Willkommen im Projekt-Studio

Focusrite geht mit seiner günstigen Scarlett-Serie in die zweite Generation und hat seinen USB 2.0-Audio/MIDI-Interfaces ein ordentliches Hardware-Upgrade verpasst. Wir haben das Flaggschiff-Modell Scarlett 18i20 2nd Gen. unter die Lupe genommen.

Von Sylvie Frei

Für eine UVP von nur 559 Euro bietet das Scarlett 18i20 2nd Gen. von Focusrite quasi ein Projekt-Studio für jedermann mit allem, was dazu gehört: acht analoge Eingänge (8 x Mic inklusive Phantomspannung/8 x Line/2 x HiZ) bieten genug Optionen für gemeinschaftliches Live-Recording oder die Mikrofonierung beispielsweise eines ganzen Drum-Sets oder Chors. Acht analoge Ausgänge erlauben Mischungen für Surround-Setups von 5.1 bis 7.1 – oder alternativ bis zu acht unterschiedliche Direct Monitoring-Mischungen für die einspielenden Musiker, die auch noch latenzfrei über die Bediensoftware Focusrite Control auf die Ausgänge geroutet werden können. Auch auf digitaler Seite ist fast alles da, was man sich wünschen kann: optisches Toslink für bis zu acht zusätzliche ADAT-Kanäle, S/PDIF sowie MIDI-In und -Out. Eine Wordclock samt BNC-Ausgang ermöglicht das gemeinsame takten mehrerer Aufnahmeinstanzen. Doch damit nicht genug: Focusrite hat seinen Scarlett-Interfaces außerdem brandneue, bessere Mic-Preamps mit noch mehr Gain und noch besserem Rauschabstand verpasst. Außerdem packt die zweite Generation der Serie jetzt auch hochauflösende Aufnahmen mit Sampleraten von bis zu 192 Kilohertz bei 24 Bit. Darüber hinaus kommt ein üppiges Software-Bundle bestehend aus Basic-DAWs, Effekt Plug-ins und Sample-Material gratis obendrauf (dazu weiter unten mehr), womit der Nutzer direkt in die digitale Musikproduktion einsteigen kann. Alles, was er/sie dann noch benötigt: Einen Windows- oder Mac-Computer, einen USB-Anschluss, eine Internetverbindung, Monitore oder Kopfhörer und musikalische Kreativität. Klingt verlockend, aber fast zu gut, um wahr zu sein. Hätten wir doch vor wenigen Jahren noch für ein anständiges 2-Kanal-Interface den gleichen Preis bezahlt. So ist auch bei einem gewöhnlich zuverlässigen Hersteller wie Focusrite zunächst einmal ausprobieren, messen, testen und hören angesagt.

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Äußerlichkeiten

Das Scarlett 18i20 2nd Gen. sieht noch genauso aus wie das 1st Gen.-Modell. Es verbirgt sich in einem stabilen, sauber verarbeiteten, scharlachroten Metallgehäuse. In der Breite misst es 19 Zoll und lässt sich Dank der Rack-Winkel bequem ins Studio-Rack schrauben, wo es eine Höheneinheit einnimmt. Mit einem Gewicht von 3,3 Kilogramm lässt sich das Interface aber auch bequem zu einer Recording-Session beispielsweise im Proberaum oder auf der Bühne mitnehmen.
Sämtliche Anzeige- und Bedienelemente versammeln sich beim 18i20 2nd Gen. auf der schwarzen Kunststoff-Frontplatte. Zu ihnen zählen acht ungerastete Gain-Drehregler für das Aussteuern der analogen Eingänge, drei ungerastete Lautstärke-Drehegler für die zwei Kopfhörerausgänge und das Hauptausgangspaar (oder ein beliebiges anderes Ausgangspaar) und insgesamt acht kleine Metall-Druckknöpfe. Diese lassen die Phantomspannung für die Eingänge 1 – 4 und/oder 5 – 8 aktivieren, die ersten zwei Eingänge für hochohmige Instrumenten-Signalquellen (HiZ) anpassen, die Eingangsempfindlichkeit für Eingang 1 und 2 um 18 dB heruntersetzen (PAD) und die Hauptausgänge stummschalten (Mute) oder in der Lautstärke reduzieren (Dim). Sämtliche Druckknöpfe sind mit einer roten oder grünen Kontroll-LED versehen. Auch der Power-Schalter ist praktischerweise auf der Frontplatte verbaut. Als Pegelanzeige für die acht analogen Eingangskanäle dienen acht fünfgliedrige, farbige LED-Ketten, die vor Übersteuerungen warnen. Zwei weitere LEDs zeigen an, ob eine USB-Verbindung besteht und ob das Interface auf das interne oder ein externes Clock-Signale synchronisiert ist.
Die Mehrzahl der Anschlüsse findet sich indes auf der Rückseite des Geräts. Die Ausnahmen: Die zwei einzigen HiZ-fähigen Eingänge. Diese wurden sinnigerweise auf der Frontseite platziert, sodass sich E-Gitarre, E-Bass und Co. bequem ein- und ausstecken lassen. Gleiches gilt auch für die beiden Kopfhöreranschlüsse.

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Anschlüsse

Eingänge
Das 18i20 2nd Gen. verfügt über insgesamt acht analoge Eingänge, die in Form von XLR/6,3 mm Klinke-Combobuchsen realisiert wurden. Diese sind im Fall der rückseitigen Buchsen 3 – 8 separat mit dem Gehäuse verschraubt und machen insgesamt einen robusten Eindruck. Während alle acht Combo-Buchsen Mic- und Line-Signale führen können und symmetrisch aufgebaut sind, sind die Buchsen 1 und 2 auch für unsymmetrische Hi-Z-Instrumenten-Signale geeignet und lassen sich für diesen Zweck umschalten. Die Phantomspannung kann, wie bereits erwähnt, entweder für die ersten vier oder die nächsten vier Kanäle gemeinsam aktiviert werden. So ist auch ein Setup mit Kondensatormikrofonen und dynamischen Vertretern, die in der Regel keine Phantomspannung brauchen und schon gar nicht vertragen, möglich.

Ausgänge
Ausgangsseitig ist das 18i20 2nd Gen. mit ganzen zehn symmetrischen 6,3 mm-Klinkenbuchsen ausgestattet, die sich für den Anschluss von Aktiv-Monitoren oder Endstufen plus Passiv-Monitoren eignen. So lassen sich sowohl Setups mit unterschiedlichen Stereopaaren als auch Surround-Setups anschließen.

Kopfhörer
Hinzu kommen zwei symmetrische 6,3 mm Stereo-Klinken-Ausgänge für den Anschluss zweier Kopfhörer, die sich separat per Drehregler in der Lautstärke einstellen lassen. Sollten weitere Kopfhöreranschlüsse für das Monitoring benötigt werden, ließen sich mit entsprechenden 2 x 6,3 mm Mono-Klinke auf 1 x 6,3 mm Stereo-Klinkenbuchse-Adaptern weitere bis zu fünf Kopfhörer anstelle von Monitoren anschließen.

Digital-In/Outs
Abgesehen von AES/EBU hat das 18i20 2nd Gen. alle gängigen Digital-Optionen an Bord. Dazu zählt ein optischer Toslink-Eingang, über den sich das Interface beispielsweise mit einen digitalen Preamp um bis acht (bei einer Samplerate von 44,1/48 kHz) oder vier (bei einer Samplerate von 88,2/96 kHz) weitere Eingangskanäle erweitern ließe. Am ebenfalls vorhandenen Toslink-Ausgang könnte mit einem Digital-Recorder mitgeschnitten werden. Über einen koaxialen Cinch-Ein- und Ausgang lassen sich außerdem Stereo-S/PDIF-Signale einspeisen und ausgeben – diese eigenen beispielsweise für Zuspieler von Digitalplayern (Eingang) oder ebenfalls für Mitschnitte mit digitalen Aufnahmegeräten (Ausgang).

MIDI In/Out
Focusrite hat natürlich auch an Musiker gedacht, die mit Keyboards und anderen MIDI-fähigen Eingabeinstrumenten arbeiten und dem 18i20 2nd Gen. einen MIDI-Eingang und einen MIDI-Ausgang verpasst. So steht auch dem Spiel virtueller Instrumente und der Aufzeichnung von MIDI-Signalen nichts im Wege.

Wordclock Out
Last but not least besitzt das 18i20 2nd Gen. eine eigene Wordclock samt BNC-Ausgang über den die integrierte Clock auch andere Instanzen im Geräteverbund takten kann. Einen Wordclock-Eingang besitzt das Interface jedoch nicht – damit entfällt die Möglichkeit einer Fremdtaktung via BNC-Verbindung.

Stromversorgung
Die Stromversorgung des 18i20 2nd Gen. erfolgt ausschließlich über das interne Netzteil und Kabelverbindung zum Stromnetz. Das geht vollkommen in Ordnung, denn bei dieser Anzahl von Anschlüssen wäre eine USB-Bus-Power-Versorgung ohnehin nicht mehr ausreichend.

Rechnerverbindung
Für die Verbindung zum Computer bringt das 18i20 2nd Gen. einen Typ B-USB 2-Anschluss und ein feuerrotes 100 cm USB-Kabel mit. Damit lässt es sich entweder mit einer USB 2-Buchse am Rechner verbinden oder mit einer abwärts kompatiblen USB 3-Buchse.

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Auflösung und Kompatibilität

Die zweite Generation der Scarlett-Interfaces arbeitet mit einer maximalen Samplerate von 192 Kilohertz bei 24 Bit, bei der ersten Generation war noch bei 96 Kilohertz/24 Bit Schluss. Doch Achtung: Bei 176,4 oder 192 Kilohertz stehen beim 18i20 2nd Gen. der optische Ein- und Ausgang sowie der S/PDIF-Cinch-Ausgang nicht mehr zur Verfügung. Diese Formate sind auf 96 Kilohertz beschränkt.
Das 18i20 verträgt sich sowohl mit dem PC als auch mit dem Mac. Als Betriebssysteme sollten allerdings mindestens Windows 7 beziehungsweise OS X 10.10 Yosemite darauf laufen – auch mit allen neueren Versionen kommt das Interface zurecht. An Mac-Computern benötigt es auch keinerlei Treiber, da genügt es die Focusrite Control-Software zu installieren. Für Windows gibt es zusätzlich einen Treiber. Bediensoftware und Treiber lassen sich in der Rubrik „Downloads“ auf der Herstellerseite herunterladen und gewohnt unkompliziert installieren.

Software-Beigaben

Das Scarlett 18i20 2nd Gen. kommt außer mit der Focusrite-üblichen Mixing- und Routing-Oberfläche Focusrite Control noch mit einem üppigen Paket aus zusätzlichen Software-Beigaben daher. Zu diesen zählt eine Lizenz für die Einsteiger-DAW Ableton Live Lite, eine Lizenz für den Basic-Sequenzer Pro Tools First Focusrite Creative Pack samt 12 Effekt-Plug-ins inklusive Amp-Simulationen, eine Lizenz für Softubes Time and Tone-Bundle, eine Lizenz für die Focusrite Red Plug-in-Suite, der virtuelle Synthesizer Novation Bass Station sowie zwei Gigabyte Samplematerial von Loopmasters. Damit liegt schon einmal ordentlich Material bei, das auch für absolute Anfänger einen direkten Einstieg in die Musikproduktion erlaubt.

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Direct-Monitoring & Routing

Die Mixing- und Routing-App Focusrite Control bietet auf einer schlichten, einfach gehaltenen Oberfläche das rudimentäre Mixing und Verteilen von Signalen sowie die Einstellung der Samplerate und der Clock-Quelle an. Auf der Mixing & Routing-Oberfläche steht für jeden aktiven Eingangskanal ein Kanalzug mit Fader, Panning-Regler, Solo- und Mute-Button bereit.
Hinzu kommen einer oder bis zu zehn von der DAW einspeisbare Stereo-Kanalzüge hinzu, mit denen sich vom Sequenzer wiedergegebene Signale zeitsynchron zu den direkt am Eingang abgegriffenen Eingangssignalen mischen und somit latenzfreie Monitormischung realisieren lassen. Achtung: In der DAW sollten selbstverständlich die gerade aufgenommenen Spuren nicht beim Monitoring aktiv sein, sonst entsteht ein nerviger Echo-Effekt. Des Weiteren bietet Focusrite Control die Möglichkeit, die Eingangssignale oder Mischungen flexibel an unterschiedliche Ausgänge zu routen. Die Liste im PDF-Manual (Download auf der Herstellerseite), die zeigt, welcher Anschlusstyp unter welcher Nummer gelistet wird, hilft bei der Orientierung. Auch insgesamt ist ein Blick in das gut geschriebene, übersichtliche und nicht zu umfangreiche Manual empfehlenswert. Die Bedienung selbst ist unkompliziert und intuitiv – auf Hard- und Software-Ebene.

Mess-Ergebnisse

Im Messlabor macht das 18i20 2nd Gen. eine äußerst erfreuliche Figur. Dazu tragen unter anderem die frisch aufgerüsteten Preamps bei. Diese zeigen eine Empfindlichkeit von ordentlichen -54,1 dB am Mic-Eingang und erlauben eine ordentliche Portion Verstärkung auf bis zu +16,5 dB. Damit können sie so ziemlich alle gängigen Mic-Modelle sehr gut auf Touren bringen. Auch für Instrumente ist gesorgt. Mit einer Empfindlichkeit von -49,2 dB an den Instrumenteneingängen ist alles im grünen Bereich. Sehr gut sieht es auch bei den Geräusch- und Fremdspannungen aus, besonders die Mic- und Instrumentenwerte sind mit Zahlen zwischen 86 bis 84 dB bei den Geräuschspannungen und 83 bis 75 dB bei der Fremdspannungen sehr gut aufgestellt und können mit dem Besten auf dem Markt mithalten. Einzig der Line-Eingang liegt mit Werten von 73,6 und 71,2 etwas darunter, aber noch immer in einem guten Bereich. Bei den FFT-Spektren sieht die Verteilung hingegen ganz anders aus. Den besten Noisefloor zeigen Mic- und Line-Signal mit sehr guten -100 dB, die auch nirgends nennenswert überschritten werden. Einzig das Instrumentensignal ist – wie so oft – etwas schlechter aufgestellt. Es zeigt einen Noisefloor von noch ordentlichen -80 dB, der aber in Form eines Netzbrummens um 50 Hz und eines Peaks bei 20 kHz um jeweils noch tolerable 15 dB überschritten wird. Insgesamt bleiben die Signale unter der -60 dB-Grenze. Mit Klirrfaktorwerte von durchgehend 0,03 (Mic, Line) bzw. 0,05 (Instr.) Prozent muss sich der potenzielle Nutzer ebenfalls keine Sorgen machen. Wir seit meilenweit entfernt von einem hörbaren Klirren. Auch beim Übersprechverhalten ist alles in Ordnung, die Kurve verläuft zwischen -65 und -85 dB. Einzig bei der Gleichtaktunterdrückung wäre noch etwas Raum nach oben: Hier kratzt die Kurve im Tiefbassbereich an der -58 dB-Marke, insgesamt bleibt sie jedoch überwiegend unter -65 dB. Auch an der Wandler-Linearität ist nichts auszusetzen: Das Diagramm zeigt eine Gerade bis hinunter auf -105 dB – für ein Gerät in dieser Preisklasse mehr als in Ordnung.

Klangeindruck

Für unseren Klangeindruck haben wir einige Sprach-, Gesangs- und Atmo-Aufnahmen angefertigt. Dabei zeigt das 18i20 2nd Gen. einen recht trockenen, ausgewogenen und differenzierten Grundklang. Die eingesetzten Mikrofone behalten weitestgehend ihren Charakter, allerdings fällt auf, dass trotz Kugelcharakteristik eines unserer Mics das Signal erstaunlich intim und trocken klingt – andere Interfaces zeichnen da merklich mehr Raumklang auf. Stimme und Sprache klingen dennoch sehr natürlich, vielleicht etwas klaustrophobisch, werden aber unabhängig von Lage, Intensität und Dynamik differenziert und ausgewogen abgebildet. Insgesamt wirken die Signale allerdings etwas nüchtern, matt, übermäßig direkt und intim. Da vermissen wir doch den etwas aufpolierten Sound, wie ihn seinerzeit das selbstverständlich deutlich gehobener ausgestattete Focusrite Forte-Interface (Test in Professional audio 2/2013, ähnlicher UVP wie das 18i20 2nd Gen., allerdings mit nur zwei Kanälen ausgestattet) produziert hat. Ein RME Fireface 400 klingt allerdings ähnlich trocken und nüchtern wie unser Testkandidat und ist deswegen nicht schlechter. Gerade mit dieser Klangeigenschaft sind die Interfaces für den Effekt-Einsatz prädestiniert. Denn wo kaum oder wenige Rauminformation auf die Aufnahme gelangen, können diese auch nicht mit Reverb oder Delay in Konkurrenz geraten. Mit einem Setup aus mehreren Mikrofonen und in einem geeigneten Raum wird das 18i20 2nd Gen. natürlich ebenfalls problemlos Räumlichkeit einfangen.

Einsatzempfehlung

Das Scarlett 18i20 2nd Gen. ist ein idealer Begleiter für Projektstudios und Bands, gerade wenn sehr viele unterschiedliche Signale und Signaltypen gleichzeitig aufgezeichnet werden sollen – etwa bei einer Live-Recording-Session. Außerdem bietet das vielkanalige Interface die Möglichkeit, für Surround-Produktionen zu mischen, sodass auch Semi-Profis, die nach einem bezahlbaren Einstieg in den Surround-Bereich suchen, damit auf ihre Kosten kommen könnten. Der etwas matte, nüchterne Klang des Interfaces ist sicherlich nicht jedermanns Sache, doch wer ohnehin viel mit Effekten arbeitet, wird gerade darüber erfreut sein.

Fazit

Mit dem Scarlett 18i20 2nd Gen. zeigt Focusrite, dass auch vielkanalige Interfaces heute kein Vermögen mehr kosten müssen und trotzdem klang- und messtechnisch, aber auch in Ausstattung mehr als gut aufgestellt sein können. Sollte es hinsichtlich Kanalzahl also etwas mehr sein, könnte das 18i20 2nd Gen. eine ernstzunehmende Option für budgetbewusste Fortgeschrittene und Semi-Profis sein.

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