So einfach geht das

Wer heutzutage den Namen Propellerhead nennt, meint eigentlich den Bestseller des Herstellers, die intuitiv bedienbare MIDI-Synthesizer-Workstation Reason, die alles mitbringt, was zur Musikproduktion nötig ist. Mit Record legt das schwedische Unternehmen jetzt einen waschechten Audio-Sequenzer im Reason-Stil vor. Er soll das Erfolgskonzept des Propellerhead-Bestsellers in die DAW-Welt portieren und den Spaß am Produzieren so deutlich wie nie zuvor in den Vordergrund rücken. Das haben auch schon andere behauptet. Professional audio prüft nach.    

Von Georg Berger 

Eines ist wahr: Software-Sequenzer sind heutzutage mit einem überbordenden Arsenal an Funktionen und Bearbeitungsmöglichkeiten ausgestattet, die wahrscheinlich niemand bislang in aller Gänze erschöpfend genutzt, geschweige denn komplett benötigt hat. Updates warten mit teils vielen neuen Funktionen und Editoren auf, die den Umgang mit den Sequenzer-Boliden nicht gerade einfacher machen. Sicherlich, die Rede ist von Profi-Werkzeugen, die für jeden tontechnischen Fall gerüstet sein müssen und zielgerichtet für diese Klientel entwickelt sind. Doch wie sieht es am anderen Ende aus? Gibt es Sequenzer, die sich bewusst für Einfachheit entscheiden und das Prinzip „weniger ist mehr“ selbstbewusst praktizieren? Eine Alternative bietet sich in den abgespeckten Versionen der Profi-DAWs. Doch außer einem eingeschränkten Funktionsumfang bleibt die Bedienung trotzdem die gleiche, die gerade Einsteigern eine teils hohe Lernbereitschaft und Geduld abverlangt und Wasser auf die Mühlen von erklärten Sequenzer-Muffeln ist. Genau an diesem Punkt setzt der schwedische Software-Hersteller Propellerhead mit seinem Sequenzer Record an, der für Erstkäufer mit knapp 280 Euro Verkaufspreis eine Alternative in Sachen Bedienung und Preis bieten will. Kenner entdecken beim ersten Betrachten der Oberfläche sofort die unverkennbare Nähe zum Bestseller des schwedischen Software-Herstellers, der Synthesizer-Workstation Reason 4 (Test in Heft 11/2007), die für viele Anwender die erste Wahl, wenn nicht sogar der Industriestandard in Sachen elektronischer Musikproduktion ist. In der Tat hat Record sehr vieles von Reason geerbt, angefangen beim identisch aufgebauten Sequenzer (siehe Kästen) und dem Hingucker schlechthin, der virtuellen Reproduktion eines 19-Zoll-Effekt-/Instrumenten-Racks, mit dem Reason in Sachen intuitiver Bedienung deutlich die Nase vorn hat und einen der Pfeiler des Erfolgsrezepts markiert (siehe Kästen). Es wundert daher nicht wirklich, dass Record und Reason sogar einen festen Verbund eingehen können, wobei sich Reason ab Version 4 in Record nahtlos integriert. Registrierte Reason-Anwender können für attraktive 130 Euro crossgraden und das größte Manko von Reason, die fehlende Möglichkeit zur Aufnahme von Audiosignalen, beseitigen.

Dazu gibt’s obendrein Verbesserungen am Sequenzer und mit den zwar abgespeckten aber sehr gut klingenden Gitarren- und Bassverstärker-Emulationen des britischen Herstellers Line6 sowie einem virtuellen Mischpult zusätzliche Argumente, die den Kauf schmackhaft machen. Die Mischpult-Oberfläche ist dabei nicht mehr und nicht weniger als eine naturgetreue Reproduktion einer SSL X 9000 K Konsole, die zusammen mit dem Effekt-Rack das Konzept intuitiver Bedienung durch exaktes Nachahmen des Hardware-Handlings auf virtueller Ebene in die Software erreicht. Der Mischer macht sogar Sound, der den originalen SSL-Klang zwar nicht authentisch emuliert, was in Anbetracht des Verkaufspreises auch zuviel verlangt wäre, aber immerhin.   Tatsächlich ist Record binnen kürzester Zeit verstanden und erste Arrangements sind im Handumdrehen erfolgreich produziert. Im Test macht die Arbeit mit Record ohne Ausnahme viel Spaß, sie wirkt sehr inspirierend und besticht durch einen beeindruckenden Rundum-Sorglos-Komfort. Record nimmt dem Anwender viele Arbeiten automatisch im Hintergrund ab, so dass man sich wirklich auf das Musizieren und Komponieren konzentrieren kann. Die Aufteilung der Bedienoberfläche in die drei Hauptfenster Sequenzer, Mixer und Effekt-Rack (siehe Kästen) ist klug gelöst. Sehr schön ist die Möglichkeit, die drei Bereiche als separate Fenster auf den Monitor zu legen. Sogenannte Navigator-Felder am Rand der Fenster, die eine Miniaturansicht der schnell anwachsenden Fensterinhalte darstellen, erlauben zudem das horizontale und vertikale Scrollen durch die Fenster. Man hat somit stets den Überblick, der jedoch erst mit TFT-Monitoren ab 20 Zoll Diagonale optimal ausfällt. Wenn etwas nicht passen sollte gibt es nichts, was sich nicht per Drag-and-drop neu sortieren lässt, seien es Spuren, Effekte oder Kanalzüge. In Sachen Bedienung und Workflow verdient Record die Bestnote. Klanglich besitzt Record ebenfalls eine hohe Qualität, was in erster Linie den mitgelieferten Effekten, aber auch dem Mischpult geschuldet ist. Die mitgelieferten Effekt-Presets sind ohne Ausnahme musikalisch hervorragend einsetzbar und veredeln Mixe auf beeindruckende Art. Weitere Highlights sind die Möglichkeiten, innerhalb eines Projekts Audio-Spuren mit unterschiedlichen Abtastraten bunt zu mischen und der implementierte Time-Stretch-Algorithmus. Beim Ändern des Tempos passt Record die Geschwindigkeit der Audio-Clips automatisch an und erhält die Tonhöhe. Der Algorithmus klingt exzellent. Änderungen um 30 bis 40 BPM klingen immer noch hervorragend natürlich und ohne Artefakte. Wir erhalten insgesamt den Eindruck, weniger mit einem Technik-Ungeheuer, sondern mehr mit einem kreativ einsetzbaren Musikinstrument zu arbeiten. 

Doch bei allem Lob ob des anfänglichen sehr guten Eindrucks, zeigen sich auch erhebliche Schwachstellen, die es nicht zu verschweigen gilt und die Record seit Veröffentlichung der public-Beta-Version zum vielleicht am kontroversesten diskutierten Sequenzer bislang macht. Hauptkritik-Punkt ist der Umstand, dass Record, ebenso wie Reason, ein in sich geschlossenes System ist. Will heißen, der Sequenzer besitzt keine Audio-Schnittstellen, die das Einsetzen von Effekt- und Instrumenten-Plug-ins möglich macht. Hinzu kommt eine recht überschaubare Zahl an mitgelieferten Effekten und nur ein virtuelles Instrument, was viele Interessenten abschreckt, wenn sie Record mit dem Leistungsumfang der Mitbewerber in derselben Preisklasse vergleicht. Erst durch Integration von Reason wird Record in Sachen Effekte und Instrumente so richtig mächtig, was aber mit zusätzlichem finanziellem Aufwand verbunden ist. Doch gilt es zunächst, sich die Argumentation von Propellerhead vor Augen zu führen, die durch bewusste Reduktion auf nur wenige, aber sinnvoll gewählte Effekte den Anwender vor einem Overkill an sich bietenden Möglichkeiten bewahren will. Denn nur allzu leicht verlieren sich selbst gestandene Profis in einem Wust an Plug-ins und verplempern ihre Zeit durch Ausprobieren unzähliger Presets, was nur eines zur Folge hat: Das Komponieren und Musizieren muss vor den technischen Aspekten und Möglichkeiten des Sequenzers zurückstecken und leitet die Kreativität in die falsche Richtung. Vom Standpunkt des Musikers, der eine schnörkellos einfach bedienbare Recording-Umgebung sucht, trifft diese Argumentation voll ins Schwarze. Denn es gibt nach wie vor viele Musiker, die den Umgang mit dem Sequenzer aufgrund ihrer Komplexität scheuen, aber liebend gerne den Schritt ins computerbasierte Recording wagen wollen. Mit Record bietet sich dieser Klientel eine ohne Zweifel attraktive Lösung an. Dennoch trifft die Argumentation von Propellerhead nicht ganz. Denn irgendwann hat sich auch der Einsteiger an den Sounds der Effekte satt gehört und will mehr haben. Besonders schwer wiegt dies beim mitgelieferten ID8-Instrument, das mit einem äußerst dürftigen Sound-Arsenal aufwartet. Es gibt viele Musiker, die sich durch Sounds erst inspirieren lassen, aber in diesem Fall von Record im Stich gelassen werden. Für unseren Geschmack ist dies jedenfalls zu viel an Bevormundung. Das Implementieren von Audio-Schnittstellen würde Record deutlich attraktiver machen und den Anwender länger bei der Stange halten. In der momentanen Form bietet Record einen nur zeitlich begrenzten Nutzwert. Zwar verfügt Record über eine Rewire-Schnittstelle. Doch die Entwickler haben ihrem Sequenzer nur die Möglichkeit gegeben, sich als Rewire-Slave an andere DAWs anzudocken. Für Reason mag diese Auslegung sinnvoll sein, Record gereicht es nicht zur Ehre und verurteilt den Sequenzer zu einem devoten Dasein. Wir haben erwartet, dass dies auch umgekehrt möglich ist, aber Fehlanzeige. Denn damit hätten sich zumindest weitere Instrumente mit Rewire-Schnittstelle, etwa Steinberg Groove Agent 3, in den Record-Sequenzer einbinden lassen, die Insellösung zumindest aufgeweicht und die Attraktivität deutlich angehoben. Weitere Kritikpunkte wie etwa das Fehlen von Subgruppen im virtuellen Mischer, fehlende Audio-Bearbeitungsfunktionen im Sequenzer, kein Import von MP3-Dateien erweitern die Liste an Negativ-Punkten, die auch von Einsteigern mit Sicherheit nach einer Weile vermisst werden. Insgesamt heißt das jedoch nicht, dass Record in Bausch und Bogen durchgefallen ist. Mit den sich bietenden Möglichkeiten lässt sich eine Menge anstellen, die mitgelieferten Demo-Songs sind Beweis genug.  

Zentrales Kompositons-Werkzeug: Der Sequenzer

Reason-Anwender werden mit dem Sequenzer in Record auf Anhieb zurecht kommen. Kein Wunder, ist er doch in seiner Konzeption fast identisch zum Reason-Pendant. Zentrales Feature ist natürlich die Fähigkeit endlich auch Audio-Signale aufzunehmen. Darüber hinaus wartet er mit zusätzlichen Erweiterungen und Verbesserungen auf, die den Reason-Sequenzer auf die hinteren Ränge verweist. Zwei Betriebs-Modi – Arrangement und Bearbeiten – bietet der Sequenzer mit dem sich das Aufnehmen und Editieren von Aufnahmen äußerst simpel gestaltet und separate Editoren-Fenster überflüssig machen. Sämtliche Bearbeitungs-Funktionen sind in einer flachen Menü-Hierarchie organisiert, die wahlweise über das Werkzeug-Fenster, über Buttons oder durch Rechtsklick mit sich aufklappendem, überschaubaren Kontext-Menü unkompliziert erreichbar sind. Ein Druck auf den Bearbeiten-Button wechselt von einer Gesamtansicht des Spuren-Layouts auf eine Detail-Darstellung der gerade angewählten Spur, die zur weiter gehenden Bearbeitung einlädt, was konzeptionell sehr deutlich an Pro Tools erinnert. Einsteiger dürften den Record-Sequenzer jedenfalls schon nach kurzer Einarbeitungszeit souverän und routiniert beherrschen. Doch der Reihe nach. Zunächst geht es ans Spuren erzeugen und scharf Schalten für die Aufnahme, was durch maximal zwei Klicks erledigt ist. Über das Werkzeug-Fenster ist per Button wahlweise eine Audio- oder Instrumentenspur in den Sequenzer integrierbar. Wer mit einem mehrkanaligen Audio-Interface aufnehmen will, muss anschließend in der Spurenliste höchstens noch per Ausklapp-Menü in der entsprechenden Spur den gewünschten Kanal auswählen und das war es auch schon. Sehr schön: Gitarristen und Bassisten werden sich über den Stimmgabel-Button freuen, der die Meter-Anzeige in ein Stimmgerät verwandelt. Die Auflösung der Anzeige ist zwar etwas grob. Im Test lassen sich Instrumente aber dennoch zufrieden stellend damit stimmen. Jede neu eingefügte Audio-Spur ist sofort für die Aufnahme scharf geschaltet inklusive aktivem Direct-Monitoring, so dass sich der Musiker keinerlei Gedanken zu machen braucht und ohne Umschweife mit der Aufnahme loslegen kann. Auch im MIDI-Bereich gibt es eine im Vergleich zu Reason pfiffige Neuheit, die Mobilisten besonders freuen wird. Über das Computer-Tastatur-Fenster lassen sich wahlweise mit der Maus oder den Tasten des Computer-Keyboards Töne, Akkorde und Melodien spielen, was uns nach einer kurzen Eingewöhnungszeit mit der Tastatur recht flott von der Hand geht. Ist die Aufnahme im Kasten, lassen sich MIDI- und Audio-Spuren nach allen Regeln der Kunst mit einer kleinen Auswahl von Werkzeugen bearbeiten. Das Pfeil-Werkzeug erlaubt das horizontale und vertikale Versetzen der Clips sowie das Trimmen der Clipgrenzen durch Erweitern oder Verkürzen der Cliplänge. Das Rasierklingen-Werkzeug teilt den Clip und mit dem Lupen-Werkzeug lässt sich bequem in und aus den Spuren zoomen. Das Ausschneiden, Kopieren und Einfügen von Clips erfolgt mittels der üblichen Tastaturbefehle. Einzig ein Werkzeug zum stumm Schalten und Verbinden mehrerer Clips, das wir bereits in Reason 4 vermisst haben, fehlt immer noch und muss umständlich per Rechtsklick und Auswahl des jeweiligen Befehls durchgeführt werden. Beim Klick auf irgendeinen Audio-Clip zeigen sich überdies kleine Anfasser, mit denen sich die Lautstärke der Signale sowie ein Fade-in und -out einstellen lässt. Automationen von Effekt- oder Instrumenten-Parametern sind selbstverständlich auch realisierbar, was am bequemsten im Effekt-/Instrumenten-Rack durch Rechtsklick auf den gewünschten Regler geschieht. Anschließend reicht ein Starten des Sequenzers und das beherzte Drehen des Parameters im laufenden Arrangement. Damit bietet der Record-Sequenzer die gebräuchlichsten Funktionen und Werkzeuge, um Arrangements optimal aufzubereiten. Tiefer gehende Eingriffe in die Clips gestattet der Bearbeiten-Modus. Dazu zeigt sich bei MIDI-Clips ein Piano-Roll-Editor mit den üblichen Eingriffsmöglichkeiten, wie das Einfügen, Löschen, Verlängern und Verkürzen sowie das Versetzen von MIDI-Noten. MIDI-Steuerbefehle wie unter anderem Velocity und Aftertouch sind über separate Felder bequem mit dem Stiftwerkzeug editierbar. Überdies lassen sich auch Automationsspuren bearbeiten und manuell erzeugen. Reason-Anwender werden sich über den Umstand freuen, dass bei Klick auf eine Note jetzt eine direkte akustische Rückmeldung zu hören ist, was beim Versetzen und Einfügen von Noten sehr hilfreich ist. Ebenfalls neu ist auch, dass sich der Clip automatisch beim Verlängern von Noten an der Clipgrenze dynamisch erweitert und Notenbefehle lassen sich jetzt erstmals über Clip-Grenzen hinweg in andere Clips einfügen. Ansonsten bietet der Werkzeuge-Reiter des Werkzeug-Fensters in beiden Betriebs-Modi eine opulente Auswahl an Befehlen und Funktionen, um MIDI-Clips zu optimieren, wie etwa das Quantisieren, Transponieren oder Extrahieren von Notenbefehlen auf mehrere Unterspuren – Lanes genannt. In dieser Disziplin hat der Record-Sequenzer die ausgereiften Features vom Reason-Pendant geerbt an denen es nichts zu meckern gibt. Anders verhält es sich jedoch, wenn Audio-Spuren im Bearbeiten-Modus editiert werden sollen. Dort zeigen sich lediglich Eingriffsmöglichkeiten in die Automationsspuren, was recht dürftig ausfällt. Da haben wir uns deutlich mehr versprochen. Einfache Funktionen zum Aufbessern des Audiomaterials wie etwa das Normalisieren, Entfernen des DC-Offsets, das Anwenden von Crossfades oder auch das Umkehren der Spur vermissen wir schmerzlich und machen den Bearbeiten-Modus für Audio-Clips größtenteils überflüssig. Bei allem Verständnis für das Konzept, diese Funktionen gehören einfach zum Grundrüstzeug. Die Ausnahme bildet jedoch die Loop-Aufnahme: Sind mehrere Takes über eine Loop-Aufnahme aufgenommen worden, zeigen sie sich im Bearbeiten-Modus als jeweils separate Unterspuren und bieten die Möglichkeit zum Comping, also das Zusammenstellen des resultierenden Clips aus Teilen der verschiedenen Takes. Dazu benutzen wir das Rasierklingen-Werkzeug, mit dem sich die relevanten Teile aus den einzelnen Takes herausholen lassen. Jeder Schnitt erzeugt einen Reiter, mit dem sich präzise der Schnitt nachjustieren lässt. Ein kleiner Pfeil am Rand des Reiters gestattet auffälligerweise jetzt das Erzeugen eines Crossfades, um eventuell auftretende Knackser bei kritischen Schnittpunkten weich auszublenden. Im Test überzeugt das Comping-Feature auf ganzer Linie. Dennoch fehlt es dem Record-Sequenzer an wichtigen Audio-Bearbeitungsfunktionen, die hoffentlich alsbald implementiert werden. In der momentanen Form muss der Anwender umständlich auf externe Audio-Editoren ausweichen. Ein Highlight des Sequenzers ist hingegen der Regroove-Mixer, der bereits in Reason 4 seine Premiere feierte und mit dem sich non-destruktiv Groove-Muster auf MIDI-Spuren anwenden lassen. Über die Fader und mit Hilfe einer einstellbaren Shuffle-Funktion verhelfen wir Arrangements auf gefühlvolle Art zu deutlich mehr Lebendigkeit. Das hat die Konkurrenz in dieser Form nicht zu bieten.

Aus vielen Spuren mach zwei: Der Mixer

Zweite Anlaufstelle in der DAW nach dem Sequenzer ist der virtuelle Mixer. Die Record-Entwickler haben sich dafür eine SSL X 9000 K Konsole als Vorlage ausgesucht, deren Oberfläche in Record liebevoll und naturgetreu nachempfunden ist und mit opulenten Routing-Möglichkeiten aufwartet (siehe Kasten auf der gegenüberliegenden Seite). Das Channelstrip-Layout zeigt von oben nach unten den Vorverstärker, die Dynamik-Sektion, den Equalizer, die Inserts, acht Aux Sends und den Channel-Fader inklusive Panpot, Meter-Anzeige und Buttons für Solo und Mute. Sehr schön: In Nähe der Navigatorleiste finden sich Buttons, mit denen sich die einzelnen Sektionen aus- und einblenden lassen, was je nach Mix-Aufgabe für Übersicht und einen optimalen Workflow sorgt.   In der Vorverstärker-Sektion findet sich zusätzlich ein Routing-Dialog mit dem sich Equalizer, Dynamik-Effekte und die Inserts für die Signalverarbeitung in verschiedenen Reihenfolgen anordnen lassen. Ein weiterer Button erlaubt das Einspeisen der Hoch-/Tiefpass-Filter als Sidechains in die Dynamik-Effekte. Die Dynamik-Sektion ist, SSL-typisch, zweigeteilt und offeriert einen Soft-Knee-Kompressor sowie ein wechselweise einsetzbares Gate oder Expander. Beide Dynamik-Untersektionen sind jeweils separat aktivierbar. Sehr schön: Jeder Kanalzug verfügt über einen Stereo-Sidechain, mit dem sich Audio-Signale anderer Kanäle zur Steuerung der Dynamik-Effekte in den gewünschten Channelstrip einspeisen lassen. Der Equalizer lässt sich ebenfalls per Button aktivieren. Er verfügt erwartungsgemäß über zwei separat aktivierbare Passfilter und vier weitere Bänder. Die Außenbänder lassen sich zwischen Shelf- und Bell-Charakteristik mit fest eingestellter Güte umschalten. Die beiden Mittenbänder warten mit einer Bell-Charakteristik auf, deren Güte per Regler frei einstellbar ist. Besonderheit: Der E-Button schaltet zwischen einer festen Filtergüte und sich dynamisch ändernden Güte-Einstellung in Abhängigkeit zum Gain auf. Anschließend geht es in die Insert-Sektion. Sie verfügt über vier Regler und Buttons, mit denen sich rasch einer oder mehrere Effekt-Parameter, der im Insertweg befindlichen Effekte, gleichzeitig ändern lassen. Ohne Aux-Wege geht’s auch beim Record-Mixer nicht. Die acht Send-Wege sind einzeln aktivierbar und zwischen pre- und postfader umschaltbar. Die Master-Sektion des Record-SSL-Klons bietet außer der Fader-Sektion ebenfalls die gleiche Anzahl an Send-Wegen und auch die oben erwähnte Insert-Sektion. Zusätzlich finden sich dort die acht Stereo-Effekt-Returns und wie zu erwarten das Highlight einer jeden SSL-Konsole: Der Mastersummen-Kompressor, der dem Sound der Mixe den letzten Feinschliff verpasst und ihn abrundet. Die Control-Room-Sektion erlaubt ein separates Abhören der Summe, Sends und Effekt-Returns sowie das Routen auf insgesamt acht Stereo-Ausgänge.  Beim Betrachten der Oberfläche und der Ausstattung weckt der Record-Mixer selbstverständlich Begehrlichkeiten in Sachen Klang. Im Vergleich mit Steinberg Cubase 5 entpuppt sich der Record-Mixer in der Tat als Klangfärber. Signale erhalten eine leichte Betonung im Mittenspektrum, sie klingen deutlich druckvoller und vordergründiger, aber auch zweidimensionaler. Für Aufnahmen klassischer Musik ist das in jedem Falle nichts. Für Rockmusik und alle Arten von Dancefloor bietet der Mixer jedoch das optimale Klang-Fundament. Equalizer und Dynamik-Effekte enttäuschen allerdings in Sachen Klang. Zwar überzeugt der Equalizer durch seine zupackende Art. Insgesamt klingt er uns jedoch zu topfig und wir vermissen das organisch-unauffällige Verhalten dieser Komponente. Wenig zupackend ist hingegen das Regelverhalten der Dynamik-Effekte. Das haben wir auch anders in Erinnerung, denn in unseren vergangenen Tests der verschiedenen SSL-Emulationen und -Produkte haben sie uns immer wieder durch ihre Sounddesign-Qualitäten begeistert. Eine perfekte SSL-Emulation angesichts des Kaufpreises zu erwarten, wäre aber auch deutlich zuviel verlangt. Alles in allem geht der Sound daher voll in Ordnung, der zwar nicht authentisch SSL, aber SSL-ähnlich ist und anliegende Signale auf durchaus schmeichlerische Art verschönern kann. 

Kein Song ohne Sound-Make-up: Das Rack

Das intuitiv bedienbare Konzept, Insert-Effekte und Instrumente auf die Spuren zu routen, indem sie in Form virtueller 19-Zoll-Geräte aus dem Werkzeug-Fenster per Drag-and-drop in ein Rack eingebunden werden, findet sich bereits in Reason und ist in Record 1:1 übernommen worden. Dazu zählt auch die Möglichkeit, per Tab-Taste auf die Rückseite des Racks zu wechseln, die den Blick auf die Verkabelung der einzelnen Geräte untereinander gibt und die sich bei Bedarf manuell ändern lässt. Unterschied: anstelle eines Racks finden sich jetzt mehrere Rack-Einschübe horizontal nebeneinander. Neu ist, dass beim Erzeugen von Spuren, ganz gleich ob MIDI oder Audio, eine Spurblende ins Rack eingefügt wird, die als Repräsentation der Sequenzer-Spur und des Mixer-Channelstrips im Rack mehrere Funktionen ausführt. Durch Wechsel auf die Rückseite offeriert die Blende Eingänge und Direct outs sowie unter anderem Anschlüsse für Insert-Effekte und die Sidechains zum Ansteuern der Channelstrip-Dynamik-Sektion. Vorderseitig klappen sich durch Druck auf die Programmer- und Insert-Buttons zusätzliche Flächen auf. Wiederum per Drag-and-drop lassen sich theoretisch unendlich viele Effekte in die Fläche unterhalb des Programmers einfügen. Sehr schön: Das Routing wird automatisch vorgenommen und das Signal geht von oben nach unten durch die eingefügten Effekte durch. Opulente Muliteffekt-Ketten sind auf diese Weise blitzschnell kreiert. Auf die vier Drehregler und Buttons des Programmer-Dialogs lassen sich bei Bedarf Parameter der eingefügten Effekte routen. Sie finden ihre Entsprechung in der Insert-Sektion des Mixers. Über den Modulation-Routing-Dialog ist dies blitzschnell geschehen. Selbstverständlich lassen sich auf einen Regler auch mehrere Parameter routen und mit einer Bewegung gleichzeitig steuern. Prinzipiell erinnert dies an das Combinator-Modul aus Reason, das mit der gleichen Funktionalität aufwartet und auch in Record vorhanden ist. Wer es bei den Insert-Effekten also übersichtlich halten will, kann seine Effektketten einfach in ein Combinator-Modul packen und sorgt somit für Ordnung. Im Vergleich zu den Sequenzer-Platzhirschen, die zumeist nur mit acht Insert-Slots aufwarten, bieten sich dem Record-Anwender schier unendliche Weiten. Allerdings ist das Repertoire an mitgelieferten Effekten und Instrumenten recht übersichtlich, was zusätzlich zum Unvermögen, Plug-ins einzufügen, besonders schmerzt. Ganze zehn Effekte und nur ein virtuelles Instrument finden sich im Lieferumfang, die zumeist auch bereits in Reason vorhanden sind. So etwa die vier Mclass-Effekte, die als Mastering-Effekte sehr gute Dienste leisten. Dazu gesellen sich die Scream Machine (ein trashig klingender Multi-Effekt), je ein Chorus und Delay sowie mit dem RV7000 Modul auch ein Hall. Eine Premiere feiern der Gitarren- und Bass-Verstärker, die vom britischen Hersteller Line6 stammen und in diversen Produktvarianten sowohl im Studio als auch Live hoch geschätzt sind. Mit den drei Gitarren- und zwei Bass-Verstärker/Cabinet-Emulationen decken beide Vertreter ein Standard-Repertoire an Clean- und Zerrsounds ab, die in allen Stilen der Rockmusik gleichermaßen gut einsetzbar sind. Boden-Effekte emulieren die Record-Amps jedoch nicht. Wer übrigens ein Line6-Interface besitzt kann sogar die gesamte Palette verfügbare Amp-Emulationen in Record nutzen. Zweiter Neuzugang ist das ID8-Instrument, das als reiner Preset-Synthesizer ohne viel Schnörkel daherkommt und dem Record-Nutzer ein Sammelsurium an Brot-und-Butter-Sounds (unter anderem Piano, Drums, Bässe, Synthesizer, Bläser) liefert. Allerdings ist mit gerade einmal 36 Sounds das Repertoire schon mehr als mager. Wenn das Konzept, durch Beschränkung auf das Wesentliche wieder zu mehr Kreativität zu gelangen ins Leere läuft, dann in diesem Fall. Denn gerade Sounds sind es ja, die einen Musiker auch inspirieren. Zumal die Sounds Geschmackssache sind, die nach unserem Empfinden in ID8 zwischen brauchbar (Piano, Strings) bis dürftig (Synths, Drums) liegen. Propellerhead kann das und sollte das besser machen.

Fazit 

Propellerhead Record bietet Einsteigern und Sequenzer-Muffeln eine wirklich simpel bedienbare Recording-Umgebung ohne verschachtelte Unter-Menüs und komplexe Editoren-Strukturen, die gekonnt und erfolgreich den Spaß beim Produzieren in den Vordergrund rückt und richtig süchtig macht. Zudem bietet sich Reason-Anwendern endlich die lang ersehnte Möglichkeit, Audio-Signale aufzunehmen. Allerdings besitzt Record teils erhebliche Mängel, was die Attraktivität empfindlich mindert. Die Erstausgabe steckt daher noch in Kinderschuhen aus denen sie hoffentlich alsbald herauswächst. Denn das Konzept besitzt Potenzial, was mit Reason bereits erfolgreich bewiesen wurde.

 

Erschienen in Ausgabe 02/2010

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 279 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut

Jetzt alle Vorteile von Professional-audio.de nutzen und kostenlos registrieren!

  • Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte unserer Website.
  • Sie erhalten unseren regelmässigen PAM-Express-Newsletter mit exklusiven Vorab-Inhalten.
Hier kostenlos registrieren

Anmelden
   
Bitte teilen Sie diesen Beitrag