Tool Time Reloaded

Das Karlsruher Unternehmen Yellow Tools hat mal wieder eine Überraschung parat und offeriert jetzt das erste Major-Update für den virtuellen Sampler Independence. Eine Vielzahl teils einzigartiger neuer Funktionen und attraktive Extras sollen ein Upgrade schmackhaft machen.  

Von Georg Berger

Vor knapp zwei Jahren feierte die Software-Schmiede Yellow Tools die Premiere des viel umubelten virtuellen Samplers Independence (Test in Heft 6/2006). Erst jetzt präsentiert das Karlsruher Unternehmen mit der Version 2 das erste Major-Update für sein Sampler-Flaggschiff. Natürlich hat sich der Hersteller nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht, denn Chefentwickler Drazen Vlahovic hat seiner Schöpfung seitdem immer wieder kleinere Verbesserungen und neue Features verpasst. Voriges Jahr hat man auf der Musikmesse mit der Version 1.5 sogar ein größeres Zwischen-Update vorgestellt, das angesichts des beeindruckenden Umfangs an neuen Funktionen das Zeug hatte, als Major-Update durchzugehen. Es fanden sich unter anderem Features und Funktionen wie die durchgängige Surroundsound-Fähigkeit bis 7.1, True-Stereo und -Surround Verarbeitung im integrierten Origami-Faltungshall, neue Effekte mit Mikrofon-, Lautsprecher- und Verstärker-Simulationen sowie das Arranger-Modul, das als intelligenter Begleitautomat ein variantenreiches Abspielen von MIDI-Files bietet. Abgerundet wurde diese Version durch den Quick Edit-Dialog zum bequemen Eingriff in die gebräuchlichsten Parameter eines Sounds wie unter anderem die Lautstärke, Panorama, Filter-Cutoff und -Resonanz.

Die jetzt zum Test anstehende Version 2 beweist jedoch eindrucksvoll, dass das Karlsruher Unternehmen damals nicht ihr gesamtes Pulver verschossen hatte. Die neue Version bietet über 40 neue Features beziehungsweise Verbesserungen, von denen wir uns auf die wichtigsten konzentrieren wollen. So ist die Audio-Engine einem kompletten Redesign unterzogen worden und nun in der Lage, Multiprozessor-Unterstützung für maximal acht Prozessor-Kerne anzubieten. Hinzugekommen ist jetzt ein mächtiger Browser zum Suchen und Organisieren von Sounds und Daten inklusive Drag-and-drop von Audio- und MIDI-Files. Der ebenfalls verbesserte Origami-Hall besitzt zusätzliche Impulsantworten und es findet sich ein neues, „Time Modulator“ genanntes Modul zum Eingriff in das Verhalten von Note-on und -off-Befehlen. Neu im Quick Edit-Dialog sind acht Makro-Controller zur freien Parameter-Belegung, das Arranger-Modul besitzt jetzt eine Harmonizer-Akkord-Funktion und der Surround Panner gestattet Eingriffe in neue Parameter wie den Radius der Schallquellen. Einzigartiges Highlight ist jedoch die Möglichkeit, Drittanbieter VST-Effekte und -Instrumente direkt in Independence 2 integrieren zu können, das erweitert das Sound-Potenzial des Samplers nahezu bis ins unendliche. Angesichts dieses Features drängen sich Parallelen zu Kore 2 von Native Instruments auf (Test in Heft 2/2008). Die Funktion ist übrigens erst seit Version 2.1 ausführbar. Wer sie nutzen möchte, muss sich dazu das entsprechende kostenlose Update runterladen.

Doch damit ist der Reigen an Neuigkeiten noch längst nicht am Ende. Gleichzeitig mit Veröffentlichung von Independence 2 bietet Yellow Tools seinen Sampler in verschiedenen Produkt-Varianten mit unterschiedlicher Ausstattung an. Im Test haben wir die bei Erstkauf knapp 450 Euro teure Independence Pro Version, die das Zentrum der Produktreihe bildet. Hinzu kommen noch einmal cirka 40 Euro für den USB-Dongle, der nicht im Lieferumfang enthalten ist. Besitzer der Vorversion zahlen für das Update lediglich 100 Euro. Independence Pro wartet mit einer 73 Gigabyte großen Werks-Library auf, die im Vergleich zur Vorversion dreimal größer ausfällt und jetzt neben einigen neu hinzugefügten Sounds den kompletten Content der MVI-Instrumente Candy, Majestic und Culture aus dem eigenen Hause enthält. Mit Independence Live findet sich im Lieferumfang außerdem eine Stand-alone-Host-Software, die gezielt für den Bühneneinsatz entwickelt wurde und das rasche Wechseln von Sounds ermöglicht (siehe Kasten auf Seite 50). Last not Least legt Yellow Tools mit der Independence FX-Software ein separat einsetzbares Effekt-Plug-in dazu, das nicht mehr und nicht weniger ist, als der nach wie vor erhältliche Freedom-Effekt (Test in Heft 9/2006, siehe Kasten auf Seite 49). Im Vergleich zur Vorversion, die genauso viel kostete wie die aktuelle Pro-Version, erhält man also deutlich mehr fürs Geld. Wer glaubt, dass der Hersteller sein Tafelsilber verscherbelt, irrt. Denn die drei Produkte sind in einer Lizenz zusammengefasst und lassen sich nur auf einem Computer einsetzen. Das Gesamtkonzept wird deutlicher, schaut man sich die teurere Producer- und Premium-Suite von Independence an. Sie beinhalten separate Lizenzen für die einzelnen Programme, die sich auf mehrere Dongles verteilen lassen und so die gleichzeitige Nutzung von Independence Pro, Freedom/Independence FX und den MVI-Instrumenten (nur Premium Suite) auf verschiedenen Computern erlauben.

Das Handling und die Bedienoberfläche von Independence 2 sind identisch zu den Vorversionen. Gleiches gilt für die Terminologie. Die unterste Ebene bildet eine Zone, also ein einzelnes Sample. Multisamples sind in sogenannten Layern zusammengefasst. Das Laden von mehreren Layern bildet schließlich ein Projekt. Auf der linken Seite finden sich zwei Spalten zum Einfügen neuer Layer und zum Programmieren grundlegender Steuer- und Abspielparameter. Der Großteil der Bedienoberfläche ist jedoch in sechs Dialogen untergebracht, die wechselweise unterschiedliche Eingriffsmöglichkeiten in den Klang und das Abspielverhalten der Layer nehmen: Etwa der Modul-Dialog zum Einfügen und Verknüpfen von Modulatoren und Modulationen, der Mapping-Dialog inklusive Wave-Editor oder der virtuelle Mixer. Als erstes interessiert uns aber, wie das Integrieren von VST-Instrumenten funktioniert. Beim Öffnen der Soundauswahl-Liste finden wir einen VST-Eintrag, der allerdings leer ist. Grund: Independence scannt nicht automatisch den zentralen VST-Ordner, sondern man muss die entsprechenden dll-Dateien in den VST-Ordner des Independence-Root-Ordners kopieren. An dieser Stelle ist das endlich in Deutsch erhältliche und sehr informative Handbuch jedoch nicht präzise. Denn in Wirklichkeit reicht es, Verknüpfungen der Plug-in-Dateien in den Ordner zu kopieren. Das mag zwar lästig erscheinen, ist aber auch nur einmal durchzuführen, weshalb das in Ordnung geht. Das Einfügen der Plug-ins ist nach diesem Prozedere ein Klacks. Im Test fügen wir den FM8-Synthesizer von Native Instruments anstelle eines Samples in einen freien Layer-Slot des Samplers ein. Dort vergeben wir einen MIDI-Kanal und können zusammen mit weiteren geladenen Yellow Tools-Samples bequem auf einer Programmierebene ein Instrumenten-Arrangement erstellen und die Sounds ohne Umschweife anspielen. Das permanente Wechseln der Bedienoberflächen reduziert sich dadurch deutlich und Arrangements sind komfortabel auf einer einzigen Oberfläche erstellt. Ein Klick auf den E-Button im Layer-Slot öffnet und schließt bei Bedarf die Bedienoberfläche von FM8 zwecks Auswahl und Editieren von Sounds. Logischerweise stehen die im Modul-Dialog verfügbaren internen Modulationsquellen für die VST-Instrumente nicht zur Verfügung, ebenso wenig wie die Layer-Insert-Effekte. Independence 2 dient vielmehr als Host zum übersichtlichen Verwalten von Instrumenten. Einzige Ausnahmen bilden Arpeggiator, Arranger und Step Sequencer, die ein zusätzliches Plus an kreativen Eingriffsmöglichkeiten bieten wie sie bei manchem virtuellen Instrument so nicht existieren. Im Test werten wir IK Multimedias Sampletron (Test im letzten Heft) mit einem Arpeggiator auf und erstellen ohne Umschweife perlende Flöten-Dreiklangsbrechungen. Last not Least routen wir sowohl Yellow-Tools- als auch Drittanbieter-Effekte im virtuellen Mixer von Independence auf die VST-Instrumente und profitieren wieder von den Host-Möglichkeiten von Independence. Allerdings gibt es eine Einschränkung: Es existiert keine Möglichkeit, Presets bei den Effekten zu laden, die über kein Auswahl-Menü auf der Bedienoberfläche verfügen und dies ansonsten nur über den Sequenzer gestatten. Ein Einsatz dieser Effekte wie beispielsweise der FilterShaper (Test auf Seite 74) ist deshalb nur bedingt komfortabel. Doch insgesamt rückt Independence 2 vom Konzept her verdächtig nahe an den Plug-in-Host Kore 2 von Native Instruments, wenngleich dieser um Längen flexibler und mächtiger ist. Dennoch gibt’s die Bestnote für dieses Feature.

Die Programmierung der neu hinzugefügten acht Makroregler und -buttons im Quick-Edit-Dialog dürfte für routinierte Independence-Anwender ein Klacks sein. Im Popup-Menü zur Vergabe von MIDI- und Host-Controllern findet sich jetzt ein neuer Custom-Eintrag, mit dem sich der fernzusteuernde Parameter gezielt auf die Makro-Bedienelemente routen lässt, bei Bedarf natürlich auch per Lern-Funktion. Die Makroregler selbst sind anschließend per MIDI- oder Host-Controller über den Sequenzer oder einen Hardware-Controller fernsteuerbar. Yellow Tools gibt dem Anwender damit das Heft in die Hand und erlaubt ihm, sich flexibel ein Set von eigenen Lieblingsparametern für den direkten Zugriff zu erstellen. Im Test routen wir in Windeseile den Attack-Parameter der Lautstärke-Hüllkurve auf einen Makro-Regler und können einen Streichersound anschließend dynamisch einblenden. Yellow Tools holt damit zu den Mitbewerbern wie etwa Digidesigns Structure (Test in Heft 10/2007) auf, die Gleiches anbieten.

Im Modul-Dialog, der das unbeschränkte Einfügen und Verknüpfen von Modulationsquellen und –zielen sowie von Audio-Effekten erlaubt, finden sich ebenfalls einige Erweiterungen. Unser Blick fällt auf das Modulators-Untermenü. Darin findet sich neben den üblichen Verdächtigen wie dem LFO, den Hüllkurven, dem Arpeggiator, Arranger, Step Modulator und –Sequencer jetzt ein neuer Time Modulator Eintrag. Dahinter verbirgt sich ein Modul, das primär für Layer gedacht ist, die über Release-Samples verfügen, wenn etwa beim Loslassen der Taste in einem Gitarrensample am Ende ein Fingerrutschgeräusch erklingt. Ein natürliches klingendes Legatospiel ist damit nur schwer möglich, da das Geräusch bei jedem Note-off-Befehl hörbar wird. Durch Eingabe einer Minimal- und Maximaldauer erlaubt der Time Modulator die Definition eines Zeitbereichs zwischen Null Millisekunden und 100 Sekunden, in dem das Release-Sample nicht gespielt werden soll. Wird eine Taste vor Erreichen der Minimaldauer und nach Überschreiten der Maximaldauer losgelassen, ist das Releasesample hörbar. Dazwischen herrscht Stille. Es lässt sich aber auch ein Fade in programmieren, der in Abhängigkeit zur Anschlagsdynamik das Release-Sample im definierten Zeitfenster entsprechend einblendet. Dazu muss ein minimaler und maximaler Prozentwert im Time Modulator-Slot eingetragen werden. Werte von 100 bis Null Prozent blenden das Release-Sample mit absteigenden Verlocitywerten im zuvor definierten Zeitbereich ein. Doch der Time Modulator kann noch mehr, denn er ist nicht ausschließlich auf Note off-Befehle beschränkt. Zur Auswahl stehen Lautstärke, Tonhöhe, Filter-Cutoff und –Resonanz sowie alle übrigen Parameter der eventuell eingefügten Modulatoren. Im Test steuern wir mit dem Modul die Tonhöhe eines Streicher-Layers. Das Ergebnis: Beim Spielen einer Melodie ändert der Time Modulator bei jedem Anschlagen und Loslassen einer Taste die Tonhöhe. Durch geschicktes Spielen von lediglich drei Tönen außerhalb des definierten Zeitfensters erhalten wir mit einem Mal eine Art Zufallsmelodie, die mehr Töne erklingen lässt, als gespielt wurden. In einem weiteren Test lassen wir ein Vibrato, gesteuert durch einen LFO, mit dem Time Modulator in Abhängigkeit zur Anschlagsdauer erklingen. Independence erweitert damit die Eingriffsmöglichkeiten um eine zusätzliche Option, die ebenfalls nicht häufig anzutreffen ist und die kreativen Möglichkeiten noch einmal erweitert.   

Liebhaber des Arranger-Moduls werden sich über die Auto-Chord-Harmonizer-Funktion freuen. Der MIDI-File-Player, der wie ein Begleitautomat funktioniert und beim Anschlagen von Akkorden gezielt zuvor importierte und zugewiesene MIDI-Files abspielt, analysiert mit diesem Algorithmus jetzt die Noten des gespielten Akkords und passt die im MIDI-File gespeicherten Noten harmonisch korrekt auf den Akkord an. Mit dieser Funktion reduziert sich das Importieren mehrerer MIDI-Files bei Bedarf erheblich. Die komplexe Variante des Arpeggiators wird dadurch noch intelligenter. Minimal-Music-Liebhaber werden auf ihre Kosten kommen und fortan noch ökonomischer zu Ergebnissen kommen.  

Auch bei den Insert-Effekten, die sowohl auf Layer-Ebene, als auch im virtuellen Mixer und natürlich auch in Independence FX nutzbar sind, hat sich etwas getan. Bemerkenswert ist der überarbeitete Surround-Panner. Er erlaubt das Ausbalancieren von Mono-, Stereo- und Mehrkanal-Signalen in einem zuvor definierten Surround-Setup. Neu sind jetzt zwei Kreise, die Auskunft über die Lautstärke des Center- (orange) und den zuvor eingestellten minimalen Dezibel-Wert der Rear-Kanäle (rot) geben. Über den Radius-Parameter lässt sich der Anteil von Center- und Rear-Kanälen im Surround-Feld feinjustieren. Je nach Position und Größe des Radius finden sich anschließend die Signalanteile dieser Kanäle in den übrigen Kanälen wieder. Mit dieser pfiffigen Funktion wird beim Verteilen von Signalen ein zusätzliches Ausbalancieren der vorderen und hinteren Kanäle sowohl visuell als auch akustisch möglich, was ein weiteres komfortables Plus an Einstellmöglichkeiten bietet.

m Test beschäftigen wir uns auch mit dem Mapping-Dialog, der sowohl ein bequemes Verteilen von Zonen auf die Tastaturen ermöglicht, als auch einen Wave-Editor zum Bearbeiten zuvor ausgewählter Zonen/Samples bietet. Doch dort ist noch alles beim Alten. In Sachen Sample-Mapping-Funktionen ist Independence nach wie vor immer noch sehr gut aufgestellt. Doch der Wave-Editor gibt mittlerweile Anlass zur Kritik, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Mitbewerber in dieser Disziplin vorbeigezogen sind beziehungsweise schon vorher ungleich besser aufgestellt waren. Zwar lässt sich bequem in die Wellenformen zoomen –  und auch wieder heraus. Doch das Editor-Fenster fällt viel zu klein aus und macht das Bearbeiten von Wellenformen am Bildschirm zur Qual. Native Instruments Kontakt 3, Motu Mach Five 2 und Digidesign Structure sind deutlich komfortabler und bieten ihre Wave-Editoren als separate Fenster an, die auf Bildschirmgröße erweiterbar sind. So etwas würden wir uns auch bei Independence wünschen. Auffällig ist weiterhin, dass sich im Werkzeug-Arsenal des Editors nach wie vor keine Crossfade-Loop-Funktion findet, was heutzutage jedoch eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Yellow Tools hat hier eindeutig geschlafen und den Mitbewerbern bis dato kampflos das Feld überlassen.

Sehr schön hingegen ist der neu hinzugefügte Browser-Dialog, der mit mannigfaltigen Funktionen zum Suchen und Organisieren von Daten aufwartet. Ähnlich wie in den Produkten von Native Instruments lassen sich sämtliche relevanten Daten für den Independence Sampler über einen Editor zuvor mit Metadaten indizieren, die anschließend per Button nach Kategorien sortiert erscheinen. Über das Search-Feld kann die Suche verfeinert werden. So lässt sich unter anderem beispielsweise gezielt nach der Bitrate oder dem Urheber eines Samples oder nach der Tonart und dem Tempo eines MIDI-Files suchen. Yellow Tools hat gut daran getan, seinen Sampler mit diesem Feature auszustatten. Gerade die Hardcore-User, die bereits eine Unmenge an Daten mit und für Independence erstellt haben, werden den Browser zu schätzen wissen. Allerdings beschränken sich die Suchmöglichkeiten auf den Independence-Root-Ordner, in dem sich sämtliche relevanten Daten für den Sampler befinden. Eine Erweiterung auf die gesamten Festplatten des Computers würde diese Komponente noch flexibler erscheinen lassen. Wer etwa eine Audio-Datei außerhalb des Independence-Ordners suchen und importieren möchte, guckt in die Röhre. Er muss diese zuvor erst in den Ordner hinein kopieren, um sie für den Browser sichtbar zu machen.

Im Verlauf des Tests verschaffen wir uns auch einen Einblick in die 73 Gigabyte große Werks-Library. Außer dem kompletten Inhalt der MVI-Instrumente Candy, Culture und Majestic sind weitere Zuwächse in der Library zu verzeichnen. So finden sich jetzt deutlich mehr Synthesizer-Sounds als in der Vorversion, die mit einem Querschnitt aus Lead-, Bass- und Flächensounds aufwarten. In diese Kategorie fallen auch die Arpeggiator- und Arranger-Presets, die zwar zumeist mit akustischen Instrumenten bestückt sind. Doch durch die Nutzung der MIDI-Module, die teils rasend schnelle Tonfolgen produzieren, wandeln sie sich zu synthetisch anmutenden Klangtexturen, die zu gefallen wissen. Zahlenmäßig sind die synthetischen Sounds jedoch noch immer den akustischen unterlegen. Mit dem herkömmlichen Rockmusik-Instrumentarium aus Bässen, Gitarren, Orgeln, Bläsern, Schlagzeug und vor allem Orchestersounds wird ein eindeutiger Schwerpunkt gesetzt. Die Libraries etwa von Kontakt 3 und Mach Five 2 bieten hier deutlich mehr. Wer den Sampler jedoch ausschließlich als Akustik-Sound-Lieferant nutzen will, ist mit Independence bestens beraten. Gerade das umfangreiche Repertoire an zum Teil exotischen Schlagzeug- und Percussion-Sounds gereicht dem Yellow Tools Instrument zur Ehre und sticht die Mitbewerber aus. Das Gleiche gilt auch für die Performance des Instruments. Dank Multiprozessor-Unterstützung läuft Independence selbst mit mehreren Instanzen im Sequenzer anstandslos und ist damit dem Platzhirschen Kontakt 3, der auf unserem Quadcore-Rechner nur einen Prozessor-Kern für sich beansprucht, überlegen. In einem umfangreichen Arrangement mit vielen eingesetzten Plug-ins, das die Systemleistung des Rechners ganz schön ins Schwitzen bringt, tauschen wir Kontakt 3 gegen Independence aus. Das Ergebnis: Die Prozessorlast verteilt sich ausgewogener auf die vier Kerne und wir können sogar noch das eine oder andere Plug-in zusätzlich einfügen, was Kontakt 3 zu Abstürzen geführt hat.  

Independence FX

Independence FX ist in Sachen Ausstattung und Bedienung identisch zum Freedom-Effekt-Plug-in von Yellow Tools. Es lässt sich als herkömmliches Insert-Plug-in im Sequenzer verwenden und verfügt über die gleichen Audio-Effekte wie Independence 2. Die Bedienung geschieht denkbar einfach. Über den Add-Button lassen sich beliebig viele Effekte in den zentralen Slot laden und zu komplexen Effektketten verknüpfen. Die Signalverarbeitung geschieht sukzessiv von oben nach unten. Über Drag and drop lassen sich die Effekte bequem in der Reihenfolge sortieren. Pro Instanz ist es möglich, drei verschiedene Effekt-Kombinationen zu erstellen, die blitzschnell über die drei Buchstaben-Buttons und sogar per MIDI- und Host-Controller aktivierbar sind und die Einsatzmöglichkeiten noch einmal erweitern. Neu hinzugekommen in der Version 2 ist jetzt der Browser-Dialog zum bequemen Suchen und Organisieren von Effekt-Presets. Ebenfalls neu ist die Verarbeitung von Surroundsound bis 8.1. Je nach Kanalformat zeigt sich anschließend eine unterschiedliche Zahl von Ein- und Ausgangskanälen. Absolutes Highlight in Independence FX ist die Möglichkeit, erstmals Drittanbieter-VST-Effekte in den Signalfluss des Yellow Tools-Plug-ins einfügen zu können. Das spart nicht nur einen Slot im Sequenzer, sondern erlaubt auch das Erstellen von Effekt-Kombinationen, bestehend aus Drittanbieter- und Yellow Tools-Effekten, die das Klang-Potenzial quasi unendlich erweitern. Ein Druck auf den Edit-Button im VST-Slot von Independence FX lässt die Bedienoberfläche des dort geladenen Plug-ins zum Editieren erscheinen. Allerdings werden die VST-Effekte, ebenso wie bei den Instrumenten, erst nach Kopieren der dll-Datei in den Root-Ordner von Independence sichtbar, was unglücklich gelöst ist.

Independence Live

Mit Independence Live offeriert Yellow Tools eine komfortabel zu bedienende Stand-alone-Lösung für Live-Musiker, die ein komfortables Handling von Sounds ermöglicht. Die Software erlaubt das Organisieren und Wechseln von Projekten per Program-change-Befehl. Layer-Sets, die in Independence erstellt und als Projekte abgespeichert wurden, lassen sich anschließend in Independence Live laden. Vorteil: Während des Betriebs der Live-Anwendung arbeitet das Haupt-Programm im Hintergrund. Für jedes in Independence Live geladene Projekt kann man die Lautstärke und ein Tempo einstellen, was wichtig ist für zeitbasierte Modulationen und Effekte. Bei Bedarf lässt sich das Projekt auch zum global eingestellten Tempo synchronisieren. Über den Edit-Project-Button erscheint bei Bedarf das Haupt-Programm zum Editieren in den Layern des gewählten Projekts. Ebenso wie im Quick-Edit-Dialog finden sich auch in Independence Live die acht Makro-Regler und -Buttons zum Editieren wichtiger Parameter. Sie korrespondieren nicht zu den Makro-Controllern im Haupt-Programm. Parameterzuweisungen müssen also noch einmal erfolgen, was jedoch per Host-Learn-Funktion bequem über die Bühne geht. Dazu müssen beide Programme gleichzeitig geöffnet sein. Im Haupt-Programm aktiviert man den Host-Learn-Modus am gewünschten Parameter und klickt anschließend auf den Makro-Controller im Live-Programm. Einfacher geht’s nimmer. Selbstverständlich lassen sich auch mehrere Parameter auf einen Makro-Controller legen. Im Test erstellen wir einen Stack-Sound aus einem Streicher- und Synthesizer-Layer. Auf einen Live-Makro-Controller routen wir nun den Filter-Cutoff von beiden Layern, die sich anschließend gemeinsam im Klang ändern. Mit Hilfe der MIDI-Learn-Funktion ist schließlich die Verbindung des Makro-Controllers zum Hardware-Controller ebenfalls rasch geschehen. Über den Program-change-Button vergeben wir anschließend für jedes im Live-Programm geladene Projekt eine eigene Program-change-Nummer und können anschließend wieselflink am Hardware-Controller zwischen den Projekten hin- und herschalten. Dank der Pre-cache-Funktion, die die entsprechenden Layer für einen direkten Zugriff bereitstellt, erfolgt ein Wechsel der Projekte ohne Unterbrechung. Yellow Tools bietet damit eine sinnvolle und praktische Lösung für Live-Musiker.

Fazit

Das erste Major-Update von Yellow Tools für den Independence-Sampler macht das Instrument ausgereifter, mächtiger und durch die Einbindungsmöglichkeit von VST-Plug-ins sogar einzigartig. Independence 2 wird sich mit seinen Verbesserungen am Markt sehr gut behaupten können, wenngleich sich noch einige – behebbare – Schwachstellen finden, die den hervorragenden Eindruck jedoch nicht wirklich trüben. Die Independence Pro-Version weiß überdies mit attraktiven Zusatz-Features zu glänzen, die den Verkaufspreis deutlich relativieren.

Erschienen in Ausgabe 08/2008

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 449 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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