Sounds für jede Lebenslage

Das Update der Software von Steinberg präsentiert sich wie ein Schweizer Armee-Taschenmesser: erweitert und geschärft.  

Von Georg Berger  

Es hat sich einiges getan beim Software-Synthesizer Hypersonic: Früher eine Art Sound-Wühltisch für alle, die mal eben Klänge brauchen ohne groß Zeit zu investieren, fällt die zweite Version raffinierter aus. Sie berücksichtigt jetzt auch jene Anwender, die eine Programmier-Möglichkeit brauchen. Dabei ist das Konzept von Hypersonic 2 gleich geblieben: Die Bereitstellung der gängigsten Klänge für ein möglichst breites musikalisches Einsatzgebiet. Hervorstechend sind die gesampleten Naturinstrumente, die in dieser zweiten Version zusätzlich in einer XXL-Version vorliegen und halten, was sie versprechen. Sie klingen etwas besser als ihre kleineren Varianten, die nach wie vor noch existieren und eher für Nutzer geeignet sind, die mit einem schwachbrüstigen Computer-Setup auskommen müssen.

So finden sich die gebräuchlichsten Nachbildungen von Naturinstrumenten. Aber auch die elektronische Seite kommt nicht zu kurz. Äußerst lebendige und vielfältige Klänge elektronischer Prägung stehen zur Verfügung. Damit dürfte Hypersonic 2 die bisherige Zielgruppe der Workstation-Anwender um die Fraktion ambitionierter Elektroniker erweitern. Ein 16-facher MIDI-Multi­mode, maximal 64 Stimmen pro Instrument, vier unterschiedliche Klangsyntheseformen, ein polyphoner, also vielstimmig spielbarer, Arpeggiator und eine integrierte Effektsektion sind die wichtigsten Hausnummern dieser Software.

Mit circa 1,7 Gigabyte Speicherbedarf belastet die virtuelle Synthesizer-Workstation die Festplatte nicht übermäßig. Im Vergleich zur Vorversion gibt es zu den bisherigen 1.000 Sounds, die zudem überarbeitet wurden, noch 800 neue dazu. Bei einem Verkaufspreis von 390 Euro macht das knapp 22 Cent pro Klang.

Diese Kalkulation allein würde den Vorzügen des Updates allerdings nicht gerecht. Weitaus wichtiger ist die nun realisierte Programmierbarkeit sämtlicher Klänge. Damit eröffnet sich auch für den erfahrenen Sound-Programmierer eine Fülle einstellbarer Parameter, die jedem reinrassigen Synthesizer das Wasser reichen kann. Schade nur, dass zur Programmierung eines eigenen Sounds immer ein bestehender Klang aus der Preset-Datenbank als Grundlage genommen werden muss.

Die Entwickler haben sich offenbar auch die Kritik an der mangelnden General-MIDI-Kompatibilität der Vorversion zu Herzen genommen. Denn es gibt eine Soundbank mit den üblichen 128 General-MIDI-Klängen. Damit ist Hypersonic auch bestens gerüstet um MIDI-Files in diesem Standard souverän abzuspielen.

Ohne dass auch nur ein Redakteur einen Blick in die Bedienungsanleitung geworfen hat, besteht Hypersonic 2 den Bedie­nungs­freundlichkeits-Test der Redaktion des Professional audio Magazins. Ein einziges Fenster, in dem sich der Großteil der Elemente nicht ändert, sorgt für Übersichtlichkeit und bietet einen schnellen und intuitiven Eingriff für alle, die Hypersonic 2 nach wie vor als reinen Klanglieferanten nutzen wollen (Bild 02). Das anschließende intensive Studium des Handbuchs bestätigte diese Einfachheit der Bedienung. Hier hat sich nichts Wesentliches geändert. Auf der linken Seite stehen 16 Zeilen, die den jeweiligen MIDI-Kanal repräsentieren und rechts davon steht in einem in schwarz-weiß gehaltenen Unterfenster – von Steinberg Display genannt – ein Dateibrowser zur bequemen Auswahl der einzelnen Sounds, die in der Steinberg-Terminologie Patches heißen. Sie sind im Datei-Browser des Load-Menüs in Klang- und Instrumentenkategorien eingefasst.

Ein Klick auf die jeweilige Zeile beziehungsweise Kanal, ein paar Klicks durch den Dateibrowser und ein Doppelklick auf den gewünschten Patch lädt ihn auf den zuvor ausgewählten Kanal. Einfacher geht’s nimmer. Binnen weniger Augenblicke ist so ein komplettes Arrangement aus maximal 16 unterschiedlichen Klängen zusammengestellt.

Ein wenig Lautstärke an den Level-Reglern korrigiert und mit einem Rechtsklick kann das so zusammengestellte Arrangement in eine eigene Bank als so genannte Combi(nation) abgespeichert werden. Hypersonic stellt in einem eigenen Combi-Menü ein weiteres Feature zur Verfügung, in der mehrere Combis hintereinander in eine Kette zusammengefasst und die über simple Programmwechselbefehle aufgerufen werden (Bild 03). Der Clou ist dabei, dass die in dieser Kette zusammengefassten Combis noch vor ihrem eigentlichen Aufruf in den Zwischenspeicher gelangen, was ein deutliches Plus in der Performance nach sich zieht.

Die sechs Hyper-Regler erlauben zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten in den gerade ausgewählten Patch. Dabei beeinflusst jeder der virtuellen Drehregler nicht nur einen einzigen Parameter, sondern gleich mehrere auf einmal, je nach geladenem Sound. Selbstverständlich sind diese Hyper-Regler auch über MIDI-Controller ansprechbar. Komfortabel ist die Learn-Funktion. Wird ein MIDI-Controller an einem angeschlossenen Keyboard bewegt, nachdem die Funktion aktiviert wurde, merkt sich Hypersonic selbstständig die Controller Nummer, die vom MIDI-Keyboard gesendet wurde. Auffällig ist, dass die Hyperregler in fast allen Patches immer dieselben Controller-Nummern aufweisen. Vorteil: Durch die Gleichheit der Controller-Nummern brauchen diese lediglich am MIDI-Keyboard den entsprechenden Reglern zugewiesen werden. Nachteil: Das ist für diejenigen zusätzliche Arbeit, die schon ein bestehendes Setup aus MIDI-Controllern besitzen und unter Umständen gerade diese Controller-Nummern für andere Aufgaben vergeben haben. Denn in jedem Patch der verwendet wird und bei dem diese Hyperregler zum Einsatz kommen sollen, müssten zuerst die Controllernummern neu programmiert werden. Bei maximal 1.800 Patches kann das zu einer Sisyphus -Arbeit ausarten. Ein zusätzlicher Dialog, beispielsweise im MIDI-Menü, der eine globale Zuweisung der Controller-Nummern auf die sechs Hyperregler gestattet, würde diesen Missstand beseitigen (Bild04).

Die Klänge selbst sind trotz der erheblichen Speichererweiterung des Klangrepertoires immer noch erstaunlich schnell geladen. Wer will, der kann Klänge auch noch stacken, das heißt übereinander schichten. Ein Klick auf die Pfeile in den Kanälen, die sich von schnurgerade in abgeknickt abwandeln, bewirkt, dass zwei oder mehr Sounds, die diesen abgeknickten Pfeil zeigen, mit dem jeweils oberen Klang verkoppelt werden. Die so miteinander verbundenen Klänge werden dadurch automatisch auf den MIDI-Kanal des obersten Klanges geroutet. Ein wirklich komfortables Feature.

So vorbildlich wie die Bedienung an der Oberfläche gerät, so dürftig wird sie, wenn es um die Programmierung von Patches geht. Denn das Display ist der einzige Ort, von dem man in die Tiefen der Programmierung vordringen kann. Das Design der Submenüs erinnert dabei an die kargen Displays der Hardware-Kollegen vergangener Zeiten. Ein komplett neuer Bildschirmaufbau hätte da für mehr Übersichtlichkeit gesorgt. Das Durchklicken durch die einzelnen Fenster und Submenüs und die etwas lieblos dargestellten Regelmöglichkeiten verderben schnell den Spaß. Erst ein Druck auf den Edit-Button zeigt das wichtigste Element dieses Dialogs (Bild 05). Eine Kette aus Quadraten zeigt die Signalverschaltung der einzelnen Klangmodule und Effekte.

Wo Schatten ist, da ist auch Licht: Die Hauptrolle in diesem ersten Fenster des Edit-Menüs spielt der Arpeggiator. Er hat es wirklich in sich. Nicht nur, dass er monophon als maximal 16 stufiger Step-Sequencer arbeitet, zudem ermöglicht er es, eigens erstellte MIDI-Files einzuladen, die ihn auch noch polyphon erklingen lassen. Ab Werk besitzt Hypersonic 200 dieser MIDI-Patterns, die eine recht beeindruckende Vorstellung von der Mächtigkeit dieser Funktion vermitteln. Sortiert nach musikalischen Einsatzzwecken und Kriterien findet sich dort für viele Zwecke das eine oder andere File. Die Palette reicht dabei von reinen rhythmisierten ein-Ton-Patterns bis hin zu aufwendig gestalteten Dreiklangsbrechungen und Akkordpassagen. Das erweitert ein einstmals eher rudimentäres Überbleibsel aus der Ära der Analog-Synthesizer um ein Vielfaches.

Wird schließlich auf eines der kleinen Quadrate geklickt, so führt je nach Bezeichnung des Quadrates das nächste Fenster entweder auf einen Klangerzeuger oder einen Effekt. Vier Arten der Klangerzeugung sind vorhanden: virtuell-analoge Synthese, Wavetable-Synthese, Frequenzmodulation und Samples. Allen vier Klangerzeugungsarten gemeinsam ist die Aufteilung der Editiermöglichkeiten in die drei Unter-Fenster Easy, Osc(illator) und Mod(ulation), die durch Reiter erreichbar sind.  

Das Easy-Menü umfasst die wichtigsten Parameter zur Klangverbiegung (Bild06). Damit lassen sich die Stimmung, das Filter, die Filter- und Verstärkerhüllkurven einstellen. Das ist sinnvoll, da zumeist eher am Dynamikverhalten herumgeschraubt wird als am Klang selbst. Erst der Aufruf der Oscillator- und Modulationsreiter geht so richtig in die Vollen (Bild 07). Das Editieren erfolgt mit der Maus, die entweder Dreh- oder Schieberegler beeinflusst, oder ein Popup-Menü mit vorgegebenen Werten aufruft. Jeder Regler kann zusätzlich durch einen Rechtsklick einen MIDI-Controller erhalten. Diese Regler wiederum können abschließend in einem Unterfenster der Modulationssektion mehrfach einem der sechs Hyperregler zugewiesen werden. Ein solch reichhaltiges Verknüpfen von Parametern mit MIDI-Controllern ist schon mehr als üppig. Die Möglichkeiten zur Klangeditierung sind also umfangreich. Gerade die neu vorhandene Modulationsmatrix erlaubt vielfältigste Eingriffe (Bild 08). Dennoch gibt’s einen gravierenden Kritikpunkt: Das komplexe Thema findet sich nicht in der ansonsten tadellosen Bedienungsanleitung, sondern – nur in Englisch – lediglich auf der beigelegten DVD.  

Wie so üblich im Konzept einer Synthesizer-Workstation finden sich auch in dieser Software integrierte Effekte. Fünf neue Algorithmen sind in die Zweitauflage von Hypersonic hinzugekommen. Allgemein lassen sich damit schwachbrüstige Klänge entsprechend aufwerten. Aus einem piepsigen Sound wird mittels Hall, Echo oder Chorus doch noch ein passabler Klang. Die Effekte können in Hypersonic an mehreren Stellen agieren. Einmal als Bestandteil innerhalb der Klangerzeugung, dann als Bestandteil in einer Kette von Klangerzeugern innerhalb eines Patches und schließlich global für ein gesamtes Arrangement/Combi. Jeweils vier Effekte können innerhalb eines Patches oder global gleichzeitig aktiv sein. Über ein eigenes Effekt-Menü lassen sich diese vier Effekte losgelöst von der Klangerzeugung bearbeiten (Bild 09).

Die 1.800 Klänge, der aufgestockte Speicherplatz für Samples sowie die Überarbeitung der alten Klänge verheißen, dass sich die Qualität der Sounds im Vergleich zur ersten Version verbessert hat. Beim Hypersonic 2 zeigt sich allerdings, dass Masse nicht zwangsläufig mit Klasse einhergeht.

Positiv fallen die so genannten „XXL“-Instrumente auf, deren Samples durch eine gehörige Erweiterung der Speicher-Kapazität aufwarten. Herauszustellen sind die Streicher-, Saxophon- und Piano-Klänge. Damit lässt sich schon passabel arbeiten. Dieselben Klänge sind in einer kleineren Version ebenfalls vorhanden. Dass diese nicht die gleiche Brillanz und Qualität aufweisen wie ihre großen Brüder ist verständlich. Von den guten XXL-Klängen sind jedoch nicht allzu viele an Bord. Die Möglichkeit, extern erstellte Samples in den Speicher von Hypersonic zu laden, gibt es nicht. Man muss mit dem arbeiten was da ist. Wichtig ist deshalb, dass Grundmaterial in entsprechender Qualität vorliegt. Das ist bei Hypersonic 2 nach unserer Meinung nicht immer der Fall. Einen Ausweg bieten lediglich zugekaufte Hyper-Module. Das sind eigens entwickelte Plugins für Hypersonic, die über eine eigene Schnittstelle den Klangumfang erweitern. Aber außer dem Synthesizer-Plugin US-1, dem Flügel-Modell GP2 und der Orgelsimulation NB3 sind derzeit keine Sample-Erweiterungen verfügbar.

In der Abteilung gesamplete Naturinstrumente gibt es überdies – zum Beispiel bei den Bläsern – einige unverzeihliche Schnitzer. So klingen die Blechbläser in manchen Registern viel zu synthetisch. Die Schlagzeugklänge bieten zwar ebenfalls eine äußerst reichhaltige Palette unterschiedlichster Klänge. Aber diese können auch nicht überzeugen. Gerade die Natur-Drums klingen passiv und wenig ausgeprägt. Ihnen fehlen Druck und Durchsetzungskraft. Es sind zwar unterschiedlichste Drumsets von Rock über Country bis Reggae und Blues enthalten. Dennoch vermögen sie es nicht, sich innerhalb eines Arrangements entsprechend zu behaupten. Im Vergleich dazu klingen die synthetischen Drums besser. Doch in einem Arrangement aus rein synthetischen Klängen ergeht es ihnen genauso wie ihren akustischen Brüdern.

Ein Highlight hingegen sind die rein synthetisch generierten Klänge. Allen voran bestechen die Flächenklänge, die aufgrund der umfangreichen Modulationsmatrix sehr lebendig klingen. Durch die leichte Bedienung an der Oberfläche mit Hilfe der Hyperregler sind schnell abwechslungsreiche Klanglandschaften zu erreichen. Allen synthetisch erzeugten Klängen wohnt so etwas wie eine wohlige Wärme inne, die letzten Endes den Grundklang sehr gezähmt und gefällig erscheinen lässt. Schneidend scharfe und schrille Klänge sind nicht die Domäne von Hypersonic 2. Da hilft auch kein nachträgliches Editieren des Filters.

Fazit

Hypersonic 2 präsentiert sich doppelgesichtig: Der Versuch, diese Synthesizer-Workstation in ihrer Funktionalität zu erweitern ist zweifelsohne geglückt. Die nach wie vor intuitive Bedienung ist exzellent und gestattet jedem Nutzer unkompliziert ein Arrangement zu erstellen.

Weniger überzeugen Programmiermöglichkeiten und Klang. Die jetzt eingeführte komplette Editierung von Klängen ist nicht prominent dargestellt. Es gibt nur ein Haupt-Fenster und die Möglichkeit der Editierung findet im relativ kleinen Display statt. Hier ist eine Umstrukturierung der Bedienoberfläche wünschenswert.

Die XXL-Versionen einiger gesampleter Instrumente sind zwar eine Verbesserung, reichen aber nicht um den Grundklang aufzuwerten. Hypersonic 2 klingt zahm und unauffällig. Die Domäne liegt nicht zuletzt durch die Syntheseformen und die Programmierbarkeit im Bereich der synthetischen Klänge. Allerdings drohen diese aufgrund des eher zahmen Gesamtklangs ein Arrangement schnell sehr dicht und matschig zu machen.

Hypersonic 2 von Steinberg ist nach wie vor ideal für diejenigen, die eine Workstation als digitalen Klang-Notizzettel verwenden wollen, um Ideen festzuhalten. Die riesige Auswahl an Patches dürfte jeden zufrieden stellen. Die Möglichkeit in die Struktur der Klänge eingreifen zu können ist eine zusätzliche Offerte für ambitionierte Klangschrauber.

Oberstes Ziel für eine dritte Version von Hypersonic sollte nach unserer Einschätzung eine nochmalige Überarbeitung und Erweiterung vor allem der Bläser- und Schlagzeug-Samples sein. Außerdem sollte noch einmal am Gesamtklang gearbeitet und vor allem für eine deutlich ergonomischere Bedienbarkeit und
-oberfläche bei der Programmierung gesorgt werden.

Erschienen in Ausgabe 05/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 389 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: sehr gut

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