Raumfüllend

Die französische Lautsprecher-Experte Focal kann nicht nur teure Monitore bauen. Mit der neuen Alpha-Serie hat er gleich drei verhältnismäßig erschwingliche Modelle im Programm, die mit allen Focal-typischen Klangvorzügen glänzen wollen – wir haben den Alpha 65 getestet.

Von Sylvie Frei

Focal konnte bereits im vergangenen Jahr mit seinem Studio-Monitor-Flaggschiff SM9 (Test in Ausgabe 4/2013) mehr als überzeugen. So hat sich der SM9 dank seiner klanglichen Meriten seinen Platz in der Spitzenklasse und nicht zuletzt auch in der Editors Choice 2013 redlich verdient. Doch das große Flaggschiff-Modell kostet stolze 3.300 Euro pro Box – eine ganze Stange Geld. Ein so großes Budget hat beileibe nicht jeder.
Um auch für deutlich weniger Geld den Focal-Klang im Studio realisierbar zu machen, hat der französische Hersteller mit seiner neuen Alpha-Serie eine Palette neuer Zwei-Wege-Studio-Monitore für das Nahfeld auf den Markt gebracht: Alpha 50, Alpha 65 und Alpha 80 sind für unverbindliche Richtpreise zwischen 290 und 420 Euro pro Box zu haben. Das mittlere Modell, der Alpha 65, dem dieser Test gewidmet ist, kostet 356 Euro.
Der Alpha 65 ist ein aktiver Zweiwege-Bassreflex-Monitor. Er wird mit einer Class-AB Schaltung und in echtem Bi-Amping betrieben. Der 25 Millimeter Aluminium-Hochtöner mit Focal-typischer inverser Kalotte wird von einer 35 Watt Endstufe befeuert – der 165 Millimeter Polyglas-Konus-Tief/Mitteltöner von einer, die 70 Watt leistet. Als Eingänge stehen sowohl ein professioneller symmetrischer XLR- als auch ein symmetrischer Klinken-Eingang bereit. Zum Anpassen der Monitore an die persönlichen Hörgewohnheiten sind ein Bass- und ein Höhen-Shelving-Filter mit an Bord.
Wie die höher-preisigen Focal-Modelle soll auch der Alpha 65 einen von der Lautstärke unabhängigen, neutralen und verzerrungsarmen Klang liefern und durch seine vergleichsweise enge Abstrahlcharakteristik Reflexionen im Abhörraum so gering wie möglich halten und so seine Klangeigenschaften ohne – beziehungsweise mit nur geringen Raumeinflüssen – hörbar zu machen.

 

 

Mit Maßen von etwa 25 mal 30 mal 35 Zentimetern ist der Alpha 65 bereits ein relativ stattlicher Zweiwege-Monitor und bringt mit 9,4 Kilogramm einiges auf die Waage. Ein stabiler und akustisch entkoppelter Aufstellungsplatz ist also Grundvoraussetzung. Die vier zum Lieferumfang gehörenden Gummi-Klebe-Pads wollen bei der akustischen Entkopplung unterstützen.

Der Alpha 65 besitzt ein vinylbeschichtetes MDF-Gehäuse (= mitteldichte Holzfaserplatte) mit klaren Linien und einem schimmernden anthrazitfarbenen Finish, das edel anmutet. Unterhalb der klassisch übereinander angeordneten Chassis befinden sich die zwei frontseitigen Ausgänge des Bassreflexkanals. Das beleuchtete Focal-Logo signalisiert die Betriebsbereitschaft der Box. Nach 30 Minuten Inaktivität setzt die stromsparende Auto-Standby-Funktion ein, das Logo erlischt und der Monitor geht in den Standby-Schlaf. Liegt ein Signal an, wacht er sehr schnell wieder automatisch auf – diese Funktion kennen wir auch vom Hersteller Genelec (siehe Test Seite 64).
Auf der Rückseite des Monitors finden sich die beiden symmetrischen Eingänge (XLR und Klinke). Es ist sogar möglich, beide Anschlüsse gleichzeitig beziehungsweise ohne Umschalten abwechselnd zu nutzen. Das finden wir ziemlich praxisgerecht, so können beispielsweise Interface und Musik-Player ständig mit den Boxen verbunden bleiben.
Ebenfalls auf der Rückseite der Boxen sitzen die beiden Drehregler für das Bass- und das Höhen-Shelving-Filter. Das hohe Shelving-Filter hebt die Frequenzen oberhalb 4,5 Kilohertz um zwei Dezibel an oder senkt sie um zwei oder drei Dezibel ab, das tiefe Shelving-Filter werkelt unterhalb 300 Hertz mit zwei Dezibel Anhebung sowie zwei, vier oder sechs Dezibel Absenkung. Die Filter lassen sich sowohl zur Raumanpassung nutzen – beispielsweise zum Absenken der Basspegels, bei wandnaher Aufstellung oder in einer Raumecke – oder aber zur Anpassung an persönliche Hörgewohnheiten.

Eine Besonderheit des Alpha 65 ist wie bei allen Focal-Lautsprechern der Hochtöner mit seiner inversen, also nach innen gewölbten Kalotte – eine Focal-eigene Spezialität. Ein Vorteil des inversen Kalottenhöchtöners soll die konstruktionsbedingte, verbesserte Kopplung zwischen Membran und Schwingspule sein. Die Schwingspule ist auf mittlerer Höhe der Membran befestigt und vermindert beziehungsweise vermeidet so Partialschwingungen. Die Membran schwingt auch bei höheren Frequenzen länger kolbenförmig und erzielt so einen deutlich lineareren Frequenzgang – so der Hersteller. Im Gegensatz zu einem Bändchen-Hochtöner soll sie außerdem eine deutlich geringere Richtwirkung und eine kontrolliertere räumliche Abstrahlung sicher stellen. Einen ganz besonderen Vorteil sieht der Hersteller in einer besonders hohen Dynamik und einem exzellenten Auflösungsvermögen.

Bei seinem Flaggschiff-Modell setzt Focal beim Membranmaterial auf das extrem leichte, harte aber auch kostspielige Beryllium. Für die günstigere Alpha-Serie kommt das ebenfalls sehr leichte Aluminium zum Einsatz.

Der Tief/Mitteltöner des Alpha 65 besitzt eine sogenannte „W-Cone-Membran“. Dabei handelt es sich um eine doppelt mit Polyglas beschichtete, Konus- Sandwichmembran aus einem speziellen Strukturschaum. Mittels einer größeren oder kleineren Anzahl von Fiberglas-Folien und einer unterschiedlichen Dicke des dazwischen befindlichen Schaums wird die Membran in der Dämpfung auf den gewünschten Frequenzbereich anpasst. Mit ihrem geringen Gewicht, ihrer hohe Anpassungsfähigkeit und ihrer hohen Steifigkeit soll die Glasfaser-beschichtete Membran laut Hersteller anderen Materialien wie etwa Aramid/Kevlar, das für ähnliche Eigenschaften bekannt ist, übertreffen. Gewünschtes Ergebnis: Hohe Impulstreue und geringe Verzerrungen.

In unserem Hörtest wird schnell klar: Focal hat den Mund nicht zu voll genommen. Die Alphas realisieren am Hörplatz einen vergleichsweise großen Sweet-Spot und einen konsistenten, überaus neutralen Klang, Focal typisch neutral und ohne Schönfärberei – so wie es sich für einen guten Monitor gehört. Der Klangeindruck verändert sich auch nicht wesentlich, wenn wir den gewohnten Sweetspot komplett verlassen und durch den zugegeben auch akustisch gut präparierten Abhörraum gehen oder den Controller deutlich leiser oder lauter drehen. Nahezu im gesamten Hörraum entfalten die neuen Focals ein konsistentes, vornehm nüchternes und äußerst differenziertes Klangbild.

 

Dies äußert sich auch in einem präzisen Stereobild, das Signale nicht nur in der Breite, sondern auch in der Höhe und Tiefe punktgenau orten lässt. Eine Eigenschaft, die ihn zu einem idealen Werkzeug beim Panning machen. Unabhängig von Lautstärke und Hörmaterial zeigt der Alpha 65 ein sehr gutes Impulsverhalten und bietet eine verzerrungsarme Wiedergabe, selbst bei lauten und schwierigen Signalen wie Blechbläser oder Drums.

Der Kalotten-Hochtöner sorgt für akribische, feine und ausdifferenzierte Höhen, die hohe Signalanteile wie mit einer Lupe akustisch betrachten lassen, ohne dass die Höhen dabei im Vergleich zu den anderen Frequenzanteilen merklich lauter erscheinen. Dies hilft ungemein, zu scharfe Höhen oder hochfrequente Störgeräusche in einer Aufnahme zu enttarnen und gezielt entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Mitten erscheinen ebenfalls ausgewogen, die Bässe konturiert, rund, straff und angenehm zurückhaltend, sodass sie zu keiner Zeit die Mitten verdecken. Bei richtiger Aufstellung reichen sie weit genug in die Tiefe, dass die meisten Produktionen ohne einen Subwoofer auskommen sollten. Gegen Raumreflexionen ist der Alpha 65 tatsächlich sehr unanfällig, sodass wir die Shelving-Filter unbenutzt lassen können. Insgesamt zeigt sich der Alpha als präzises und neutrales Präzisionswerkzeug, das für den Mix, aber auch für das Mastering bereits durchaus in Frage kommt. Der Alpha 65 ist keine Budget-Lösung, der man große klanglichen Abstriche anmerkt. Im Gegenteil – er ist eine vollwertige, preiswerte Alternative, welche die wichtigsten Eigenschaften, die auch die hochpreisigen Focal-Lautsprecher mitbringen, in sich vereinigt.

Fazit
Hut ab! Einen klanglich derart ausgewogenen Monitor mit so präziser Raumdarstellung findet man in dieser Preisklasse selten. Wer schon immer einen Focal-Monitor haben wollte, aber bis dato nicht das nötige Kleingeld besaß, sollte den Alpha 65 unbedingt hören.

Erschienen in Ausgabe 11/2014

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 356 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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