Spreize deine Flügel

Fast jeder Gitarrist der neuen Generation träumt davon: Ein fetter Breitwand-Sound,  der trotz komplexer Streicher- und Keyboardarrangements perfekt im Mix platziert ist und trotzdem druckvoll aus den Boxen hämmert. Was bislang nur mit mühevoller Schrauberei am Equalizer zu schaffen war, vereinfacht die deutsche Software-Schmiede Brainworx deutlich und setzt dabei auf Klasse statt Masse. 

Von Tim O’Connell

Brainworx-Geschäftsführer Dirk Ulrich startete seine Karriere zunächst mit einer Musik-Produktionsfirma und arbeitete mit Rockgrößen zusammen wie James LaBrie (Dream Theatre), ProPain (USA) sowie mit Fernsehsendern wie RTL II und Sat 1. Mit der Entwicklung des M/S-EQ Konzeptes und der anschließenden Realisierung des Projektes in Form des bx 1-Modells im Jahr 2002 verlagerte sich die Firmenausrichtung schließlich hin zur Entwicklung von Audioproduktions-Hard- und Software in M/S-Technik. Basierend auf dieser Technik entstanden in der Folgezeit weitere Plug-ins wie unter anderem die M/S-Equalizer bx_digital (Test in Heft 6/2007) und bx_dynEQ, die sich rasch in der Profi-Szene etablierten und den Status des Geheimtipps schnell ablegten. Mittlerweile zeichnet das Unternehmen nicht nur für die eigenen BX-Produkte verantwortlich, sondern auch für die Software-Sparten von Herstellern wie SPL, Elysia und Vertigo. Das Brainworx-Entwicklerteam konzentriert sich beim eigenen Produkt-Portfolio jedoch nicht ausschließlich auf die Entwicklung innovativer Mastering-Plug-ins. Immer wieder wartet der Hersteller mit ganz speziellen Applikationen auf, wie zum Beispiel dem bx_boom-Plug-in zum Verfeinern von Bass-Drum-Sounds. In diese Riege reiht sich jetzt die jüngste Brainworx-Entwicklung ein, das bx_shredspread-Plug-in, das sich auf ganz besondere Art den Bedürfnissen von Gitarristen widmet. Ziel dieser Software ist es, gedoppelte Gitarrenspuren perfekt im Arrangement zu platzieren und ihnen Durchschlagskraft und Dichte zu verleihen, ohne andere Instrumente in den Hintergrund zu verbannen. Gerade bei sehr dichten Arrangements hat der Benutzer nicht selten die Wahl zwischen überlauten Gitarren oder einem dünnen, kraftlosen Sägen, was zwar dem Rest des Arrangements hörbar Platz schafft, aber nicht gerade das ist, was sich der Gitarrist unter einem kraftvollen Sound vorstellt. Genau dort setzt das bx_shredspread-Plug-in an, indem es die Gitarrenspuren perfekt im Stereoraum verteilt und gleichzeitig so bearbeitet, dass die anderen Instrumente nicht durch Frequenzüberlagerungen verdeckt werden. Ein wahrhaft ehrgzeiges Vorhaben, das dem Tontechniker einiges an Arbeit abnimmt, wenn es denn klappt und Grund genug, sich das Plug-in einmal näher anzuschauen.

Zum Test tritt eine weit fortgeschrittene Beta-Version des Shredspread-Plug-ins an.  Die offizielle Erstversion wird knapp 142 Euro kosten, ein Preis der im moderaten Bereich liegt und in Ordnung geht. Denn es handelt sich beim Shredspread um eine wirklich außergewöhnliche Software, die in dieser Form erst einmal Seines Gleichen sucht und Neuland betritt. Als Schnittstellen werden VST, AU und RTAS angeboten. Eine TDM Version fehlt zurzeit, was jedoch dem Status einer Beta-Version geschuldet ist. Eine TDM-Unterstützung dürfte nur eine Frage der Zeit sein, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Brainworx seine komplette Plug-in-Palette mittlerweile auch in TDM anbietet.   Der erste Blick auf die Bedienoberfläche zeigt ein klassisches Verstärker-Setup, bestehend aus Topteil und 2 Gitarrenboxen, was die Vermutung nährt, es handle sich beim Shredspread um eine Verstärker-Simulation, doch weit gefehlt. Mit einschlägig bekannten Produkten wie etwa Native Instruments Guitar Rig 4, IK Multimedias Amplitube 3 oder etwa Softubes Metal Amp Room hat der bx_shredspread nur die oben beschriebene Optik gemeinsam. Der Aufbau der Oberfläche ist dabei mehr als Wink mit dem Zaunpfahl zu deuten. Das Shredspread-Plug-in setzt vielmehr erst nach der Bearbeitung des Gitarrensignals durch die Amp-Simulationen an. Wie eingangs erwähnt, dient es primär dazu gedoppelten Gitarrenspuren mehr Druck, Ausdruckskraft und Raum zu verleihen. Am wohlsten fühlt sich das Plug-in dabei in Gruppenspuren, die ihrerseits die Signale von zwei in mono aufgenommenen Gitarrenlinien erhalten. Eines gilt es jedoch gleich vorneweg festzuhalten: Der Shredspread-Prozessor ist nicht ausschließlich auf Gitarrenspuren abonniert. Keyboarder und Produzenten jenseits von Gitarrenmusik können ebenfalls von dem individuellen Konzept des Shredspread profitieren. Doch dazu später mehr.   Schauen wir uns die gebotenen Einstellmöglichkeiten und die damit verbundenen Auswirkungen einmal näher an. Im Topteil finden sich eine Reihe von Drehreglern sowie drei LED-Meter Ketten. An den oberen zwei Anzeigen lässt sich die Ausgangslautstärke für den rechten und linken Kanal ablesen. Die dritte Meter-Kette zeigt den Korrelationsgrad der bearbeiteten Signale an, was nicht gänzlich uninteressant ist, wenn es gilt auf die Monokompatibilität des Mixes zu achten, ein wirklich nicht alltägliches Feature. Mit Gain können die anliegenden Signale angepasst und mit maximal 24 Dezibel verstärkt werden. Soweit so gut. Beim zweiten mit „Solo Pan“ bezeichneten Parameter wird es dann interessant. Sollte nur ein Mono-Signal durch die Stereogruppe gehen, lässt sich dieses mit dem Solo-Pan Parameter optimal im Panorama platzieren. In diesem Fall werden alle M/S-Funktionen außer Kraft gesetzt. Sobald das Plug-in wieder ein Stereo-Signal erkennt, deaktiviert sich automatisch der Solo-Pan-Parameter und die M/S-Funktion wird wieder wirksam. Das nimmt dem Benutzer schon mal lästige Automationsaufzeichnungen ab.

Der Threshold-Regler nährt hingegen die Vermutung, dass dahinter ein Dynamik Effekt seinen Dienst verrichtet. Tatsächlich ist der Parameter eng mit der Solo-Pan-Funktion verbunden. Er definiert den Schwellwert ab dem sich bei anliegendem Mono-Signal automatisch die Solo-Pan Funktion aktiviert und sämtliche M/S-Funktionen außer Kraft gesetzt werden. Unterschreitet das Mono-Signal den Threshold, bleibt die M/S-Funktion aktiv, was für eine mittige Positionierung des Mono-Signals sorgt, unabhängig vom eingestellten Panorama im Sequenzer-Mixer. Das klingt kompliziert, funktioniert in der Praxis aber denkbar simpel. Mit dem „Mono Maker“-Parameter lassen sich hingegen alle Frequenzanteile eines Stereo-Signals, welche sich unter dem gewählten Wert befinden in ein Mono-Signal verwandeln. Der Regelbereich ist von 0 bis 400Hz sehr sinnvoll ausgelegt. Sinnvoll daher, da die Bassinformation im Stereofeld vom Hörer ab einer bestimmten Frequenz nicht mehr einer festen Richtung zugeordnet werden kann. Das nimmt dem Signal überflüssige Energie, die für unnötige Verdeckungseffekte im Mix sorgen können. Mit dem „Shred“-Regler lässt sich ebenfalls in den Frequenzbereich des anliegenden Signals eingreifen, der wie ein für Stereo-Gitarren optimierter „intelligenter“ Equalizer wirkt. Harsche, bissige Soundanteile, wie sie häufig bei ultrabrutalen High-Gain Sounds a lá Rectifier anzutreffen sind, lassen sich mit seiner Hilfe sanft eliminieren. Das funktioniert jedoch nicht als einfache Höhenblende, sondern fügt dem Signal auf eigentümliche Weise gleichzeitig Frequenzanteile im Mittenbereich zu. Das erinnert vom Prinzip her an den Vitalizer von SPL (Test in Heft 2/2010), der jedoch einen anderen Ansatz hat und für Aufgaben im Mastering ausgelegt ist. Mit dem Spread-Regler steht schließlich ein Parameter zur Verfügung, um das gedoppelte Gitarrensignal mit Hilfe der integrierten M/S-Matrix in die Breite zu ziehen. Eine Stereobegrenzung bis hin zum Mono-Signal ist umgekehrt ebenfalls möglich, was insgesamt wirkt wie ein Balance-Regler für die Mitten- und Seitenanteile. Auf die vier frei belegbaren Settings-Buttons können Einstellungen abgelegt und per Mausklick auf die jeweilige Presetnummer miteinander verglichen werden. Der eigentliche Clou dahinter: Die in diesen Speichern abgelegten Einstellungen werden beim Speichern eines Presets sozusagen als Unterpresets mitgespeichert und beim Laden wieder in die vier Plätze geladen, die sich per Host-Automation rasch aufrufen lassen, was für zusätzliche Flexibilität bei der Arbeit sorgt. Last but not Least findet sich noch eine Undo/Redo-Funktion, die anders als bei vielen Plug-ins, bis zu 32 Schritte abdeckt.   Soviel zu Aufbau und Wirkung des Shredspreads, aber was macht er denn nun eigentlich? Um das klanglich wie praktisch nachvollziehen zu können, haben wir für den Test ein kleines Arrangement a lá Rammstein mit Drums, Bass, Keyboardsequenzen und Pads sowie zwei Gitarrenlinien mit amtlich, druckvollen und bissigen High-Gain-Sounds produziert. Die beiden Gitarrenlinien – per Drop-Tuning zwei Halbtöne tiefer gestimmt und dadurch gehörig bassig im Sound – bestehen jede für sich aus jeweils zwei in mono eingespielten/gedoppelten Aufnahmen, die in eine eigene Stereo-Gruppenspur geschickt werden, wobei die Mono-Spuren hart auf links und rechts in die Gruppenspur geschickt werden. Besonderheit: Für das Intro haben wir lediglich eine Mono-Gitarrenspur eingespielt, die wir, hart auf rechts gepannt, in die erste Stereo-Gruppenspur schicken. Das Test-Arrangement können Sie sich auf unserer Homepage www.professional-audio-magazin.de kostenfrei anhören und downloaden.

Um sich mit der Wirkungsweise des Shredspread-Plug-ins vertraut zu machen, verstärken wir das Signal mittels Gain-Regler anfangs nicht allzu sehr und betätigen öfters den Bypass Schalter, um per AB-Vergleich festzustellen wie das Signal reagiert und sich verändert. Wie beschrieben schaltet der Shredspread beim Erkennen des (rechten) Mono-Signals auch prompt in den Mono-Modus, dargestellt durch ein durchgestrichenes Lautsprechersymbol am rechten Lautsprecher. Per Solo-Pan-Regler haben wir bestimmt, dass Mono-Signale mittig positioniert werden sollen. Kaum erkennt der Shredspread die gedoppelte linke Gitarrenspur, schaltet er blitzartig in den M/S-Modus. Bei einem eingestellten Spread-Wert von etwa 150 % erklingt das gedoppelte Riff wie von Zauberhand im Cinemascope-Breitwandformat. Der Wirkungsgrad dieser Einstellung wird uns dabei erst durch Drücken des Bypass-Schalters eindrucksvoll vor Augen beziehungsweise Ohren geführt. Der mächtige Hammersound scheint jetzt fast in sich zusammenzufallen. Mit dem Mono-Maker lassen sich im weiteren Verlauf die durch das Drop-Tuning extrem basslastigen Gitarren in ihren tiefen Frequenzanteilen entschärfen, indem wir ihre Bassanteile ab etwa 100 Hertz abwärts in ein Monosignal umwandeln. Das funktioniert auf verblüffende Art und Weise sehr gut. Die Gitarren dröhnen dadurch nicht mehr den Bass ins Abseits, sondern bilden eine Einheit wie aus einem Guss. Nerviges Höhenbritzeln der Gitarre eliminieren wir anschließend mittels des effizient arbeitenden Shred-Parameters. Beide Gitarrengruppen werden zum Schluss noch einmal mit dem Spread Regler in die optimale Stereoposition zueinander gebracht, indem wir für die zweite Gitarrengruppe ein etwas engeres Stereofeld wählen um sie noch etwas deutlicher herauszustellen und von der ersten Gitarre abzusetzen.   Das Ergebnis spricht für sich. Ein druckvolles   sowie transparentes Arrangement erklingt, in dem trotz komplexer Sequenzen und atmosphärischer Pads die Gitarren immer noch eine prominent, vordergründige Rolle spielen, ohne alles andere unter sich im Soundbrei zu begraben und das wohlgemerkt noch ohne einen Equalizer zu bemühen. So soll es sein.  Auffällig: Bei extrem eingestellten Spread-Werten scheint der Hörer von den Gitarren im Stereoraum quasi von hinten umarmt zu werden. Dieser Effekt bietet sich hervorragend für stark verhallte und mit Chorus und Delay versehene Cleangitarren an. Schimmernd klingenden, gedoppelten Akustikgitarren-Linien wird mit dem Shredspread ebenfalls zu neuer Dimension verholfen. Ausprobieren lautet hierbei die Devise. Als sehr hilfreich ergibt sich außerdem, dass sich ein anliegendes Mono-Signal durch die automatische Abschaltung der M/S-Funktionen auch wirklich als Mono-Signal verhält. Bei vielen Stereoverbreiterungs-Prozessoren wird aus einer sinnvoll im Panorama platzierten Monospur mitunter eine, in der Stereomitte platzierte Quasi-Stereospur, also eine Monospur deren Signalanteile auf beiden Seiten gleich laut zu hören ist. Um dies zu vermeiden, hilft bei diesen Plug-ins/Geräten dann meistens nur noch eine Bypass-Automation, um das Signal an dieser Stelle unbearbeitet zu lassen. Nicht so mit dem Shredspread-Plug-in, das mittels Solo-Pan-Funktion dem Mono-Signal eine konkrete Position im Stereopanorama zuweist. Skeptiker mögen jetzt einwenden, dass der Solo-Pan-Regler überflüssig ist, da dies mit dem Panpot des Sequenzers ebenfalls möglich ist. Doch darf nicht vergessen werden, dass wir uns in einer Gruppenspur befinden, in der die Spuren hart auf links und rechts gepannt sind. Beim Verstummen einer der Doppelspuren für einen gespielten Zwischenpart oder ein Solo auf der anderen Spur, sorgt die Funktion für eine beeindruckende Effizienz, um Mono-Signale exponiert und vor allem automatisch im Mix zu positionieren. Dabei ist der bx_shredspread beileibe nicht nur für Gitarristen ausgelegt. Breite und voluminöse Keyboardflächen, die nicht selten zum Dröhnen neigen, profitieren ebenso von der Mono-Maker Funktion wie komplexe und tiefe Chöre. Selbst atmosphärische Samples bekommen so eine ganz neue Qualität und werden, sofern vorhanden, ihrer harschen Frequenzanteile beraubt. Trotz seiner komplexen Schaltung zeigt sich der Shredspread-Prozessor im Test als sehr Ressourcen schonendes Plug in. Bis zu zehn Instanzen in einem Arrangement sind bei niedrig eingestellter Latenz überhaupt kein Problem. Bei allzu drastischen Einstellungen, vor allem des Spread-Parameters, sollte der Anwender allerdings den Korrelationsgradmesser besonders im Auge behalten. So schön und eindrucksvoll diese Breiter-als-Stereo-Einstellungen auch klingen, man darf nicht vergessen, dass es sich um eine Stereobasisverbreiterung handelt und bei achtloser Bedienung die Gefahr besteht, den Mix seiner Monokompatibilität zu berauben. Richtig eingesetzt hält das Plug-in, was der Hersteller verspricht.  

Fazit

Mit dem bx_shredspread ist Brainworx mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Der Hersteller hat es erfolgreich geschafft, das Mitte-Seite-Verfahren gekonnt auf die Bedürfnisse der Rockgitarristen abzustimmen. Kinderleicht lässt sich innerhalb kurzer Zeit ein durchsetzungsfähiger und wirklich fetter Sound erstellen, der sich bestens in jedes Arrangement einfügt. In Anbetracht der eindrucksvoll klingenden Ergebnisse fragen wir uns, wie wir so lange ohne ein solches Plug-in leben konnten. Brainworx hat sich bei der Entwicklung des Shredspread wirklich Gedanken um die Bedürfnisse vieler Anwender gemacht, denn diese Kombination von M/S-Matrix mit „intelligentem“ Equalizer ist ohne Frage genial und zeugt vom Know-how des Herstellers. Ein Vergleich mit anderen Plug-ins fällt eigentlich vollkommen aus, da uns bislang kein Tool bekannt ist, welches nur ansatzweise ähnliches leistet. Obwohl wir eine Beta-Version zum Test erhalten haben, ist der bx_shredspread in unseren Augen jetzt schon ausgereift. 

Erschienen in Ausgabe 09/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 142 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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