zu müssen. Beim ersten Öffnen erscheint hier voreingestellt nur ein Demo-VIP. Der freundliche Tipp des Tages, ein Hilfe-System und acht gerade für Einsteiger nützliche Einführungsvideos bilden die Hilfe-Sektion dieses kleinen Vorhofs. Ein Klick auf die Schaltfläche Neues Mehrspur-Projekt (VIP) öffnet ein Fenster, um die Grundeinstellungen für das bevorstehende Projekt festzulegen. Alle Optionen, können auch später noch verändert werden, aber für einen gelungenen Start lohnt es sich das Wichtigste vor ab zu erledigen. Nach der Bestimmung des Namens wird der Dateipfad festgelegt. Tipp: einen Pfad wählen, der nicht auf der Systemplatte liegt. Dies führt insgesamt zu stabilerer Performance. Als nächstes sind drei Popup-Menüs für bestimmte Presets zu sehen. Zum einen finden sich hier Projektvorlagen mit unterschiedlichen Zusammenstellungen von Audio- MIDI- AUX- und Bus-Spuren. Zum anderen unterschiedliche Mixer-Setups, darunter eine Stereo Master- und eine Surround-Konfiguration. Nur wenn diese aktiviert ist, kann auf das letzte Menü zugegriffen werden, um das passende Surround-Setup zu wählen. Die detaillierten Projekt-Optionen bieten weitere Einstellungen, die das Basis-Setup vorbereiten. Die Samplerate ist zwischen 22,05 Kilohertz und 192 Kilohertz wählbar – Samplingraten über 96 Kilohertz müssen händisch eingegeben werden. Im selben  Kasten lässt sich außerdem eine allgemeine Dämpfung zwischen -18 dB und 0db wählen. Der Takt und das Tempo stehen auf 4/4-Takt und 120 BPM. Für das Editing ist der äußerst praktische Auto Crossfade-Modus eingestellt und der Auto Save-Modus – wie er von der Textverarbeitung in Word bekannt ist – ist aktiv und sichert das Projekt alle zehn Minuten. Ob  diese Speicherung in eine Backup-Datei gespeichert oder das Original VIP überschrieben werden soll, kann zusätzlich gewählt werden. Die Backup-Datei hat den Vorteil, dass falls das original VIP einmal beschädigt sein sollte eine Art Sicherungskopie zur Verfügung steht. Schließlich können noch die Angaben für die Raster- und Gitter-Einstellungen getroffen werden. Ist das Objektraster aktiviert sind die einzelnen Kanten der Objekte wie magnetisiert und schließen kleine Lücken automatisch, sobald sie sich zu nahe kommen. Beim Takt- oder Frameraster ähnelt das Verfahren einer Quantisierung, die sich an einstellbaren Rastergrößen orientiert. In diesem Fall an einzelnen Frames oder Taktschlägen, wie Viertel- Achtel- oder Sechzehntelnoten. Das Gitter zur besseren Orientierung kann verschiedene Bezugsgrößen haben. Es kann sich an den Takten oder Samples orientieren sich aber auch an die SMPTE oder Millisekunden halten. Am musikalischsten ist der Takt/Beat-Modus, der auch gewährleistet, dass einzelne Samples rhythmisch passend im Arrangement verschoben werden können. Von der Spurenanzahl haben wir eine ungefähre Vorstellung und stellen deshalb 8 Tracks ein und legen die Projektlänge auf eine Minute fest. Das Ganze mit Ok bestätigen und wir sind drin.

Vor uns liegen acht übereinender geschichtete nackte Audiospuren. Das Grunddesign ist zurückhaltend und funktionell. Am linken Rand des Arrangement-Fensters sind alle detaillierten Informationen und Parameter zu dem jeweils ausgewählten Track im neuen Track-Editor angeordnet. Als Alternative zum Mixer können hier der Record- und Monitor-Status, Lautstärke, Panaorama, MIDI- und Audio-Ein- und Ausgänge, Plug-ins, Aux-Sends und EQ-Einstellungen in übersichtlich aufklappbaren Sektionen bearbeitet werden. Der Vorteil ist, dass für viele Einstellungen nicht mehr das Fenster gewechselt werden muss. Am unteren Rand befindet sich von links nach rechts zunächst ein Popup-Fenster, in dem verschiedene Profile ausgewählt werden können. Je nach Wahl ändert sich die Symbolleisten-konfiguration. Für den Power-User zeigt sich Samplitude 9 als umfangreiches Profiwerkzeug mit einer Fülle von Schaltflächen, für jede Gelegenheit. Die Einstellungen Easy, Record, Edit und Master bieten bloß den Teil der Werkzeuge an, die gemeinhin benötigt werden. Daneben zeigen sich sieben Schaltflächen, die den direkten Zugriff auf die wichtigsten Bedien- und Bearbeitungselemente ermöglichen. Damit lassen sich der Track-, MIDI- und Objekt-Editor und außerdem das Transportfeld, der Mixer, das Manager-Fenster und die Visualisation in Form eines virtuellen Peakmeters aufrufen oder verbergen. Die Symbolleisten erinnern an die Schaltflächen in Word, deren Bedeutung entweder direkt aus dem jeweiligen Symbol hervorgeht oder als Erklärung mit Shortcut angezeigt wird, sobald der Auswahlpfeil der Maus auf ihnen verweilt. Dies führt zu einem intuitiven Bediengefühl, welches durch die Erfahrungen mit Microsoft Office Programmen ganz natürlich erscheint. Eingefleischten PC-Usern kommt dies sehr entgegen. Über die Menüleiste gelangt man wie gewohnt immer tiefer in die Kapillaren der Software in denen wir uns aber nicht verlieren wollen.

Der erste Buchstabe, den wir jetzt lernen, ist das Ypsilon. Jeder gelernte Shortcut bedeutet gewonnene Zeit, also kann gar nicht früh genug mit dem Einprägen angefangen werden. Wir gelangen in das Fenster für die globalen Einstellungen. Die wichtigsten Vorkehrungen sind unter System/Devices zu treffen. Hier lassen sich die richtige Soundkarte und der dazugehörige Treiber (ASIO, MME, Multichannel MME) auswählen und konfigurieren, die Puffer-Einstellungen und Wortbreite verändern und die richtige Entscheidung für das Monitoring treffen. Es gibt fünf verschiedene Modi die Signale abzuhören: der Monitoring/Engine Modus zeigt lediglich die Eingangspegel an, ermöglicht aber kein Mithören. Er eignet sich für Setups in denen ein externer Mixer für das Audio-Routing benutzt wird. Das Hardware-Monitoring ist bei der Verwendung von MME-Treibern die einzige Möglichkeit. Bei ASIO Treibern ermöglichen viele Soundkarten Funktionen wie Mute/Solo, Volume und Pan direkt zu verarbeiten. Vorteil: auch bei großen ASIO oder VIP Puffern sind minimale Latenzen erreichbar und die CPU-Last bleibt auch bei komplexen Projekten gering. Das Software Monitoring (Economy Engine) berücksichtigt die eingestellten Pegel der Aufnahmespur und das Einspielen von Software-Instrumenten. Diese Mithörmöglichkeit ist nur bei ASIO-Treibern verfügbar, sieht aber keine Effekte für das Eingangssignal vor und hält so die CPU-Last und Latenz gering. Das Track FX Monitoring lässt es zu, die Track-Effekte auf die Eingangssignale anzuwenden. Master- und Bus-Effekte sind nicht verfügbar. Zu guter letzt gibt es noch das Mixer FX Monitoring. Die neuartige Hybrid Audio Engine (siehe Kasten) sorgt hier für niedrige Eingangs- und Ausgangsverzögerungen bei gleichzeitig hoher Leistung und führt damit zu einer Optimierung des Systems. Diese Einstellung ist beim Einsatz von Softwareinstrumenten und gerade bei der Verwendung von VST-Plug-ins zu wählen und bietet den umfangreichsten aber auch leistungsintensivsten Monitoring-Modus. Ist das Schaltverhalten auf Bandmaschinen Monitoring gestellt, wird im Stop-Zustand das Eingangssignal wiedergegeben beim Abspielen der Trackinhalt – also ein Mithören, wie bei der Hinterbandkontrolle. Manuelles Monitoring ist auch möglich. In diesem Modus wird das Signal mit Hilfe eines Force Monitoring Buttons angeschaltet. Das blaue Lautsprechersymbol befindet sich neben der Pegelanzeige der jeweiligen Spur. Der Strukturbaum der globalen Einstellungsmöglichkeiten umfasst alle weiteren Details von den MIDI-Einstellungen bis hin zum Design der Software. Was anfangs gebraucht wird, sind allerdings die richtigen Audioeinstellungen um Samplitude 9 für den Praxistest vorzubereiten.

Bevor wir uns aber diesem widmen noch ein paar Worte zur objektorientierten Audiobearbeitung, die Samplitude 9 auszeichnet und zu einem äußerst flexiblen und effektiven Sequenzer macht. Stellt sich zunächst die Frage, was unter einem Objekt zu verstehen ist. Ein Objekt symbolisiert die Audiodatei oder bestimmte Teile davon. Damit greift es auf vorhandene Audio-Daten zurück, verändert diese jedoch nicht, sondern berechnet in Echtzeit die angewendeten Effekte, Fades oder auch die Lautstärke. Dies geschieht durch Algorithmen, die auf das referenzierte Audiomaterial angewendet werden. So ist es möglich, jedes ausgewählte Objekt unabhängig von den übrigen Mixer- und Automationseinstellungen auf vielfältige Art und Weise zu editieren. Dabei können auch Effekte, Aux-Wege, Lautstärke, Strereopanorama und unzählige weitere Parameter gezielt auf das eine Objekt angewendet werden. Daraus ergibt sich auf dieser neu gewonnenen Objektebene eine große Flexibilität und zielgerichtetes Eingreifen in das Audiomaterial. Grundsätzlich sind in Samplitude 9 alle Objekte gleich, so dass auch MIDI-Spuren in einzelne Objekte unterteilt und dann genauso gehandhabt werden können wie das Audiomaterial. Die folgende kurze Recordingsession gibt ihnen anhand von praktischen Anwendungsbeispielen einen Überblick über die Funktionalität und Bedienbarkeit von Samplitude 9.

Der zweite Buchstabe unseres Sampltitude-Alphabets ist das M. Mit diesem Shortcut lässt sich der Mixer öffnen. Es empfiehlt sich zwei Monitore zur Bearbeitung zu verwenden. Auf der linken Seite befindet sich das Arrangement-Fenster und auf der rechten der Mixer. Diese können im Hintergrund immer geöffnet bleiben und ermöglichen einen guten Überblick auch bei komplexen Arrangements. Von der Sample-Audio-CD Liquid Grooves von Spectrasonics soll jetzt ein Audio-Track mit zueinander passenden Drumloops und Samples geladen werden. Da es sich nicht um eine Daten-CD handelt, klicken wir uns durch die Menüs Datei, Laden/importieren und Audio-CD-Track(s)-laden und gelangen in das Fenster zum Importieren von Audio-CD-Tracks. Die eingelegte CD wird automatisch erkannt und wir selektieren nach kurzem Vorhören Track vier und kopieren ihn durch klicken auf die Schaltfläche Kopiere Selektierte Tracks in den Audio-Ordner unseres VIPs. Die graphische Darstellung wird im Arrangementfenster angezeigt und wir haben unser erstes Objekt vorliegen. Jetzt wollen wir doch auch das versuchen, was Samplitude ausmacht: objektorientiert arbeiten. Der Drum-Track beinhaltet verschiedene Loops die in Tempo (110 BPM) und Stilistik zu einander passen. Beim Durchhören gefallen spontan zwei Varianten. Um die beiden Stellen herauszuschneiden, klicken wir in die Gitterleiste, die die Projektzeit in Abhängigkeit der gewählten Maßeinheit anzeigt und die sich zusammen mit der Markerleiste oberhalb der ersten Spur befindet. Ein gelbes Dreieck markiert den Punkt auf der X-Achse, während eine vertikale Linie die Stellen in den einzelnen Spuren erkennen lässt. Jetzt kommt Buchstabe drei zum Zug. Mit T teilt man den ausgewählten Track an der markierten Stelle. Zunächst schneiden wir die beiden Loops grob aus, ohne den genauen Anfangs- und Endpunkt zu definieren. Um eine besser Übersicht zu gelangen, lassen sich bis zu drei Ausschnittfenster mit verschiedenen Zoom-Stufen öffnen. Unter den Menüpunkten Ansicht, Ausschnitte lässt sich die Anzahl auswählen. Wir klicken auf zwei und das Arrangement-Fenster zeigt zwei Ausschnitt-Fenster. Wir aktivieren das erste Fenster und klicken auf das Lupensymbol mit dem Zusatz All um den Zoomfaktor so einzustellen, dass das Gesamte Arrangement zu sehen ist. Im zweiten Fenster reicht ein Klick auf die Lupe mit dem Zusatz 1s aus um den Ausschnitt auf eine Sekunde heranzuzoomen. Das Arbeiten und Editieren gestaltet sich damit sehr übersichtlich, da sowohl das ganze Arrangement, als auch zu bearbeitende Details gleichzeitig dargestellt werden.

Die Objekte verfügen über fünf Greifpunkte in Form von blauen Quadraten, die mit schwarzen Linien verbunden sind. Am unteren rechten und linken Rand kann bei gehaltener linker Maustaste die Länge des Objekts verändert werden. Wir schieben Anfangs- und Endpunkt auf Position, so dass jeweils ein sauberer Loop über vier Takte entsteht. Durch das Verschieben der beiden Quadrate am oberen rechten und linken Rand kann das ursprünglich aufgespannte Quadrat zu eine Trapez verschoben werden. Dadurch ist das Ein- und Ausfaden jedes einzelnen Objekts möglich. Das fünfte Quadrat ist im Unterschied zu den anderen unausgefüllt und befindet sich auf der Linie zwischen den beiden Fade-Punkten. Durch vertikales ziehen lässt sich die Lautstärke des Objekts verändern, wodurch die graphische Darstellung der Wellenform automatisch angepasst wird. Um den ersten zurechtgeschnittenen Loop über 16 Takte laufen zu lassen und als Basis für einen Strophen Part zu gebrauchen, öffnen wir durch einen Doppelklick den Objekteditor, der das detaillierte Bearbeiten des Objektes ermöglicht. Hier lässt sich ein Häkchen für die Loop-Aktivierung setzen. Ist dies erfolgt, kann das Objekt an der unteren rechten Ecke gepackt und einfach nach rechts aufgezogen werden und der vorher ausgewählte Bereich wird automatisch alle vier Takte dupliziert. Nach 16 Takten sehen wir ein Break von vier Takten vor und verfahren für die nächsten acht Takte mit dem zweiten Drum-Loop wie gehabt und lassen uns schließlich vier Takte Zeit für das Outro. Als nächstes nehmen wir den Basspart auf. Über das Fireface 400 von RME spielen wir den Bass ein. Vorher kontrollieren wir die Einstellungen mit einem Rechtsklick in die Spurnamenanzeige. Das geöffnete Fenster für die Spureinstellungen ermöglicht es uns den Track auf mono zu schalten und ihm außerdem den passenden Namen Bass zu verleihen.

Jetzt muss die ausgewählte Spur in den Record-Modus versetzt werden, indem entweder der R-Button in der Spur selbst, oder die mit REC beschriftete Schaltfläche im Trackeditor aktiviert wird. Eine Basslinie für den ersten und zweiten Teil – nennen wir es Strophe und Refrain – ist nach ein paar Versuchen gefunden. Um den Sound zu optimieren verwenden wir eins der neuen Magix Plug-ins als Spur-Effekt. Im Mixer-Fenster findet sich im Kanalzug der aufgenommenen Spur die Ins-Sektion. Hier können Plug-ins und virtuelle Instrumente ausgewählt werden. Unter Magix Plug-ins findet sich der virtuelle Vorverstärker und nach Auswahl des Presets Funk Limiter und ein paar soundoptimierenden Veränderungen, klingt der Bass druckvoll und rund. Jetzt wo das Grundgerüst steht, setzen wir Marker an die wichtigen Stellen und beschriften diese. In der Symbolleiste befindet sich ein mit einer blauen Wellenform und einem M versehenes Icon. Wir bewegen den Positionszeiger an die gewünschten Stellen für Strophe, Break und Refrain und klicken jeweils auf die gerade gefundene Schaltfläche. In der Markerleiste erscheinen die Marker eins bis drei. Über den Markermanager können diese leicht benannt und verwaltet werden. Analog zur Bassaufnahme verfahren wir mit den Gitarrenparts: einstöpseln, scharf schalten, aufnehmen. Für den Strophen-Part versehen wir die Hauptgitarre mit einem Kompressor, um die Strat etwas präsenter klingen zu lassen, Über einen Linksklick auf die FX-Schaltfläche der Spur öffnet sich das Effekt-Routing-Fenster zur Verwaltung der internen Effekte und VST-Plug-ins. Das Doppelklicken auf Dynamics öffnet den Samplitude eigenen Kompressor, der die Gitarre nach ein paar Einstellungen wesentlich knackiger klingen lässt. Da sich auch hier die Magix-Plug-ins auswählen lassen ergänzen wir den Kompressor über die Schaltfläche Plug-in hinzufügen mit dem neuen VariVerb. Dieser Hall-Effekt klingt ausgezeichnet und lässt sich intuitiv und schnell einstellen und damit den Klang der Hauptgitarre optimieren. Auffallend ist, dass man immer auf kürzesten Weg zu den gewollten Einstellungen gelangt. Das spricht sehr für das ausgeklügelte Bedienkonzept der Entwickler. Die ergänzende Singlenote-Gitarre wird mit dem Am-Pulse Transient Designer aufbereitet. In den Signalweg eingefügt, eignet sich dieses Plug-in, um das Signal perkussiver erscheinen zu lassen. Außerdem sorgt das interne Delay, welches wir auf bekanntem Weg einschleifen für mehr Räumlichkeit und füllt das Break mit sanft ausklingenden Wiederholungen. Für den Refrain-Part werden zwei verzerrte Gitarren eingespielt. Der Am-Phibia erweist sich hier als erstaunlich gutem Gitarren-Vorverstärker. Das Preset British-Stack muss zwar noch ein bisschen modifiziert werden, bis der Sound gefällt, aber das Ergebnis kann sich klanglich hören lassen. Die gedoppelten Gitarren werden im Stereopanorama nach rechts und links gelegt. Dies erledigen wir durch Doppelklicken auf das jeweilige Objekt im Objekt-Editor. Als Instrumental-Track wird jetzt noch ein kurzes Solo über den Refrain-Part gespielt. Auch hier leistet der Amphibia gute Dienste und Latenzen spielen auch mit steigender Effekt- und Spurzahl keine Rolle, so dass auch schnelle Sechzehntelpassagen mit Effekt eingespielt werden können. Hier zeigt sich das gut durchdachte und überabreitete Ressourcen-Management von Samplitude 9. Um das viertaktige Break zu füllen und zu gestalten kopieren wir die letzten vier Takte des Drumloops. Durch das Anklicken des Objekts bei gedrückter Strg-Taste kann eine Kopie an eine andere Stelle im Arrangement gezogen werden. Das Loslassen der Maustaste legt die Kopie an der gewünschten Stelle ab. Wir schieben den Loop an seinen vorgesehenen Platz im Break und kürzen ihn durch verschieben des unteren rechten Greifpunktes um zwei Takte. Über den Objekteditor versehen wir diesen Teil mit einem Delay und öffnen den Modulationsfilter Filtox. Hiermit lässt sich ein interessantes Sounddesign erstellen, das sich stilistisch gut einfügt und das Break sehr musikalisch gestaltet. Um die bislang etwas stiefmütterlich behandelte MIDI-Bearbeitung in Samplitude zu testen soll ein Flächensound aus dem FM7 von Native Instruments generiert werden. Dafür hält der Track-Editor die Schaltfläche MIDI bereit, um die Audiospur in ihr MIDI-Pendant umzuwandeln. Das darunter liegende Fenster für die MIDI-Einstellungen zeigt die ausgewählten Ein- und Ausgänge. Da wir die Noten über den Matrix-Eeditor eingeben wollen, weisen wir als Ausgang den FM7 zu. Unter MIDI in der Menüleiste wählen wir neues MIDI Objekt und im folgenden Popup-Fenster für die gewünschte Länge vier Takte. Durch das Doppelklicken auf das gerade erstellte Objekt öffnet sich der Matrix-Editor. Die richtigen Noten sind problemlos einzuzeichnen und der gesamte Editor bietet umfangreiche Editiermöglichkeiten. Schnell kann auch in den Score-Editor umgeschaltet werden, um sich die eingetragenen MIDI-Events in der Notenansicht anzuschauen. Das Vorurteil, Samplitude eigne sich nur für das Recording und Mastering muss hier eindeutig widerlegt werden. Die MIDI- und Score-Sektion ist mittlerweile üppig ausgestattet. Um einen sanften Anstieg des Flächensounds zu gewährleisten wenden wir uns wieder unserem Objekt zu, auch wenn sich die Velocity der eingetragenen Noten auch im Matrix-Editor problemlos ändern lässt. In jeder Spurbox befinden sich ein Vol- und ein Pan-Button. Sind diese aktiviert, erscheinen zwei Linien in der Spur, die als Automationskurven zu benutzen sind. Das Doppelklicken auf die Linie erzeugt Automationspunkte, so dass durch das Verbinden von nur zwei Punkten ein linearer Verlauf und durch die Verknüpfung mehrerer Punkte Kurvenverläufe erzeugt werden können. Für unser MIDI-Objekt führt eine gradlinige Steigerung zu einem gut klingenden Ergebnis. Um das Outro zu gestalten, kopieren wir das Objekt mit der Singlenote-Gitarre ans Ende, kürzen es auf die vier Takte und erstellen ein Fade-Out durch das Ziehen des rechten oberen Greifpunktes. Außerdem setzen wir den bearbeiteten Loop aus dem Break noch einmal ans Ende. Durch die Auto-Crossfade-Funktion lässt sich beim Einrasten zweier Objekte an deren Kanten ganz einfach ein sanfter Übergang zwischen zwei Objekten erstellen. Die Greifpunkte beider Objekte überlappen sich und beim Verschieben wird automatisch ein Crossfade erzeugt. Wem der lineare Verlauf des Fades nicht gefällt, kann über den Objekt-Editor den Verlauf detailliert beeinflussen, um optimale Verbindungen zwischen zwei Objekten herstellen zu können. Abschließend wenden wir uns dem Mixer zu, der übersichtlich im Stile eines Mischpultes aufgebaut ist. Die grundlegenden Lautstärkenverhältnisse sind schnell eingestellt. Steigerungen vom Strophen- zum Refrain-Part gestalten wir über die Lautstärkeeinstellungen der einzelnen Objekte oder die Automationskurven. Über die EQs in jedem Kanalzug passen wir die Signale an, um sie im Mix richtig zu profilieren: schnell haben ist ein erster fertiger Mix erstellt. Über dem Masterregler befindet sich die Master FX-Sektion. Um dem Mix den letzten Schliff zu verleihen schalten wir den Multibandkompressor auf das Mastersignal, der das Ausgangssignal noch einmal etwas luftiger und differenzierte erklingen lässt. Die Presets stellen wie bei den übrigen Plug-ins eine gute erste Orientierung dar, die dann durch leichte Veränderungen auf das bestehende Material angewendet werden können.

Um den bestehenden Song direkt aus Samplitude 9 auf CD zu mastern, muss ein CD-Track- und ein CD-End-Marker gesetzt werden. Beide Funktionen finden sich unter dem Menüpunkt CD/DVD. Die Roten Marker erscheinen in der Markerleiste und können an die Richtige Position geschoben werden. In unserem Fall an den Anfang und das Ende des Arrangements. Gleiches funktioniert für das Mastering einer kompletten CD mit mehreren Tracks. Hier können die Pausen zwischen den einzelnen Songs festgelegt, der CD-Text geschrieben und ISRC und EAN-Codes vergeben werden, um das fertige Master anschließend direkt an das Presswerk liefern zu können. Beispielhaft gehen wir im Menüpunkt CD/DVD auf CD brennen und mastern unseren Testsong auf CD, auch wenn er nicht den Weg ins Presswerk finden soll. Beim Zurücklehnen und warten auf das fertige Master, stellen wir fest, dass Samplitude 9 eine echte Alternative zu den renommierten Sequenzern geworden ist. Der Komfort bei der Bearbeitung, die intuitive Bedienung und die Ausstattung mit allem, was zu einer Komplettlösung gehört sind überzeugend: Ausprobieren lohnt sich.

Fazit

Mit Samplitude 9 ist die Aufholjagd der Firma Magix abgeschlossen. Schwer genug bleibt es den ständig steigenden Anforderungen gerecht zu werden und dem Konkurrenzdruck durch andere Hersteller standzuhalten. Das Kopf an Kopf rennen trägt aber zu ständig verbesserten und innovativen Features bei, über die sich Produzenten und Musiker nur freuen können. Als professionelle Komplettlösung überzeugt Samplitude 9 durch einfache intuitive Bedienung und das äußerst flexible Konzept des objektorientierten Arbeitens. MIDI- und Score-Editor gestalten sich umfangreich und professionell. Außerdem können gut klingende Plug-Ins ein Grund mehr für die Kaufentscheidung sein. Samplitude 9 Professional kostet rund 1.000 Euro bietet dafür vom Recording über das Editing bis hin zum Mastering alles, was von einer professionellen D.A.W. erwartet wird.

Erschienen in Ausgabe 12/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 999 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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