Die neue Nummer Eins

Gleich zwei neue Profi-Kopfhörer hat Elektronik-Riese Sony vor wenigen Wochen vorgestellt. Primus inter Pares ist der MDR-7520, der nicht umsonst den Beinamen “Reference“ trägt.

Von Harald Wittig

Dass der Elektronik-Riese Sony auch sehr gute Kopfhörer für professionelle Anwender im Angebot hat, wissen die Professional audio-Leser der ersten Stunde: Beim allerersten großen Kopfhörer-Vergleichstest in Ausgabe 6/2006 erwies sich der moderne Klassiker MDR-7506 als rundum überzeugender Kopfhörer in geschlossener Bauweise, der zusammen mit dem AKG K 271 zu den besten Allroundern zählte.

Den MDR-7506 gibt es nach wie vor, mit den beiden brandneuen Modellen MDR-7510 und MDR-7520 hat der bewährte Hörer jetzt zwei neue Geschwister bekommen. Während der MDR-7510 nicht zuletzt auch preislich mit einem Listenpreis von rund 150 Euro nahe beim 130 Euro günstigen MDR-7506 steht, ist der MDR-7520, der auch Gegenstand dieses Testes ist, in mehrfacher Hinsicht ein ganz anderes Kaliber. Mit einem empfohlenen Verkaufspreis von rund 530 Euro rangiert der in Thailand gefertigte Schallwandler schon mal preislich in der gehobenen Klasse. Auch klanglich soll der MDR-7520 Maßstäbe setzen, denn laut Hersteller wurde er „als Referenzkopfhörer für Anwendungen entwickelt, bei denen höchste Wiedergabepräzision erforderlich ist.“ Eine solch vollmundige Aussage weckt hohe Erwartungen und wir sind gespannt, ob Sonys neue Nummer Eins diesen gerecht werden kann.

Der MDR-7520 ist ein dynamischer Kopfhörer in geschlossener Bauweise, was in dank der bauartbedingten Abschirmung grundsätzlich vielseitig für Aufnahme, Mix und Monitoring einsetzbar macht. Um auch klanglich hohen Ansprüchen zu genügen und auch für anspruchsvolle Mastering-Aufgaben einsetzbar zu sein, hat Sony sein neues Flaggschiff mit neuentwickelten Treibern ausgestattet: Die mit einem Durchmesser von 50 Millimetern vergleichsweise großen Membranen sind aus einem besonderen Flüssigkristall-Polymerfilm-Materialmix gefertigt. Damit soll die Membran einerseits sehr leicht sein und somit impulshaften Schallereignissen gewissermaßen auf den Hub folgen können. Andererseits ist die neue Membran verwindungssteif genug, was vor allem auch der Basswiedergabe mehr Präzision verleiht. Als Antrieb fungiert ein kräftiger Neodymium-Magnet, was zusammen mit der neuen Membran einen hohen Wirkungsgrad  – eines der Hauptziele der Kopfhörer-Entwickler – garantieren soll.
Das Gehäuse des MDR-7520 besteht aus Magnesium-Aluminium-Druckguss. Eine gute Wahl, denn damit ist sowohl Robustheit – beispielsweise haben auch heutige Profi-Kameras in der Regel ein Magnesium-Gehäuse – als auch Leichgewichtigkeit und damit stressfreies Tragen gewährleistet. Womit wir elegant zum Tragekomfort überleiten können: Der Sony trägt sich sehr angenehm. Er sitzt sicher auf dem Kopf, die Ohrpolster aus schallisolierendem „Memory“-Schaum passen sich sehr gut an die Ohrmuscheln an. Es bedarf nur der Feinjustage des gut gepolsterten Kopfbandes und der MDR-7520 dürfte auf die meisten Schädel passen. Zumindest die Mitarbeiter des Sonic Media Verlags bewerteten den Tragekomfort des Hörers durchweg als sehr gut.
Wie es sich für einen Profi-Kopfhörer gehört, ist das Kabel aus sauerstofffreiem Kupfer einseitig geführt, was im Gegensatz zu den sogenannten Y-Kabeln dem schnellen Auf- und Absetzen im Studio-Alltag sehr zugute kommt. Typisch für Sony-Kopfhörer handelt es sich um ein Spiralkabel, das sich stufenlos den Längenverhältnissen anpasst und nicht wie ein langes gerades Kabel auf dem Boden herumliegen muss. Kennt bestimmt der eine oder andere: Da fährt der Toningenieur, versunken in die Arbeit, den Pilotensessel/Regiestuhl mit Bleifuß über das Kabel und schneller als es ihm lieb ist, ist es gebrochen. Das ist auch bei einem Spiralkabel selbstverständlich nicht ausgeschlossen, weswegen das des Sony sicher verschraubt ist und leicht abnehmbar und austauschbar ist.

Dann hören wir doch mal, wie er klingt, Sonys neuer Referenz-Kopfhörer. Zunächst spielt der MDR-7520 sehr impulsstark auf und klingt ungemein druckvoll – nicht nur bei hohen Pegeln wohlgemerkt. Allerdings sind die Bässe im fabrikneuen, soll heißen uneingespielten Zustand viel zu dominant, was auf Kosten der Mitten und Höhen geht, die der übermächtige Bass schlichtweg überspielt. Das können wir, nach den bisherigen sehr positiven Erfahrungen mit Sony-Kopfhörern  selbst nicht als endgültiges Ergebnis glauben und gönnen dem MDR-7520 eine gute Woche an Warmlauf- oder besser Einspielphase. Höre da: Auch wenn eine nunmehr leichte Bassbetonung bleibt, wird der Sony praktisch tagtäglich besser und langsam schält sich sein wahres Können heraus. Bei weiterhin  sehr gutem Impulsverhalten löst der Sony vor allem das Mittenband sehr gut auf, und bringt auch feinste Details wie beispielsweise kaum hörbare Atemgeräusche bei Akustikgitarren-Aufnahmen, aber auch leiseste Störgeräusche wie ein digitales Britzeln auf einer unserer Aufnahmen an das Hörerohr. Auch den Höhenbereich gibt der MDR-7520 sehr farbig wieder und kann auch mit einer sehr guten Transientenwiedergabe punkten, die, wenn wir bei den geschlossenen Systemen bleiben, allenfalls vom fast zweieinhalbmal so teueren Ultrasone Edition 8 übertroffen wird. Dabei haben die Sony-Entwickler ihren neuen Star, wie es sich für einen Studio-Kopfhörer gehört, sehr ausgewogen abgestimmt, so dass er weder präsent noch zu mittig klingt. Im Vergleich zu einem Spitzenkopfhörer in offener Bauweise wie dem formidablen Beyerdynamic T 1 oder unserem – allerdings schon bestens eingespielten – Referenzhörer, dem AKG K 702 erscheint der Sony bei der Höhenwiedergabe eine Spur weniger detailverliebt, wobei sich auch insoweit noch einiges zum Besseren entwickeln kann. Schließlich überzeugt der MDR-7520 auch bei der Raumabildung und leistet sich in dieser Disziplin keine Schwächen. Räumlicher, dreidimensionaler klingt nur der sündhaft teure Ultrasone Edition 10 und der kann als offener Kopfhörer schon von vorneherein nicht die Allrounder-Qualitäten des Sony haben.

FAZIT

Sony hat nicht zu viel versprochen: Der neue MDR-7520 ist trotz ganz leichter Bassbetonung    ein neutral abgestimmter, fein auflösender Kopfhörer mit sehr gutem Impulsverhalten, der dank geschlossener Bauweise vielseitig einsetzbar ist und  auch für anspruchsvolle Aufgaben mit Gewinn einsetzbar ist.

Erschienen in Ausgabe 07/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 529 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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