Reisebegleiter

Dem LS-10 von Olympus eilt sein guter Ruf voraus. Vielerorts als Geheimtipp für mobile Aufnahmen gehandelt, wollen wir im Praxis-Test sehen und vor allem hören, was wirklich dran ist am mehrstimmigen Lobeslied.

Von Michael Nötges 

Die Produktpalette des japanischen Globalplayers Olympus ist riesig. Das Nikkei-gelistete Unternehmen bietet elektronische Geräte für den Freizeit- und Geschäftsbereich aber auch für Medizin, Wissenschaft und Industrie. Somit reicht das Portfolio von Digitalkameras bis hin zu komplexen Ultraschall- und Wirbelstromprüfgeräten oder Mikroskopen. Aber nicht nur das, seit Jahren zählt Olympus zu den führenden Herstellern von digitalen Diktiergeräten. Da ist es kein großes Wunder, dass bei dem technischen Background im Bezug auf Audio-Aufnahmen mittlerweile auch digitale Handheld-Recorder angeboten werden, deren Möglichkeiten weit über die Funktionalität und Klangqualität einfacher Diktafone hinaus reichen.

Der neuste Clou der Japaner ist der LS-10, dessen Einsatzgebiet sowohl im anspruchsvollen Consumer- aber auch im Pro-Audio-Bereich zu sehen ist. In erster Linie soll der kompakte Taschen-Rekorder aber Journalisten, Rundfunk- und Fernseh-Redakteuren sowie Songwritern und Komponisten unter die Arme greifen, wenn es darum geht, im Außeneinsatz O-Töne oder Ideen im Hotelzimmer festzuhalten. Dabei kostet der schmucke Fäustling 449 Euro und rangiert damit im oberen Mittelfeld, der bereits von Professional audio Magazin getesteten mobilen Recorder (Übersicht im Test des DR-1 von Tascam, Ausgabe 10/2008). In puncto Anschaffungskosten klebt er damit dem PCM-D50 von Sony (590 Euro, Test in Ausgabe 6/2008) an den Fersen, spürt aber gleichzeitig auch den warmen Atem des Marantz PMD 620 (439 Euro, Test in Ausgabe 8/2008) im Nacken. Außerdem muss der LS-10 natürlich rechtfertigen, warum er deutlich teurer als der DR-1 von Tascam für 349 Euro oder der Zoom H4 für aktuell 355 Euro (Test in Ausgabe 3/2007) ist und warum die Neuauflagen der beiden Recorder von M-Audio und Edirol, der Microtrack II (329 Euro) und der Edirol R-09 HR (359 Euro), ebenfalls gut 100 Euro unter dem Verkaufspreis des LS-10 liegen.
Olympus bietet aber einiges für’s Geld: Zunächst umfasst der Lieferumfang den schmucken und sehr gut verarbeiteten Recorder mit robustem Alu-Kunststoff-Gehäuse, zwei Windschutzkappen, USB- und Audio-Kabel, Etui, zwei AA-Batte-rien und eine Trageschlaufe. Ähnlich überzeugend in puncto Verarbeitung waren bisher nur die beiden Recorder von Sony, der PCM-D1 (Test in Ausgabe 12/2007) und der PCM-D50. Allerdings bringen der große PCM-D1 mit seinem Titan-Gehäuse auch ein gutes Pfund und der deutlich kleinere PCM-D50 mit Alu-Gehäuse immer noch 365 Gramm auf die Waage. Der LS-10 wiegt bei der Größe eines durchschnittlichen Handys mit 165 Gramm aber weit weniger als die Hälfte und macht in Sachen Verarbeitungsqualität einen nahezu ebenbürtigen Eindruck.

Der LS-10 bietet die für die Praxis unter Umständen sehr wichtige Besonderheit, sowohl auf wechselbaren SD-Karten als auch auf dem internen zwei Gigabyte großen Flash-Speicher aufzeichnen zu können. Dabei unterstützt der Olympus Speicherkarten von bis zu acht Gigabyte. Hat man genügend Ersatzmedien in der Hosentasche, ist die Aufnahmedauer daher nahezu unbegrenzt. Da der LS-10 sowohl im linearen PCM-Format mit bis zu 24 Bit und 96 Kilohertz, als auch im MP3- und WMA-Format (siehe Steckbrief) aufnehmen kann, bietet allerdings bereits der Festspeicher eine Aufnahmekapazität von etwa 55 Minuten bei höchster Auflösung und circa 69,5 Stunden bei 64 kbps im WMA-Format. Erfreulich ist, dass Olympus auf austauschbare und überall erhältliche Batterien (maximal acht Stunden Betriebsdauer) oder Akkus (Ni-MH: maximal zehn Stunden Betriebsdauer) im AA-Format setzt. Nicht so erfreulich ist hingegen, dass das passende Netzgerät A-322 nicht zum Lieferumfang gehört und 12,90 Euro extra kostet.
Durch die eingebauten dynamischen Stereo-Lautsprecher auf der Rückseite des LS-10, ist der Recorder völlig autark zu gebrauchen, da zum Abhören von aufgenommenen Takes nicht einmal Kopfhörer notwendig sind. Alle drei Audio-Anschlüsse sind als 3,5-mm-Klinken-Buchsen ausgeführt, was besonders im Studio den häufigen Einsatz von Adaptern auf XLR-, Cinch- oder 6,35-mm-Klinkenformate erfordert. Dabei hat der Recorder lediglich einen analogen Ausgang, der sowohl als Kopfhörer als auch Line-Ausgang Verwendung findet. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sowohl externe Mikrofone über den Mikrofon-Eingang, als auch analoge Signale über den separaten Line-Eingang aufzuzeichnen. Als externe Schallwandler können aber nur Mikrofone verwendet werden, die entweder über eine eigene Stromversorgung verfügen wie etwas das MCE 82 von Beyerdynamic oder das Audio Technica AT 825 (Test in Ausgabe 11/2007) oder aber dynamische Mikrofone vom Schlage eines Shure SM 58 (Test in Ausgabe 9/2007), die  gar keine benötigen. Olympus selbst bietet optional unterschiedliche Lösungen wie beispielsweise das Stereomikrofon ME51S (rund 70 Euro) oder das ME30W Konferenz-Kit (349 Euro), welches zwei Mikrofone mit Kugelcharakteristik und Mikrofon-Stative beinhaltet, an. Das Umschalten zwischen externem oder internem Mikrofon ist genauso wenig notwendig und geschieht automatisch wie die Aktivierung des internen Lautsprechers, der sich immer dann beim Abspielen aktiviert, wenn sich kein Stecker in der -Ear-Buchse befindet. 

Die USB-2.0-Schnittstelle des LS-10 -ermöglicht den Datentransfer zwischen dem Rekorder und einem Mac oder PC. Aufgenommene Tracks finden im Handumdrehen den Weg auf die Festplatte des Computers und lassen sich komfortabel nachbearbeiten. Der LS-10 organisiert die Files in fünf Aufnahmeordnern (DSS-FLD A bis E) und einem Abspielordner (Music). Will heißen, vor jeder Aufnahme muss einer der fünf Ordner -ausgewählt werden, der dann als Speicherort fungiert. Dient der LS-10 als -Abspielgerät, der archivierten CD-Sammlung, kann diese problemlos per Drag-and-Drop in den Music-Ordner -gezogen werden. Verwenden Sie den Mediaplayer 10 oder 11 beziehungweise die iTunes-Verwaltungssoftware, werden bei diesem Vorgang automatisch für gute Übersicht zwei Unterordner für den Interpreten und das jeweilige Album angelegt. Unmittelbar erreichbar sind die Ordnerstruktur und die zur Verfügung stehenden Tracks über den List-Button.
Neben den obligatorischen Transportfunktionen – alle Buttons und die Navigations-Wippe verfügen über einen sehr guten Druckpunkt, so dass sie trotz ihrer geringen Größe sicher zu bedienen
sind –, bietet der LS-10 einen separaten Erase-Button, der das Löschen von Tracks ohne langes Irren durch zahlreiche Untermenüs ermöglicht. Außerdem lässt sich mit dem A/B-Repeat-Button ein Bereich im ausgewählten Track markieren, um diesen wiederholt abzuspielen. Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte Fn-Button, den man vielleicht von seinem Notebook kennt. Dieser Taste kann eine von zehn Funktionen (siehe Tabelle) zugewiesen werden, die je nach individueller Nutzung besonders häufig benötigt wird. Die erwählte Funktion ist dann jeder Zeit per Knopfdruck aufrufbar.
Drei griffige Schiebeschalter an den Flanken des LS-10 ermöglichen es, das Trittschallfilter (siehe Frequenzgang-Diagramm) zu aktivieren, die Eingangsempfindlichkeit der Mikrofone von -59 dBV (High) auf -39 dBV (Low) zu setzen oder aber die Tasten zum Schutz vor versehendlichem Verstellen zu blockieren (Hold-Funktion). Rein äußerlich -bleiben nur noch das in die Rückseite eingearbeitete Stativgewinde und die Anschlussbuchse für eine Infrarotfernbedienung RS-30 W (rund 60 Euro extra) zu erwähnen, die beide auf ihre Art für nebengeräuscharme Aufnahmen sorgen, da der Rekorder, einmal fest installiert, während des Aufnahmeprozesses nicht angefasst werden braucht.

Das zweifarbige LCD (35 mal 30 Millimeter) ist jeder Zeit gut lesbar: In dunklen Umgebungen lässt es sich hinterleuchten. Um auch bei hellem Tageslicht gut informiert zu sein, ist der Kontrast den jeweiligen Bedingungen anzupassen. Das Display hat zwar nicht die exzellente Schärfe und den hohen Kontrast des OLED-Displays des PMD620 von Marantz, das auch noch aus sehr flachem Blickwinkel lesbar ist, aber es erfüllt voll uns ganz seinen Zweck. Außerdem informiert es sowohl über die Pegel (alphanumerisch, Bargraph), als auch über die Position im Track, dessen Namen, sowie das Aufnahmeformat, den Batteriestand und über die eingeschalteten internen Effekte. Ja, Sie haben richtig gelesen, der LS-10 hat eine kleine Effekte-Sammlung an Bord (siehe Kasten). Nicht, dass er so üppig mit Emulationen und Effekten ausgestattet wäre, wie beispielsweise der Zoom H4, aber im Abspiel-Weg befinden sich vier Hall- (Studio, Club, Hall, Dome) und drei Klangverbesserungs-Algorithmen (Natural, Wide, Power). Außerdem nutzt Olympus bei der Zoom Mic-Funktion die sogenannte DVM-Technologie der Firma DiMAGIC (siehe Kasten). Dieses digitale Audioerfassungssystem ermöglicht es, unterschiedliche Richtcharakteristika (wide, standard, narrow, zoom) für das interne Mikrofon einzustellen.
Messtechnisch macht der LS-10 eine gute Figur. Die Eingangsempfindlichkeit liegt mit -54,4 Dezibel im grünen Bereich, so dass auch für die meisten dynamischen Mikrofone noch genügend Verstärkungsreserven zur Verfügung stehen. Zoom H4 (-48,9 Dezibel) und Marantz PMD620 (-45 Dezibel) kommen da genauso wenig hinterher, wie der DR-1 von Tascam (-39,4 Dezibel). Allerdings kommt der LS-10 auch nicht an die ausgezeichneten Werte des PCM-D50 von Sony (-64,6 Dezibel) heran. Geräusch- und Fremdspannungsabstand gehen mit 73,4 und 70,2 Dezibel in Ordnung, allerdings zeigt hier nicht nur der PCM-D50 mit 82 und 77,5 Dezibel, sondern auch der DR-1 von Tascam wie es besser geht, wobei der PMD620 mit 70,5 und 76,1 ungefähr auf Augenhöhe liegt. Der Klirrfaktor steigt unterhalb von 100 Hertz bis auf 0,4 Prozent bei 20 Hertz an, obwohl die THD+N-Werte ansonsten weit unterhalb von 0,15 Prozent liegen. Ein Blick auf das FFT-Spektrum bestätigt, dass der LS-10 mit tiefen Frequenzen auf dem Kriegsfuß steht, auch wenn der Noisefloor immer noch weit unterhalb von sehr guten -80 Dezibel liegt. Außerdem sind minimale k2- und k3-Anteile zu erkennen. Der Frequenzgang zeigt sich alles andere als linear. Selbst mit ausgeschaltetem HPF (siehe Kurve) geht er ab 200 Hertz stetig in die Knie, als wäre bereits ein Trittschallfilter bei 90 Hertz aktiv. Das eliminiert zwar bereits im normalen Betrieb tieffrequente Störgeräusche, nimmt dem Signal aber leider auch den Bass.
Im Hör- und Praxistest von Professional audio Magazin überzeugen auf Anhieb die angenehme Haptik und die ergonomische und intuitive Bedienung des
LS-10. Er liegt eben gut in der Hand und nicht zuletzt die beiden Drehräder zum Einstellen des Eingangs- und Ausgangspegels sorgen für sehr guten Bedienkomfort. Beim Interview mit Rüdiger Veith von der Music Support Group (S. 46) erweist sich die Pegelautomatik als äußerst hilfreich: Die Aussteuerung ist immer optimal und man kann sich voll und ganz auf den Gesprächspartner konzentrieren. Gleichzeitig ist die Klang-qualität für diesen Zweck ausgezeichnet. Rauschen scheint der LS-10 nicht zu kennen und auch wenn der Recorder nur vor dem Interviewten auf dem Tisch lag, liefert das eingebaute Stereomikrofon bei 16 Bit und 44,1 Kilohertz im Wav-Format transparente und glasklare Aufnahmen, die ohne weiteres auch als O-Ton beim Rundfunk verwendet werden können.

Bei Atmo-Aufnahmen von Straßen- und Umgebungsgeräuschen sieht es ähnlich aus. Wobei, wie aufgrund der Erkenntnisse aus dem Messlabor schon erwartet, der LS-10 den Bassbereich bedämpft. Zusammen mit den Windschutzkappen ist der Einsatz des Trittschallfilters nur noch bei wirklich starkem Wind erforderlich. Das interne Stereomikrofon macht in puncto Impulsverhalten und Auflösung einen ausgezeichneten Job und selbst feine Nuancen der Atmos werden exakt aufgenommen. Als sehr praktisch erweisen sich die unterschiedlichen Richtcharakteristiken der Zoom Mic-Funktion. Besonders die Zoom-Einstellung fokussiert effektiv eine -bestimmte Schallquelle und blendet die Nebengeräusche weitestgehend aus.
Bei den Aufnahmen (24 Bit, 96 Kilohertz) im Studio bekräftigt sich unser Eindruck. Die Aufnahmequalität ist grundsätzlich gut und für den Außeneinsatz absolut praxistauglich, für wirkliche Studioaufnahmen fehlt aber der Bass und der untere Mitten-Bereich kommt etwas zu kurz. Gitarren- und Gesangsaufnahmen werden zwar feinzeichnend, und sehr schön direkt abgebildet, erscheinen aber relativ dünn. Will heißen, Anschlags- und Atemgeräusche, beziehungsweise das Timbre der Stimme kommen nuanciert und natürlich, doch fehlt den etwas kühl erscheinenden Aufnahmen der Bauch. Die internen Hall- und Klangverbessertungsalgorithmen klingen natürlich, sehr angenehm und fein. Allerdings können diese nur ein- oder ausgestellt werden und sind daher lediglich als nette Dreingabe zu verstehen, die eine Vorstellung davon vermittelt, wie beispielsweise eine Gitarren- oder Gesangsaufnahme mit einem bestimmten Hall-Raum oder einer veränderten Stereobasis-breite klingt. 

Fazit

Der Olympus LS-10 gehört zu den sehr gut verarbeiteten und qualitativ hochwertigen Handheld-Recordern – das rechtfertigt auch einen Preis von 449 Euro –, dessen Stärken besonders bei der Aufnahme von Interviews, Konferenzen, Atmos und O-Töne zu sehen sind. Zuverlässig und bedienerfreundlich führt er bereits mit dem eingebauten Stereomikrofon zu sendefähigem Material und der Aufnahme von Songskizzen, Konzert- oder Probemittschnitten in guter Qualität steht grundsätzlich nichts im Weg.

Erschienen in Ausgabe 02/2009

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 449 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut

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