Sparbüchsen mit Retrocharme

Röhren-Mikrofone sind derzeit schwer angesagt. Auch die günstigen Schallwandler von Sirus nutzen Glaskolben zur Verstärkung und versprechen klanglich Retrocharme für kleines Geld. 

Von Harald Wittig 

Mikrofone gibt es bereits wie Sand am Meer und ständig präsentieren Hersteller und Vertriebe auf den angesagten Fachmessen dieser Welt weitere Neuheiten. Kein Wunder, immerhin gehört mindestens ein gutes Kondensator-Mikrofon zur Grundausstattung. Die Angebotspalette namhafter und zahlloser weniger bekannter Hersteller reicht von hochmodernen Schallwandlern mit AES42 –Schnittstelle über analoge Neuentwicklungen – zu nennen wären beispielsweise die Twin-Mikrofone UM 930 Twin von Microtech Gefell oder das Sennheiser MKH 800 Twin (Test in Ausgabe 7/2008 – bis hin zu Neuauflagen alter Klassiker oder neuen Eigen-Varianten auf der Basis von Vintage-Mikrofonen. Auch die beiden Sirus-Mikrofone KMX 400 und 500, die sich dem Test von Professional audio Magazin stellen, orientieren sich an der Vergangenheit. Beide sind Röhren-Mikrofone und verheißen laut Bedienungsfaltblatt einen besonders warmen Klang mit Retrocharme. Zudem soll der viel beschworene Vintage- beziehungsweise Retro-Sound schon für kleines Geld zu haben sein: Mit rund 260 Euro für das KXM 500 und gerade mal 235 Euro für das KXM 400 rangieren beide Mikrofone zumindest preislich in der Economy- oder Einsteigerklasse. Dass das kostengünstige Angebot nicht notwendig mit klanglichen Einbußen erkauft wird, widerlegen die beiden Testkandidaten – soviel sein schon verraten – durchaus eindrucksvoll.

Beim obligatorischen Testdurchlauf im Messlabor von Professional audio Magazin warten beide Mikrofone mit Messwerten auf, die etwaige Vorurteile gegen vermeintliche Billigmikrofone eindrucksvoll widerlegen. Die Empfindlichkeit beider Mikrofone liegt etwas über dem Durchschnitt: Sie ist am höchsten bei Kugelcharakteristik – 24 mV/Pa beim KMX 400, 27,4 mV/Pa beim KMX 500 – am niedrigsten bei Achtercharakteristik (13,2 beziehungsweise 17,3 mV/Pa). Die Einzelwerte können Sie den Steckbriefen auf Seite 43 entnehmen. Die Gefahr von störendem Rauschen auf der Aufnahme ist so und angesichts der sehr guten Werte für den Geräuschspannungsabstand nicht existent: Das KMX 400 übertrifft – wieder in Kugelcharakteristik – mit für ein Röhren-Mikrofon hervorragenden 78,1 Dezibel sogar noch das KMX 500 mit ebenfalls sehr guten 74,6 Dezibel. Im Mittel sind es beeindruckende 74,5 Dezibel fürs KMX 400 und 72,5 Dezibel für das KMX 500. Mit diesen Messwerten übertrumpft das KMX 400 auch das Peluso P12 oder das Telefunken/USA R-F-T M 16 MkII (Tests in Ausgabe 4/2008), die beide immerhin gut fünfmal so teuer sind.
Auch die Frequenzgänge der beiden günstigen China-Mikrofone können sich sehen lassen. Hier hat, zumindest bei Kugelcharakteristik, das KXM 400 einmal mehr die Nase vorn: Die Messkurve verläuft bis knapp unterhalb drei Kilohertz sehr gleichmäßig. Danach kommt es zu einer kleinen Senke und einem für Großmembran-Mikrofone konstruktionsbedingten typischen Höhenanstieg. Dieser hat seinen Gipfel bei etwa vier Kilohertz und beträgt annähernd sechs Dezibel. Damit handelt es sich um einen regelgerechten Anstieg, der durch den Druckstau vor der Membran hervorgerufen wird. Ein wenig anders zeigt sich der vergleichbare Frequenzgang des KXM 500. Bei praktisch gleichwertigem Kurvenverlauf bis fünf Kilohertz – allerdings mit vier Dezibeln weniger ausgeprägtem Höhenpeak – weist er einen weiteren Höhenanstieg auf: Er liegt zwischen acht und neun Kilohertz und beträgt jetzt sechs Dezibel. Ähnlich gut sind auch die Messkurven beider Mikrofone bei Nierencharakteristik. Abgesehen von einer leichten Absenkung unterhalb 200 Hertz, die knapp vier Dezibel beträgt, fällt der Höhenanstieg beim KXM 400 zwischen vier und fünf Kilohertz mit jeweils drei Dezibel eher moderat aus. Sehr ähnlich ist der Frequenzgang des KXM 500 – zumindest bis oberhalb zwei Kilohertz. Auch in Stellung „Niere“ fallen die beiden Höhengipfel auf, allerdings betragen sie diesmal nur etwa zwei Dezibel und sind somit vernachlässigbar gering. Somit macht das günstigere KXM 400 unterm Strich einen messtechnisch besseren Eindruck als sein etwas teureres Geschwister, das gleichwohl kaum zurücksteht.

Für den Praxis- und Hörtest fertigen wir verschiedene Sprach-, Gesangs- und Instrumentalaufnahmen an. Für letztere kommt einmal mehr die bewährte Ricardo Sanchis Carpio 1 F Flamenco-Gitarre zum Einsatz, gehört sie doch seit gut zwei Jahren zum studiobewährten Instrumentarium, deren Klang der Testredaktion bestens bekannt ist. Ansonsten besteht die Aufnahme-Kette wie üblich aus der Referenz-Kombination Lake People Mic-Amp F355 und dem Lynx Aurora 8 A/D-Wandler.

Beim ersten, noch oberflächlichen Hineinhören in die Aufnahmen, wird sofort klar, dass die Handbücher in puncto Klangeigenschaften nicht zu viel versprochen haben: Grundsätzlich gehören beide Mikrofone zu den vollmundig-warm klingenden Vertretern der Großmembran-Zunft. Bei mittelmäßigem Impulsverhalten ist die Auflösung insgesamt gut und verschluckt auch Details wie leichte Schmatzgeräusche des Sprechers oder winzige Nebengeräusche der Fingernägel des Gitarristen nicht. Auf erstaunlich hohem Niveau ist die Auflösung damit in jedem Fall. Eigentlich wird erst beim Hören eines Vergleichstakes, erstellt mit der Großmembran-Referenz, dem Microtech Gefell M-930, ohrenfällig, dass bei entsprechender Feinstauflösung auch eine Mono-Aufnahme eine fast greifbare, dreidimensionale Plastizität haben kann. Diese Körperhaftigkeit erreichen die beiden günstigen KMX nicht, meilenweit abgeschlagen sind sie dennoch nicht, was als großes Kompliment für diese Mikrofone zu verstehen ist. Außerdem sind die mit ihnen erstellten Aufnahmen völlig frei von störendem Rauschen – eine nachhörbare Bestätigung der sehr guten Messwerte.
Der Nahbesprechungseffekt ist eher gering ausgeprägt und tritt wirklich deutlich erst bei einem Abstand zum Mikrofon unterhalb 20 Zentimetern in Erscheinung. Damit sind diese günstigen Röhren-Schallwandler in guter Gesellschaft mit erheblich teureren Kollegen. Unabhängig vom Nahheitseffekt und eher dem Kapseldesign zuzuschreiben, ist beiden ein dezenter Vergrößerungseffekt zueigen: Dieser dickt Stimmen und die Flamencogitarre an und lässt sie größer und voluminöser erscheinen. Diese Eigenschaft, die mitunter – fälschlich – allen Großmembran-Mikrofonen zugeschrieben wird, ist beides Mal am geringsten bei Nierencharakteristik ausgeprägt, am vollmundigsten klingen sowohl das KXM 400 als auch das KXM 500 in Stellung „Kugel“. Die Testkandidaten erinnern in gewisser Weise an das MXL V67i (Test in Ausgabe 11/2007), das zumindest in der Stellung „Warm“ ein ähnliches Bekenntnis zum Eigenklang abgibt.
Sobald wir tiefer in die Aufnahmen eintauchen, zeigen sich gewisse Unterschiede: Das KXM 500 löst minimal feiner auf und klingt im Bereich der oberen Mitten und Höhen etwas weicher als sein Geschwister. Das KXM 400 wirkt in diesem Bereich etwas harscher. Allerdings fällt das nur bei härter angeschlagenen Tönen im Diskant der konstruktionsbedingt höhenreichen Flamenco-Gitarre auf, bei tiefen und mittleren Stimmen verwischt sich dieser Eindruck. Zudem ist dieser kleine Makel – mehr ist es nicht – nur im direkten Vergleich hörbar. Interessanterweise klingt das KXM 400 dagegen in Stellung „Niere“ besser als das KXM 500, das eine leichte Tendenz zum Blechernen hat. Dagegen hat das KXM 500 in Kugelcharakteristik und den letzten beiden Zwischenstellungen die Nase vorn. 

Fazit

Trotz gewisser, verbesserungswürdiger Verarbeitungsmängel hinterlassen sowohl das Sirus KXM 400 als auch das KXM 500 einen insgesamt positiven Eindruck. Für wenig Geld bieten beide guten Klang, der, alles andere als neutral, mit viel Wärme durchaus Retrocharme vermittelt.

Erschienen in Ausgabe 08/2008

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 235 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: sehr gut

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